Manfred Kleine-Hartlage
Wie der Islam funktioniert
Resch
Drei Blinde sollen einen Elefanten ertasten. Der erste bekommtden Russel zu fas-
sen und sagt: „Eine Schlange!" Der zweite betastet den Rumpf und sagt: „Ein Berg!"
Der dritte, der den Schwanz erwischt, meint: „Ein Pinsel!"
Der westliche Diskurs uber den Islam gleicht frappierend dem jener drei Blinden.
Er dreht sich seit Jahren im Kreis, weil Kritiker wie Verteidiger des Islam mit Ar-
gumenten hantieren, die bestenfalls Teilwirklichkeiten beschreiben. Die Fragen, die
sie stellen, und die Begriffe, in denen sie sie beantworten, entstammen einer west-
lichen, liberal-individualistischen Gedankenwelt; sie taugen daher nur bedingt zum
Verstandnis nichtwestlicher Gesellschaften, speziell im Hinblick auf deren religiose
Grundlagen.
Die vorliegende Analyse geht einen anderen Weg: Ausgehend vom Selbstverstandnis
des Islam, ein umfassendes, weil alle Lebensbereiche durchdringendes Werte- und
Ordnungssystem zu sein, analysiert der Autor anhand des Korans die Struktur die-
ses Systems. Er zeigt auf, welche sozialen und politischen Konsequenzen es ha-
ben muss, wenn dieses System als kulturelle Selbstverstandlichkeit verinnerlicht
und als Grundlage der Gesellschaft akzeptiert wird.
Durch die Analyse historischer wie aktueller Islamisierungsprozesse untermauert
er den zunachst theoretisch gewonnenen Befund, dass der Islam die von ihm ge-
pragten Gesellschaften zu Dschihadsystemen formt, das heiBt sie dazu konditio-
niert, nichtmuslimischen Gesellschaften zunachst die eigenen Spielregeln aufzu-
zwingen, urn sie schlieBlich zu verdrangen. Gewalt spielt bei diesen Prozessen eine
zwar nicht wegzudenkende, aber durchaus nicht immer die entscheidende Rolle,
und Terrorismus, an dem islamkritische Diskurse sich haufig entzunden, ist ledig-
lich ein, wenn auch bezeichnender, Randaspekt.
Manfred Kleine-Hartlage, Jahrgang 1966, ist Diplom-Sozialwissenschaftler in der Fachrichtung
Politische Wissenschaft. Er befasst sich seit mehreren Jahren in vergleichender Perspektive
mit den religiosen Grundlagen menschlicher Gesellschaft und hier speziell mit dem Islam in des-
sen Eigenschaft als gesellschaftspragendes Normen- und Wertesystem. Mit„Das Dschihadsystem"
legt er die dabei gewonnenen Erkenntnisse erstmals in Buchform vor. Manfred Kleine-Hartlage
veroffentlicht regelmaBig aktuelle politische Kommentare, Analysen und Essays in seinem Blog
www.korrektheiten.com. Er lebt mit seiner Familie in Berlin.
19,90 (D)
ISBN 978-3-935197-96-0
9
783935
197960
Manfred Kleine-Hartlage
Das Dschihadsystem
Danksagung
Einigen Menschen, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben, bin
ich zu besonderem Dank verpflichtet: Herrn Prof. Dr. Harald Seubert, der
viel Zeit und Sorgfalt investiert hat, mich mit seiner fachlich fundierten Kri-
tik zu unterstiitzen; meinem Verleger Dr. Ingo Resch, der sich standhaft ge-
weigert hat, sich mit weniger als einem perfekten Werk zufriedenzugeben;
meiner Ehefrau und Fachkollegin Beatrice Kleine-Hartlage, die mich von
manchem Irrweg abgehalten hat; den Kommentatoren meines Blogs www.
korrektheiten.com, denen ich mannigfache originelle Anregungen verdan-
ke. Nicht zuletzt danke ich Frau Prof. Dr. Ursula Spuler-Stegemann fur ihre
aufschlussreichen Anmerkungen.
Manfred Kleine-Hartlage
Das Dschihadsystem
Wie der Islam funktioniert
RESCH-VERLAG
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet uber
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Impressum:
l.Auflage2010
©2010 Verlag Dr. Ingo Resch GmbH
Maria-Eich-Strafle 77, D-82166 Grafelfing
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Atelier Lehmacher, Friedberg
Umschlagfoto: Panther Media/Alexandra T.
Satz: FotoSatz Pfeifer, Grafelfing
Druck + Bindung: RMO & Welte, Munchen
Printed in Germany
ISBN 978-3-935197-96-0
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 9
I. Die eigene Optik 15
1. Unbewusste Pramissen 16
2. Feindbilder. 17
3. Das konstruktivistische Vorurteil 17
4. „Fremdenfeindlichkeit" 18
5. Kulturrelativismus 25
6. Das Infantilitats syndrom 27
7. Aberglaube 30
8. Linke Ideologie 35
II. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und was sie mit Religion zu tun
haben
43
1. Dertypische Einwand: „Man muss das differenzierter sehen".... 43
2. Die Fragestellung 45
3. Islamismus und Nationalismus 48
4. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten 50
5. Der Stellenwert der Religion im sozialen Gefuge 54
III. Der Koran: Eine Themenanalyse 59
1. Die Bedeutung des Korans fur die islamische Zivilisation 59
2. Die Biographie des Propheten Mohammed und die Entstehung
des Korans 60
3. Themenanalyse 62
3.1. Der mekkanische Koran 66
3.1.1. Themen 66
3.1.1.1 Einheit Gottes, Polemik gegen Christen und Juden.... 66
3.1.1.2 Allmacht und Allwissenheit Allahs, Predestination 66
3.1.1.3 Lohn fur die Glaubigen, Strafe fur die Unglaubigen ... 66
3.1.1.4 Straflegenden und biblisches Material 68
3.1.1.5 Anfechtung des Propheten 70
6 Inhaltsverzeichnis
3.1.1.6 Materialismuskritik 71
3.1.1.7 Selbstbeglaubigung des Korans 71
3.1.1.8 Weitere Themen 72
3.1.2. Implikationen des mekkanischen Korans 72
3.1.2.1 Zusammenhang von Materialismuskritik und
Jenseitsorientierung: 73
3.1.2.2 Predestination 75
3.1.2.3 Die Rolle des Propheten 77
3.1.2.4 Die Bedeutung des Buches 78
3.1.2.5 Wahrheitskriterien 83
3.1.2.6 Drei „abrahamitische" Religionen? 86
3.1.2.7 Die Geistfeindlichkeit des Korans 92
3.1.2.8 Das Gewaltpotenzial 93
3.2. Der medinensische Koran 94
3.2.1. Dschihad 95
3.2.1.1 Aufrufzu Kampfund Totung 96
3.2.1.2 LohnverheiBung fur im Kampf gefallene „Martyrer" ..99
3.2.1.3 Verurteilung der Nichtkampfer 100
3.2.1.4 Selbstbeglaubigung durch militarischen Erfolg 102
3.2.1.5 Regeln zur Verteilung der Beute 104
3.2.2. Polemik gegen die „Unglaubigen" 105
3.2.2.1 Antijudische Polemik 106
3.2.2.1.1 Ursprung des islamischen Antisemitismus 106
3.2.2.1.2 „Schriftfalschung" 108
3.2.2.1.3 „Abfall V on Gott" 109
3.2.2.1.4 Jiidische Lebensbejahung 110
3.2.2.2 Polemik gegen die Christen 112
3.2.2.3 Soziale Ab-und Ausgrenzung 115
3.2.2.4 Apostasieverbot 118
3.2.3. Der Anspruch des Propheten aufabsoluten Gehorsam
und seine politischen Implikationen 119
3.2.4. Normenjuristischen Charakters: Der Kern des
islamischen Rechts 123
3.2.4.1 Implikationen des islamischen Verstandnisses
von Recht 123
3.2.4.2 Die Rolle der Frauen 126
3.2.5. Fazit 131
Inhaltsverzeichnis 7
Exkurs: Warum das Christentum mit der Moderne vereinbar ist,
der Islam aber nicht 134
IV. Der Dschihad in der Geschichte 147
1. Voruberlegungen 147
2. Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 148
2.1. Das islamische Kriegsrecht und seine praktische Anwendung 149
2.2. Von der Eroberung zur Islamisierung 155
2.2.1. Konsolidierung durch Abschottung 157
2.2.2. Demographische Expansion durch Migration 159
2.2.3. Die Dhimma - der „Schutzvertrag M 159
2.2.3.1 Ausplunderung 160
2.2.3.2 Demiitigung und Diskriminierung 161
2.2.3.3 Beherrschung des offentlichen Raumes 164
2.2.3.4 Verbot von Kritik am Islam 165
2.2.4. Auf der Dhimmitude beruhende weitere Mechanismen
der Islamisierung 166
2.2.4.1 Nutzung der Ambivalenz des islamischen Rechts
als Instrument der Islamisierung 166
2.2.4.2 Versklavung und Deportation 169
2.2.4.3 Erpresserischer Menschenraub 171
2.2.4.4 Demographische Expansion durch Vielweiberei und
Frauenraub 172
2.2.4.5 Abwerbung der Eliten 176
2.3. Zur Dialektik historischer Islamisierungsprozesse 178
2.3.1. Selbstverstarkung 178
2.3.2. Hemmende Momente 179
2.4. Der Dschihad siegt sich zu Tode 180
V. Dschihad heute 183
1. Ein aufschlussreiches Interview 185
2. Strukturelle Schwachen liberaler Demokratien 195
3. Die Rolle von Gewaltandrohungen 203
4. Jugendgewalt 206
5. Sexuelle Gewalt 216
6. Die Mikrogeographie des Dschihad 228
7. Die Bedeutung von Moscheebauten 231
8 Inhaltsverzeichnis
8. Die Manipulation von Geschichtsbildern 234
9. Integration 240
10. Euro-Islam? 260
10.1. Synkretismus als Kern westlicher Religiositat 261
10.2. Euro-Islam I: Modernisierung des Islam 266
10.3. Euro-Islam II: Islamisierung derModerne 267
11. Der demographische Dschihad 274
VI. Zusammenfassung: Wie der Dschihad funktioniert. 283
Literaturverzeichnis 289
Einleitung
Drei Blinde sollen einen Elefanten ertasten. Der erste bekommt den Russel
zu fassen und sagt: „Eine Schlange!" Der zweite betastet den Rumpf und
sagt: „Ein Berg!" Der dritte, der den Schwanz erwischt, meint: „Ein Pinsel! ,f
Jeder dieser drei Blinden ist fest uberzeugt von seiner Auffassung und
vermag sie sogar mit scheinbar starken Argumenten zu untermauern, und
doch erfassen sie alle drei nicht, was sie eigentlich vor sich haben. Der west-
liche Diskurs liber den Islam gleicht frappierend demjener drei Blinden.
Wer an einem beliebigen Tag die Zeitung aufschlagt, kann davon aus-
gehen, dass er wenigstens zwei oder drei (schlechte) Nachrichten zu lesen
bekommt, die irgendeinen Bezug zum Islam bzw. zu Muslimen aufweisen.
Nachrichten, die miteinander nichts zu tun zu haben scheinen: Ein „Ehren-
mord ,f in Berlin, ein Bombenanschlag in Bagdad, eine antisemitische Rede
des iranischen Prasidenten, eine Warnung des BKA vor eingeschleusten
Terrorzellen, ein Bericht liber die Kriminalitat von Jugendlichen „mit Mig-
rationshintergrund ff und liber die Ausweisung eines Hasspredigers konnen
durchaus an ein- und demselben Tag in derselben Zeitung stehen.
Verschiedene Lander, verschiedene Themen. Und doch kennen die meis-
tenjenes unbestimmte Geflihl, wonach zwischen diesen mehr oder minder
spektakularen Ereignissen ein Zusammenhang besteht.
Wenn eine junge Frau auf offener StraBe von ihrem eigenen Bruder er-
schossen wird, darf man getrost hohe Summen darauf wetten, dass beide
aus einer muslimischen Familie stammen. Wenn einer Geisel vor laufender
Kamera die Kehle durchgeschnitten wird, wird der Tater Muslim sein. Wer
von „deutschen (englischen, schwedischen etc.) Schlampen" redet, ist Mus-
lim. Wer „mehr Respekt" fur sich und seine Gemeinschaft einfordert, ist
Muslim. Wer sich und andere mit einem Dynamitglirtel in die Luft sprengt,
einen solchen Morder zum „Martyrer" erklart, das Wort „Unglaubige"
benutzt, seine Tochter nicht schwimmen lernen lasst, sie stattdessen lehrt,
Gott befehle die Totung von Juden, ist Muslim. Lander, in denen verge-
waltigte Frauen wegen „Ehebruchs ff ins Gefangnis geworfen werden, sind
islamisch. Lander, in denen die Bibel nicht verkauft werden darf, wohl aber
die „Protokolle der Weisen von Zion", sind islamisch. Lander, in denen Ho-
mosexuelle an Baukranen aufgehangt werden, sind islamisch. Lander, in
denen gesteinigt wird, sind islamisch.
10 Einleitung
Das Verwirrende ist nun, dass diesen zutreffenden Aussagen die Tatsa-
che gegeniibersteht, dass keineswegs alle Muslime so denken und handeln,
bei den skandaloseren Praktiken nicht einmal die Mehrheit. Man hat diesen
Sachverhalt auf die Formel gebracht, dass die wenigsten Muslime Terroris-
ten, aber die meisten Terroristen Muslime seien; dies illustriert die Schwie-
rigkeit, ein so vielgestaltiges Phanomen wie den Islam, der obendrein auf
eine 1400-jahrige Geschichte zuriickblicken kann und in iiber funfzig -
durchaus unterschiedlichen - Landern Mehrheitsreligion ist, auf eine ein-
fache Formel zu bringen.
Es scheint naheliegend, sich auf den Gemeinplatz zuriickzuziehen, es
gebe eben uberall solche und solche, und auf generalisierende Aussagen
iiber den Islam iiberhaupt zu verzichten. Zumal solche generalisierenden
Aussagen nie den Ruch des Pauschalurteils loswerden, jedenfalls in den
Augen solcher Zeitgenossen, die nicht wissen, dass (sozial-)wissenschaft-
liche Theorie schlechthin die Abstraktion von der Einzelperson notwendig
voraussetzt, damit aber noch lange nicht zu einem System bloBer Vorurteile
entartet.
Die Schwierigkeiten, den Islam auf den soziologischen Begriff zu brin-
gen, haben weniger mit der Vielschichtigkeit des zu beschreibenden Pha-
nomens, also des Islam zu tun, als vielmehr mit der Unzulanglichkeit der
ihn beschreibenden Begriffe. Wir sind es gewohnt, „Religion ?f , „Politik ff ,
„Kultur" und „Recht ff als Bezeichnungen voneinander getrennter und ge-
geneinander autonomer Lebensbereiche aufzufassen. Diese Begriffe sind
aber nicht in einem historischen und gesellschaftlichen Vakuum entstanden,
und ob sie universell anwendbar sind, ist durchaus fraglich.
Sie sind dazu entwickelt worden, eine ganz bestimmte Gesellschaft zu
beschreiben - unsere eigene, funktional differenzierte westliche Gesell-
schaft -, weswegen sie deren Angehorigen, also wis, auch ohne weiteres
einleuchten. Es gibt aber a priori keinen Grund zu der Annahme, dass dieses
Begriffssystem zwangslaufig ebenso gute Dienste bei der Analyse nicht-
westlicher Gesellschaften leisten musse; es gibt sogar erstklassige Argu-
mente dagegen:
Die Unterscheidung von Religion und Politik etwa, die uns so selbstver-
standlich erscheint, dass wir nicht mehr dariiber nachdenken, spiegelt sich
beim Reden iiber den Islam in dem antithetischen Gebrauch der Begriffe
„Islam ff und „Islamismus ff : das eine erne Religion, das andere etwas (nach
unserem Verstandnis) vollkommen anderes, namlich eine politische Ideo-
Einleitung 1 1
logie, die den Islam bloB „missbraucht", und zwar als Arsenal, aus dem sie
sich mit Propagandaslogans versorgt. Dass der Islamismus zum Islam in
derselben Weise gehoren konnte wie der Riissel zu besagtem Elefanten, ist
fiir viele Menschen buchstablich un-denkbar, weil es in ihrem Begriffssys-
tem nicht vorgesehen ist.
Einige besonders skandalose muslimische Praktiken, insbesondere die,
die mit der Stellung der Frau zu tun haben, werden auf die jeweils lokale
bzw. regionale „Kultur" zuruckgefuhrt, wobei dieses Wort ausdriicklich im
Unterschied und Gegensatz zu „Religion" verwendet wird - eine Wortwahl,
die schon deshalb merkwiirdig ist, weil zur „Kultur" meistens (und ganz
bestimmt in einem Zusammenhang, in dem es um Geschlechterrollen geht)
auch die Wertvorstellungen, Sitten und Traditionen eines Volkes gerechnet
werden, also genau das, was auch den sozialen Aspekt von Religion aus-
macht und allenfalls in einer vollkommen atheistischen Gesellschaft unab-
hangig von dieser denkbar ware. Es mag vielen Zeitgenossen nicht mehr
bewusst sein (und wird deshalb in diesem Buch Thema eines eigenen Exkur-
ses sein), aber die ethischen Wertvorstellungen, aufdenenunserewestlichen
Gesellschaften basieren, sind durch und durch vom Christentum gepragt.
Es ist lediglich die Sdkularisierung dieser Ethik, also ihre (nachtragliche)
Einbettung in einen nichtreligiosen Begriindungszusammenhang, die die Il-
lusion vermittelt, unsere Kultur (also unter anderem diese Werte) habe nichts
mit Religion zu tun, und es deshalb plausibel erscheinen lasst, ein solches
Auseinanderfallen von „Kultur" und „Religion ?f auch fur solche Kulturkrei-
se zu unterstellen, in denen die Sakularisierung gar nicht stattgefunden hat.
SchlieBlich neigen die meisten von uns mit Blick auf soziale Sachver-
halte zu einer individualisierenden Perspektive, aus der heraus Kollektive
(zum Beispiel Volker und Religionsgemeinschaften) nur als bloBe Summe
von Einzelpersonen gedacht werden konnen. Margaret Thatchers Diktum,
wonach es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht gebe, sondern nur Indi-
viduen, bringt dieses Denken auf den Punkt.
Aus soziologischer Perspektive freilich ist „Gesellschaft ?f etwas vollig
anderes, namlich ein System von Beziehungen zwischen Menschen, ge-
nauer: das System der zwischen ihnen bestehenden Erwartungen. Was das
bedeutet und welche Konsequenzen es hat, die Gesellschaft aus diesem
Blickwinkel zu betrachten, werde ich ausfuhrlich erlautern.
Wer aber speziell den Islam - in seiner Eigenschaft als Religionsg^m^m-
schaft — bloB als Gesamtheit aller Muslime betrachtet und vor generalisie-
12 Einleitung
renden Aussagen schon deshalb zuriickschreckt, weil er glaubt, damit eth-
nisch-religiosen Vorurteilen Vorschub zu leisten, vermag die eigentiimliche
Gleichformigkeit der Probleme nicht zu erklaren, die regelmaBig dort auf-
treten, wo islamische Gesellschaften aufnichtislamische stoBen. Er vermag
nicht zu erklaren, warum die Situation speziell von Frauen und religiosen
Minderheiten in alien islamischen Landern prekar ist, und warum es unter
den iiber funfzig islamischen Staaten so wenige Demokratien gibt.
Wer den Islam von der Liste der denkbaren Ursachen der Probleme strei-
chen mochte, die in den von ihm gepragten Gesellschaften auftreten, muss
die Bedeutung lokaler, regionaler und historisch voriibergehender nichtre-
ligioser Bedingungen betonen: Die genannte Gleichformigkeit ergabe sich
dann bloB „zufallig" als globale RegelmaBigkeit aus mannigfachen lokalen
Gegebenheiten, die ihrerseits keinen religiosen Bezug aufweisen.
Ein solches Vorgehen verletzt jenes wissenschaftliche Prinzip, das seit
dem 14. Jahrhundert als „Ockhams Rasiermesser" bekannt ist und knapp
formuliert besagt, dass unter mehreren in Frage kommenden Theorien stets
diejenige vorzuziehen ist, die ein Minimum an Elementen mit einem Ma-
ximum an Erklarungskraft verbindet. Ein Ansatz, der seine Verfechter dazu
zwingt, praktischjedes einzelne in der Zeitung gemeldete Ereignis mit einer
speziell darauf zugeschnittenen Theorie zu erklaren, globale RegelmaBig-
keiten aber als Zufall abzutun, erfullt dieses Kriterium offenkundig nicht.
Wer freilich den Islam zur Erklarung sozialer Phanomene in muslimi-
schen Gesellschaften heranzieht und sich dagegen verwahrt, ihn aus Griin-
den der Political Correctness auszuklammern, sollte nicht seinerseits den
Fehler begehen, den Faktor ^Religion" isoliert vom sozialen Kontext zu
betrachten, in dem er steht. Es ist zwar leicht zu zeigen, dass der Islam Ge-
waltanwendung nicht pauschal verurteilt und, wenn gegen Andersglaubige
gerichtet, sogar fordert, jedenfalls unter bestimmten Voraussetzungen. Wer
aber nicht den Menschen schlechthin fur eine bloBe Marionette halt, die an
den Faden der Religion hangt, wird begriinden miissen, warum gerade der
Islam mit den beobachtbaren Problemen islamischer Gesellschaften so viel
mehr zu tun haben soil als das Christentum mit denen christlicher. Unsere
eigenen westlichen Gesellschaften haben es schlieBlich geschafft, sich von
der Religion zu emanzipieren - warum sollte das den islamischen nicht ge-
lingen? Wenn sie sich so offenkundig schwer damit tun: Konnte das nicht
an (politischen, okonomischen, sozialen) Problemen liegen, die nicht aus
dem Islam selbst erwachsen, wohl aber seine Sakularisierung verhindern?
Einleitung 13
Und wenn der Islam so dominant sein soil, dass allein dies schon ausrei-
chen wurde, die Missstande muslimischer Gesellschaften zu erklaren, dann
stellt sich wiederum die Frage, warum die weitaus meisten Muslime doch
durchaus umgangliche Zeitgenossen sind und keine Terroristen oder Ehren-
morder, oft auch nicht einmal besonders fromm?
Kein erstzunehmender Islamexperte (und noch weniger die Muslime
selbst) wurde bestreiten, dass der Islam sich selbst als umfassende Lebens-
ordnung versteht - also nicht etwa als Religion, wie wir sie uns vorstellen,
die man auch im stillen Kammerlein praktizieren konnte, deren Befolgung
Privatsache ware, und die sich vor allem auf die Gottesbeziehung des Ein-
zelnen auswirkt. Der Islam durchdringt - seinem eigenen Anspruch nach
- auch Recht, Politik, Kultur, Wissenschaft und iiberhaupt jeden Lebensbe-
reich. Es gibt im Islam keinen Vorbehalt nach Art des neutestamentlichen
„So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" (Mt
22,21). Es gibt keine islamfreie Zone, zumindest soil es keine geben.
Dies, wie gesagt, wird auch zugestanden, und dass der Islam keine Sa-
kularisierung erlebt hat, gehort mittlerweile fast schon zur Allgemeinbil-
dung. Bisher fiihlte sich aber kaum einer berufen, die soziologischen Kon-
sequenzen dieses unbestrittenen Sachverhaltes zu analysieren. Es scheint
auch niemandem aufzufallen, wie inkonsequent es ist, das Fehlen der Sa-
kularisierung islamischer Gesellschaften festzustellen, diese Gesellschaften
aber in Begriffen zu beschreiben, die eine solche Sakularisierung gerade
voraussetzen.
Man kann menschliches Verhalten aus sehr verschiedenen - z.B. psy-
chologischen, juristischen, medizinischen oder moralischen - Blickwinkeln
analysieren. Eine soziologische Betrachtungsweise zeichnet sich typischer-
weise dadurch aus, dass sie Gesellschaft nicht als Summe von Personen,
sondern als System der zwischen ihnen bestehenden Verhalt ens erwar tun-
gen auffasst; als ein System, das sich selbst in dem MaBe stabilisiert, wie
es die Menschen, die an ihm teilhaben, zu einem Verhalten veranlasst, das
in der Summe wie von selbst die Struktur des Systems reproduziert. Die
Hartnackigkeit, mit der muslimische Gesellschaften jedem Versuch einer
durchgreifenden Verwestlichung sogar dann trotzen, wenn sie sich - als Pa-
rallelgesellschaften - mitten im Westen befinden, zeugt von der Fahigkeit
des Islam, sich auch unter erheblichem auBerem Druck als Grundlage der
von ihm gepragten Gesellschaften zu behaupten. Ein solches Phanomen legt
die Vermutung nahe, dass wir es hier mit einer sich selbst stabilisierenden
14 Einleitung
sozialen Struktur zu tun haben, deren Funktionsweise gar nicht anders auf-
geklart werden kann als dadurch, dass man sie aus soziologischer Perspek-
tive analysiert. Erfolg verspricht ein solches Vorgehen freilich nur, wenn
man sich davor hutet, christliche bzw. westliche Begriffe unreflektiert auf
muslimische Gesellschaften anzuwenden.
Wir benotigen also ein Begriffssystem, das uns nicht zwingt, islamische
Gesellschaften in eine ihnen fremde Begriffsschablone zu pressen. Wir be-
notigen eine Theorie, die uns sagt, welche Rolle der Islam in den von ihm
gepragten Gesellschaften spielt (und nicht voraussetzt, dass diese Rolle
der des Christentums im Westen entsprechen musse); die dabei vom isla-
mischen ^/fe^erstandnis ausgeht, also davon, was der Islam will, nicht
davon, was er unserer Meinung nach wollen soil Wir benotigen eine The-
orie, die uns sagt, ob und wie sich islamische Theologie in muslimische
Lebenspraxis ubersetzt und wie gegebenenfalls diese Lebenspraxis riickbe-
ziiglich den Islam als ihre eigene Voraussetzung stabilisiert; eine Theorie,
die dabei moglichst noch den eigentiimlichen Widerspruch auflost, dass die
wenigsten Muslime Terroristen, aber die meisten Terroristen Muslime sind.
Wir benotigen, kurz gesagt, eine soziologische Theorie des Islam. Diese zu
entwickeln, ist Programm des vorliegenden Buches.
I. Die eigene Optik
In diesem Buch wird viel von kulturellen Selbstverstandlichkeiten die Rede
sein, von Werten, Normen, Wahrnehmungsmustern und Ideologien, die un-
ser Denken schon bestimmen, bevor es iiberhaupt einsetzt. Da ich hier The-
sen vertrete, die mancher Leser als skandalos empfinden wird, gehe ich in
diesem ersten Kapitel der Frage nach, wie das System der gesellschaftlich
etablierten Selbstverstandlichkeiten aussieht, das bestimmte theoretische
Positionen als skandalos erscheinen lasst, andere aber nicht. Es geht also
darum, bestimmte ideologische Vor-Annahmen sichtbar und damit kritisier-
bar zu machen, die normalerweise verhindern, dass eine kritische Bewer-
tung des Islam (als Religion wie als soziales System) als sachlich zutreffend
oder wenigstens als moralisch legitim akzeptiert wird. Es geht urn die Auf-
losung von Denkblockaden.
Ich treibe also keineswegs ein muBiges philosophisches Glasperlenspiel,
wenn ich danach frage , wie die Wirklichkeitsbeschreibung unserer Gesell-
schaft zustande kommt. Sie kommt, dies ist die These dieses Kapitels, zu-
stande durch Akzeptanz einer hochst irrationalen Ideologie, die eine Reihe
unlogischer bzw. falscher Annahmen enthalt; die es den in ihr Befangenen
unmoglich macht, den Islam als totalitare Ideologie aufzufassen; die sie
aber zwingt, islamkritische bzw. -feindliche Positionen nicht nur als ver-
meintlich unrichtig zu kritisieren, sondern als verwerflich zu verdammen.
Damit wird weder behauptet, dass alle Mitglieder unserer Gesellschaft
diese Ideologie teilen, noch dass es verboten ware, eine ihr widersprechen-
de Auffassung zu vertreten. Wohl aber behaupte ich, dass diese ideologi-
sche Grundposition sich durch das auszeichnet, was der marxistische The-
oretiker Antonio Gramsci einst die „kulturelle Hegemonie' 1 nannte. Eine
solche kulturell hegemoniale Ideologie erkennt man als solche daran, dass
ihren Kritikern eine Beweislast aufgebiirdet ist, von der ihre Verfechter sich
ohne weiteres freizeichnen konnen. Wer beispielsweise die These vertrate,
der Islam beruhe im Wesentlichen auf denselben moralischen Werten wie
das Christentum, der konnte es im Grunde bei der bloBen Behauptung be-
wenden lassen und darauf vertrauen, dass eine, wenngleich schrumpfende,
Mehrheit seiner Mitburger ihm ohne weiteres zustimmen wurde. Wer aber,
wie ich, das Gegenteil behauptet, ist gezwungen, seine These mit einem
ganzen Buch zu untermauern und muss Ihnen zumuten, es zu lesen.
16 I. Die eigene Optik
1. Unbewusste Pramissen
Machen wir uns zunachst klar, dass wir Alle die Welt aufder Basis von Pra-
missen interpretieren, die uns groBtenteils nicht bewusst sind; wir blicken
gewissermaBen durch eine Brille, von der wir gar nicht wissen, dass sie auf
unserer Nase sitzt. Viele dieser Pramissen lernen wir im Laufe unserer So-
zialisation, d.h. bereits als Kinder und Jugendliche, ganz unbewusst durch
die Beobachtung Anderer und die Anpassung an unsere Umgebung.
Mit anderen Worten: Vieles von dem, was wir fur selbstverstandlich
halten, haben wir niemals kritisch iiberpruft, nie auf Widerspruchsfreiheit
getestet; wir haben uns beispielsweise nie Rechenschaft abgelegt uber den
Unterschied zwischen normativen und empirischen Annahmen, d.h. zwi-
schen Annahmen dariiber, wie die Welt sein soil, und solchen dariiber, wie
sie ist. Dass gerade dieser Fehlschluss von der Bejahung einer Norm auf die
Wahrheit einer Tatsachenbehauptung im Ideenhaushalt unserer Gesellschaft
eine besondere Rolle spielt, sei anhand einiger Beispiele belegt:
Die normativ-wertende Aussage, dass Krieg niemals wunschenswert sei,
lasst logisch nicht den Schluss zu, er sei (empirisch) niemals notwendig;
nichtsdestoweniger ist dieser pazifistische Fehlschluss weit verbreitet.
Gleiches Einkommen fur Jeden kann man wunschenswert finden. Aus
diesem Wunsch aber bereits die Schlussfolgerung zu ziehen, dies sei er-
reichbar, ware eine Verletzung der Formallogik.
Fur die Auffassung, Manner und Frauen seien in ihren psychischen und
kognitiven Strukturen wesentlich gleich, lassen sich zweifellos viele gute
Argumente finden. Die Norm, dass sie gleich berechtigt sind, ist aber kein
solches Argument.
SchlieBlich ist es ein erheblicher Unterschied, ob ich religiose Toleranz
fur eine Tugend halte, also eine Norm bejahe, oder ob ich als Tatsache be-
haupte, der Islam sei eine Religion des Friedens.
Logisch ist die Tatsachenbehauptung aus der Norm nicht ableitbar^A:-
tisch aber lehnen viele Menschen islamkritische Positionen allein deswegen
ab, weil das sonst „intolerant ?f sein oder zur Intoleranz fuhren konnte. Ganz
ahnlich, wie sie die Feststellung einer Feindschaft deshalb ablehnen diirf-
ten, weil sie sonst gegen die Norm verstieBen, kein Feindbild zu haben.
Das konstruktivistische Vorurteil 17
2. Feindbilder
Diese reflexartige Verdammung von Feindbildern schlechthin, speziell die
Warnung vor dem „Feindbild Islam" das zu hegen oder gar zu verbreiten
als verwerflich gilt, beruht auf einer hochgradig ideologischen Pramisse:
namlich auf der Vorstellung, Feindschaft sei im Regelfall die Folge von
Feindbildern - und nicht etwa umgekehrt. Empirisch eine vollig unhaltbare
Annahme.
Es handelt sich urn einen langst nicht mehr hinterfragten Glaubensarti-
kel, der vor allem deswegen zum Dogma eines popularen Vulgarpazifismus
avancieren konnte, weil er die angenehme Illusion nahrt, man konne Feind-
schaft allein schon dadurch aus der Welt schaffen, dass man sich vom Feind
kein Bild macht. Wer sich durch solche Ideen an gewisse magische Kulte
primitiver Volker erinnert fuhlt, durfte richtig liegen, und wir werden noch
sehen, dass ein voraufklarerischer, ja geradezu prazivilisatorischer Aber-
glaube das politische Denken in unserer Gesellschaft weitaus starker pragt
als uns bewusst ist oder lieb sein kann.
3. Das konstruktivistische Vorurteil
Den Islam in soziologischen Begriffen zu beschreiben, heiBt, die Wirklich-
keit in einer bestimmten Weise zu interpretieren. Das postmoderne Denken
zieht den Begriff der ,,Konstruktion" dem der ^Interpretation' 1 vor. Eine sol-
che Wortwahl - die natiirlich ihrerseits auf einer Konstruktion basiert
hebt das aktive, das subjektive Element des Interpretierens hervor: Solange
ich von einer interpretation" spreche, bleibt die auBere Wirklichkeit etwas,
das der Einzelne als Gegebenheit vorfindet, und zu dem er sich zu verhalten
hat. Der Begriff der „Konstruktion" dagegen enthalt ein aktivistisches Mo-
ment, legt er doch das Bild eines Menschen nahe, der planmaBig ein (Ge-
danken-)Gebaude errichtet und die auBere Wirklichkeit dabei gleichsam nur
als Steinbruch nutzt 9 aus dem er mehr oder weniger willkurlich die Brocken
herausschlagt, die zu seinem Bauplan passen.
Man kann dieser konstruktivistischen Perspektive einiges abgewinnen:
Vor allem scharft sie das Bewusstsein dafur, dass das, was wir als „Wirk-
lichkeit ff im Kopf haben, bestenfalls ein hochst unvollkommener Nachbau,
in jedem Fall aber deutlich weniger komplex ist als das, was „wirklich"
„wirklich ff ist. Auf der Hand liegt aber, dass mit einer solchen Perspekti-
18 I. Die eigene Optik
ve auch eine Gefahr verbunden ist, zumal wenn sie in auBerst vergrober-
ter Form popularisiert wird. Buchtitel wie „Die erfundene Wirklichkeit ?f 1
schreien geradezu danach, missverstanden zu werden. So, als waren alle
Konstruktionen von Wirklichkeit gleichermaBen gut und legitim. Verhielte
es sich so, dann waren die Begriffe „wahr" und „unwahr" bedeutungslos.
Mit einem solchen „Anything goes ?f ware jeder Wissenschaft - einschlieB-
lich des Konstruktivismus selbst - die Grundlage entzogen, und tatsachlich
ist er auch so nicht gemeint.
Wenn dieses „Anything goes' 1 trotzdem mehr und mehr in die Gesell-
schaft einsickert, so driickt sich darin der Hang aus, als „Wirklichkeit ?f nur
noch das zu akzeptieren, was man akzeptieren will. Also der Hang zu infan-
tilem Wunschdenken. Fatal ist das deswegen, weil eine Wirklichkeitskons-
truktion sich zwar nie als richtig erweisen kann, wohl aber alsfalsch; und
wer einen Kannibalen irrtumlich fur einen Vegetarier halt, wird spatestens
in dessen Bratpfanne dariiber belehrt, dass es Wirklichkeitskonstruktionen
geben kann, die falsch sind.
4. „Fremdenfeindlichkeit ff
Ein erheblicher Teil dieses Buches wird darin bestehen, die Legenden zu
widerlegen, die die Political Correctness wie einen schutzenden Kokon um
den Islam gesponnen hat.
Ich werde dabei mit aller Sorgfalt, Offenheit und Fairness vorgehen.
Dennoch mache ich mir selbstverstandlich keine Illusionen dariiber, dass
dieses Buch und sein Autor sich den Vorwurfen der „Islamophobie ff und
„Xenophobie ?f , wahrscheinlich auch des Rassismus ausgesetzt sehen wer-
den.
Das Wort „Phobie ?f hat eine erstaunliche Karriere gemacht: An sich han-
delt es sich um einen psychiatrischen Fachbegriff, dessen Verwendung in
sozialwissenschaftlichen Zusammenhangen sich schon deshalb verbietet,
weil Sozialwissenschaftler gar nicht kompetent sind zu beurteilen, ob die
Abneigung gegen eine Personengruppe auf einer Phobie beruht oder nicht.
Wenn Soziologen diesen Ausdruck trotzdem benutzen konnen, ohne sich
1 Paul Watzlawick(Hrsg-), Die erfundene Wirklichkeit: Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben?, Miin-
chen 1995
9
vgl. z.B. die Verwendung der Begriffe „Islamophobie" und „Homophobie" bei Wilhelm Heitmeyer, Deut-
sche Zustande. Folge 6, Frankfurt/M. 2007
„ Fremdenfeindlichkeit " 19
zumindest fachintern Kritik einzuhandeln, so ist bereits dieser Umstand ein
starkes Indiz fur die Wirksamkeit ideologisch motivierter Vor-Urteile bis ins
wissenschaftliche Vokabular hinein.
Dass solche Vorwiirfe gegen den Verfasser nicht nur semantisch fehler-
haft, sondern auch inhaltlich gegenstandslos sind, davon wird sich jeder
unvoreingenommene Leser iiberzeugen konnen. Im vorliegenden Zusam-
menhang aber, in dem es um den ideologischen Code geht, der unsere Ge-
sellschaft steuert, wo es also um nichthinterfragte Selbstverstandlichkeiten
geht, muss es als ein hochinteressantes Phanomen gelten, dass eine poli-
tische Meinung bereits dann als indiskutabel abgetan wird, wenn man sie
halbwegs plausibel als ,,fremdenfeindlich" brandmarken kann.
Dies ist namlich alles andere als eine Selbstverstandlichkeit:
Erstens haben wir es wieder mit der schon bekannten Vermengung von
Normen und Tatsachen zu tun: Zweifellos ist es dumm und primitiv, etwas
Fremdes nur deshalb als feindlich einzustufen oder gar als minderwertig
abzustempeln, weil es fremd ist. Die Norm, nicht fremdenfeindlich zu sein,
ist also als Grundsatz durchaus rational begriindbar. Wird aber eine Tat-
sachenbehauptung abgelehnt, weil sie „fremdenfeindlich" sei, also unter
Berufung auf eine Norm, so haben wir es mit demselben VerstoB gegen die
elementare Logik zu tun, den wir oben schon in Bezug auf die Toleranz im
Allgemeinen kennengelernt haben.
Zweitens ist das normative Verbot von Fremdenfeindlichkeit zwar fur
sich genommen nicht zu beanstanden, wohl aber das Normensystem, zu
dem es gehort: Die Kehrseite des Verbots von Fremdenfeindlichkeit ist
namlich die Akzeptanz von Feindseligkeit gegen das eigene Land (nicht nur
in Deutschland, sondern in praktisch alien westlichen Landern), und zwar
in einem MaBe, das in den Herkunftslandern der meisten dieser Fremden
vollig undenkbar ware.
So ist es ganz selbstverstandlich, dass deutsche Radiosender sich wei-
gern, die Lieder rechtsgerichteter Rockgruppen zu spielen, in denen fremde
Volker, fremde Lander und ethnische Minderheiten verunglimpft werden.
Dagegen ist nichts einzuwenden. Lieder aber, die sich gegen das eigene
Land, das eigene Volk richten, werden - und zwar mit der namlichen Selbst-
verstandlichkeit - sehr wohl gespielt; man denke nur an den Hit der Gruppe
„Die Toten Hosen": „Es gibt 1000 gute Grilnde / auf dieses Land stolz zu
sein / Warumfallt unsjetzt auf einmal/kein einziger mehr ein?" oder den
20 /. Die eigene Optik
der „Prinzen": „Wir sind besonders gut im Auf-die-Fresse-Hauen/ Auch im
Feuerlegen kann man uns vertrauen. / Wir stehen aufOrdnung und Sauber-
keit / Wir sind jederzeit fur 'nen Krieg bereit. /Schonen Grufi an die Welt
— seht es endlich ein: / Wir konnen stolz aufDeutschland sein. / Schwein,
Schwein, Schwein /Das alles ist Deutschland. "
Allen Fans der „Prinzen" und der „Toten Hosen" sei versichert, dass ich
ihnen ihre Musik nicht madig machen will. Ich weise nur darauf hin, dass
hier offenbar mit zweierlei MaB gemessen wird, und zwar zu Ungunsten
der eigenen Nation. Offenkundig gilt eine selbstkritische Grundhaltung
nicht nur des Einzelnen, sondern auch des Kollektivs, als Tugend, wahrend
die Ablehnung von Fremdkollektiven als verwerflich betrachtet wird. Man
erkennt darin unschwer die aufs Kollektiv projizierte christliche Individu-
alethik, die vor der Selbstgerechtigkeit warnt („Richtet nicht, auf dass Ihr
nicht gerichtet werdet ff [Mt 7,1]) und der Liebe zum Feind einen hoheren
ethischen Rang zuweist als der zum Freund („Denn wenn Ihr nur die liebt,
die Euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sunder lie-
ben ihre Freunde" [Lk 6,32]).
Ich werde an anderer Stelle dieses Buches diskutieren, wie diese Nor-
men, die dem Islam ubrigens vollig fremd sind 5 tatsachlich zu verstehen
sind, und was sie fur das Verhaltnis von Christen und Muslimen zueinander
und zur Moderne bedeuten.
Vorerst sei lediglich darauf hinge wiesen, dass eine solche Bevorzugung
der fremden Gruppe gegeniiber der eigenen Allem ins Gesicht schlagt, was
seit Anbeginn der Menschheit als ethisch wertvolles Verhalten gilt, und zwar
auch in den christlichen Gesellschaften der ersten beiden Jahrtausende.
Noch vor einem halben Jahrhundert galten auch in westlichen Gesell-
schaften sowohl Familiensinn als auch Patriotismus ganz selbstverstandlich
als hohe Tugenden; allgemein gesprochen, gait die Solidaritat mit der je ei-
genen Gruppe - auch und gerade im Konflikt mit Fremdgruppen - vonjeher
als zentrale Sozialnorm. Zentral deshalb, weil eine Gesellschaft, in der sie
nicht gegolten hatte, als nicht uberlebensfahig eingeschatzt worden ware.
Warum das so gesehen wurde? Nun, vielleicht waren all die vielen Gene-
rationen, die uns vorangingen, von fremdenfeindlichen Vorurteilen verblen-
det, und erst in der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts fand die Mensch-
heit, zumindest aber deren weiBer, westlicher und christlicher Teil, zu einer
wahrhaft humanen und aufgeklarten Ethik. Plausibel ist das nicht, aber als
zumindest hypothetische Moglichkeit sei es in Betracht gezogen.
„ Frerndenfeindlichkeit" 2 1
Welche ethischen Normen miissen eigentlich gelten, damit so etwas wie
„Gesellschafr moglich wird?
Beginnen wir, der Einfachheit halber, mit der Grundnorm unseres eige-
nen Kulturkreises, der sogenannten Goldenen Regel:
„ Wie Ihr wollt, dass die Leute Euch tun sollen, also tut Ihnen auch. "
(Lk6,31)
Immanuel Kant hat dasselbe Prinzip in nichtreligioser Sprache als Kate-
gorischen Imperativ formuliert:
„ Handle so, dass die Maxime deines Willens j ederzeit zugleich als Prin-
zip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten konne. "
Diese Normen beinhalten zunachst die Aufforderung, nicht einfach ego-
istisch seine personlichen Interessen durchzusetzen, sondern sich an be-
stimmte Regeln zu halten, geschriebene wie ungeschriebene. Und da wir
empirisch keine Gesellschaften beobachten konnen, die auf die Dauer auf
der Basis des schieren Individualegoismus existieren, vielmehr feststellen
miissen, dass in alien Gesellschaften, die nicht gerade in Auflosung begrif-
fen sind, bestimmte Regeln gelten und vom Einzelnen verinnerlicht werden
(sollen), konnen wir die oben genannten Prinzipien als universell giiltig un-
terstellen.
Einige einfache Beispiele mogen verdeutlichen, dass Ethik fur den
Einzelnen eine Zumutung darstellt: Ein Wahlburger verzichtet darauf,
den Sonntagnachmittag auf dem Sofa zu verbringen und marschiert Hun-
derte von Metern zum Wahllokal, womoglich bei stromendem Regen, ob-
wohl er genau weiB, dass seine Stimme nicht die Wahl entscheidet. Ein
U-Bahn-Fahrgast bezahlt sein Ticket, obwohl er weiB, dass die Gefahr,
beim Schwarzfahren erwischt zu werden, denkbar gering ist, und dass die
U-Bahn auch fahrt, wenn er nicht bezahlt. Ein Soldat riskiert sein Leben fur
sein Land, wohl wissend, dass sich am Kriegsausgang nichts andern wiirde,
wenn er einfach nach Hause ginge und das Siegen Anderen iiberlieBe.
Ethisches Verhalten ist also gepragt durch ein deutliches, im Falle des
Soldaten sogar extremes Missverhaltnis zwischen den Kosten, die der Ein-
zelne auf sich nimmt, und dem Gewinn, den er individuell iiberhaupt nicht
und als Teil der Gesellschaft auch dann hatte, wenn er die Kosten nicht auf
sich nahme. Okonomisch gesehen bedeutet Ethik also Privatisierung der
Kosten und Sozialisierung der Gewinne.
Es ist leicht zu zeigen, dass keine Gesellschaft ohne solche ethischen
Normen existieren kann, und doch gibt es keinen Weg, den Einzelnen rati-
22 I. Die eigene Optik
onal davon zu iiberzeugen, dass er sich ihnen unterwerfen sollte. Ethisches
Verhalten muss, so gesehen, als auBerordentlich unwahrscheinlich gelten;
trotzdem ist es die Regel, nicht die Ausnahme. Wie ist dieses taglich statt-
findende Wunder zu erklaren?
Fragen wir kontrafaktisch: Wiirde der Fahrgast seine Karte auch dann
bezahlen, wenn er wiisste, dass die Anderen es nicht tun? Wiirde der Soldat
kampfen, wenn er wiisste, dass seine Kameraden lieber davonlaufen? Die
Fragen stellen, heiBt sie beantworten: Naturlich nicht! (Beim Wahler liegt
der Fall etwas anders, denn dessen Stimme wiirde j a die Wahl entscheiden,
wenn er als Einziger zur Abstimmung ginge.)
Niemand will der sprichwortliche Dumme sein, der als Einziger die Re-
geln befolgt. Werden sie befolgt, so ist dies offensichtlich auf die Erwartung
des Einzelnen zuriickzufuhren, dass alle (oder doch die meisten) Anderen
sich ebenfalls ethisch verhalten. Diese Gegenseitigkeit der Erwartung also
bringt ethisches Verhalten hervor. 3 Ethik - und damit die Existenz von Ge-
sellschaft schlechthin - beruht auf Solidaritat
(Ein denkbarer Einwand lautet, ethisches Verhalten sei vor allem durch
die Angst vor Strafe motiviert. Dieser Einwand gilt, wenn wir bei unseren
Beispielen bleiben, fur den Wahler gar nicht; die Strafandrohung gegen den
Schwarzfahrer ist wegen der geringen Sanktionswahrscheinlichkeit wenig
zwingend; und den Soldaten kann man mit Drohungen allenfalls vom De-
sertieren abhalten, aber nicht zur Tapferkeit zwingen. Tatsachlich spielen
Sanktionsdrohungen eine wichtige Rolle; sie wirken aber auf zweierlei Wei-
se: einmal direkt durch Abschreckung, aber wir haben gesehen, dass sie in
dieser Hinsicht haufig ein stumpfes Schwert sind. Die Hauptwirkung diirfte
indirekter Natur sein: Das Wissen um die Existenz der Sanktionsdrohung
bestarktjeden Einzelnen in seiner Erwartung, die Anderen wiirden sich an
die Regeln halten, und motiviert ihn damit, es selbst ebenfalls zu tun.)
Solidaritat - so viel diirfte klar geworden sein - hat nichts mit Altruismus
zu tun (mit dem sie oft verwechselt wird), also mit dem Handeln zuguns-
ten Anderer. Sie ist als Geschaft auf Gegenseitigkeit vielmehr ein erweiter-
ter und reflektierter Egoismus.
Wie aber kommt Solidaritat zustande? Durch altruistisches Handeln?
Rein theoretisch konnte man sich das vorstellen: Ich verhalte mich altru-
Bei dieser handlungstheoretischen Analyse abstrahiere ich um der Ubersichtlichkeit der Darstellung willen
noch von ethischen und religiosen Faktoren, die das Handeln von Menschen motivieren. Dieses Thema wird
in Kap. V.10.1. noch einmal aufgegriffen.
„ Fremdenfeindlichkeit" 23
istisch, rege dadurch einen Zweiten an, es mir gleichzutun, was wiederum
einen Dritten und Vierten veranlasst, sich ebenfalls altruistisch zu verhalten
und so fort, bis am Ende eine Solidargemeinschaft entstanden ist, in der
man realistischerweise solidarisches Handeln Aller unterstellen kann. Die
praktische Lebenserfahrung lehrt, dass dies Wunschdenken ware. 4
Dabei gehort kaum ein Mensch bloB einer Solidargemeinschaft, bloB ei-
nem System gegenseitiger Solidaritatserwartungen an. Diese Systeme bauen
vielmehr aufeinander auf, erfullen je spezifische Funktionen und entlasten
einander, wobei die Intensitat der Solidaritatserwartungen mit zunehmender
GroBe des Systems tendenziell abnimmt:
Meiner Familie bin ich starker verpflichtet als meinem Land, meinem
Land starker als meinem Kulturkreis und diesem wiederum starker als der
Menschheit insgesamt. Aufjeder Ebene ist mir das sprichwortliche Hemd
also naher als der Rock.
Dabei konnen diese Systeme einander nicht substituieren: Die Familie
kann nicht die Aufgaben der Nation ubernehmen und die Nation nicht die
der Familie; die Menschheit als Ganze wiederum kennt zwar auch Solida-
rity - wir spenden fur Flutopfer in Bangladesh - aber die ist nur schwach
ausgepragt - wir spenden als Nation vielleicht 20 Millionen, aber eben nicht
20 Milliarden, wie wir es bei vergleichbaren Katastrophen im eigenen Land
taten weswegen die Menschheit nicht die Nation ersetzen kann.
Es ist wichtig zu sehen, dass die Solidaritat innerhalb eines solchen Sys-
tems ihre notwendige Kehrseite im Ausschluss aller nicht dazugehorenden
Menschen findet: Wer seinem Nachbarn beim Tapezieren hilft, weil er davon
ausgeht, dass dieser Nachbar sich irgendwann revanchieren wird, ist noch
lange nicht bereit, Jedermann beim Tapezieren zu helfen. Oder, ins Politi-
sche gewendet: Die Westdeutschen, die - nicht ohne Murren, aber letztlich
doch anstandslos - eine Billionensumme aufbrachten, um Ostdeutschland
auf die Beine zu helfen, hatten es zu Recht als absurde Zumutung zuriickge-
wiesen, dasselbe fur Polen oder Russland zu tun.
Ein altruistisches Verhalten - also: Jedem beim Tapezieren zu helfen oder
alle Volker zu subventionieren - ware fur den Einzelnen eine unmenschli-
••
che Uberforderung und fur ein Kollektiv das Ende: Es ware nicht nur rui-
niert, es wurde buchstablich aufhoren, als Solidargemeinschaft zu existie-
4 Mankonnte den Beweis auch auf theoretischem Wege fuhren, etwa mithilfe spieltheoretischer Modelle.
Ich glaube aber, dass ein solches Vorgehen iibertrieben perfektionistisch ware.
24 I. Die eigene Optik
ren, weil der Einzelneja wiisste, dass seine solidarisch erbrachte Leistung,
in diesem Fall also seine Steuergelder, in keiner Form an ihn zuriickflieBen,
auch nicht langfristig oder in der verwandelten Gestalt von Stabilitat oder
Sicherheit; sie wiirden einfach liber die Welt verstreut - eine Welt, die eben
keine Solidargemeinschaft ist.
Wir konnen nunmehr die oben gestellte Frage beantworten, ob unsere
Vorfahren in einem Irrtum befangen waren, indem sie den Dienst an und die
Loyalitat gegeniiber der je eigenen Solidargemeinschaft unter Indifferenz,
notfalls auch Feindseligkeit gegen alle fremden, als hochste Tugend ange-
sehen haben: Nein, das waren sie keineswegs. Sie haben einfach instinktiv
erkannt, dass menschliche Gesellschaft aufderExistenzeinanderausschlie-
Bender Solidargemeinschaften basiert und dass die genannten Tugenden da-
her zwingende Notwendigkeiten darstellen. Bezeichnend fur den geistigen
Zustand unserer Gesellschaft ist aber, dass ich hier und heute umstandlich
beweisen muss, was zu alien Zeiten zu Recht als Selbstverstandlichkeit gait.
Was gilt denn im politischen Bereich als moralisch gut? Die Aufzahlung
erhebt keinen Anspruch auf Vollstandigkeit, aber folgende Dinge diirften
dazugehoren:
Entwicklungshilfe, Internationalismus, Gewaltlosigkeit, Respekt vor frem-
den Kulturen und Religionen, verbunden mit Kritik gegeniiber der eigenen.
Und was gilt als hose?
Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Diskriminierung, Imperialismus, Na-
tionalismus, kulturelle Arroganz.
Als „gut" gilt, was Anderen niitzt, als „bose", was Anderen schadet. Die
Verfolgung der Interessen des eigenen Gemeinwesens kommt in diesem Tu-
gendkatalog gar nicht oder mit negativer Wertung vor.
Die vorherrschende Ideologie unserer Gesellschaft basiert also auf einer
ausschlieBlich altruistischen (und damit eben nicht solidaritatsorientierten)
Wertematrix.
Dass ein solches Wertesystem, wenn es zur Grundlage der offentlichen
und kollektiven (im Unterschied zur privaten und individuellen) Tugend
erhoben wird, auf die Dauer die Selbstzerstorung des Gemeinwesens nach
sich zieht, habe ich auf theoretischem Wege soeben gezeigt. Wer aber der
Theorie abhold ist, vertraue sich der Empirie an: Die Geschichtsschreibung
kennt unzahlige Gesellschaften, die am Mangel an innerer Solidaritat zer-
brochen sind, aber keine einzige, die an so etwas wie „Fremdenfeindlich-
keit" gescheitert ware.
Kulturrelativismus 2 5
5. Kulturrelativismus
Eng verwandt mit dieser altruistischen Wertematrix ist der urn sich grei-
fende Kulturrelativismus, dessen Grundaussage lautet: „Alle Kulturen sind
gleichwertig".
■•
Wieder so ein Glaubensartikel, der der Uberprufung nicht standhalt. Ware
dieser Satz namlich wahr, dann beruhte jede Kultur, die auf dem Glauben
an die eigene Uberlegenheit aufbaut, auf einer Unwahrheit, und spatestens
dann ware es mit der „Gleichwertigkeit" nicht mehr weit her.
Wollte man den „Wert" einer Kultur messen, so kamen viele verschiede-
ne MaBstabe in Frage:
Man konnte zum Beispiel fragen, welche Kultur das groBte MaB an per-
sonlicher Freiheit hervorgebracht hat? Das hochste MaB an geistiger Kre-
ativitat? Den wirksamsten Schutz der korperlichen Unversehrtheit? Die
meisten Entdeckungen? Die meisten Erfindungen? Die besten Medikamen-
te? Man konnte fragen, in welchem Kulturkreis es die besten Universitaten
gibt, die meisten Schulen, die wenigsten Folterkammern?
Zugegeben: Man konnte auch andere MaBstabe anlegen. Zum Beispiel
fragen, welche Kultur fur ihre Angehorigen sinnstiftend wirkt, Spiritualitat
fordert oder traditionelle Werte hochhalt.
Egal, mit welcher Elle man misst, man kommt niemals zu dem Ergebnis,
alle Kulturen seien „gleichwertig". Einen „objektiven ff 5 d.h. vom hypothe-
tischen Standpunkt eines neutralen Dritten giiltigen MaBstab kann es in der
Tat nicht geben, weil jeder eine Wertung beinhaltet, und eine solche keine
objektive Gultigkeit beanspruchen kann.
Solange man seine Wertung aber offenlegt und begriindet (und sie damit
kritisierbar macht), ist gegen sie nichts einzuwenden. Legitim ist selbstver-
standlich gleichermaBen, sich dem Wertungszwang iiberhaupt zu entziehen
und - etwa als Kulturwissenschaftler - aufjeden Kulturenv^rg/^/cA zu ver-
zichten, umjede einzelne Kultur aus sich selbstheraus zu begreifen.
Ganz und gar nicht legitim freilich ist es, ein solches erkenntnisleitendes
Programm zur Norm fur die ganze Gesellschaft zu machen und etwa der
Behauptung, es gebe hohere und niedrigere Kulturen, den Stempel des Un-
sittlichen, weil politisch Unkorrekten aufzudriicken; und logisch iiberhaupt
nicht nachvollziehbar ist es, aus dem Verzicht auf einen Vergleich die These
von der „Gleichwertigkeit ?f abzuleiten, die einen solchen Vergleich gerade
voraussetzt.
26 I. Die eigene Optik
Demgegenuber vertrete ich die These, dass der Islam tatsachlich eine -
verglichen mit der westlichen - niedere Kultur darstellt. Der MaBstab, den
ich dabei zugrunde lege, ist der der Komplexitdt und Reflexivitdt (Riickbe-
ziiglichkeit) von Systemen. Was damit gemeint ist, sei anhand einer Analo-
gie aus der Biologie verdeutlicht:
Lebewesen gelten als umso hoher entwickelt, je komplexer sie sind, das
heiBt je starker ihr Organismus sich durch funktionale Differenzierung und
Spezialisierung von Korperteilen, Organen und Zellen auszeichnet. Orga-
nisch komplexe Lebensformen gelten wiederum als umso hoher entwickelt,
je weniger die Anpassung an Umweltbedingungen durch genetische Veran-
derungen undje mehr sie durch Lernen erfolgt; je weniger das Verhalten also
pradestiniert undje starker es erfahrungsgesteuert ist. Die Ruckbezuglich-
keit besteht darin, dass das Verhalten zu Erfahrungen fiihrt, die wiederum
das Verhalten beeinflussen, was zu neuen Erfahrungen fiihrt.
Wenden wir nun diesen MaBstab auf soziale statt auf biologische Sys-
teme, und hier auf den Unterschied zwischen westlichen und islamischen
Gesellschaften an: Kaum jemand bestreitet, dass die Sakularisierung im
Sinne der Trennung von Politik und Religion, aber auch im erweiterten
Sinne der Ausdifferenzierung funktional spezialisierter, gegeneinander
autonomer Teilsysteme (z.B. Recht, Wissenschaft, Moral, Medien) in der
islamischen Welt nicht bzw. nur in Ansatzen stattgefunden hat. Islamische
Gesellschaften sind somit deutlich weniger komplex als westliche. Meine
These, die ich in den entsprechenden Kapiteln vertiefen werde, lautet, dass
dies nicht etwa nur eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2008 ist, sondern
auf eine grundsatzliche, religionsbedingte Entwicklungsblockade hindeutet.
Noch deutlicher zeigt sich dies beim Punkt ,,Reflexivitat". Es gibt in der
westlichen wie der islamischen Welt Regierungen, gesellschaftlich akzeptier-
te Wahrheiten und soziale Normen. Was es im Westen dariiber hinaus gibt,
in islamischen Gesellschaften aber nicht, sind akzeptierte Verfahren, Regie-
rungen legal zu stiirzen, Wahrheiten anzuzweifeln und Normen zu verandern.
Es gibt keine reflexiven Normen, also Normen zur Verdnderung von Normen!
(Es wird noch zu zeigen sein, dass die wenigen islamischen Demokratien
entgegen dem auBeren Anschein keine Ausnahme von der Regel darstellen,
jedenfalls nicht im Hinblick auf den hier interessierenden Zusammenhang.)
Warum ist das so? Erinnern wir uns an das, was ich im Zusammenhang
mit der gesellschaftlichen Solidaritat geschrieben habe: dass die Verbind-
lichkeit von Normen von der gegenseitigen Erwartung der Gesellschafts-
Das Infantilitdtssyndrom 27
mitglieder abhangt, die jeweils Anderen wurden die Normen akzeptieren.
Es liegt auf der Hand, dass ein solches kulturell fest verankertes System
gegenseitiger Erwartungen nicht willkiirlich verandert werden kann, es sei
denn, die Moglichkeit der Veranderung ware - in Gestalt reflexiver Normen
- im Normensystem selbst eingebaut.
1st dies nicht der Fall, so wurde eine Normveranderung im Prinzip vor-
aussetzen, dass Alle gleichzeitig ihre Erwartungen andern und dies einan-
der mitteilen, etwa: „Ich betrachte den Koran ab morgen als unverbindli-
che Empfehlung und erwarte von alien Anderen, das Gleiche zu tun." Dies
wird im Normalfall nicht geschehen. Ein einmal etabliertes Normensystem
verdrangt alle denkbaren Alternativen selbst dann, wenn die Einsicht in
seine Unzulanglichkeit individuell durchaus vorhanden, womoglich sogar
massenhaft verbreitet ist.
Ein (westliches) System reflexiver Normen, das die Legitimitat von
Herrschaftsanspriichen, die Legitimitat von Wahrheitsanspriichen und die
Legitimitat von Alltagsnormen von bestimmten sozialen Prozessen abhan-
gig macht (Wahlen, wissenschaftliche Debatten, alltagliche Aushandlungs-
prozesse unter dem Schutz garantierter Freiheitsrechte), wiirde in einer
muslimischen Gesellschaft mit dem bestehenden nichtreflexiven Normen-
••
system in Konflikt geraten, das diese Dinge von der Ubereinstimmung mit
■•
der religiosen Uberlieferung abhangig macht - also dem Koran und der auf
ihn bezogenen Auslegungstradition.
Mehr noch: Wenn Gesellschaft eine Solidargemeinschaft ist, deren Zu-
sammenhalt auf der Akzeptanz eines bestimmten - in diesem Falle also
islamischen - Normensystems basiert, dann gefahrdet dessen AuBerkraft-
setzung nicht nur den uberkommenen Charakter der Gesellschaft als einer
islamischen, sondern ihre Existenz.
Das, was wir als Errungenschaften der Moderne betrachten - Freiheit,
Mobilitat, Demokratie, Marktwirtschaft, Wissenschaft und was wir den
islamischen Gesellschaften durchaus wohlmeinend anempfehlen, erscheint
aus deren Sicht als Angriffi
7
6. Das Infantilitatssyndrom
Zwei Tendenzen wirken in unserer Gesellschaft in fataler Weise zusammen;
die eine erzeugt durch den Kapitalismus, die andere durch den Versuch seiner
sozialstaatlichen Bandigung. Der ideale Konsument ist der, der nach sofor-
28 /. Die eigene Optik
tiger Bediirfnisbefriedigung giert. Eine milliardenschwere Werbewirtschaft
zielt nur darauf ab, genau diesen Konsumententypus zu erzeugen.
Zugleich hat eine liber hundertjahrige sozialstaatliche Tradition vie-
le Menschen des Gedankens entwohnt, fur ihren eigenen Lebensunterhalt
selbst verantwortlich zu sein. Viele glauben, der Staat schulde ihnen Ali-
mente. Man betrachte die Diskussion um die Ein-Euro-Jobs, die typischer-
weise so gefiihrt wird, als mache der eine Euro Stundenlohn das gesamte
Einkommen der Betroffenen aus. Dass sie in Wirklichkeit fur ihren not-
wendigen Lebensunterhalt plus den einen Euro arbeiten, bleibt haufig au-
Ber Betracht. Eine ahnliche Einstellung spricht aus der Weigerung vieler
Menschen, ihrer absehbaren Altersarmut durch vorausschauende eigene
Anstrengungen zu begegnen und zu diesem Zweck den aktuellen Lebens-
standard zu verringern; lieber nimmt man sehenden Auges den Abstieg ins
soziale Elend in Kauf, als auf die unmittelbare Erfullung von Konsumwun-
schen zu verzichten, macht aber fur diesen Abstieg nicht etwa sich selbst
verantwortlich, sondern „die Politiker ff .
In fast alien europaischen Landern fuhrt der Versuch, die Rentenkassen
zu sanieren, zu Massenprotesten. Der Sachverhalt, um den es geht, ist denk-
bar einfach: Die Renten werden von den Erwerbstatigen bezahlt, also von
Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Da die Menschen im Durchschnitt immer
alter werden, zugleich aber immer weniger Kinder groBziehen, gibt es im-
mer mehr Rentner und immer weniger Erwerbstatige. Bleiben die Beitrage
gleich, sinken zwangslaufig die Renten. Sollen die Renten aber nicht sin-
ken, so hat man die beiden Moglichkeiten, das Renteneintrittsalter zu erho-
hen - oder die Beitrage. In Letzterem Fall erhoht man mit dem Arbeitge-
berbeitrag die (De-facto-)Strafsteuer auf die Schaffung von Arbeitsplatzen.
Das Ergebnis lautet: weniger Arbeitsplatze, weniger Erwerbstatige. Und die
nachste Beitragserhohung. Ein Teufelskreis.
Wenn eine Mehrheit der Burger diese Zusammenhange ignoriert, so liegt
das nicht an deren Komplexitat - derm sie sind denkbar einfach -, sondern
daran, dass man sie ignorieren will Mit anderen Worten: Eine Mehrheit
zumindest der Deutschen, wahrscheinlich aber der Burger der meisten west-
lichen Lander, halt Politik fur eine Art Speisekarte, aus der man sich das
Wohlschmeckende heraussuchen kann. Wer A sagt, das ist die Grundannah-
me, muss noch lange nicht B sagen.
Wo trifft man normalerweise eine solche Haltung an, die das Verlangen
nach sofortiger Bediirfnisbefriedigung mit der Ablehnung eigener Verant-
Das Infantilitdtssyndrom 29
wortung und dem Anspruch aufumfassende Versorgung durch Andere ver-
bindet? Bei Kindern.
Wenn aber Erwachsene eine solche Haltung an den Tag legen, dann fuhrt
das, von einer gewissen kritischen Masse an, zu Problemen nicht nur in
deren privatem Bereich, sondern wird zur offentlichen Gefahr. Die Infan-
tilitat beschrankt sich dann namlich nicht mehr auf diesen oder jenen Le-
bensbereich, sondern durchdringt die Einstellung zur Welt iiberhaupt, bis
in die Pramissen des politischen Denkens hinein. Sie wird zur kulturellen
Selbstverstandlichkeit.
So, wie der Gedanke sich verfluchtigt hat, dass primar jeder Mensch
selbst fur sein eigenes Auskommen zu sorgen hat, so fremd ist den meisten
die Idee, dassjedes Land fur seine eigene Sicherheit verantwortlich ist, und
dass diese Sicherheit gefahrdet sein kann, wenn der eigene Verzicht auf die
Anwendung militarischer Gewalt zur obersten sicherheitspolitischen Norm
erhoben wird. Diese pazifistische Haltung, die sich in Deutschland immer
starker durchzusetzen scheint, beruht scheinbar, aber eben nur scheinbar,
auf der christlichen Ethik. Tatsachlich aber fordert die christliche Ethik vor
allem dazu auf, nicht selbstgerecht zu sein. Sie fordert dazu auf, die Dinge
mit den Augen des Anderen, notfalls auch des Feindes, zu betrachten. Oft
stellt sich dann heraus, dass er nicht ganz Unrecht hat, und dass man mit ein
bisschen Entgegenkommen die Feindschaft uberwinden kann. Oft. Nicht
immer.
Der Pazifismus jedoch geht davon aus, dass Entgegenkommen und Ge-
waltverzicht immer die gebotene Haltung sind. Eine solche Ethik ist schon
deswegen nicht christlich, weil sie eine rigide Handlungs ethik ist. Vor allem
aber vermeiden solche Christen es gerade, die Dinge mit den Augen des Fein-
des zu sehen; man erspart sich damit die Erkenntnis, dass man selber aus des-
sen Sicht unter Umstanden wie eine fette Beute aussieht. Kindisch ist daran
die unreflektierte Verinnerlichung von Normen; kindisch ist die Nichtberiick-
sichtigung der Folgen des eigenen Handelns; und kindisch ist schlieBlich die
naive Ich-Bezogenheit, die den Anderen nicht als eigenstandige GroBe sieht,
als jemanden, der seiner eigenen Logik folgt, sondern davon ausgeht, das
eigene Verhalten musse vom Anderen riickgespiegelt werden.
Genau diese Ich-Bezogenheit begegnet uns in der Forderung, den Islam
vom Islamismus zu unterscheiden, also die Religion von der politischen
Ideologie. Wer solches fordert, schlieBt von sich auf Andere: Erglaubt, was
fur uns selbstverstandlich ist, namlich die Trennung von Politik und Religi-
30 I. Die eigene Optik
on, musse es auch fur alle Anderen sein; er respektiert nicht die Eigenlogik
des Islam, weil er sie nicht begreift. Nicht begreifen will.
Wenn man den anderen nur durch die eigene narzisstische Brille sehen
kann, bleibt als Alternative zur Feindschaft (die urn jeden Preis vermieden
werden muss) nicht etwa die Freundschaft, zu der auch Respekt und Distanz
gehoren, erst recht nicht die niichterne Neutralitat, sondern die Verschmel-
zung, die Grenzauflosung, die Symbiose, bei der zwischen „Ich" und „Du"
bzw. bei Gruppen „Wir" und „Ihr" nicht unterschieden werden darf.
Das kann als harmlose Marotte daherkommen, z.B. als die leicht peinli-
che Figur des christlichen Philosemiten, der sich als Jude gibt, ohne einer
zu sein. Diese Unfahigkeit, Unterschiede zu akzeptieren (und damit auch
die Integritat des Anderen zu wahren) ist vielleicht argerlich, aber noch
vergleichsweise harmlos im Verhaltnis zum Judentum. Dieselbe Haltung
ist auBerst riskant im Verhaltnis zu einer selbstgewissen und militant sen-
dungsbewussten Religion wie dem Islam.
Die vorherrschende Weltauffassung entspricht also der von Kindern. Wo-
vor furchten sich Kinder? Vor Gespenstern.
7. Aberglaube
Dem deutschen FuBballtrainer Winni Schafer, der damals die Nationalelf
Kameruns betreute, kam eines Tages bei einem Turnier in Mali sein Co-
Trainer abhanden: Die Polizei hatte ihn unter der Anschuldigung verhaftet,
den Stadionrasen verhext zu haben.
Vermutlich werden Sie jetzt grinsen.
Die Norm der Political Correctness, wonach alle Kulturen gleichwertig
seien, gilt zwar als Kommunikationsregel, hindert aber die meisten von uns
nicht daran, sich als aufgeklarte Mitteleuropaer zu fiihlen und den Aber-
glauben fremder Kulturen (die man insgeheim eben doch fur ruckstandig
halt) von oben herab zu belacheln. Doch Vorsicht! Es konnte sein, dass wir
weniger aufgeklart sind, als wir glauben.
Der konservative amerikanische Kolumnist Jack Wheeler vertritt in ei-
nem Aufsatz unter dem Titel „The Secret to the Suicidal Liberal Mind" 5 die
5 Jack Wheeler, The Secret to the Suicidal Liberal Mind, in: newsmax.com, 21.1.2002, http://archive.news-
max.com/archives/articles/2002/l/20/231252.shtml, iibersetzt von der Bloggerin „Eisvogel".
Aberglaube 3 1
provozierende These, dem ^Liberal Mind' 1 - was zu Deutsch nicht etwa
„liberaler Geist" bedeutet, sondern so viel wie „Gutmenschentum" - liege
ein archaischer Glaube an die Macht der Schwarzen Magie zugrunde, der
in Gestalt sozialistischer, pazifistischer und kulturrelativistischer Theorien
bloB oberflachlich rationalisiert worden sei. Political Correctness sei der
Versuch, durch masochistische Selbsterniedrigung den „B6sen Blick ff po-
tenzieller Neider zu vermeiden.
„(...) Bei den Yanomamo und anderen Stdmmen tiefin den Regenwal-
dern des Amazonas, die immer noch den archaischen Lebensstil der Jdger
und Sammler unserer Vorfahren aus der Altsteinzeit pflegen, ist es ein all-
gemein anerkannter Brauch, dass eine Frau, nachdem sie ein Kindzur Welt
gebracht hat t trdnenreich verkiindet, ihr Kind sei has slick
In einer lauten, selbsterniedrigenden Klage, die der ganze Stamm horen
kann,fragt sie, warum die G otter sie mit einem so erbdrmlich abstofienden
Kind verflucht haben. Sie tut das, um die neidische schwarze Magie des
bosen Blicks, des Mai Ojo, zu bannen, die sie und ihre Stammesmitglieder
treffen wiirde, wenn bekannt ware, dass sie gliicklich iiber ihr wunderscho-
nes Baby ist.
Anthropologen beobachten in den meisten primitiven und traditionel-
len Kulturen, dass Jedes Individuum in der standigen Angst vor der ma-
gischen Aggression anderer lebt ... es gibt nur eine Erklarungfiir un-
vorhersehbare Ereignisse: die neidische schwarze Magie eines anderen
Dorfmitglieds.
Wobei man hinzufugen mochte, dass der Glaube an die Schwarze Magie
ein Spezialfall des offenbar allgemeinmenschlichen Glaubens an die Kraft
des Wiinschens, in diesem Fall des bosen Wiinschens ist:
Nicht wenige Menschen haben Schuldgefuhle, wenn sie einen Angeho-
rigen verlieren, mit dem sie jahrzehntelang in Fehde gelebt haben. Rational
wissen sie, dass ihre feindseligen Gefuhle mit dem Tod des Betreffenden
nichts zu tun haben - die Schuldgefuhle bleiben trotzdem.
FuBballfans feuern ihre Mannschaft sogar dann an, wenn sie gar nicht im
Stadion, sondern vor dem Fernseher sitzen - als ob das irgendeine Wirkung
haben konnte. Sie wurden es natiirlich abstreiten, aber faktisch glauben sie
an just diese Wirkung.
Der Glaube an die Magie des Wiinschens ist also universell; damit aber
zwangslaufig auch der an den Bosen Blick. Dieser Glaube hat fatale Kon-
sequenzen:
32 L Die eigene Optik
„Ein Grofiteil wenn nicht die Mehrheit der traditionellen Stammeskultu-
ren, sei es am Arnazonas, in Afrika oder aufden pazifischen Inseln, kennt
das Konzept des natiirlichen Todes nicht. Todist immer Mord!"
Und nicht nur der Tod, sondern jedes missliebige Ereignis, Misserfolg,
Krankheit, Armut, werden aufden Bosen Blick eines Anderen zuriickge-
fuhrt. Die Folge dieses Glaubens ist
„eine selbstmitleidige Neigung, uber die Uberlegenheit oder Vorteile an-
derer nachzusinnen , kombiniert mit einem vagen Glauben damn, er sei die
Ursachefur die eigene Entbehrung. "
Mit einem Wort: Neid. Demagogen kennen diese menschliche Dispositi-
on und verstehen sie sich zunutze zu machen:
„Die drei grofienpolitischen Pathologien des 20. Jahrhunderts sind alles
Neidreligionen: Nationals ozialisrnus, der den Rassenneid gegenuber ,den
reichen, ausbeuterischen Juden' predigt; Kommunismus, der den Klas-
senneid gegenuber, der reichen, ausbeuterischen Bourgeoisie' predigt; und
Moslemterrorismus, der den Kultur neid gegenuber, dem reichen, ausbeute-
rischen Westen 'predigt. "
Die ideologische Rationalisierung des Glaubens an den Bosen Blick
existiert aber auch in gemaBigten Varianten:
„ Der primitive At avismus linker Bins enweisheiten wie , die Reichen wer-
den immer reicher und die Armen immer armer' illustriert am besten das
Argument, dass man nur aufKosten anderer gesund sein kann. Dass man,
um eine gute Gesundheit zu haben und vor Energie und Vitalitatzu strotzen,
jemand anderen krank machen oder zu schwacher Gesundheit bringen muss
- gerade so wie man, um reich zu sein, andere arm machen muss. "
Damit sei nicht bestritten, dass es so etwas wie Ausbeutung tatsachlich
gibt: Wenn Plantagen von Sklaven bewirtschaftet werden oder Drittwelt-
potentaten knappe Steuermittel und Hilfsgelder auf ihre Privatkonten um-
leiten, ist der kausale Zusammenhang zwischen dem Reichtum Weniger
und der Armut Vieler kaum von der Hand zu weisen. Irrational und da-
her aberglaubeverdachtig ist aber die Selbstverstandlichkeit, mit der ein
solcher Zusammenhang auch dort unterstellt wird, wo das offensichtlich
absurd ist:
Es gilt bereits als Gemeinplatz, dass der Westen reich sei, weil er die
Dritte Welt ausbeute, an deren Armut er mithin ein Interesse habe. Wenn das
richtig ware, dann durfte der Westen („das Kapital' 1 , „die Konzerne' 1 , oder
wer auch immer gerade den Westen verkorpert) nichts so sehr furchten wie
Aberglaube 33
Drittweltlander, die es zu Wohlstand bringen. Was aber geschieht wirklich
in den Chefetagen besagter Konzerne, wenn sich ein armes Land - etwa
China - tatsachlich auf den Weg zum Wohlstand macht? Da knallen die
Korken! Da pilgern Delegationen von Managern in das neue Gelobte Land
und liefern sich einen Wettlauf darum, wer zuerst investieren und den neuen
Markt erschlieBen darf!
Wenn Migranten selbst in der zweiten und dritten Generation es iiber-
wiegend nicht schaffen, in kostenfreien offentlichen Schulen mehr als einen
Hauptschulabschluss zu erwerben - und oft nicht einmal den -, dann gilt
das nicht etwa als deren eigenes Versagen bzw. als das ihrer Eltern, sondern
als Versagen der deutschen Bildungspolitik, mithin des Staates.
Mit anderen Worten: Es gilt in vielen Bereichen bereits als selbstver-
standlich, dass es zwischen Leistung und Erfolg keinen Zusammenhang
gibt, wohl aber zwischen dem Erfolg des Einen und dem Misserfolg des
Anderen. Fur diese Vermutung sprechen keinerlei okonomische Argumente,
ubrigens auch keine marxistischen:
Es ist schon richtig, dass Kapitalismus nicht „gerecht" ist, auch nicht im
Sinne von Chancengleichheit; denn es liegt auf der Hand, dass der, der {Ca-
pital einsetzen kann - egal woher er es hat groBere Chancen hat als der,
der das nicht kann. Nichtsdestoweniger ist das Vorhandensein von Kapital
die Voraussetzung dafiir, dass der Faktor Arbeit produktiv eingesetzt und
entsprechend entlohnt werden kann. Dass es sich um ein Positivsummen-
spiel handelt, bei dem beide gewinnen, wenn auch der Eine mehr, der An-
dere weniger, ja dass eine Wirtschaft, die aufTausch beruht, mit logischer
Zwangslaufigkeit ein Positivsummenspiel sein muss, ist so offensichtlich,
dass die gegenteilige Auffassung unter ernsthaften Menschen keiner Dis-
kussion wiirdig ist. Wird sie dennoch vertreten, so handelt es sich offenkun-
dig um einen Aberglauben, dessen massenhafte Verbreitung allein schon ein
Indiz dafiir ist, dass er auf archaischen Denkmustern basiert.
Die Spirale dreht sich aber noch weiter: Einer der Griinde, warum etwa
Afrika wirtschaftlich auf der Stelle tritt, liegt darin, dass wirtschaftlicher
Erfolg mit dem Makel behaftet ist, auf Schadenszauber zu basieren. Fur
den Erfolgreichen bedeutet dies, dass er mit alien Mitteln den Neid sei-
ner Mitmenschen beschwichtigen muss, um nicht seinerseits ihrem Bosen
Blick zum Opfer zu fallen. Zu diesen Mitteln gehort, seinen Wohlstand mit
anderen zu teilen. Ebenso gehort dazu die Selbstanklage, die wir oben am
Beispiel der Amazonasindianer kennengelernt haben.
34 /. Die eigene Optik
In dieselbe Kerbe haut „Gewalt erzeugt nur Gegengewalt" - wobei kaum
einem auffallt, dass dieser Spruch, sofern er richtig ist, nichts weiter besagt,
als dass Gegengewalt die erwartbare, weil vernilnftige Reaktion auf einen
Angriff ist, und dass er deshalb gerade kein Argument dafur liefert, auf Ge-
gengewalt zu verzichten, wenn man selbst angegriffen wird. Was gemeint
ist, erschlieBt sich aus der Variante: „Gewalt erzeugt nur Hass."
Ja, das wird wohl so sein, nur: Der Hass als solcher schadet niemandem.
Es sei denn, man unterstellt, dass bereits dem Hass an sich die Kraft in-
newohnt, den Gehassten zu schadigen. Das ist aber nichts anderes als der
Glaube an den Bosen Blick.
Womit wir den Grundlagen eines Phanomens auf der Spur sind, das uns
in anderem Zusammenhang oben schon beschaftigt hat, namlich der Nei-
gung, sich von dem Kollektiv zu distanzieren, dem man selbst angehort.
Der Hang, das eigene Volk als besonders bosartig zu denunzieren, ist in
Deutschland wohlbekannt, wird dort meist als Nachwirkung des Holocaust
interpretiert und gilt zumindest in Teilen der Gesellschaft als Ausdruck ei-
ner besonders moralischen selbstkritischen Haltung von Menschen, die „aus
der Geschichte gelernt haben ff . Ob sich das wirklich so verhalt, lasse ich
dahingestellt. Das Thema „NS-Vergangenheit" ist im offentlichen Diskurs
zweifellos prasent, wird aber nicht selten so oberflachlich abgehandelt, dass
man den Willen, aus der Geschichte zu lernen, ernsthaft bezweifeln muss.
Vor allem aber gibt es das Phanomen des Hasses gegen das eigene Volk
in alien westlichen Landern, nicht nur in Deutschland, wobei Amerikaner
auf die Sklaverei, Briten auf den Imperialismus, Israelis auf die Lage der
Palastinenser verweisen und so weiter. Und das jeweilige Volk isi auch nicht
das einzige Kollektiv, von dem man sich distanziert: Es gibt Manner, fur die
Mannlichkeit ein Verbrechen ist, Christen, die am Christentum kein gutes
Haar lassen, WeiBe, die rassistische Vorurteile gegen WeiBe hegen, und Rei-
che, die Reichtum fur unmoralisch halten.
Diese Distanzierung von der eigenen Nation, Religionsgemeinschaft,
Rasse oder Klasse oder auch dem eigenen Geschlecht ist das Gegenteil
von Selbstkritik. Sie ist derjeweils individuelle Versuch, sich selbst als der
„gute" Deutsche, Amerikaner, Englander, Israeli, Mann, Christ, WeiBe oder
Reiche von derjeweils eigenen Gruppe dadurch abzugrenzen, dass man sie
als kollektiv „bose" denunziert.
So unterschiedlich diese Gruppen sonst sind, eines haben sie gemein-
sam: namlich dass sie gegeniiber anderen gleichartigen Gruppen in einer
Linke Ideologie 35
dominanten Position sind - oder zumindest waren - und deswegen beneidet
oder auch gehasst werden konnen. Sie sind dem Bosen Blick ausgesetzt; die
Selbstdistanzierung ist mithin als Abwehrzauber aufzufassen, mit dessen
Hilfe man sich selbst auf Kosten der Gruppe vor dem erwarteten und un-
terstellten Schadenszauber der Neider, Hasser und Rachsuchtigen schiitzt.
Was aber geschieht, wenn diese Form des Aberglaubens aufhort, eine pri-
vate Marotte zu sein, und zur Mehrheitsoption einer Gesellschaft avanciert?
Dann schlagt die Stunde der Political Correctness: Der private Aberglaube
mutiert zu einer heidnischen Stammesreligion, die auf dem Gedanken des
magischen Kreises basiert. Dieser magische Kreis, der das Gemeinwesen
vor dem Bosen Blick schiitzt, wird durch eine kollektive Selbstanklage auf-
gebaut, kombiniert mit dem ausgiebigen Lob fur potenzielle Feinde (zum
Beispiel fur den Islam, der sich als groBe Weltreligion, als Religion des
Friedens etc. gewurdigt sieht, die unsere Kultur bereichere), die dadurch
beschwichtigt werden sollen.
Damit kennen wir auch die Ursache der eigentumlichen exorzistischen
Rituale, die stets einsetzen, wenn die Political Correctness verletzt wird:
Der Ubeltater wird dann als bose gebrandmarkt und aus dem Kreis der Gu-
ten verbannt. Nicht mehr der Einzelne distanziert sich vom Gemeinwesen,
sondern das Gemeinwesen vom Einzelnen.
Als etwa die Wahlniederlage des politisch unkorrekten Roland Koch
Anfang 2008 voll Erleichterung und Genugtuung mit dem Kommentar
quittiert wurde, nun sei „die politische Kultur wiederhergestellt", bedeute-
te dies, ubertragen aus der Sprache der politischen Kommentatoren in das
wesentlich angemessenere Idiom indianischer Medizinmanner, dass der
den Stamm vor dem Bosen Blick schutzende magische Kreis wiederher-
gestellt" ist, indem der Frevler, der ihn durch seinen blasphemischen Scha-
denszauber zu beschadigen drohte, aus der Mitte des Stammes verstoBen ist.
8. Linke Ideologie
Wir haben nun einige Aspekte der gesellschaftlich vorherrschenden Ideo-
logie kennengelernt, ihre innere (Un-)Logik analysiert und ihren psycho-
logischen Hintergrund beleuchtet. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen,
dass sie auf einer infantilen und aberglaubischen Weltauffassung beruht,
einer vulgaren Entstellung konstruktivistischer Erkenntnistheorie folgt, etli-
che falsche Annahmen enthalt, die Formallogik mit FuBen tritt, Normen mit
36 /. Die eigene Optik
Tatsachen verwechselt und obendrein eine Ethik verficht, die aller histori-
schen Erfahrungen spottet und nur die Selbstzerstorung der Gesellschaft zur
Folge haben kann.
Wie kommt ein derart irrationales Weltbild zustande? Gibt es einen geis-
tigen Fluchtpunkt, auf den das alles zulauft, einen ideologischen Rahmen,
der das Ganze zusammenhalt, eine leitende Idee, die wenigstens die innere
Folgerichtigkeit dieser wunderlichen Einstellungen gewahrleistet?
Dies alles gibt es in Gestalt linker Ideologie. Damit ist nicht gesagt, dass
es etwa nur eine einzige linke Ideologie gebe, oder dass Unterschiede zwi-
schen ihnen keine Rolle spielten; wohl aber, dass bestimmte grundlegende
Perspektiven fur alle linken Ideologien konstitutiv sind.
Ein Jakobiner des achtzehnten, ein Republikaner des neunzehnten, ein
Kommunist des zwanzigsten und ein Globalisierungsgegner des friihen ein-
undzwanzigsten Jahrhunderts wiirden sich, trafen sie zusammen, vermutlich
heftig streiten; trotzdem ware eine gewisse Familienahnlichkeit unverkenn-
bar. Offenkundig gibt es so etwas wie eine linke Identitat, etwas, das sich
uber Lander- und Epochengrenzen hinweg ebenso zuverlassig reproduziert
wie der Gegensatz dieser Linken zu einer ihr gegeniiberstehenden Rechten.
Und in diesem Gegensatz scheint mir der Schlussel zum Verstandnis dessen
zu liegen, was spezifisch links und heute die vorherrschende Ideologie un-
serer Gesellschaft ist.
Es handelt sich dabei, wie gesagt, nicht um einen Gegensatz der politi-
schen Inhalte, sondern um einen solchen des Denkstils, der Einstellung, der
Vor-Urteile iiber das, was die Gesellschaft ausmacht und was sie sein sollte.
Es gibt - wenn wir den Rechtsextremismus einmal beiseite lassen - zwei
Pole, zwischen denen das politische Denken sich bewegt, namlich den lin-
ken und den konservativen. Idealtypisch kann man die beiden Grundansatze
so beschreiben:
Das konservative Menschenbild behandelt das Bose im Menschen als eine
in seiner Natur liegende Realitat. Es geht mit Hobbes davon aus, dass „der
Mensch des Menschen Wolf f ware, wenn man ihn lieBe; und dass es deswegen
seiner Einbindung in eine Ordnung, d.h. eine strukturierte und differenzier-
te, auch durch Machtungleichgewichte gepragte Gesellschaft bedarf. Staat,
Recht, Hierarchie, Autoritat, Sitte, Kultur und Religion bilden demnach eine
komplexe Struktur, auf die der Mensch angewiesen ist, wenn er sein Bestes
verwirklichen und in einer humanen Gesellschaft leben will. Diese Struktur
ist aber jederzeit bedroht durch Ent-Strukturierung, Unordnung, Chaos.
Linke Ideologie 37
Auf der Ebene der Gesellschaftsanalyse ist fur den Konservativen be-
reits die Existenz von Ordnung als solcher das an sich Unwahrscheinliche
und daher Erklarungsbedurftige. Seine Frage lautet, wie die Gesellschaft es
fertigbringt, sich selbst zu erhalten und nicht in den Hobbes' schenNatur-
zustand abzugleiten, und — auf der anderen Seite — welche Faktoren eben
dieser Gefahr Vorschub leisten. Fiir den Konservativen ist gut, was diese
Gefahr bannt.
Dabei ist der Konservative - wenn er denn tatsachlich einer ist - durch-
aus kein Verfechter jeglicher vorgefundenen Struktur, und er vertritt auch,
anders als viele Marxisten glauben, nicht unbedingt kapitalistische Interes-
sen: Konservatismus kann auch Sand ins Getriebe streuen; etwa, wenn die
Kirche gegen Genforschung oder fur die strikte Wahrung der Sonntagsruhe
eintritt und damit den reibungslosen Betrieb von Wissenschaft, Industrie
und Handel stort. Uberhaupt ist Kapitalismuskritik heutzutage mindestens
ebenso ein Thema fur konservative Christen wie fur linke Globalisierungs-
kritiker.
Was solche christlichen Konservativen letztlich umtreibt, ist die Sorge,
dass die Dynamik der Moderne unsere Gesellschaft in die Barbarei treibt.
Der Abwendung von Gott wird aus christlicher Sicht die Abwendung vom
Mitmenschen auf dem FuBe folgen. Und dann? Implodiert die Gesellschaft.
Konservatismus beruht auf dem Bewusstsein, dass es zwar leicht ist, die
Strukturen zu zerstoren, auf die eine zivilisierte und humane Gesellschaft
angewiesen ist, aber nahezu unmoglich, sie willentlich wieder aufzubauen.
Der Optimismus, mit dem Linke sich gerne als Konstrukteure der „besse-
ren Welt", der „klassenlosen Gesellschaft" oder gar des „neuen Menschen"
betatigen, muss dem Konservativen schon deshalb als totalitarer Wahnsinn
erscheinen, weil es fur ihn eine menschliche Natur gibt, mit der solche am
ReiBbrett entworfenen Gesellschaftsutopien schlicht unvereinbar sind.
Dass Linke sich so gerne in der Rolle von Gesellschaftsingenieuren se-
hen, ist dabei die Folge ihres herrschaftskritischen Ansatzes. Dieser be-
streitet grundsatzlich und ohne Riicksicht auf Funktionalitat die Legitimitat
jedes gesellschaftlichen Machtungleichgewichts: zwischen Reich und Arm,
Staat und Gesellschaft, Herrschenden und Beherrschten, Stadt und Land,
Mann und Frau, Zentrum und Peripherie, Mehrheit und Minderheit. Da sol-
che Ungleichgewichte aber zu einem erheblichen Teil gerade die Struktur,
also die Ordnung der Gesellschaft ausmachen, nimmt der linke Ansatz ge-
nau das aufs Korn, worauf es dem Konservativen ankommt. Der Linke setzt
38 I. Die eigene Optik
die Existenz von Ordnung schlechthin als Selbstverstandlichkeit voraus und
stellt nur die Frage nach der Gerechtigkeit und damit Legitimitat der jeweils
konkreten Ordnung - mit regelmaBig negativem Ergebnis: Die bestehende
Ordnung beruht auf Machtungleichgewichten, und die sind zu beseitigen.
Das Programm der Linken tendiert daher regelmaBig zur Entstrukturierung
und Entdifferenzierung der Gesellschaft.
Das linke Menschenbild, das davon ausgeht, der Mensch sei im Wesent-
lichen eine formbare Masse, bringt dabei nicht nur unfreiwillig die Neigung
zu groBenwahnsinnigem Machtstreben zum Ausdruck - was freilich an sich
schon ausreichen sollte, den emanzipatorischen Anspruch zu dementieren
es ist auch empirisch wenig fundiert und dient vor allem dazu, die Beden-
kenlosigkeit zu legitimieren, mit der uberkommene soziale Strukturen unter
Beschuss genommen werden. Zwar kann auch die Linke nicht ganz jene
Wirklichkeit ignorieren, die nahelegt, dass der Mensch nicht von Natur aus
so „gut" ist, wie er sein musste, damit ihre Utopien gelingen. Sie rettet aber
ihre Ideologie, indem sie die gesellschaftlichen Verhaltnisse anprangert, die
den Menschen unterdriicken und korrumpieren: also Kapitalismus, Impe-
rialisms, Faschismus, Armut, Diskriminierung usw. Beseitigt man diese
Verhaltnisse, so der linke Glaube, dann stellt sich die gute und gerechte
Gesellschaft quasi von selbst ein.
Die Linke halt die Gesellschaft, sofern sie nicht von ihr selbst gestaltet
ist, fur das prinzipiell Bose, wahrend die Konservativen gerade in den ge-
wachsenen Sozialstrukturen die eigentlichen Biirgen der Humanitat sehen. 6
Bemerkenswert ist das deshalb, weil es auf den ersten Blickja genau umge-
kehrt zu sein scheint: Konservative verteidigen die Autonomie und Selbst-
verantwortung des Einzelnen, Linke suchen das Gliick im Kollektiv und in
der Sozialstaatlichkeit. Der scheinbare Widerspruch lost sich, wenn man be-
denkt, dass die Linke die vorhandenen Solidargemeinschaften (Familie, Na-
tion, Religion) und die sie tragenden Normen nicht starken, sondern durch
angeblich bessere Strukturen ersetzen will; dass umgekehrt die Konservati-
ven die Selbstverantwortung des Einzelnen vor allem deshalb betonen, weil
sie wissen, wie fragil die gesellschaftliche Ordnung als solche ist und wie
leicht sie durch exzessiven Egoismus (Selbstentfaltung im Unterschied und
Gegensatz zu Selbstverantwortung) iiberfordert zu werden droht.
6 Jan Fleischhauer verortet den Ursprung dieser Haltung zutreffend bei Rousseau, vgl. Jan Fleischhauer,
Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Reinbek 2009, S. 59 ff.
Linke Ideologic 39
Wobei eines hervorgehoben zu werden verdient: Ein neoliberaler Markt-
radikalismus, der alien nichtmarktwirtschaftlichen Strukturen den Garaus
machen will, ist nach dieser Definition alles andere als konservativ: Indem
er die Wurzel alien Ubels in gesellschaftlichen Strukturen sucht - Staat,
Gewerkschaften etc. - und sich von deren Zerstorung das Heil verspricht,
entpuppt er sich als linke Ideologie.
Dort, wo die Linke freie Bahn hatte, ihr Maximalprogramm durchzuset-
zen, also tatsachlich alle alten Strukturen zu zerschlagen - nicht nur Staat
und Eigentum, sondern auch Familie, Religion, nationale Loyalitat etc. -,
blieb ihr gar nichts anderes iibrig, als das von ihr zerschlagene gesellschaft-
liche Gefiige von oben neu zu errichten - mit dem erwartbaren Ergebnis ei-
ner totalitaren Diktatur; diese ist nicht das Ergebnis irgendwelcher „Fehler"
oder unglucklicher Zufalle, sondern die zwingende Konsequenz des linken
Programms.
Natiirlich hat die Linke dort, wo sie nicht zur Diktatur gelangte, vieles
erreicht, und zwar durchaus in dem von ihr intendierten Sinne der Entstruk-
turierung und Entdifferenzierung, positiv formuliert also Liberalisierung,
Egalisierung, Demokratisierung. Machtungleichgewichte wurden, wenn
nicht vollig eingeebnet, so doch gewaltig verringert. Nur waren die Fort-
schritte, die die Linke erzielte - vom allgemeinen Wahlrecht iiber die Frau-
enemanzipation, den breiten Zugang zu Bildungschancen bis hin zur rela-
tiv egalitaren Einkommensverteilung - aus ihrer eigenen Sicht bestenfalls
zweischneidig, entsprachen sie doch den Bedurfnissen eines expandieren-
den Kapitalismus an Massenkaufkraft, politischer Stabilitat, groBerem und
besser qualifiziertem Potenzial an Arbeitskraften. Der herrschaftskritische
Ansatz der Linken konnte sich also auf vielen Feldern durchsetzen -, mit
positivem Ergebnis aber eben nur dort und nur so weit, wie die angegriffe-
nen Machtungleichgewichte selbst dysfunktional geworden waren.
Die Linke aber fragt nicht nach der Funktionalitat oder Dysfunktionalitat
der von ihr attackierten Strukturen - ihre spezifische Identitat beruht gerade
darauf, solche Fragen nicht zu stellen. (Oder erst, wenn es zu spat ist: wenn
man namlich auf einem Ministersessel sitzt, dort von der Erkenntnis uber-
rascht wird, dass Jakobiner als Minister keine jakobinischen Minister sein
konnen - wie Talleyrand sagte -, und sich die „Verrats"-Vorwurfe seiner
Genossen anhoren muss.)
Die Linke beurteilt gesellschaftliche Strukturen nach dem MaBstab von
Recht und Unrecht bzw. Gut und Bose, und wir sahen schon, dass sie je-
40 /. Die eigene Optik
des Machtungleichgewicht als ungerecht bzw. bose verurteilt. Die eigen-
tiimliche Vermengung von Normen und Tatsachen und die Bevorzugung
des Fremden gegen das Eigene, die als Kennzeichen der gesellschaftlich
vorherrschenden Ideologie auffallen, hat hier ihre Wurzeln. Die Grundan-
nahmen unserer Gesellschaft, die so selbstverstandlich geworden sind, dass
kaum noch einer dariiber nachdenkt, sind linke Ideologie.
Diese Ideologie hat zwei weitere hochgradig problematische Aspekte:
In dem Moment namlich, wo ein Machtungleichgewicht politisch aufge-
laden wird und sich als politischer Interessenkonflikt auBert — etwa zwischen
Industrie- und Entwicklungslandern, Israelis und Palastinensern, Mannern
und Frauen, Mehrheit und (ethnisch-religioser) Minderheit - ergreift die
Linke reflexartig Partei fur die benachteiligte Seite, hier also fur Entwick-
lungslander, Palastinenser, Frauen und Minderheiten, und zwar ganz unab-
hangig davon, ob diese Seite im jeweils konkreten Konflikt iiberhaupt im
Recht ist. 7
„Gerechtigkeit" im traditionellen Sinne bedeutet, dass Jeder fur sein ei-
genes Handeln verantwortlich ist und gegebenenfalls dessen Konsequenzen
tragt. „Gerechtigkeit" im linken Sinne bedeutet, dass der Starkere fur alles
verantwortlich ist, der Schwachere aber fur nichts; dass der Starkere sich
dem Schwacheren zu unterwerfen hat; und im Extremfall, dass dem Star-
keren das Existenzrecht abgesprochen wird - was friiher Kapitalisten und
Kulaken waren, ist heute der Staat Israel.
Das, was ich oben das linke Programm der Entstrukturierung und Entdif-
ferenzierung genannt habe, bedeutet also nicht einfach, dass es den bis dato
Schlechtergestellten besser gehen soil. Es bedeutet vielmehr die systemati-
sche Legitimierung von Rechtsbruch und Regelverletzung. Es handelt sich
um ein Programm zur Entzivilisierung der Gesellschaft.
Unter den Vorgaben einer solchen Ideologie muss Islamkritik geradezu
als etwas Unmoralisches dastehen. Nicht weil der Islam in sich irgendetwas
„Linkes ff hatte, sondern weil er die schwachere Partei ist: Islamische Staa-
7
Da darf ein libyscher Diktator schon einmal ein amerikanisches Verkehrsflugzeug sprengen lassen - ein
Verbrechen ist erst die amerikanische Bombardierung von Tripolis. Da sind tiirkische Jugendliche, die einen
Rentner als „ScheiBdeutschen" zusammentreten, und das mitten in Munchen, ja auch irgendwie „Opfer",
wahrend deutsche Jugendliche, die dasselbe mit Auslandern tun, den „Aufstand der Anstandigen" auslosen,
die „den Anfangen wehren". Bemerkenswert iibrigens, dass dieser ,,Aufstand der Anstandigen", den Bun-
deskanzler Schroder nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge ausgerufen hatte, in dem Moment ein
Ende fand, wo sich herausstellte, dass die Tater keine Deutschen waren, sondern arabische Islamisten.
Lirike Ideologic 4 1
ten und Gesellschaften verfiigen weder wirtschaftlich noch militarisch liber
die Moglichkeiten, die dem Westen zu Gebote stehen, und innerhalb der
westlichen Gesellschaften bilden Muslime eine (noch) kleine Minderheit.
Sie profitieren damit von der blinden Bevorzugung der schwacheren Partei,
die fur linke Ideologic charakteristisch ist.
Der zweite problematische Aspekt linker Ideologic ist subtiler. Man er-
kennt ihn nicht auf den ersten Blick, aber er fiihrt in dem MaBe, wie diese
Ideologie Allgemeingut wird, zu einer moglicherweise todlichen Schwachung
offener Gesellschaften: dies, indem nicht nur die vertikale, sondern auch die
horizontale Differenzierung der Gesellschaft zur Disposition gestellt wird.
Gesellschaftliche Teilsysteme folgen ihrer Eigenlogik: In der Wirtschaft
geht es um Geld, in der Politik um Macht, in der Wissenschaft um Erkennt-
nis, in der Religion um Gott, in der Kunst um Asthetik usw. Die Leistungs-
fahigkeit moderner Gesellschaften hangt eben von der autonomen Verfol-
gung dieser teilsystemischen Eigenlogik ab.
Nun kann man gesellschaftliche Machtungleichgewichte aber nicht ab-
bauen, d.h. die vertikale Differenzierung der Gesellschaft nicht aufheben,
ohne in diese Eigenlogik einzugreifen. Die Entstrukturierung in der vertika-
len Dimension zieht die in der horizontalen nach sich.
Entstrukturierung heiBt, die Eigenlogik der Wissenschaft, der Kunst, der
Wirtschaft, der Religion, des Rechts zu missachten und die gesamte Gesell-
schaft auf der Basis $QQzi£isc}\ politischer Wertentscheidungen umzubauen:
Es wundert ja kaum noch jemanden, wenn im Namen der „Nichtdiskrimi-
nierung ?f die Vertragsfreiheit suspendiert wird; wenn Sozialwissenschaftler
den Unterschied zwischen Normen und Tatsachen nicht kennen; wenn die
Klarheit der Grammatik einer vorgeblichen Geschlechtergerechtigkeit ge-
opfert wird; wenn von Theaterbiihnen, Kirchenkanzeln und Universitatska-
thedem in kunstlerischer, theologischer und wissenschaftlicher Verbramung
politische Ideologie unters Volk gebracht wird.
Begriffe wie „feministische Theologie ff oder „gerechte Sprache" weisen
schon durch die Wortwahl daraufhin, dass es hier nicht um Gott bzw. Kom-
munikation geht, sondern um die Durchsetzung einer politischen Agenda.
Die Nahe zu totalitaren Begriffen wie „deutsche Physik" oder „sozialisti-
scher Realismus ff ist keineswegs zufallig, und eine „Theologie der Befrei-
ung" keinen Deut weniger totalitar als ein „Deutsches Christentum ?f .
Es ist auBerst erstaunlich und beunruhigend: Gerade die deutsche Gesell-
schaft, die beide klassischen Spielarten des Totalitarismus kennengelernt
42 /. Die eigene Optik
hat, die also weiB, wie ein Leben aussieht, das keinen politikfreien Bereich
mehr kennt, und von der man deshalb die Entschlossenheit erwarten sollte,
die Autonomie der nichtpolitischen Lebensspharen zu wahren, ist offen-
sichtlich nicht in der Lage, die buchstablich allgegenwartigen Verbindlich-
keitsanspriiche politischer Ideologie („Das Private ist politisch!' 1 ) als totali-
taren Irrsinn zu durchschauen.
II. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und
was sie mit Religion zu tun haben
1. Der typische Einwand: „Man muss das
differenzierter sehen"
Dieses Buch entwickelt die These,
- dass der Islam ein in sich geschlossenes Gedankensystem ist,
dass dieses System die wechselseitigen Erwartungen von Mitgliedern
O
muslimischer Gesellschaften (oder auch Parallelgesellschaften ) struktu-
riert und dadurch selbst zum sozialen System wird (das Gedankensystem
„Islam" ist gleichsam die DNA des sozialen Systems „Islam"), indem es
- die Wirklichkeitsauffassung und die Wertvorstellungen der meisten Mus-
lime maBgeblich bestimmt, und zwar einschlieBlich ihrer politischen
Auffassungen,
- sie als Wir-Gruppe konstituiert, das heiBt als eine Gruppe, innerhalb de-
rer besondere Solidaritatspflichten gelten, gerade im Umgang mit den
Sie-Gruppen der nicht Dazugehorenden,
- und das die sozialen Spielregeln sowohl innermuslimisch als auch im
Verhaltnis zu „Unglaubigen" so definiert, dass der Islam als System nicht
nur erhalten bleibt, sondern sich ausbreitet.
Der Standardvorwurf, den man sich mit Gedankengangen dieser Art
einhandelt, lautet, hier werde der inneren Differenziertheit des Phanomens
„Islam" nicht hinreichend Rechnung getragen, stattdessen der Islam als
„monolithischer Block" dargestellt. Dabei sei doch der Islam in Indonesien
ein ganz anderer als in Saudi-Arabien, unter den Glaubigen selbst gebe es
Abstufungen vom liberalen und sakularen Intellektuellen am einen Ende
der Skala bis zum Taliban-Fanatiker am anderen (und der Letztere sei kei-
neswegs reprasentativ fur den Islam), auBerdem gebe es im Islam wie in
Wenn in diesem Buch von islamischen bzw. muslimischen Gesellschaften die Rede ist, sind die Parallelge-
sellschaften, die von muslimischen Migranten im Westen errichtet wurden, immer mit gemeint.
44 II. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
anderen Religionen auch zahllose Lesarten und Auslegungen der Lehre, die
uberdies die meisten Glaubigen ganz kalt lieBen.
Weil dies so sei, sei der Islam eben kein geschlossenes Gedankensys-
tem, konne er nicht die Wirklichkeitsauffassung und Wertvorstellungen der
meisten Muslime pragen, sondern hochstens die der ganz frommen; sei die
Wir-Gruppen-Identitat der Muslime als Muslime nicht dominanter als ihre
Orientierung an nationalen, ethnischen oder Klassenloyalitaten, und seien
die sozialen Spielregeln des Islam nur ein Teil der fur Muslime jeweils gel-
tenden sozialen Normen, und nicht der wichtigste.
Wer daher aus der islamischen Theologie, speziell aus dem Koran, ir-
gendwelche Aussagen liber das Verhalten von Muslimen ableiten wolle,
uberschatze dramatisch die Bedeutung der Religion als Erklarungsvari-
able fur soziale Sachverhalte und verfalle zwangslaufig in einen „Jargon
der Eigentlichkeit", 9 der nur den fanatischen Islamisten und Terroristen als
Reprasentanten des „eigentlichen Islam ff gelten lasse und vollig ignoriere,
dass die meisten Muslime eben keine Fanatiker seien, und dass man das
Gesamtphanomen „Islam" differenziert betrachten musse.
Nun bin ich ein groBer Freund differenzierenden Denkens. Es gibt aber
keinen wissenschaftstheoretisch fundierten Grundsatz, wonach man bei
der Analyse einer Vielzahl ahnlicher, aber nicht vollig gleicher Phanomene
ausschlieBlich die Unterschiede betonen, nicht aber die Gemeinsamkeiten
herausarbeiten durfe.
Um es an einem Beispiel zu konkretisieren: Selbstverstandlich ist es ein
erheblicher Unterschied, ob Genital verstumme lung an Madchen praktiziert
wird oder nicht; ob Frauen „nur" ein Kopftuch tragen miissen oder in eine
Burka gesteckt werden; das andert aber nichts an der subalternen Stellung
von Frauen in alien islamischen Landern, und es andert vor allem nichts
daran, dass ihre Unterdriickung religios legitimiert wird.
Differenzen und Gemeinsamkeiten innerhalb eines Systems hangen da-
bei eng miteinander zusammen: Wer wissen will, wie ein Wald funktioniert,
wird sehr differenziert auch die Funktion der einzelnen Baume analysieren
miissen; aus der Existenz dieser einzelnen Baume aber die Schlussfolge-
rung zu ziehen, so etwas wie einen Wald gebe es nicht, gilt im Deutschen als
metaphorische Definition von bornierter Detailverlorenheit.
9 So Heiner Bielefeldt in Anlehnung an Th. Adorno: Heiner Bielefeldt, Menschenrechte in der islamischen
Diskussion, ohne Datum, im Netz verfugbar unter: http://www.kompetenz-interkulturell.de/userfiles/Grund
satzartikel/Menschenrechte%20Islam.pdf
Die Fragestellung 45
Auf den Islam bezogen heiBt das: Natiirlich sind nicht alle Muslime Ter-
roristen oder auch nur Fanatiker. Der Islam ist ein soziales System, und ein
solches wurde nur mit Terroristen ebenso wenig funktionieren, wie es nur
mit Backern oder nur mit Philosophen funktionieren wurde. (Es ist aber
eben ein erklarungsbediirftiges Phanomen, dass die meisten Terroristen
Muslime sind, von denen wiederum die meisten ihr Handeln religios be-
griinden; wer behaupten wollte, dass die Griinde hierfur nicht im Islam zu
suchen seien, hatte zumindest den Anschein gegen sich; das heiBt nicht,
dass er zwangslaufig Unrecht haben musse, wohl aber, dass er seine Auffas-
sung sorgfaltiger begriinden sollte, als dies von islamophiler Seite iiblicher-
weise geschieht.) Gerade in seiner Eigenschaft als Dschihad-System ist der
Islam von einer beeindruckenden und auch faszinierenden Vielschichtigkeit
und Perfektion. Dieses Gesamtkunstwerk an institutionalisierter Militanz
bloB aufden Aspekt „Terrorismus ?f zu reduzieren, ware naiv.
Trotzdem konnte es natiirlich sein, dass ich tatsachlich nicht geniigend
differenziere. Ist es denn nicht willkurlich, die Missstande in muslimischen
Gesellschaften und die vielfachen Konflikte zwischen muslimischen und
nichtmuslimischen Gesellschaften ausschlieBlich mit dem Faktor Religi-
on" zu erklaren? Spielen nicht wirtschaftliche, kulturelle, ethnische, insti-
tutionelle und im engeren Sinne politische Faktoren eine mindestens eben-
so groBe Rolle? Musste nicht der, der den Islam ins Zentrum der Analyse
muslimischer Gesellschaften stellt, in derselben Weise das Christentum als
dominante Erklarungsvariable bei der Analyse westlicher Gesellschaften
behandeln?
Ich glaube in der Tat, diese Einwande zuriickweisen zu konnen, und zwar
aus folgenden Griinden:
2. Die Fragestellung
Es geht mir nicht darum, im Hinblick auf islamische Gesellschaften eine
„Theorie fur Alles ,f vorzulegen, mit der man jede nur erdenkliche Frage
beantworten konnte. Es gilt vielmehr, zwei Problemkomplexe aufzuklaren:
Erstens: So unterschiedlich der Islam in verschiedenen Weltgegenden
auch ausgepragt sein mag, so gibt es doch bestimmte Missstande, die
in alien islamischen Landern auftreten, wenn auch hier starker und dort
schwacher. Warum gibt es unter den uber funfzig islamisch gepragten
Landern nur eine Handvoll Demokratien, und warum ist die Lage speziell
46 //. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
von Frauen, ethnischen und religiosen Minderheiten selbst in diesen de-
mokratischen Landern (von den anderen ganz zu schweigen) so prekar?
Wenn sich herausstellen sollte, dass der Islam prinzipiell unvereinbar mit
der Demokratie, oder allgemeiner gesprochen mit der Moderne ist, dann
miisste man entweder anerkennen, dass er eine der Hauptursachen fur die
genannten Missstande ist. Oder man miisste, wenn man dieser Schluss-
folgerung ausweichen mochte, zeigen, dass die Religion in muslimischen
Gesellschaften keine relevante Rolle spielt. Dies freilich ware eine kiihne
Behauptung.
Zweitens: Samuel Huntington hat in seiner Theorie des „Clash of Civi-
lizations" darauf hingewiesen, dass von alien Weltzivilisationen der Islam
die „blutigsten Grenzen" hat. 10 Das heiBt, dass muslimische Gesellschaften
haufiger als andere dazu tendieren, mit nichtmuslimischen in Konflikt zu
geraten. Da sich muslimische von nichtmuslimischen Gesellschaften aber
eben durch ihre Religion unterscheiden, drangt sich die Vermutung gerade-
zu auf, dass der Islam die Ursache fur diesen Sachverhalt ist.
Hans Kungs bekanntes Diktum „Kein Weltfriede ohne Religionsfriede", 11
ist in dieser Pauschalitat schlicht falsch: Es gibt keinen christlich-buddhisti-
schen oder judisch-taoistischen Konflikt, es gibt auch keinen Konflikt zwi-
schen Animisten und Zeugen Jehovas. Was es gibt, sind Konflikte zwischen
Muslimen und Juden (Israel), Muslimen und Hindus (Indien), Muslimen
und Buddhisten (Thailand), Muslimen und Bahai (Iran), Muslimen und
Konfuzianern (China), Muslimen und Animisten (Sudan), Muslimen und
Christen (weltweit).
Zweifellos kann man sowohl die Missstande als auch die Konflikte, wenn
man das will, auch ohne Riickgriff auf den Islam erklaren:
Dann ist der latente Biirgerkrieg in Nigeria ein Kampf urns 01, die Er-
mordung von Christen in der Turkei Ergebnis eines fehlgeleiteten Nationa-
lismus, die Ermordung von Christen in Agypten ein allzu extremer Funda-
mentalismus, am Palastinakonflikt sind die Israelis schuld, an der Existenz
der Taliban die Sowjetunion, an Ehrenmorden von Berliner Kurden nicht
die Religion, sondern die lokale Kultur des landlichen Anatolien, an Eh-
renmorden in Agypten wiederum nicht die Religion, sondern die sozialen
Probleme Kairos, und die Aktivitat von muslimischen Terroristen in Indien,
10 Samuel Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Mun-
chen 1998, S. 415
11 Hans Kiing, Projekt Weltethos, Munchen 1990, S. 13
Die Fragestellung 41
Russland, Thailand, den Philippines GroBbritannien, Deutschland und so
weiter und so fortjeweils auflokale Gegebenheiten zuriickzufuhren, also
zum Beispiel auf Armut und Korruption in islamischen Landern oder - etwa
in GroBbritannien - auf die Kombination der Faktoren „ethnisch/religiose
Minderheit ff und „Unterschicht".
Solche Erklarungen miissen im Einzelfall nicht einmal falsch sein
(auch wenn einige der genannten es sind). Sie erklaren aber bestenfalls,
wie bestimmte Probleme im Einzelfall entstanden sind. Was sie nicht
erklaren, ist die eigentumliche Gleichformigkeit der muslimischen Re-
aktionen auf scheinbar doch ganz und gar verschiedenartige Probleme
und Konflikte: Dazu gehort die politische Aufladung einer religios defi-
nierten Gruppenidentitat, landlaufig „Islamismus" genannt. Dazu gehort
die offenkundige Unfahigkeit, Kritik am Islam bzw. an Muslimen anders
denn als Beleidigung aufzufassen. Und dazu gehort Gewaltandrohung
und -anwendung vom Ehrenmord uber den StraBenkrawall bis zum Ter-
rorismus.
Es ist, um ein Beispiel zu nennen, argumentiert worden, der tschetsche-
nische Islamismus sei lediglich ein Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrii-
ckung der Tschetschenen durch den russischen Staat; daher seien dessen
repressive Praktiken, und nicht etwa der Islam, die Ursache fur den tsche-
tschenischen Terrorismus. Der Islam tauge fur die Erklarung des Tschet-
schenienkonflikts ebenso wenig wie der Katholizismus fur die Erklarung
des Biirgerkriegs in Nordirland. Das mag so sein, verfehlt aber haarscharf
den entscheidenden Punkt:
Natiirlich gibt es iiberall auf der Welt Konflikte zwischen ethnischen
Minderheiten und Staaten, und nicht selten unterscheiden sich diese Min-
derheiten nicht nur ethnisch, sondern auch religios von der Mehrheit, ohne
dass der Konflikt deswegen eine religiose Ursache hatte; die katholischen
Nordiren etwa sind Nationalisten, keine Glaubenskrieger. Nur: Sie bleiben
das auch! Der Biirgerkrieg in Nordirland hat keinen katholischen (oder
protestantischen) Fundamentalismus mit politischem Herrschaftsanspruch
hervorgebracht.
Im Gegensatz dazu fuhren vergleichbare Konfliktlagen bei islamischen
Bevolkerungsgruppen regelmaBig dazu, dass der Islam (als Islamismus)
zur dominanten politischen Ideologie wird, die sogar ihre sakularistischen
Gegner zur Ubernahme zumindest ihres Vokabulars zu zwingen vermag.
Fur muslimische Fiihrer ist der Appell an die religiosen Leidenschaften das
48 II. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
Mittel der Wahl, wenn es politischen Zusammenhalt zu stiften und damit
i ^
Gefolgschaft zu organisieren gilt.
Zumindest zwei Schlussfolgerungen werden wir - vorerst noch in aller
Vorsicht - ziehen mussen: erstens, dass der Islam mehr als jede andere Reli-
gion als politische Ideologie taugt; zweitens, dass unter Muslimen eine Star-
ke Bereitschaft vorhanden ist, die Gemeinschaft der Muslime als primaren
Bezugspunkt ihrer politischen Loyalitat und Solidaritat anzusehen.
3. Islamismus und Nationalisms
Dabei ist dieses Konzept nicht unangefochten: Der tiirkische, arabische
bzw. panarabische, persische Nationalismus zum Beispiel ist deutlich aus-
gepragt, war im zwanzigsten Jahrhundert lange Zeit dominant und verstand
sich als sakulares Gegenprinzip zur spezifisch muslimischen Solidaritat.
Atatiirk versuchte nach besten Kraften, den Islam aus dem politischen Leben
zuriickzudrangen, der Schah propagierte den Stolz auf die alte, vorislami-
sche persische Geschichte, und zu den friihen Protagonisten des arabischen
Nationalismus gehorten auffallend viele arabische Christen - verstandlich,
denn der Nationalismus verhieB ihnen gleichberechtigte Zugehorigkeit zur
Gesellschaft, wahrend sie aus der muslimischen Umma naturgemaB ausge-
schlossen waren. 14
Was wir heute aber erleben, ist die wachsende Konvergenz zwischen Is-
lamismus und Nationalismus. Ich habe schon darauf hingewiesen, dass sa-
kulare Krafte sich zunehmend um eine islamische Legitimation - zumindest
aber um ein islamisches Mantelchen - bemiihen, wahrend umgekehrt ein
gliihender Islamist wie der iranische President Ahmadinedjad an die nati-
onalen Gefiihle seiner Landsleute mindestens ebenso haufig appelliert wie
an ihre religiose Leidenschaft. Besonders bezeichnend scheint mir aber zu
sein, dass Gewalt gegen Christen in der Turkei normalerweise nicht von
Islamisten, sondern von rechtsradikalen Nationalisten ausgeht. Auf den ers-
ten Blick ein verbliiffender Widerspruch - der sich aber erklart, wenn man
bedenkt, dass solche Nationalisten den sunnitischen Islam als Grundlage
12 Dies ist der Grund, warum die ihrem Selbstverstandnis nach sakulare palastinensische Fatah ihre Terror-
banden ausgerechnet Al-Aqsa-Martyrer-Brigaden nennt, und warum ein so unfrommer Herrscher wie Sad-
dam Hussein es fur notig hielt, „Allah akbar" auf die irakische Nationalflagge schreiben zu lassen.
vgl. z.B. Bassam Tibi, Der wahre Imam, Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart, Munchen 1998, S. 259 f.
14 vgl. auch Ernst Nolte, Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus, Berlin 2009, S. 215 f.
Islamismus und Nationalismus 49
der nationalen turkischen Identitat ansehen, iibrigens nicht erst seit dem
Aufkommen der AKP oder allgemeiner des politischen Islam, sondern be-
reits bei Griindung der Republik; schon unter Atatiirk wurde als ethnischer
Turke nur eingestuft, wer auch sunnitischer Muslim war. 15
In sich ist das vollig schliissig, denn die Turken - und erst recht die Ara-
ber - sind nicht nur in ihrer groBen Mehrheit Muslime, sondern verdanken
auch ihre historische GroBe und Bedeutung als Volker einzig und allein
ihrer islamischen Sendung. Selbst ein Christ und entschiedener Sakularist
wie Michel Aflaq, der Griinder der syrischen Baath-Partei, musste sein Ver-
standnis von arabischem Nationalismus so definieren: „Wir betrachten den
Arabismus als einen Korper, dessen Seele der Islam ist." 16
Und ein Land wie Pakistan, das sich explizit als das Land der Musli-
me des indischen Subkontinents versteht, wurde ohne den Islam iiberhaupt
nicht existieren; die Kombination von Nationalismus und Islamismus ist in
der pakistanischen Staatsidee von Beginn angelegt.
Dass die Kombination einer nationalen Idee mit einem iibernationalen
Ordnungsprinzip besondere politische Sprengkraft entfalten kann, durfte
uns Deutschen spatestens seit dem National-Sozialismus klar sein. Wenn
es heute in islamischen Gesellschaften eine wachsende Tendenz zum Nati-
onal-Islamismus gibt, so ist diese Entwicklung schon deshalb bemerkens-
wert, weil sie offensichtlich nicht aus einem politischen Masterplan resul-
tiert. Wusste Hitler sehr genau, warum er den National-Sozialismus kreierte
(wahrend andere Fiihrer der extremen Rechten schon das Wort „Sozialis-
mus" hassten), so sind muslimische Nationalisten wie auch Islamisten, die
auf Versatzstiicke aus derjeweils konkurrierenden Ideologie zuriickgreifen,
offenkundig Getriebene einer Entwicklung, die ihnen keineswegs behagt,
die sie jedenfalls nicht selbst angestoBen haben.
Wenn nun das Aufkommen des Nationalismus in der islamischen Welt
nahezu flachendeckend in eine Re-Islamisierung mundet, wahrend es in der
westlichen Welt gerade nicht zu einer Re-Christianisierung gefuhrt hat, eher
15 „... Atatiirk wollte den Prozess ethnischer Homogenisierung vollenden, der unter den Jungtiirken begon-
nen hatte. In diesem Land, ..., wo Religion Identitat schuf, musste religiose Uniformitat erreicht werden,
bevor ein modernistischer Fiihrer den Sakularismus proklamieren konnte." (Youssef Courbage/Philippe
Fargues, Christians and Jews under Islam, London 1997, S. 112; Ubersetzung von mir, M.K.-H.). Da ver-
wundert es auch nicht, dass Nichtmuslime in der Tiirkei ab 1942 einer diskriminierenden Strafsteuer unter-
worfen wurden (ebd., S. 113). Die sakularistische Tiirkei kniipfte damit an die islamische Institution der
Dschizya an, deren Bedeutung uns im IV. Kapitel beschaftigen wird.
1 ft ""
Zit. n.: ebd., S.191, Ubersetzung von mir, M.K.-H.
50 II. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
zu einer Entchristlichung, so ist dies ein erklarungsbediirftiges Phanomen,
vor allem wenn man bedenkt, dass das Christentum Europa nicht weniger
tiefgreifend gepragt hat als der Islam Vorderasien undNordafrika. Es bedarf
schon gewaltiger Phantasie, die Ursache fur diese Diskrepanz woanders zu
suchen als im spezifischen Charakter des Islam.
Womit gleichsam en passant die Frage beantwortet sein diirfte, warum
ich das Christentum nicht in gleicher Weise zur Analyse westlicher Gesell-
schaften heranziehe wie den Islam zur Deutung von muslimischen: Es gibt
einfach keine empirischen Anhaltspunkte dafur, dass die Analyse der christ-
lichen Religion zur Erklarung politischer Konflikte oder gesellschaftlicher
Missstande im Westen ahnlich viel beitragen konnte.
4. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten
Es geht ja nicht darum, eine Ideologie zu postulieren, wonach die Religion
als solche das Movens der Geschichte schlechthin sei, etwa so, wie es fur
Marx der Klassenkampf war. Trotzdem sind Religionen etwas Fundamenta-
ls: Sie pragen unsere Vorstellungen davon, was gut und bose, was gerecht
und ungerecht, was wahr und unwahr ist, welchen Sinn und welchen Wert
das Leben hat und in welchem Verhaltnis wir uns zu unseren Mitmenschen
und zur Welt insgesamt sehen. Und dabei beschrankt sich diese Wirkung
keineswegs auf besonders religiose Menschen. Die groBen Weltreligionen
hatten Jahrhunderte Zeit, die von ihnen dominierten Gesellschaften mit ih-
ren Wertvorstellungen zu durchtranken und ihre Normen durchzusetzen,
und zwar so sehr, dass sie ganz selbstverstandlich als Grundlage der so-
zialen Ordnung galten und gelten, selbst wenn man ihnen ihren religiosen
Ursprung gar nicht mehr ansieht.
Warum ist das so? Erinnern wir uns daran, dass die Moglichkeit von
Gesellschaft schlechthin auf der Stabilitat wechselseitiger Erwartungen ba-
siert. Wenn ich einem mir unbekannten Menschen begegne, so habe ich im
Prinzip keinen Anlass auszuschlieBen, dass er mich im nachsten Moment
angreift, um mir die Geldborse zu stehlen. Wiirde ich mit einem solchen
Verhalten rechnen, so ware es verniinftig, praventiv selbst anzugreifen (oder
davonzulaufen); ebenso wie es fur den Anderen rational ware, meinem des-
wegen zu erwartenden Angriff zuvorzukommen. Es wiirden also standig
gewalttatige Konflikte gewissermaBen aus dem Nichts entstehen. Wenn wir
nichts dergleichen beobachten konnen, so liegt das daran, dass man norma-
Kulturelle Selbstverstandlichkeiten 5 1
lerweise erwartet, auch von einem Unbekannten nicht angegriffen zu wer-
den, und der Unbekannte selbst die gleiche Erwartung hegt.
Ein weniger dramatisches Beispiel sind GruBformen. Wir alle kennen
die herrliche Szene aus Charlie Chaplins Film „Der groBe Diktator", wo die
Diktatoren Hitler alias Adolf Hynkel und Mussolini alias Benzino Napoloni
sich nicht einig sind, ob sie sich per Handschlag oder mit FaschistengruB
begruBen sollen, und deshalb abwechselnd Jeder gerade das versucht, was
der Andere nicht tut. Absurd und deshalb komisch wirkt die Szene, weil im
normalen Leben Einigkeit uber die angemessene GruBform besteht.
Allgemein gesprochen richtet sich unser eigenes Sozialverhalten nach
dem erwarteten Sozialverhalten Anderer, wobei in unser Erwartung skalkul
das Wissen einflieBt, dass diese Anderen ihrerseits Erwartungen bezuglich
unseres Verhaltens hegen, wobei sie ihrerseits davon ausgehen, dass dieses
Verhalten von unseren Erwartungen bezuglich ihres Verhaltens abhangt und
so fort. Es handelt sich also um eine Wechselbeziehung. Wie aber komme
ich dazu, vom Anderen, den ich nicht kenne, ein ganz bestimmtes Verhal-
ten zu erwarten? Hier kommen gesellschaftlich etablierte Normensysteme
ins Spiel: Wenn ich davon ausgehen kann, dass der Andere derselben oder
einer ahnlichen Gesellschaft entstammt wie ich selbst, dann kann ich rea-
listischerweise unterstellen, dass er sich im Wesentlichen nach demselben
Normensystem richtet wie ich.
Womit iibrigens ein erheblicher Teil der in praktisch alien Gesellschaften
verbreiteten Fremdenfeindlichkeit zu erklaren ist. Sie beruht nicht nur auf
Vorurteilen, obwohl die zweifellos eine Rolle spielen konnen, sondern ganz
wesentlich darauf, dass man ein ganz bestimmtes Vor-Urteil eben realis-
tischerweise nicht hegen kann - namlich dass sich der Andere am selben
Normensystem orientiert wie man selbst. Die daraus resultierende Erwar-
tungsunsicherheit wird als beangstigend, zumindest aber als unangenehm
empfunden.
Menschliche Gesellschaft funktioniert also nur dann, wenn die Akzep-
tanz ihrerNormen im Regelfall erwartet werden kann. Dies wiederum hangt
von einer zweiten Bedingung ab, namlich davon, dass spontan Einigkeit
dariiber erzielt werden kann, welche Norm in einer gegebenen Situation
greift. Es gilt zum Beispiel iiberall die Norm, Andere nicht zu kranken. Was
aber als Krankung gilt und was nicht, also wie eine Situation bewertet wird,
ist nicht eine Frage von Normen, sondern von Werten. Eine sachlich vorge-
tragene Kritik, die in Europa ohne weiteres akzeptiert wird, kann in Asien
52 //. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
vom Betroffenen als Gesichtsverlust empfimden und demgemaB als grobe
Beleidigung aufgefasst werden.
Normen und Werte konnen aber nur dann als Grundlage einer Gesell-
schaft dienen, wenn sie ver inner licht werden. Niemand geht mit dem Knig-
ge oder irgendeinem Gesetzbuch unter dem Arm durchs Leben, und wenn
er es tate, hatte er nicht die Zeit, im Einzelfall nachzuschlagen, was gerade
angemessen ist. Man muss schon spiiren, was gesellschaftlich akzeptiert ist
und was nicht. Mit der Verinnerlichung verschwindet zumindest ein Teil der
Normen und Werte aus dem Bewusstsein und wird zur Selbstverstdndlich-
keit. Es ist wie mit der Sprache: Man wendet ihre grammatischen Regeln
richtig an, aber man kennt sie nicht als Regeln - sofern man nicht gerade als
Lehrer oder Linguist damit zu tun hat. Wenn ein Franzose einen deutschen
Satz fehlerhaft bildet, kann ich ihm sagen, wie er richtig lauten muss, aber
ich kann ihm normalerweise nicht sagen, warum.
Dabei habe ich die Sprache als Analogie zum Normen- und Wertesystem
nicht etwa willkurlich gewahlt. Sprachliche Kommunikation ist ja ledig-
lich ein Sonderfall von zwischenmenschlichem Handeln und beruht, wenn
sie gelingen soil, auf der wechselseitig unterstellbaren Einigkeit uber die
Geltung ihrer Grammatik und die Bedeutung ihres Vokabulars, und zwar in
derselben Weise, wie nichtsprachliches soziales Verhalten auf der wechsel-
seitig unterstellbaren Einigkeit uber die Geltung von Normen und Werten
beruht.
Solche Normen und Werte stehen nicht etwa unverbunden nebeneinan-
der, sondern unterliegen einer impliziten Logik. „Implizit ff heiBt, dass diese
Logik zwar analysierbar ist, im Normalfall aber als solche unbewusst bleibt.
Ich habe bereits im ersten Kapitel „Die eigene Optik" die implizite Logik
des „politisch korrekten" und gesellschaftlich vorherrschenden Normen-
und Wertesystems analysiert; wie Sie sich erinnern, beruht dieses System
auf einer Reihe von Annahmen, die sich als absurd herausstellen, sobald
man sie explizit macht. Um aber sicher zu sein, dass ich wirklich verstanden
werde, mochte ich gerne noch ein weiteres Beispiel fur die implizite Logik
eines Normensystems anfuhren, diesmal aus dem Bereich der Erkenntnis-
theorie:
(Auch Wahrheiten, genauer: die Akzeptanz von Wahrheitsanspriichen,
unterliegen gesellschaftlichen Normen. Ob eine Behauptung als „wahr" ge-
sellschaftlich anerkannt oder als „unwahr ff zuriickgewiesen wird, hangt von
gesellschaftlich anerkannten Kriterien, sprich von Normen ab.)
Kulturelle Selbstverstandlichkeiten 5 3
Glauben Sie an Hexen? Wahrscheinlich nicht. (Wie wir gesehen haben,
ist zwar der Glaube an Schwarze Magie weiter verbreitet als uns lieb sein
kann, aber kaum jemand bekennt sich ausdriicklich dazu.) Und wahrschein-
lich wurden Sie Jeden fur verriickt erklaren, der Sie vor Hexen und ihrem
verderblichen Einfluss warnen wollte. Warum eigentlich? Haben Sie ir-
gendeinen Beweis dafur, dass es keine Hexen gibt? Und sollte Ihnen nicht
die Tatsache zu denken geben, dass jahrtausendelang praktisch alle Men-
schen an Hexerei und ahnliche ubersinnliche Phanomene geglaubt haben
und groBe Teile der Menschheit es auch heute noch tun? Waren oder sind
die derm Alle dumm?
Nein, das sind sie nicht, sie orientier(t)en sich nur an anderen gesell-
schaftlich akzeptierten Wahrheitskriterien als Sie und ich. Wir im Westen
orientieren uns an Kriterien, deren implizite Logik uns nicht oder allenfalls
verschwommen bewusst ist, sofern wir nicht gerade Philosophen sind; und
so blieb es denn dem Philosophen Karl Popper vorbehalten, die Regeln zu
entschliisseln, nach denen speziell die Wissenschaft funktioniert, die uns
Allen aber so sehr in Fleisch und Blut iibergegangen sind, dass wir sie als
Regeln des rationalen Diskurses schlechthin akzeptieren und gleichsam in-
stinktiv mehr oder minder korrekt anwenden.
Zur Hexenfrage hatte Popper gesagt, dass die Wissenschaft ihre Hypo-
thesen niemals beweisen, wohl aber falsifizieren (widerlegen) kann; dass
eine Hypothese daher nur dann als wissenschaftlich akzeptiert werden kann,
wenn sis falsifizierbar ist, das heiBt, wenn sich mindestens ein Ereignis an-
geben lasst, bei dessen Eintreten die Hypothese als falsifiziert zu gelten hatte.
Die Aussage „Es gibt keine Hexen' 1 ist falsifizierbar, denn sie ware in
dem Moment widerlegt, wo eine Hexe des Weges kame und uns etwas vor-
hexte. Die Aussage „Es gibt Hexen' 1 ist dagegen nicht falsifizierbar, denn es
gibt kein Ereignis, dessen Eintreten beweisen konnte, dass es keine Hexen
gibt. Und genau deswegen darfman die Aussage, „Es gibt Hexen", als Stuss
zuriickweisen.
Der wissenschaftstheoretisch nicht vorbelastete Normalbiirger wurde das
natiirlich so nicht formulieren, sondern viel vager argumentieren nach dem
Motto „Da konnte jajeder kommen und irgendetwas behaupten". Indem er
den Hexenglauben zuriickweist, wendet er die Regeln der rationalen Ar-
gumentation richtig an, ohne wirklich zu wissen, warum: weil die Logik,
der er folgt, eben eine implizite Logik ist, die er gelernt hat wie die Regeln
seiner Mutter sprache.
54 //. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
Ich nenne die implizite Logik, die einem Normen- und Wertesystem zu-
grunde liegt, das System der kulturellen Selbstverstandlichkeiten. Es handelt
sich mithin urn die Gesamtheit derjenigen Einstellungen, die dieses System
zusammenhalten, die deshalb von der Gesellschaft gleichsam automatisch
reproduziert werden und als gemeinsam verinnerlichte unbewusste Pramis-
sen die wechselseitigen Erwartungen von Mitgliedern einer Gesellschaft
strukturieren, und die den bewussten Denk- und Kommunikationsprozessen
vorausgehen.
5. Der Stellenwert der Religion im sozialen
Gefiige
Es sollte einleuchten, dass solche Einstellungsmuster, gerade weil sie nicht
Gegenstand bewusster Aushandlungsprozesse sind, ein deutlich langeres
Leben haben als etwa einzelne Normen und auch als diejenigen Faktoren,
denen sie ursprimglich ihre Entstehung verdanken. Welche Faktoren sind
dies? Woher kommen die Normen- und Wertesysteme, die Gesellschaften
so grundlegend pragen, dass die ihnen zugrunde liegende Logik als System
kultureller Selbstverstandlichkeiten verinnerlicht wird? Aus der Religion.
Bevor wir uns fragen, was das bedeutet, halten wir zunachst fest, was
es nicht bedeutet. Es bedeutet insbesondere nicht, dass die Religion Nor-
men- und Wertesysteme so strikt determinierte, dass es keinerlei Variatio-
nen gabe. Diese Systeme sind durchaus off en fur soziale Veranderungspro-
zesse, also fur Entwicklung, wie sie auch offen sind fur lokale, regionale,
schichtspezifische Anpassungen an praktische (politische, wirtschaftliche
usw.) Notwendigkeiten, sodass es unter den Vorgaben derselben Religion
ohne weiteres unterschiedliche Kulturen geben kann, und zwar sowohl ne-
beneinander wie nacheinender.
Was diese Entwicklungen und Anpassungsprozesse aber nicht beein-
flussen konnen (oder nur in ungleich langeren historischen Zeitraumen),
ist das System der kulturellen Selbstverstandlichkeiten, denn wir hattenja
gesehen, dass die normalerweise nicht zur gesellschaftlichen Disposition
stehen.
Das bedeutet, dass Normen- und Wertesysteme zwar variieren konnen,
dass sie aber mit diesen Selbstverstandlichkeiten kompatibel sein miissen.
Anders gesagt, determiniert die Religion nicht die Entwicklung einer Ge-
Der Stellenwert der Religion im sozialen Gefiige 55
sellschaft, wohl aber determiniert sie, welche Entwicklung diese Gesell-
schaft (bzw. ihr Normen- und Wertesystem) nicht nehmen kann.
Wer also die in der Tat vorhandene kulturelle Vielfalt innerhalb der isla-
mischen Welt als Beleg dafur anfuhrt, dass es den Islam gar nicht gebe, ver-
kennt, dass es sich bei dieser Vielfalt urn Varianten desselben Grundmodells
handelt. Sie konnen in concreto sehr weit voneinander abweichen, aber sie
konnen nicht der impliziten Logik des Islam zuwiderlaufen.
Ferner folgt daraus, dass unterschiedliche Normen- und Wertesysteme
innerhalb desselben Kulturkreises einander relativ leicht beeinflussen kon-
nen, auch wenn sie auf den ersten Blick so extrem voneinander abweichen
wie die westliche Demokratie und der spanische (Franco-)Faschismus.
Es ist doch hochst merkwurdig und erklarungsbediirftig, dass das erzka-
tholische und traditionell autoritare Spanien innerhalb von wenigen Jahren
••
den Ubergang zu einer bluhenden liberalen Demokratie geschafft hat, in
der niemand mehr die Ruckkehr des Faschismus oder gar der Inquisition
furchten muss. Dass andererseits die Tiirkei, deren kemalistische Eliten
seit achtzig Jahren mit bewundernswerter Geduld und geradezu heroischer
Zahigkeit an der Verwestlichung des Landes arbeiten, bis heute nur eine
deformierte Demokratie hervorgebracht hat, in der Menschenrechte und
Rechtsstaatlichkeit wenig gelten, in der sich das Militar schon dreimal an
die Macht geputscht hat, deren Sakularismus von der Armee buchstablich
mit aufgepflanztem Bajonett geschutzt werden muss, und die jederzeit dem
Islamismus zum Opfer fallen kann.
Nicht weniger bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der fundamenta-
listische (Hass-)Prediger auch in solchen Landern FuB fassen und Anhanger
finden, in denen bisher eine vergleichsweise liberale Interpretation des Is-
lam vorherrschte, z.B. in Indonesien.
Mit dem hier vorgeschlagenen Konzept der kulturellen Selbstverstand-
lichkeiten sind diese Phanomene ohne weiteres erklarbar: Drastische Veran-
derungen des Normen- und Wertesystems einer Gesellschaft sind moglich,
sofern das jeweils neue System auf derselben impliziten Logik aufbaut (und
das heiBt: aus demselben Kulturkreis stammt) wie das alte.
Damit wird die Unterscheidung von Kultur und Religion als zwei ge-
trennten Faktoren hinfallig, die insbesondere bei solchen Denkern beliebt
ist, die die Ursachen fur Missstande in islamischen Gesellschaften gerne
iiberall verorten mochten, nur nicht im Islam. Wenn es etwa um sogenann-
te „Ehrenmorde ff geht, argumentieren solche Denker ja gerne, solche Din-
56 II. Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
ge hatten nichts mit der Religion zu tun, sondern lediglich mit der Kultur.
Wenn man unter „Kultur" aber das Normen- und Wertesystem einer Ge-
sellschaft versteht, so lasst sie sich ohne Beriicksichtigung ihrer religiosen
Grundlagen uberhaupt nicht verstehen, iibrigens auch nicht im Westen.
••
Ahnliches gilt fur das beliebte Argumentationsmuster: „Jedes Phanomen,
das hier und da auch in nichtmuslimischen Gesellschaften zu beobachten
ist, kann nicht ursachlich auf den Islam zuriickgefiihrt werden." Dieses ein-
leuchtend klingende Argument beruht auf zwei Fehlannahmen:
Zum einen auf der Annahme, dass gleiche Wirkungen auch gleiche Ur-
sachen haben mussten. Antisemitismus zum Beispiel gibt es in islamischen
wie in westlichen Gesellschaften; wir werden aber noch sehen, dass der is-
lamische Antisemitismus sich vom westlichen in mancher Hinsicht deutlich
unterscheidet.
Die zweite Fehlannahme lautet, dass die Existenz eines sozialen Pha-
nomens bereits dann „erklart" sei, wenn man seine historischen Ursachen
erforscht habe. Unter dieser Pramisse hatte beispielsweise die Existenz pa-
triarchalischer Gesellschaftsstrukturen in der Tat nichts mit dem Islam zu
tun; solche Strukturen gibt es weltweit, und der Islam diirfte sie bei seiner
Entstehung bereits vorgefunden haben. Nur sind soziale Strukturen nichts
Gegenstandliches, also nichts, was, einmal entstanden, automatisch fort-
existiert, bis es verfallt oder zerstort wird. Vielmehr werden sie von der
Gesellschaft fortlaufend reproduziert. Wie und warum bestimmte Sozial-
strukturen historisch entstanden sind, ist daher fur den Soziologen wesent-
lich weniger interessant als fur den Historiker: Will man ihre Fortexistenz
erklaren, so kann man sich nicht mit der Analyse ihrer historischen Genese
begniigen. Vielmehr gilt es die Mechanismen aufzudecken, denen sie ihre
fortlaufende Reproduktion verdanken.
So betrachtet, verschrankt sich die Frage nach der Ursache eines sozialen
Phanomens untrennbar mit der nach seiner Funktion. Was leisten bestimmte
Mentalitaten - als die subjektive Seite des Normen- und Wertesystems - fur
die Aufrechterhaltung des sozialen Gefuges einer bestimmten Gesellschaft,
und: Gehoren sie zum indisponiblen Kern, zur impliziten Logik, zu den
kulturellen Selbstverstandlichkeiten, deren Infragestellung gleichbedeutend
ware mit der Infragestellung der Gesellschaft uberhaupt?
Ich werde noch zeigen, dass solche Fragen selbst im Hinblick auf an
und fur sich ahnliche Phanomene hochst unterschiedlich zu beantworten
sind, je nach dem, ob sie in einem christlichen bzw. westlichen oder einem
Der Stellenwert der Religion im sozialen Gefiige 57
islamischen Kontext auftauchen. Furs Erste sei jedenfalls die Fragestellung
umrissen, der wir in den folgenden Kapiteln nachgehen werden: Welches
ist die implizite Logik eines islamischen Normen- und Wertesystems im
Unterschied und Gegensatz zu einem christlichen?
Dabei folgt die Analyse nicht einer theologischen, sondern einer soziolo-
gischen Fragestellung: Was sind die Grundziige eines Weltbildes, das vom
Islam gepragt ist? Und was bedeutet es, wenn ein solches Weltbild gesell-
schaftlich verbindlich ist?
Was man mithilfe der folgenden Korananalyse gewinnt, ist zunachst
nicht mehr als ein theoretisches Konstrukt, also die Antwort auf die Fra-
ge: Angenommen, die Mentalitat muslimischer Gesellschaften (ihr System
kultureller Selbstverstandlichkeiten) beruhte ausschlieBlich auf dem Koran,
wie sahe diese Mentalitat dann aus? Dass sie tatsachlich existiert und sozial
verbindlich ist, lasst sich mithilfe der bloBen Textanalyse selbstverstandlich
nicht beweisen. Es gilt also, in einem zweiten Schritt zu iiberpriifen, ob die
theoretisch zu erwartende Mentalitat sich auch empirisch nachweisen lasst.
Damit ist nicht behauptet, dass die Religion der einzige Faktor sei, der
die Kollektivmentalitat beeinflussen wurde. Es ware ganz sinnlos und auch
irrefuhrend, so zu tun, als spielte die historische Entwicklung islamischer
Gesellschaften keine Rolle fur die Art und Weise, in der der Islam jeweils
konkret ausgeformt wurde. Wer sich etwa mit dem schiitischen Islam be-
schaftigt (was ich hier nicht tun werde), wird der Tatsache Rechnung tragen
mussen, dass gerade die Schia uber Jahrhunderte hinweg eine verfolgte
Minderheit war und zum Teil heute noch ist. Ebenso spielt eine Rolle, ob
die Islamisierung der heute muslimischen Gesellschaften auf dem klassi-
schen Weg erfolgte (Muslime ubernehmen als Minderheit die politische
Herrschaft und setzen die sozialen Spielregeln dann so, dass alle anderen
Religionsgemeinschaften nach und nach verschwinden), oder, wie zum
Beispiel in Teilen Siidostasiens, durch die Laienmission muslimischer
Kaufleute. In solchen Gesellschaften haben vor- und nichtislamische Nor-
men- und Wertesysteme offenbar eine erheblich groBere Uberlebenschance
- was freilich am Radikalisierungs^ote^z/a/ auch des dortigen Islam nichts
andert.
Dort aber, wo man feststellen muss, dass die empirisch beobachtbare
Mentalitat muslimischer Gesellschaften (und Parallelgesellschaften) nahe-
zu liickenlos mit der ubereinstimmt, die aufgrund der Korananalyse theore-
tisch postuliert werden muss, fiihrt an der Annahme eines kausalen Zusam-
58 // Kulturelle Selbstverstandlichkeiten und Religion
menhangs praktisch kein Weg vorbei; zumindest miisste die Vermutung,
eine solche Koinzidenz sei rein zufalliger Natur, als unplausibel gelten.
III. Der Koran: Eine Themenanalyse
1. Die Bedeutung des Korans fur die islamische
Zivilisation
Wer vom Islam spricht, muss vom Koran sprechen. Das klingt banal, hat
aber weitreichende Implikationen. Viele, die gern von sich auf Andere
schlieBen, glauben ja, der Koran sei im Wesentlichen der Bibel vergleich-
bar, und dies sowohl im Hinblick auf seine theologisch-moralischen Inten-
tionen als auch auf seine gesellschaftliche Bedeutung.
Sie nehmen ihr eigenes Christentum nicht sonderlich ernst und tendieren
zu der Auffassung, ihre eigenen politischen und sozialethischen Vorstellun-
••
gen entsprangen vor allem verniinftiger Uberlegung. Dass sie von christli-
chen Werten und Wertungen durchtrankt sein konnten, wiirden solche Men-
schen weit von sich weisen. (Tatsachlich ist genau dies der Fall, und ich
werde an anderer Stelle noch darauf zu sprechen kommen.)
Dementsprechend glauben sie, dass Muslime nicht wesentlich anders
denken als sie selbst. SchlieBlich sind auch Muslime vernunftbegabte Men-
schen. Sie werden sich daher nach ihrer Vernunft und ihren Interessen rich-
ten - oder was man im Westen dafur halt -, nicht etwa nach einem 1400
Jahre alten Text, den viele von ihnen zudem - mangels Arabischkenntnissen
- allenfalls bruchstiickhaft kennen, und sich im Falle von Meinungsver-
schiedenheiten rationalen Argumenten nicht verschlieBen. Unglucklicher-
weise liegt dieser Auffassung unser westliches Verstandnis von Begriffen
wie „rational ff und „Interesse ?f zugrunde. Rational ist fur uns ein Argument
dann, wenn es nicht auf religiosen Pramissen fuBt, ein Interesse haben wir
an Allem, was uns ein besseres Leben verschafft. Der Hinweis, dass Mus-
lime diese Annahmen umso weniger teilen, je frommer sie sind, wird von
westlichen Liberalen oft als islamophob bzw. rassistisch abgetan - so als
wurde Muslimen damit die Fahigkeit zur Vernunft abgesprochen.
Tatsachlich ist davon aber gar nicht die Rede: Wer den Islam fur die ein-
zig wahre Religion halt, wer gar glaubt, der Tod im Kampf gegen die Un-
glaubigen sei der sicherste Weg ins Paradies, handelt keineswegs irrational,
wenn er andere Religionen bekampft und dabei auch den eigenen Tod in
60 III, Der Koran
Kauf nimmt. Der Islam als solcher mag von auBen betrachtet irrational sein
- bis zu einem gewissen Grade gilt das furjede Religion seine Anhanger
sind es normalerweise nicht.
Wer die Bedeutung des Korans angemessen beurteilen will, sollte sich
eines klarmachen: Fiir Muslime ist Gott der Autor des Korans, nicht etwa
dessen Thema (in dem Sinne, wie er Thema der Bibel ist.) Der Koran ist die
Grundlage der islamischen Zivilisation. Er ist in einer Weise sozial verbind-
lich, wie es die Bibel niemals war, nicht einmal im Mittelalter, und er ist
die Basis des gesamten dort vorherrschenden Weltverstandnisses. Nahezu
jeder Muslim, den man danach fragt - und nicht etwa nur Extremisten und
Fanatiker, sondern durchaus auch liberale Muslime -, wird die Heiligkeit
und Unantastbarkeit des Korans als des Wortes Gottes bekraftigen.
Der Islam ist weitaus mehr als bloB eine Religion, die sich mit den Letz-
ten Dingen befasst und sich als Privatsache behandeln lieBe: Er ist ein um-
fassendes soziales System, und zwar seinem Selbstverstandnis nach, nicht
nur aus der Sicht seiner Kritiker. Man versteht dieses System nicht, wenn
man den Koran als ehrwiirdige Erbauungsschrift aus langst vergangener
Zeit auffasst. Der Koran ist aktuell, solange der Islam existiert, und Moham-
med, der ihn verkundete, ist nicht einfach eine bloB historische Figur: Er ist
fur eineinhalb Milliarden Muslime weltweit der Inbegriffdes vorbildlichen
Menschen. Und damit unser Zeitgenosse. Die Entstehung des Korans ist
mit der Biographie des Propheten so eng verkniipft, dass er unabhangig von
dieser nicht zu verstehen ist.
2. Die Biographie des Propheten Mohammed und
die Entstehung des Korans
17
Mohammeds Leben gliedert sich in drei deutlich unterscheidbare Phasen:
Bis zu seinem religiosen Erweckungserlebnis im Jahre 610 christlicher
Zeitrechnung lebte er als Kaufmann und Karawanenfuhrer in Mekka. Es gilt
als wahrscheinlich, dass er auf seinen Reisen Bekanntschaften mit Christen
17 Grundlegend vor allem fiir die muslimische Sicht auf Mohammed und auch heute noch lesenswert die
klassische Prophetenbiographie von Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, Wiesbaden 2004; eine knappe
Einfuhrung liefert Hartmut Bobzin, Mohammed, Miinchen 2000; aus islamkritischer Perspektive Robert
Spencer, The Truth about Muhammad: Founder of the World's Most Intolerant Religion, Washington D.C.
2006
Die Biographie des Propheten Mohammed und die Entstehung des Korans 61
und Juden gemacht hat und sich dabei auch Kenntnisse der Bibel aneignete,
wenn auch nur oberflachliche.
Von 610 bis 622 predigte er in Mekka das, was ihm in ekstatischen Visio-
nen eingegeben worden war; Mohammed hatte nach Uberwindung anfang-
licher Unsicherheit keinen Zweifel daran, dass diese Visionen unmittelbar
von Gott stammten. Seine Anhangerschaft beschrankte sich in den ersten
drei Jahren auf den allerengsten Familienkreis, bevor er den Schritt an die
■■
Offentlichkeit wagte. In der Folgezeit sammelte er eine kleine, langsam
aber stetig wachsende Schar von Jungern um sich, die seine Offenbarungen
memorierten, vielfach auch schon schriftlich aufzeichneten. 18
Die Sammlung dieser Offenbarungen kennen wir heute als den Koran.
An dieser Stelle scheint es angebracht, die hier verwendete Terminologie zu
erlautern: Wenn ich hier von „Offenbarungen ?f spreche, so treffe ich damit
keine Aussage dariiber, ob diese Offenbarungen tatsachlich von Gott stam-
men; ich lehne mich lediglich an die islamische Begrifflichkeit an. Entspre-
chendes gilt fur den Begriff „Prophet". Das Wort „Allah ff kommt von Al-
Ilah - der Gott schlechthin - und kann grundsatzlich synonym fur „Gott"
verwendet werden; im vorliegenden Buch gebrauche ich das Wort „Allah ff
normalerweise dort, wo es zu unterstreichen gilt, dass hier spezifisch islami-
sche Vorstellungen referiert werden.
Man kann sich die Skepsis und den Spott der Mekkaner leicht ausmalen:
Bis dahin hatten sie Mohammed als niichternen und erfolgreichen Kauf-
mann gekannt, nun wollte er quasi von heute auf morgen ein Prophet ge-
worden sein, ein Gesandter Gottes! Nicht genug damit, dass er flammende
Predigten hielt: Er wollte diese Predigten auch noch als Allahs eigenes Wort
verstanden wissen!
Mohammed geriet schnell in den Ruf, leicht verschroben, wenn nicht
gar ein Scharlatan zu sein, und musste Hohn und Beleidigungen liber sich
ergehen lassen.
(Einem Hadith zufolge, das ist eine Uberlieferung aus dem Leben des
Propheten, fanden sich beispielsweise eines Tages einige SpaBvogel, die
ihm die Nachgeburt einer Kamelstute zwischen die Schulterblatter legten,
als er zum Gebet niedergeworfen war.) 19
18 Zur Entstehungsgeschichte und Struktur des Korans vgl. die geraffte und fur Laien geschriebene Einfuh-
rung von Hartmut Bobzin, Der Koran. Eine Einfuhrung, Munchen 2007
19 Sahih al-Buhari, Nachrichten von den Taten und Ausspriichen des Propheten Muhammad, Stuttgart 1991,
IV 25, S.71 f.
62 III. Der Koran
Je mehr aber seine Gemeinde wuchs, desto mehr avancierte er vom
belachelten Eiferer zur offentlichen Gefahr, jedenfalls in den Augen des
mekkanischen Establishments. Sein strikter Monotheismus war namlich
ausgesprochen geschaftsschadigend: Mekka verdiente viel Geld mit dem
Pilgertourismus zur Ka'aba, die damals noch ein heidnisches Heiligtum
war. Da konnte man keinen Propheten brauchen, der den frommen Pilgern
die Wallfahrt verdarb indem er ihre frohliche Vielgotterei als teuflischen
Aberglauben geiBelte.
Die junge Sekte - es durften kaum mehr als hundert Personen gewesen
sein - sah sich aufgrund der immer aggressiveren Anfeindungen zur Flucht
nach Yathrib, dem spateren Medina, genotigt. Man schrieb das Jahr 622.
Diese Hidschra (= Auswanderung), mit der die dritte und letzte Phase im
Leben Mohammeds beginnt, ist die eigentliche Stunde Null des Islam, und
erst mit ihr setzt folgerichtig auch der islamische Kalender ein. In Medina
namlich konstituiert sich der Islam als politisches Gemeinwesen.
Nun wird aus dem Religionsstifter ein Politiker, der mit seinen Gegnern
und denen des neuen Glaubens kurzen Prozess macht. Etwa mit den beiden
jiidischen Stammen Medinas, deren Rabbiner ihn wegen seiner mangelhaf-
ten Bibelkenntnisse verhohnen: Der eine Stamm wird vertrieben, der andere
ausgerottet.
Der Prophet hat es jetzt namlich nicht mehr no tig, sich verspotten zu
lassen: Wer das jetzt tut, stirbt. (Und besagter Hadith vermerkt voll Ge-
nugtuung, dass Abu Dschahl und die fiinf anderen Witzbolde - die mit der
Nachgeburt der Kamelstute - in der Schlacht bei Badr im Jahre 624 urns
Leben kamen.) In den zehn Jahren bis zu seinem Tode 632 fiihrt der Prophet
nicht weniger als 27 Feldziige, in deren Verlauf nicht nur Mekka zuriicker-
obert (und die Ka'aba „gereinigt ?f , d.h. Allah geweiht), sondern die gesamte
arabische Halbinsel unterworfen wird. Und auch in dieser dritten, der medi-
nensischen Phase empfangt der Prophet Offenbarungen, die aufbewahrt und
spater im Koran kanonisiert werden.
3. Themenanalyse
Die 1 14 Suren des Korans sind weder chronologisch noch thematisch ge-
ordnet: Nach der ersten kurzen Sure „A1-Fatiha" (die Eroffnende), die man
oft mit dem Vaterunser verglichen hat, folgt mit Sure 2 („A1-Baqara" — die
Themenanalyse 63
Kuh) die langste Sure, wahrend die nachfolgenden der Tendenz nach immer
kiirzer werden (aber eben nur der Tendenz nach; es handelt sich nicht etwa
urn ein konsequent durchgehaltenes Ordnungsprinzip).
Zwar ist fur jede Sure angegeben, ob sie in Mekka (90 Suren) oder in Me-
■•
dina (24 Suren) offenbart wurde, im Ubrigen aber hatte die Koranforschung
einige Miihe, die ursprimgliche Reihenfolge der Offenbarungen zu rekonst-
••
ruieren: Die islamische Uberlieferung lieferte zwar wichtige Anhaltspunkte,
erwies sich aber als nicht vollig zuverlassig.
Verlasst man sich auf die Chronologie des bedeutenden deutschen Ko-
ranforschers Theodor Noldeke (1836-1930), 20 die in der Wissenschaft als
Standard gilt, und liest die einzelnen Suren in dieser Reihenfolge — immer
mit dem historischen Kontext im Kopf so erlebt man fasziniert, wie
sich zuerst die psychische, dann die politische Biographie des Propheten
als islamische Theologie entfaltet. Wie sich also zuerst Mohammeds Per-
sonlichkeit, dann die Imperative seiner Machtpolitik zur Religion verdich-
ten.
Ublicherweise arten Diskussionen liber islamische Glaubensinhalte in
quasi scholastische Zitatenschlachten aus, bei denen sowohl Kritiker als
auch Verteidiger des Islam mit den immer gleichen, aus dem Zusammen-
hang gerissenen Koranzitaten argumentieren, und ich glaube nicht, dass
man beide Hande braucht, um diese Zitate an den Fingern abzuzahlen. Der
Eindruck, der dabei beim Publikum zwangslaufig entstehen muss, ist der,
dass man den Koran offenbar so oder so auslegen konne, und dass es - ahn-
lich wie im Christentum - neben den fundamentalistischen auch liberate
Auslegungsmoglichkeiten gebe.
Bis zu einem gewissen Grade ist dies auch der Fall. Das Verschleierungs-
gebot zum Beispiel lasst vom locker gebundenen Kopftuch uber den Tscha-
dor und den Gesichtsschleier bis hin zur Burka einen gewissen Auslegungs-
spielraum, und es gibt sogar besonders kuhne islamische Exegeten, die der
Meinung sind, die entsprechende Vorschrift enthalte bloB das Verbot be-
sonders aufreizender Kleidung. Mit unseren westlichen Vorstellungen von
Liberalitat hat aber auch die liberalste Auslegung insofern nichts zu tun, als
auch diese darauf beharren muss, dass es hier iiberhaupt etwas auszulegen
gibt; dass also die angemessene Kleidung fur Frauen nicht in deren Gutdun-
ken steht, sondern gottgefallig zu sein hat.
90
vgl. Bobzin, Der Koran, a.a.O., S. 123
64 ///. Der Koran
Solchen impliziten Wertvorstellungen kommt man auf die Spur, wenn
man nicht die einzelnen Aussagen des Korans analysiert, also Exegese im
herkommlichen Sinne treibt, sondern sich fragt, welche Themen im Koran
eine Rolle spielen, wie diese Themen rein quantitativ gewichtet werden,
und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. (Das Wort „Thema" wird
hier ubrigens im erweiterten Sinne verstanden und bezeichnet sowohl den
Gegenstand koranischer Aussagen als auch die Leitideen, mit denen derje-
weilige Gegenstand behandelt wird.)
Man erkennt dann, welche Bereiche des menschlichen Lebens wie inten-
siv religios besetzt werden, welche Gedanken zentral und welche peripher
sind, wie die koranische Theologie strukturiert ist, und welche Annahmen
ihr implizit, und das heiBt: unausgesprochen, zugrunde liegen:
Wenn beispielsweise einerseits nur wenige Verse sich respektvoll gegen-
uber Andersglaubigen auBern, andererseits aber die „Unglaubigen" Hun-
derte Mai wust verflucht werden, und zwar nach islamischem Glauben von
Allah selbst, dann legt zumindest der Tenor eines solchen Textes nahe, dass
Intoleranz gottgefallig sei.
Oder wenn „Allah" eine ganze Sure (Nr. 8) der Verteilung der Beute aus
Raub- und Kriegsziigen widmet, so bedeutet dies implizit, dass solche Ziige
nicht verwerflich seien, jedenfalls vom religiosen Standpunkt nicht a priori.
Mithilfe dieser Themenanalyse werden wir das Grundgeriist der islami-
schen Religion erarbeiten, das heiBt diejenigen, zum Teil unausgesproche-
nen Leitideen identifizieren, ohne die das islamische Gedankengebaude in
sich zusammenstiirzen miisste, und wir werden untersuchen, welche Kon-
sequenzen es haben muss, wenn gerade diese Ideen von einer Gesellschaft
als kulturelle Selbstverstandlichkeiten verinnerlicht werden.
Dabei werde ich der Tatsache Rechnung tragen, dass der Mohammed der
medinensischen Zeit als politischer und militarischer Fuhrer in einer ande-
ren Situation lebte als in Mekka, wo er lediglich religiose Autoritat ausgeiibt
hatte, und auch dies nur gegeniiber seinen Anhangern.
In den medinensischen Suren bilden daher die Themen Krieg, Zivilrecht,
iiberhaupt weltliche Gesetzgebung 5 und die Beziehungen zu anderen Religi-
onen einen deutlichen Schwerpunkt, der in den Suren aus der mekkanischen
Periode naturgemaB allenfalls am Rande, wenn iiberhaupt vorkommt.
Da die besonders skandalosen Koranzitate, insbesondere die, in denen
zum bewaffneten Kampf gegen die „Unglaubigen" und zu ihrer Unterdrii-
ckung aufgerufen wird, fast alle aus der medinensischen Zeit stammen, ha-
Themenanalyse 65
ben findige Islamapologeten, aber audi ernsthafte Reformer, die Denkfigur
entwickelt, solche Verse stellten bloB eine Anpassung des Propheten an
die damals aktuelle politische Situation dar. Mit dem „eigentlichen Islam' 1 ,
sprich dessen theologischem Kern hatten sie aber nichts zu tun.
Es gibt nicht viele islamische Theologen (aber immerhin: Es gibt sie.),
die sich an einem „Reform-Islam" versuchen. Deren Anstrengungen laufen
darauf hinaus, den Koran historisch-kritisch zu lesen und den dauerhaften
(als moralisch-spirituell gedachten) „Kern ff der islamischen Lehre vom
scheinbar historisch Relativen zu trennen, um dadurch den Dschihad - im
Sinne des Kampfes um die Ausbreitung des Islam auf Kosten anderer Reli-
gionen - aus dem Islam herauszudefinieren.
Demgegeniiber vertrete ich die These, dass die militante Feindseligkeit
gegen Andersglaubige in der theologischen Tiefenstruktur des Islam veran-
kert ist, ja dass man den Islam am besten versteht, wenn man ihn als ein
Dschihadsystem interpretiert; dass wir es hier also nicht mit einem religio-
sen Kern zu tun haben, der sich von „zufallig" hineingeratenen politischen
Postulaten trennen lieBe; und dass die stark politische Akzentsetzung der
medinensischen Suren vollig konsistent mit den bereits in Mekka entwickel-
ten theologischen Pramissen ist. Einen politisch korrekten, toleranten und
demokratischen „Reform-Islam ff oder „Euro-Islam" 21 kann es nach dieser
Auffassung zwar geben: als individuelle Rechtfertigungsideologie fur solche
Muslime, die mit dem Islam nicht direkt brechen, aber ihre eigene westliche
Lebensweise subjektiv legitimieren wollen. Er ware aber in sich so inkonsis-
tent, dass er nicht die Chance hatte, zur Mehrheitsoption innerhalb muslimi-
scher Gesellschaften - oder auch Parallelgesellschaften - zu werden.
Falls diese Auffassung zutrifft, miissten sich die problematischen Seiten
des Islam bereits in den mekkanischen Suren zeigen. Aus diesem Grunde
99
analysiere ich den mekkanischen und den medinensischen Koran getrennt.
91
Dies schwebt zum Beispiel Bassam Tibi vor, vgl. Bassam Tibi, Der Islam und Deutschland. Muslime in
Deutschland, Mimchen 2000, S. 257 ff.
99
Fur die Darstellung habe ich die Koranubersetzung von Max Henning ausgewahlt (Henning, Max, Der
Koran, Stuttgart 1991), zum einen wegen ihrer kraftvollen und lebendigen Sprache, zum anderen weil sie
von der inzwischen verstorbenen fuhrenden deutschen Islamkundlerin Annemarie Schimmel als die „aner-
kannte und viel benutzte vertrauenswiirdige Ubersetzung Max Hennings, die auch von einem der fuhrenden
islamischen Spezialisten, Prof. Dr. M. Hamidullah (Istanbul/Paris), als die beste deutsche Ubersetzung des
Korans angesehen wurde" (ebd., S. 5) ein Giitesiegel bekommen hat. Von derselben Annemarie Schimmel,
die so islamophil war, dass sie sogar noch fur Khomeinis Todesurteil gegen den „Gotteslasterer" Salman
Rushdie um Verstandnis warb. Ich kann also guten Gewissens davon ausgehen, dass die Ubersetzung keine
islamfeindlichen Verzerrungen enthalt, auch wenn sie - der Pragnanz ihrer Sprache wegen - heutigen Islam-
Apologeten peinlich sein mag.
66 III. Der Koran
3.1. Der mekkanische Koran
3.1.1. Themen
Es sind relativ wenige Themen, die im Koran eine zentrale Rolle spielen. Da
der Prophet durch haufige, oft wortgleiche Wiederholungen deutlich macht,
welche Themen zentral sind und welche nicht, lassen sich die thematischen
Schwerpunkte leicht identifizieren:
3.1.1.1 Einheit Gottes, Polemik gegen Christen und Juden
Die Einheit Gottes und das Verbot, ihm „etwas zur Seite zu stellen", ist
fur einen in heidnischer Umgebung predigenden Propheten naturgemaB ein
wichtiges Thema. Zu beachten ist, dass diese Predigt sich nicht nur gegen
den eigentlichen Polytheismus richtet, sondern gegen alles, was die Einzig-
keit Gottes auch nur irgendwie relativieren konnte. Allah hat also nicht nur
keine Tochter, wie zum Beispiel in Sure 53 gegen die Mekkaner hervor-
gehoben wird, er hat auch keinen Sohn - ein Gedanke, der in der Polemik
gegen das Christentum eine wichtige Rolle spielt.
3.1.1.2 Allmacht und Allwissenheit Allahs, Predestination
Zu den Leitmotiven der koranischen Theologie gehort der Satz „Allah leitet
recht, wen er will, und fuhrt in die Irre, wen er will". Er enthalt die Ableh-
nung der menschlichen Willensfreiheit. Allah hat bereits beschlossen, wen
er in Paradies bzw. Holle fiihren will; der Koran verficht das Konzept der
strengen Predestination.
Es ist dies die zwingende Konsequenz aus dem koranischen Menschenbild;
der Gedanke, der Mensch sei Gottes Ebenbild - und daher mit einem freien
Willen begabt -, ist dem Islam fremd. Nichts, absolut gar nichts, darf die All-
macht Allahs in Frage stellen. Der Mensch ist Geschopf und sonst nichts. Er
tut, was er tut, auf GeheiB Allahs - auch das Bose. Bestraft wird er trotzdem.
3.1.1.3 Lohn fiir die Glaubigen, Strafe fiir die Unglaubigen
Dass die Glaubigen (spatestens) im Paradies belohnt, die Unglaubigen aber
(spatestens) in der Holle bestraft werden, ist eines der Hauptthemen, wenn
nicht gar das Hauptthema des Korans. Es gibt nur ganz wenige Suren, in
denen dieser Gedanke nicht einen Schwerpunkt bildet, und fast keine, in der
er vollig fehlt. Einige Beispiele:
Themenanalyse 67
Bereits Sure 96, die als erste offenbart wurde, droht einem „Unglaubi-
gen", der Mohammed am Beten hindern wollte und ihn „der Luge zieh"
(V.13) mit dem Hollenfeuer (V. 6-19). Man vermutet, dass Mohammed eine
konkrete Einzelperson im Auge hatte - vielleicht denselben Abu Dschahl,
den wir schon aus der Geschichte mit der Nachgeburt kennen, jedenfalls
einen wohlhabenden (,Wenn ersieh in Reichtum sieht..." V.7), wahrschein-
lich machtigen („So rufe er seine Schar", V.17) Mann, dem gegeniiber sich
Mohammed aber mit Allah im Rucken in der starkeren Position weiB („ Wir
werden die Hollenwache rufen", V.18).
In der nachsten Sure (74; Manche vermuten, dass sie, und nicht Sure
96, als erste offenbart worden sei) geht es wieder um einen konkreten
Einzelnen, der sich Allah gegeniiber undankbar zeigt (,dem ich reiches
Gut verlieh S. 12) und - dies vor allem - Mohammeds Predigt ablehnt
(„...er ist widerspenstig gegen Unsere Zeichen", V.16) und an seine Sen-
dung nicht glaubt (,Und sprach: ,Das ist nur eine Zaubergeschichte / Das
ist nur Menschenwort'", Vers 24 f.). Jetzt wird die Strafe schon konkreter:
„ (26) Brennen will ich ihn lass en im Hollenfeuer.
(27) Und was lehrt dich, was das Hollenfeuer?
(28) Nicht lasst es iibrig und nicht verschont es,
(29) Schwarzend das Fleisch. "
Die nachste Sure 111 gilt Mohammeds Onkel Abu Lahab und seiner
Frau, die beide nicht an Mohammeds gottliche Sendung glauben. Was ihnen
droht? Wir ahnen es bereits:
/
„ (I) Verderben uber die HdndeAbu Lahabs und Verderben uber ihm
(2) Nicht soil ihm niitzen sein Gut undsein Gewinn.
(3) Brennen soil er im Feuer, im lohenden,
(4) Wahr end sein Weib das Holz tragt,
(5) Mit einem Strick von Palmenfasern um ihren Hals. "
(Ein Psychologe wurde solch exzessive Racheschwure moglicherweise
als hochst menschliche Reaktion auf eine narzisstische Krankung interpre-
tieren; den Koran unter psychologischen Gesichtspunkten zu analysieren
ware zweifellos eine reizvolle Aufgabe, die aber hier nicht geleistet werden
kann.)
In den meisten Fallen werden die Strafe der Unglaubigen und der Lohn
fur die Glaubigen im selben Zusammenhang behandelt und einander gegen-
68 III Der Koran
iibergestellt. Sehr gerne wird der Prophet auch ein wenig konkreter, zum
Beispiel in Sure 88:
„ (2) Die einen Gesichter werden anjenem Tage [des Jungsten Gerichts,
M.K.-H.] niedergeschlagen sein,
(3) Sich abarbeitend undplagend,
(4) Brennend an glilhendem Feuer,
(5) Getrdnkt aus einer siedenden Quelle.
(6) Keine Speise sollen sie erhalten aufier vom Dariastrauch,
(7) Der nichtfett macht und den Hunger nicht stillt,
(8) Die andern Gesichter werden anjenem Tagefrohlich sein,
(9) Zufrieden mit ihrer Muhe (aufErden),
(10) In hohem Garten,
(11) In dem sie kein Geschwatz horen,
(12) In ihm ist eine stromende Quelle,
(13) In ihm sind erhohte Bolster
(14) Und hinges tellte Becher
(15) Und aufgereihte Kiss en
(1 6) Und ausgebreitete Teppiche. "
Oder Sure 42:
,,(16) Vor ihm liegt Dschahannam [die Holle, M.K.-H.], und getrdnkt
soil er werden mit Eiterfluss.
(1 7) Er soil ihn hinunterschlucken und kaum unter die Gurgel bringen,
und kommen soil der Tod zu ihm von alien Seiten, ohne dass er sterben
konnte; und vor ihm ist harte Strafe. "
3.1.1.4 Straflegenden und biblisches Material
Dass die Strafe Allahs aber keine reinjenseitige Angelegenheit zu sein
braucht, sondern auch im Diesseits beginnen kann, zeigt der Prophet mit-
hilfe der Straflegenden, eines in vielen Suren vorkommenden Motivs. Zwei
Beispiele:
Aus Sure 91:
,,(11) Der Luge zieh Thamud (ihren Gesandten) in ihrem Frevelmut,
(12) Als sich der elendeste Wicht unter ihnen erhob
(13) Und der Gesandte Allahs zu ihnen sprach: ,(Dies ist) die Kamelin
Allahs und ihre Trdnke. '
Themenanalyse 69
(14) Sie aber Ziehen ihn der Luge undzerschnitten ihr die Flechsen, und
so vertilgte sie ihr Herr ob ihrer Sunde und verfuhr gegen alle gleich.
(15) Und erfurchtet nicht die Folgen davon. "
Das altarabische Volk der Thamud wies also die Botschaft eines Gottes-
gesandten als Luge zuruck und wurde deswegen von Allah vernichtet. Hier
erreicht der Koran in doppelter Hinsicht eine neue Qualitat: einmal, indem
Allahs Rache nun auch im Diesseits vollstreckt werden kann - nicht nur in
der Holle -, zum anderen, indem erstmals nicht Einzelpersonen, auch nicht
eine Vielzahl davon, sondern ein ganzes Kollektiv der Rache Allahs zum
Opfer fallt.
Verarbeitet der Koran in Sure 91 eine altarabische Uberlieferung, so lie-
fert Sure 71 ein Beispiel fur eine Straflegende, die aufbiblisches Material
zuriickgreift: Hauptperson istNoah, der seinem Volk die Botschaft von dem
einen Gott und dem Jungsten Gericht predigt; das Volk weist die Botschaft
zuruck und wird bestraft.
„ (25) Wegen ihrer Siinden wurden sie ersduft und ins Feuer gefiihrt, und
siefanden keine Heifer wider Allah.
(26) Und es sprach Noah: Mein Herr, lass keinen der Unglaubigen auf
Erden,
(27) Siehe, wenn Du sie ubriglassest, so werden sie Deine Diener irre-
fiihren und werden nur Sunder und Unglaubige zeugen.
(28) Mein Herr f verzeihe mir und meinen Eltern undjedem Glaubigen,
der mein Haus betritt, und den glaubigen Mannern undFrauen. Undmehre
allein der Ungerechten Verderben. "
(Diese Verse aus Sure 71 stellen ein typisches Beispiel fur den wenig
menschenfreundlich anmutenden Geist dar, der aus fastjeder Sure spricht;
sie sind nicht etwa eine Ausnahme, die ich zum Zwecke der Polemik he-
rausgepickt hatte.)
Die Straflegende basiert auf immer derselben Wendung: Ein Gesand-
ter Gottes kommt zu seinem Volk, verkundet die Botschaft von dem ei-
nen Schopfergott und warnt vor dem Jungsten Gericht; das Volk weist die
Botschaft zuruck und wird von Allah bestraft. Es geht also darum, histo-
rische - oder fur historisch gehaltene - Begebenheiten zu zitieren, um zu
zeigen, dass Allah Volker vernichtet, die seine Botschaften zuriickweisen.
Unverkennbar, dass Mohammed, insbesondere indem er biblische Gestal-
ten als seine eigenen Vorlaufer deutet, hier das vorhandene biblische und
auBerbiblische Material konsequent nach einem Schema manipuliert, das
70 ///. Der Koran
aufniemand anderen hindeuten soil als auf ihn selbst. Die Moral von der
Geschicht': Wer Mohammed ablehnt, spielt mit seinem Leben - und mit
dem seines Volkes.
•• ••
Uberhaupt bedient sich Mohammed oft und gerne der biblischen Uberlie-
ferung - der er freilich stets eine besondere Wendung gibt. Die Bibel liefert
ihm nicht nur den Rohstoff fur Straflegenden, sondern auch zur islamischen
Umdeutung christlicher und judischer Uberlieferungen. Die Geschichte der
Vertreibung aus dem Paradies zum Beispiel, nacherzahlt in Sure 20, enthalt
eine Pointe, die mit dem Buch Genesis wenig zu tun hat, aber umso besser
in die Konzeption des Korans passt:
„ (123) Er sprach: ,Hinfort von hier allzumal, einer des anderen Feindl
Und wenn von Mir Leitung zu euch kommt, wer dann meiner Leitungfolgt,
der soil nicht irregehen und nicht elend werden.
(124) Wer sich aber von meiner Ermahnung abkehrt, siehe, dem sei ein
Leben in Drangsal, und erwecken wollen wir ihn am Tage der Auferstehung
blind. '
(125) Sprechen wird er: ,mein Herr, warum erwecktest Du mich blind,
wo ich doch sehend war?'
(126) Sprechen wird er: ,Also seVsl Zu dir kamen Unsre Zeichen, und du
vergafiest sie, und also bist du heute vergessen.
An die Vertreibung aus dem Paradies knupft der Koran also keine Erb-
siindenlehre, die alle Menschen betrifft, sondern die Lehre von der Spaltung
der Menschheit in Allahs Anhanger und seine Gegner, das heiBt in Glaubige
und Unglaubige.
3.1.1.5 Anfechtung des Propheten
Mohammed wurde, wie schon erwahnt, haufig angefeindet, und dement-
sprechend oft geht der Koran direkt auf diese Anfeindungen ein, um sie zu-
riickzuweisen. Die vier Argumentationsstrategien, deren er sich zur Unter-
mauerung seines prophetischen Anspruchs bedient, sind: der Gottesbeweis
durch Hinweis auf die Vollkommenheit der Schopfung, der Hinweis auf
die Vollkommenheit des Korans, die Drohung mit der Strafe Allahs und die
Behauptung, seine Kritiker seien bloB verstockt und von Allah mit Blind-
heit geschlagen. Es handelt sich also um vier der Hauptthemen des Korans,
diesmal ins Polemische gewendet.
Themenanalyse 71
3.1.1.6 Materialismuskritik
Hierfur seien exemplarisch die Suren 102 und 107 aufgefuhrt:
In Sure 107 ist von den Unglaubigen die Rede (von dem, „der das Ge-
richt leugnet", V.l), die ihre sozialen Pflichten vernachlassigen („Er ist's,
der die Waise verstofit / Und nicht antreibt zur Speisung derArmen V.3f.)
und die Mohammed den Laueren unter seinen Sympathisanten als negatives
Beispiel hinstellt. Sure 102: Warnung vor der Habgier, und die Drohung:
„ Wahrlich, sehen werdet ihr den Hollenpfuhl. " (Vers 6).
Die Materialismuskritik hat grundsatzlich zwei Ausrichtungen, wie sie
uns in den Suren 107 und 102 exemplarisch begegnet sind: eine auf den
Mitmenschen (Sure 107), eine auf das Jenseits (Sure 102) hin. Die Aus-
richtung auf den Mitmenschen steht allerdings von vornherein im Dienste
der Unterwerfung unter Allah und wird im Verlauf der Offenbarungen an
Bedeutung verlieren. Mehr und mehr drangt sich die Ausrichtung am Jen-
seits - also die Angst vor der Holle und die Hoffnung auf das Paradies - in
den Vordergrund.
3.1.1.7 Selbstbeglaubigung des Korans
In den meisten Suren, und zwar in der Regel schon in den ersten Zeilen,
bekraftigt der Koran, dass er direkt von Gott stamme, etwa in Sure 32:
„ (2) Die Hinabsendung des Buches ist ohne Zweifel von dem Herrn der
Welt en.
(3) Sprechen sie da: ,Er hat es erdichtet?' Dock es ist die Wahrheit von
deinem Herrn, auf dass du warnest ein Volk, zu dem vor dir kein Warner
kam ..."
Oder Sure 1 1 :
„(1) ... Ein Buch, dessen Verse wohl gefugt, alsdann erklart sind, von
einem Weisen, einem Kundigen,
(2) ... Siehe, ich binzu euch vonlhm (entsandt) als ein Warner und Freu-
denv erkunder . "
Zweifel (siehe auch „Anfechtung des Propheten") versucht Mohammed
gerne mit dem Hinweis auf die Vollkommenheit des Korans zu zerstreuen.
Immer noch Sure 1 1 :
(13) Oder sie sprechen: ,Er hat ihn ersonnen. 'Sprich: ,So bringt zehn
gleiche Suren her, (von euch) erdichtet, und rufet an, wen ihr vermogt, au-
fier Allah, so ihrwahrhaftseid.'"
72 III, Der Koran
3.1.1.8 Weitere Themen
Was, so wird mancher Leser fragen, ist mit Allahs „Barmherzigkeit", die in
der Praambel („Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen!") zu
(fast) alien Suren beschworen und sehr haufig als Attribut Allahs genannt
wird? Muss man sie nicht auch als ein Hauptthema des Korans werten, ge-
rade wenn man, wie ich, die Bedeutung eines Themas quantitativ bestimmt?
In der Tat, das mtisste man - wenn diese Beschworung inhaltlich kon-
kretisiert und nicht mit jeder Sure aufs Neue dementiert wurde. Nur stellt
sich bei genauem Hinsehen heraus, dass diese Barmherzigkeit die Gegen-
leistung Allahs fur die Unterwerfung unter seinen Willen ist. Insofern ist
die „Barmherzigkeit M Allahs nur ein anderer Ausdruck fur „Lohn fur die
Glaubigen" und gehort deshalb in diesen Themenkreis.
3.1.2. Implikationen des mekkanischen Korans
Halten wir nun einen Moment inne, um die Theologie des mekkanischen
Korans zu rekapitulieren:
(1) Es gibt keinen Gott neben Allah, dem allmachtigen und allwissenden
Schopfer; sein Wort ist der Koran, sein Prophet Mohammed.
(2) Die an (1) glauben, werden (spatestens) im Paradies belohnt.
(3) Alle Anderen werden (spatestens) in der Holle bestraft.
Das ist alles. Nahezu jede einzelne koranische Aussage lasst sich unter
einen dieser drei Punkte subsumieren. Was immer die Verdienste des Ko-
rans um die arabische Sprache sein mogen: Theologisch ist er ausgespro-
chen seicht. Es handelt sich um diejenigen Teile der christlich-judischen
Theologie, die Mohammed verstanden und deshalb mit der ihm eigenen
Selbstgewissheit fur die „wahre M Religion gehalten hat. Alles, was darii-
ber hinausgeht - in koranischer Sprache: „das, woriiber Ihr uneins seid"
- konnte nach seinem Verstandnis nur kiinstliche Verwirrung und Aufbau-
schung einfacher Wahrheiten, konnte nur Spitzfindigkeit und Sektiererei
sein.
Muslime legen groBen Wert auf die Feststellung, dass Mohammed An-
alphabet gewesen sei. (Damit wollen sie beweisen, dass er nicht den Koran
verfasst haben konne, dieser also ob seiner sprachlichen Vollkommenheit
von Gott selbst stammen musse.) Ob dem nun so war oder nicht - die Bibel
zumindest kannte er wohl eher aus Erzahlungen jiidischer und christlicher
Themenanalyse 73
Bekannter als aus eigener Lekture. Wahrscheinlich waren ihm nicht einmal
die Paulusbriefe gelaufig - der Koran enthaltjedenfalls keinen Hinweis da-
rauf-, ganz zu schweigen von den Schriften der Kirchenvater.
Dementsprechend werden etliche zentrale theologische Fragen im Koran
auf eine denkbar schlichte Weise abgehandelt; er geht gewissermaBen den
Weg des geringsten Widerstands. Das gilt fur die Theodizee („Wenn Gott
allmachtig ist, warum gibt es dann so viel Ubel in der Welt?"), die mit dem
Hinweis auf die Unerforschlichkeit des gottlichen Willens abgetan wird,
wie fur die menschliche Willensfreiheit, die der Koran schlicht verneint,
weil Allah „recht leitet, wen er will und in die Irre fuhrt, wen er will", wo-
bei die Frage offenbleibt, wie es um die Gerechtigkeit eines Gottes bestellt
ist, der die von ihm selbst irregeleiteten Sunder mit dem Hollenfeuer be-
straft. Und es gilt fur die in Christentum und Judentum oft sehr komplexe
Dialektik von Gottesliebe und Gottesfurcht, von Gnade und Strafe Gottes,
von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, von Glaube und Gehorsam. Es wird
wenig beachtet, dass es einen fundamentalen Unterschied bedeutet, ob der
Glaube Selbstzweck ist, wie beim Gottvertrauen - oder ob er Mittel zu dem
Zweck ist, belohnt zu werden bzw. Strafe zu vermeiden. Wenn der Koran in
fastjeder Sure (113 und 114 sind Ausnahmen) mit Zuckerbrot und Peitsche
arbeitet, so impliziert dies den Appell an die Muslime, das Wohlwollen Al-
lahs zu kaufen.
Die „L6sungen", die der Koran fur diese theologischen Probleme anbie-
tet, sind in sich zweifellos stimmig. Nur wird die Einfachheit und Stringenz
der Lehre mit einem Menschenbild erkauft, dessen Implikationen auBer-
ordentlich problematisch sind. Ich beziehe mich zunachst konkret auf die
Themen „Materialismuskritik" und „Pradestination":
3.1.2.1 Zusammenhang von Materialismuskritik und
Jenseitsorientierung:
Die islamische Materialismuskritik zielt nicht wie die christliche, judische
oder buddhistische darauf ab, den Menschen aus der Knechtschaft seiner
eigenen Begierden zu befreien, um seine Seele zu Gott hin zu offnen. Ober-
flachliche begriffliche Ahnlichkeiten konnen nicht dariiber hinwegtauschen,
dass es dem Koran um etwas vollig anderes geht, ja sogar um das Gegenteil:
Der Muslim soil sein Leben als ein Mittel zum Zweck auffassen, namlich
zu dem Zweck, ins Paradies zu kommen. Dieser Zweck, dem der Muslim
74 ///. Der Koran
sein Leben zu unterwerfen hat, ist fremdgesetzt, da vom Koran vorgege-
ben. Die Emanzipation von diesen Vorgaben fiihrt geradewegs in die Holle.
Allah zwingt seine Anhanger also in ein extrem entfremdetes Dasein, in
dem bereits die eigenen Gedanken - soweit sie Glaubenszweifel beinhal-
ten - und die eigenen Bedurfnisse - sofern sie sich auf das gute Leben im
Diesseits beziehen -, das jenseitige Heil gefahrden.
Eine solche Art ,,Materialismuskritik" ist nicht nur selbst weit davon
entfernt, den Menschen aus der Sklaverei des Habenwollens zu befreien,
sie nimmt ihm obendrein die geistige und seelische Autonomie, derer er zu
dieser Befreiung bedurfte. Indem auBerdem das Paradies als ein Ort der nie
endenden irdischen Geniisse vorgestellt wird und der Aufenthalt dort sich
in keiner Weise vom Luxusleben eines Reichen unterscheidet, wird der nie
endende Genuss zum letzten Ziel des Lebens erklart.
So betrachtet, ist das Wort „Materialismuskritik" in diesem Zusammen-
hang sogar irrefuhrend. Es geht namlich nicht darum, materielle Giiter
zugunsten ideeller zu opfern, sondern das begrenzte und beschrankte dies-
seitige Leben gegen das unbegrenzte und iippige jenseitige zu tauschen,
also weniger gegen mehr. Der fromme Muslim unterscheidet sich vom
weniger frommen, erst recht vom „Unglaubigen", etwa so wie der Sparer
vom Konsumenten. Er unterwirft sein Leben im Diesseits dem Gebot Al-
lahs, um im Jenseits mehr und besseres Leben zuriickzubekommen, ganz
wie der Sparer, der heute auf Konsum verzichtet, um morgen die Zinsen
einzustreichen. Allah wird als eine Art Bank gedacht, die uber eine ge-
wisse Vertragslaufzeit uber die Giiter des Kunden verfugt, um an ihrem
Ende eine gewaltige Ablaufleistung auszuzahlen - eine Idee, auf die so
wohl nur ein Kaufmann verfallen konnte. Der Gedanke, dass gerade das
Habenwollen, das Leben als Mittel zum Zweck den Menschen von Gott
entfernt, kann im Kontext des Korans nicht gedacht werden; dementspre-
chend werden Religionen, die auf diesem Gedanken aufbauen, selbst von
denjenigen (wenigen) Muslimen nicht verstanden, die sich iiberhaupt da-
mit beschaftigen.
Mehr noch: Das Leben als Mittel zum Zweck ist ein Leben, das in sich
keinen Wert hat und deshalb geopfert werden kann und soil: bestenfalls als
sinnentleertes Dasein, in dem die Befolgung von Regeln Selbstzweck ist.
Necla Kelek stieB bei ihren Recherchen im tiirkischen Halbstarkenmilieu
auf die bemerkenswerte Auffassung, je schlechter man im Diesseits lebe,
desto besser werde es einem im Jenseits gehen:
Themenanalyse 75
„,Wer aufdieser Welt schlecht lebt, lebt aufder anderen Seite richtig
perfekt', hat Faruk aufder Koranschule gelernt. ,Wer hier gut lebt, mit
Drogen und so, der wird gestraft werden'".
Was immer Faruk auf der deutschen Hauptschule gelernt und vor allem
nicht gelernt haben mag: In der Koranschule hat er jedenfalls gut aufge-
passt, und den Propheten hat er auf seiner Seite. Sure 11:
,,(15) Wer das irdische Leben begehrt und seine Pracht, dem wollen wir
seine Werke damit lohnen, undsie sollen daran nicht verkurzt werden.
(16) Sie sind es,fur die es im Jenseits nichts gibt als das Feuer, undum-
sonst ist all ihr Tun hienieden gewesen und eitel ihre Werke. "
Natiirlich kann das solchermaBen entwertete diesseitige Leben - das ei-
gene und das der Anderen - auch getotet werden. Das Prinzip der Attentater
von Madrid - „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod!" 24 - ist vom islami-
schen Standpunkt weder „extremistisch M noch ein „Missbrauch des Islam" ,
sondern eine prazise Formulierung der islamischen Auffassung vom Wert
des menschlichen Lebens - eine Auffassung, die eben nicht erst in Medina
entstanden ist und sich nicht erst dort in den eigentlichen Dschihad-Geboten
niedergeschlagen hat (ware dem so, konnte man diese Gebote vielleicht als
historisch zufallige Anpassung an politische Realitaten abtun), sondern im
Herzen des islamischen Gottes- und Menschenbildes verankert ist.
3.1.2.2 Predestination
Man mag einen Widerspruch darin sehen, dass auf der einen Seite Al-
lahs Strafe angedroht wird - was nach unserem Verstandnis so etwas wie
„Schuldfahigkeit M voraussetzt andererseits aber die Willensfreiheit, und
damit eben jene Schuldfahigkeit geleugnet wird. Dieser Widerspruch war
sogar eines der Hauptthemen der mittelalterlichen islamischen Theologie.
Was uns heute als nahezu unangefochtene orthodox sunnitische Position
entgegentritt, namlich die Auffassung, der Mensch konne an seinem von Al-
lah vorbestimmten Schicksal praktisch nichts andern, war lange Zeit durch-
aus umstritten. Dass sie sich schlieBlich durchsetzen konnte, ist aber nicht
einfach das Ergebnis von Machtkampfen, die ebenso gut auch anders hatten
01
Necla Kelek, Die verlorenen Sohne. Pladoyer fur die Befreiung des turkisch-muslimischen Mannes, Miin-
chen2007, S.164
24 vgl. z.B. Tobias Kaufmann, Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod, in: Das Parlament, 25/2004
Tilman Nagel hat die Auseinandersetzungen der damaligen Theologen dargestellt in: Tilman Nagel, Ge-
schichte der islamischen Theologie, Miinchen 1994
76 III. Der Koran
enden konnen. Zwar sollte man sich vor nachtraglichen Vorhersagen hiiten;
es ist immer leicht, mit dem Wissen des Nachgeborenen zu sagen, es habe
alles so kommen „mussen". Dass allerdings mit der Lehre von der strengen
Predestination gerade diejenige theologische Position sich durchsetzte, die
der Koran bereits seinem Tenor und seiner Schwerpunktsetzimg nach nahe-
legt, ist bezeichnend und rechtfertigt die Vermutung, dass sie sich deshalb
durchsetzte, weil sie diejenige war, die breiten Massen von Muslimen am
ehesten einleuchtete.
Freilich steht hier weniger die theologische Begrilndung der Prades-
tinationslehre zur Debatte, als vielmehr die sozialen Konsequenzen ihrer
massenhaften Akzeptanz. Was heiBt es denn fur den Einzelnen, zu wissen,
dass Gott einen Teil der Menschen zur ewigen Seligkeit, einen anderen
zur ewigen Verdammnis vorbestimmt hat? Scheinbar handelt es sich um
ein fatalistisch hinzunehmendes Schicksal. Theoretisch und theologisch
ware das konsequent. Faktisch aber ist diese existenzielle Unsicherheit den
Menschen ein Antrieb zu beweisen, dass sie zu den von Gott Auserwahlten
gehoren. Max Weber hat bekanntlich den Geist des Kapitalismus auf den
Protestantismus, und hier speziell auf die Pradestinationslehre zuriickge-
fuhrt, die den Gedanken zumindest nahelegte, dass irdischer Erfolg ein Zei-
chen fur gottliche Erwahlung sein konnte.
Da der Islam ebenfalls die strenge Predestination lehrt, ware es ganz
merkwurdig, wenn bei Muslimen nicht derselbe psychologische Mechanis-
mus greifen wurde wie bei Protestanten und es nicht denselben Drang gabe,
die eigene Erwahltheit zu beweisen. Freilich enthalt der Koran nicht den
geringsten Hinweis darauf, dass irdischer Reichtum per se ein Zeichen von
Allahs Wohlgefallen sein konnte. Im Gegenteil lenkt er den Blick der Mus-
lime vom Diesseits weg auf das Jenseits, vgl. etwa Sure 34:
„ (35) Und sie sprachen: , Wir sind reicher an Gut undKindern und wer-
den nicht bestraft werden. '
(36) Sprich: ,Siehe, mein Herr gibt reiche und bemessene Versorgung,
wem er willjedoch wissen es die meisten Menschen nicht.'
(37) Undweder euer Gut noch eure Kinder ist das, was euch Uns nahe-
bringen soil. Nur diejenigen, welche glauben und das Rechte tun, die sollen
doppelten Lohnfur das, was sie taten, erhalten und sollen in den Sollern
(des Paradieses) sicher sein. "
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tubingen 2002
77
Themenanalyse
Das Auserwahltheitskriterium, das zu erfullen den Muslimen nahegelegt
wird, ist die Orientierung am Jenseits, ist die Erfullung religioser Pflichten,
ist der Einsatz fur den Islam.
Diese harte Pradestinationslehre gab es als theologische Sondermeinung
mit all ihren problematischen Implikationen auch im Christentum, aber
dort war sie Gegenstand der Kontroverse und wurde nicht durch gottliche
Satzung dogmatisiert. Bezeichnend ist iibrigens, dass der prominenteste
Verfechter der harten Predestination, namlich Calvin, in Genf eine theo-
kratische Diktatur errichtete, die jedes Islamistenherz noch heute hoher
schlagen lieBe, hatte sie nicht unter christlichem Vorzeichen gestanden. Wo
im Namen der Allmacht Gottes nicht nur behauptet wird, dass der Mensch
keinen eigenen Willen haben darf, sondern, dass er keinen hat, wo die Un-
terwerfung unter das „Gottesgesetz" die einzig zulassige Haltung ist, da
stellen sich die Vollstrecker dieses Gesetzes, und miissten sie sich selbst
ernennen, ganz von alleine ein.
3.1.2.3 Die Rolle des Propheten
Zu den auffallendsten Merkmalen des Korans gehort die schier unaufhorli-
che Wiederholung immer derselben Themen und Aussagen, nicht selten in
stereotypen Wendungen, und die Konzentration auf wenige Kerngedanken.
Die Gedankenarmut dieser Theologie ist die notwendige Folge der bloB
oberflachlichen Rezeption jiidischen und christlichen Gedankenguts durch
den Propheten. Waren die judische wie die christliche Theologie das Er-
gebnis eines iiber viele Generationen sich erstreckenden Prozesses geistiger
Durchdringung, Auseinandersetzung und Konkretisierung religioser Glau-
bensinhalte, an dessen Ende sich erst das spezifische und unverwechselbare
Profil der jeweiligen Religion herausgebildet hatte (allein die Entstehung
und Kanonisierung der biblischen Texte dauerte rund tausend Jahre), so be-
ruht der Islam im Wesentlichen auf den Ideen eines einzigen Mannes: eines
zweifellos frommen, auch begabten, aber wenig gebildeten charismatischen
Predigers.
Der Koran verkniipft die eigentliche Theologie untrennbar mit dem, was
man die „Prophetologie M nennen konnte, also mit Mohammeds Selbstbe-
glaubigung als Gesandter Gottes. In Dutzenden mekkanischen Suren be-
97
Literarisch verewigt von Stefan Zweig, Castellio gegen Calvin. Ein Gewissen gegen die Gewalt,
Frankfurt/M. 1983
78 III. Der Koran
klagt sich der Prophet dariiber, dass seine mekkanischen Mitburger ihn
nicht als solchen anerkennen - was allein schon ein starkes Indiz dafiir ist,
dass er es schwer gehabt haben muss, seine Mitmenschen von seiner Bot-
schaft zu iiberzeugen. Er sieht sich ausgelacht, angefeindet, als Spinner,
Liigner, Marchenonkel verunglimpft. Somit avanciert die Zuriickweisung
dieser Anfeindungen zum zentralen Thema des Korans.
Dabei bedient sich der Prophet vierer Argumentationsstrategien (wobei
jeweils ein zentrales Thema des Korans in einen polemischen Zusammen-
hang gestellt wird):
- des Gottesbeweises, wonach Gott sich in seiner Schopfung offenbart -
nach dem Motto „Wo eine Schopfung, da ein Schopfer" ein starkes und
unter Theologen beliebtes Argument fur die Existenz Gottes, wenn auch
nicht fur Mohammeds prophetische Sendung;
- der Rhetorik des Beleidigtseins: Egal, was ich Euch sage, Ihr glaubt mir
ja doch nicht (weil Allah euch verdammt und mit Blindheit geschlagen
hat);
- des Hinweises auf die Existenz des Korans und seine sprachlichen Qua-
litaten;
- der Drohung mit dem Hollenfeuer, aber auch mit irdischen Strafen; die-
ses Argument scheint der Prophet fur das einleuchtendste gehalten zu
haben, zumindest greift er auf kein rhetorisches Mittel so haufig zuriick
wie auf dieses.
Die beiden letztgenannten Argumentationsmuster verdienen eine ausgie-
bige Wiirdigung:
3.1.2.4 Die Bedeutung des Buches
An etlichen Stellen fragt der Prophet die Mekkaner, ob sie denn ihren
(heidnischen) Glauben mit einem Buck untermauern konnten, so wie er den
seinen. In der mekkanischen Periode war der Koran zwar weit entfernt da-
von, das geschlossene Korpus zu sein, als das wir ihn kennen - die quasi
kanonische Fassung entstand erst nach Mohammeds Tod unter dem Kali-
fen Uthman aber zumindest wurden Mohammeds Offenbarungen bereits
schriftlich aufgezeichnet, und der Prophet konnte auf die beiden anderen
monotheistischen Religionen verweisen, die - im Gegensatz zu den Hei-
Themenanalyse 79
den - uber ein Buch verfugten. Dass er das Buch als das Medium verstand,
durch das eine gottliche Offenbarung sich als solche ausweist, ist psycholo-
gisch ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Prophet tatsachlich nicht lesen
konnte, da Analphabeten nicht selten dazu tendieren, im Buch den Inbegriff
des Geheimnisvollen und Erhabenen, ja Gottlichen zu sehen.
Fur die kulturelle Entwicklung der islamischen Zivilisation sollte dieser
aberglaubische Zugang zum Medium „Buch" sich als verhangnisvoll erwei-
sen, und dies gleich in mehrfacher Hinsicht:
Mohammed predigte ja nicht einfach seine Botschaft und hieB seine Zu-
horer daran glauben. Vielmehr reagierte er auf eine Anfechtung — das heiBt
in einem diskursiven Kontext, in dem ein Argument gefordert ist - mit ei-
nem Zirkelschluss, indem er die Existenz des Korans als Beleg fur die Rich-
tigkeit seines Inhalts anfuhrt: Mohammed weist sich als Gottes Gesandter
dadurch aus, dass er den Koran verkundet, der von Gott stammen muss,
weil Mohammed behauptet, er stamme von Gott.
Dass eine solche Logik fehlerhaft ist, liegt auf der Hand; besonders pro-
blematisch wird sie dadurch, dass hier ein Glaubensartikel mit Argumenten
gestiitzt wird, die dem Anspruch nach - aber eben nur dem Anspruch nach!
- rational sind, wahrend sie in Wahrheit auf einer flagranten Verletzung ele-
mentarer Gebote der Logik basieren, insbesondere des Prinzips, dass eine
Schlussfolgerung nicht bereits in den Pramissen enthalten sein darf. Wenn
aber Gott selbst so argumentiert, wie der Koran j a behauptet, dann ist diese
fehlerhafte Logik jeder Kritik entriickt.
Es scheint plausibel, dass eine Kultur, deren Basistext Zirkelschliisse als
rationale Argumente gelten lasst, sich mit der Verinnerlichung logischer
Diskursformen schwertut. Deren Regeln werden auch im Westen nicht im
Philosophieseminar gelernt, sondern, ahnlich wie die Sprache, im Kommu-
nikationsprozess selbst. In einer Kultur, in der sie nicht gelten, konnen sie
nicht gelernt werden, und wo sie nicht gelernt werden, konnen sie keine
Gultigkeit erlangen: ein Teufelskreis. Auf solchen Teufelskreisen, oder, neu-
tral gesprochen, auf solch wechselseitiger Stabilisierung von Erwartungen
basiert Gesellschaft. Die Veranderung von einmal etablierten Diskursregeln
innerhalb einer Gesellschaft ist ungefahr so schwer zu realisieren wie die
willkurliche Anderung der Verkehrssprache. Daher ist zu vermuten, dass
die durch den Koran implizit gesetzten Diskursregeln langfristig und bis
heute stabil sind; umgekehrt formuliert: dass die spezifische Irrationalitat
(etwa die Neigung zu Verschworungstheorien, zum Denken in Kollektivbe-
80 III, Der Koran
griffen, zum Gruppennarzissmus) des politischen Diskurses in islamischen
Gesellschaften eine ihrer Wurzeln, und zwar die tiefste, im Koran und der
auf ihn bezogenen Auslegungstradition hat.
Auf die zweite Hypothek, die Mohammed der islamischen, zumindest
aber der arabischen Kultur mit dem Koran auferlegt hat, hat Dan Diner
in seinem Buch „Versiegelte Zeit ff hingewiesen: Der Koran selbst unter-
streicht an etlichen Stellen seinen arabischen Charakter; diese Sakralisie-
rung von arabischer Sprache und arabischer Schrift ladt bis heute jeden
arabischen Text von einem gewissen Anspruchsniveau aufwarts mit einer
Dimension von „Heiligkeit" auf, die einen unbefangenen und kritischen
Umgang mit Texten uberhaupt erschwert und fur die schwach ausgepragte
Lese- und Debattenkultur in arabischen Gesellschaften wenigstens mit ver-
antwortlich sein diirfte. Es ist mehr als nur ein bezeichnendes Detail, dass
der Buchdruck im Osmanischen Reich erst mit Jahrhunderten Verspatung
Einzug gehalten hat. Lange Zeit war er verboten, wofur nicht zuletzt die
Sorge maBgeblich war, dass mit der Einfuhrung des Buchdrucks auch der
Koran gedruckt werden und durch Druckfehler das Wort Allahs entweiht
werden konnte. 29
Der Koran hat durch seine zirkulare Selbstbeglaubigung als Gottes un-
mittelbares und zugleich letztes Wort wie durch die Betonung seiner eige-
nen Vollkommenheit das islamische Denken in ein Korsett gezwangt, aus
dem es bis heute nicht herausgefunden hat. Die inhaltliche Wahrheit des
Korans gilt in islamischen Gesellschaften als selbstverstandliche Tatsache.
Man braucht dariiber ebenso wenig zu reden wie uber die Tatsache, dass der
Regen von oben nach unten fallt. Einzelne mogen daran ihre Zweifel haben;
dann aber tun sie gut daran, diese Zweifel fur sich zu behalten, da sie in den
Augen der Mehrheit nur auf Dummheit oder Bosheit beruhen konnen. Da
auBerdem der Koran als schlechthin vollkommen gilt, als Inbegriff alien
relevanten Wissens, istjede weltliche wissenschaftliche Neugier in den Au-
gen frommer Muslime hochst suspekt: bestenfalls iiberflussiges Tart pour
Tart, schlimmstenfalls Ausdruck einer zweifelnden, sprich unglaubigen
Geisteshaltung, zumal moderne Wissenschaft und westliche Wissenschaft
schon deshalb mit dem Stigma des Unislamischen behaftet ist. Zwar werden
wissenschaftliche Erkenntnisse selbstredend auch in der islamischen Welt
9 R
Dan Diner, Versiegelte Zeit: Ober den Stillstand in der islamischen Welt, Berlin 2007
29 ebd., S. 107 ff.
Themenanalyse 8 1
geschatzt, soweit man sie unmittelbar anwenden kann - in der Medizin zum
Beispiel, in der Architektur, nicht zuletzt in der Waffentechnik. Die somati-
sche Pramisse aber - „Ich weiB, dass ich nichts weiB" — , die solche Erkennt-
nisse erst ermoglicht, kollidiert mit der als Selbstverstandlichkeit verinner-
lichten Selbstbeglaubigung des Korans und gilt deshalb als Blasphemie.
Tilman Nagel hat gezeigt, wie die im Koran als Tugend und Ideologie
verankerte Selbstgerechtigkeit den Islam zwar einerseits stabilisiert, die
islamische Zivilisation zum anderen aber geradezu der Fahigkeit beraubt,
sich existenziellen Herausforderungen wie der heutigen durch den Westen
zu stellen:
„In den Augen des Muslims hat diefremde Kultur keinen Eigenwert,
denn ihr Blick aufdie Welt ist ebenfalsch oder zumindest unzulanglich.
Sollte einefremde Kultur irgendetwas hervorgebracht haben, das bedeut-
sam ist, dann besteht diese Bedeutsamkeit nur darin, dass es sich — un-
beabsichtigt — mit einem Teilbereich des eigentlichen , Wis 's ens' deckt, das
allein den Muslimen zuganglich ist. (...) Die europaische Zivilisation, der en
atemberaubender Aufschwung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die
islamische Welt in Bedrangnis brachte, wird daher nicht als eine Erschei-
nung wahrgenommen, der en Eigengesetzlichkeit zu erforschen ware, um sie
... sich schopferisch anzuverwandeln. Die europaische Uberlegenheit ...
kann nur daraufzuriickzufuhren sein, dass der Westen Teilstiicke des unver-
anderlichen Wissensschatzes aufgegriffen ... hat ...In diesem Zusammen-
hang taucht der Gedanke auf das lateinische Europa habe im Mittelalter
die Grundvoraussetzungenfur sein Aufbluhen dem Islam entlehnt; nun, im
19. Jahrhundert, brauchten die Muslime ihrerseits nur die ihnen niitzlich
erscheinenden Errungenschaften zu iibernehmen, um dem Westen Paroli zu
bieten. (...)
Diese Sicht der Dinge erfreut sich in der zeitgenossischen islamischen
Literatur grofier Beliebtheit, und kaumjemand wagt, hieran zu zweifeln. " 30
Subtiler, aber nicht minder fundamental, ist die Wirkung des Korans auf
die muslimische Geschichtsauffassung. Wir hatten gesehen, wie der Pro-
phet biblisches Material ohne Rucksicht auf urspriinglichen Inhalt und Kon-
text in eine Schablone presste, die auf ihn selbst passte, und dass der Sinn
dieses Vorgehens darin bestand, ihn als den legitimen Erben aller relevanten
Personen der biblischen Heilsgeschichte auszuweisen.
30 Nagel, a.a.O., S. 245 f.
82 III Der Koran
Es konnte nicht ausbleiben, dass dadurch die Heilsgeschichte selbst
als die ewige Wiederkehr des Gleichen erscheint. Die Entwicklung von
Adam zu Abraham, von Abraham zu Moses, von Moses zu Jesus, die im
judischen bzw. christlichen Kontext als Stufenfolge erscheint, in der sich
der Heilsplan Gottes entfaltet, enthalt in sich bereits den Gedanken histo-
rischer Dynamik, einer Dynamik der Hoherentwicklung. Auch wenn es
Vielen von uns nicht bewusst ist: Die Vorstellung vom „Fortschritt", die
unserem Zeit- und Geschichtsverstandnis zugrunde liegt, ist nichts ande-
res als die moderne Variante der traditionellen Deutung von Geschichte
als Heilsgeschichte. Sie ist, wenn man so will, sakularisierte Geschichts-
theologie. 31
Der Koran dagegen entzieht einem solchen Gedanken bereits die Grund-
lage, bevor er iiberhaupt gedacht werden kann. Es geht hier nicht darum, ob
Geschichte tatsdchlich eine immanente Richtung kennt (obwohl starke Ar-
gumente dafur sprechen, dass die Entwicklung zu Strukturen immer hoherer
Komplexitat tatsachlich als Tendenz aller Materie innewohnt, nicht nur der
belebten), ob also unser dynamisches Geschichtsverstandnis „richtig" und
das statische der (meisten) Muslime „falsch" ist, sondern es geht darum,
dass die Bereitschaft, Geschichte als gerichtete Bewegung zu interpretieren,
in der westlichen Kultur mit derselben Selbstverstandlichkeit vorhanden ist,
wie sie in der islamischen fehlt.
Der Koran setzt die Botschaft Mohammeds als unveranderliche Gege-
benheit buchstablich seit Adam und Eva voraus. Es gibt Glauben und Un-
glauben; was es nicht gibt, ist eine Veranderung und Entwicklung des Glau-
bens (oder Unglaubens); es gibt Glaubige und Unglaubige, und zwischen
ihnen das ewige Ringen. Marx und Engels persiflierend, konnte man sagen,
fur den Islam sei alle Geschichte eine Geschichte des Kampfes zwischen
Glaubigen und Unglaubigen.
Wahrend aber fur den Marxismus der Klassenkampf zu einer dialekti-
schen Hoherentwicklung der Menschheit fiihrt, wobei die fortschrittliche
Klasse von gestern die reaktionare von heute sein kann, haben wir gesehen,
dass fur den Koran die Menschheit seit der Vertreibung aus dem Paradies
in Glaubige und Unglaubige gespalten ist und es bis zum Jungsten Gericht
bleiben wird; naturlich werden die Glaubigen eines Tages siegen, das wird
vgl. z. B. Damian Thompson, Das Ende derZeiten. Apokalyptik und Jahrtausendwende, Hildesheim 1997,
S. 142 f., 170 ff.
Themenanalyse 83
aber ein Endpunkt sein, nicht etwa der Ausgangspunkt eines neuen dialek-
tischen Zyklus.
Es scheint nahe liegend, dass eine solche statische Geschichtsauffassung
den Hang zum anachronistischen Denken mindestens begunstigt. In der Tat
trifft man bei Muslimen haufig auf Argumentationsmuster, die einen zwei-
feln lassen, ob sie sich bewusst sind, im 21. Jahrhundert zu leben - wenn
etwa die heutige Dominanz des Westens in anachronistischer Weise in Bezug
zu den christlichen Kreuzziigen des Mittelalters gesetzt wird, oder wenn
ein arabischer Gesprachspartner, offenbar guten Glaubens, versichert, die
arabische Medizin sei der westlichen uberlegen, und sich dabei nicht etwa
auf den Status quo des Jahres 1009 bezieht, sondern auf den des Jahres 2009.
Zudem hat der voluntaristische Zugriff des Korans auf die historische
Uberlieferung in der islamischen Welt zumindest stilpragend gewirkt. Ob
Agypten den Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges als Jahrestag eines „Sie-
ges" feiert; ob der iranische President behauptet, der Holocaust sei nur er-
funden worden, um die Griindung Israels zu legitimieren; ob der tiirkische
Ministerprasident seinen hiesigen Landsleuten einredet, sie hatten Deutsch-
land aufgebaut - stets aufs Neue verbliifft die muslimische Neigung zur
Geschichtsfalschung, und dies umso mehr, als sie von den muslimischen
Funktionseliten mindestens ebenso selbstverstandlich betrieben wird wie
von dem Mann auf der StraBe. Wir werden noch sehen, dass diese Ge-
schichtsfalschung selbst Teil des Dschihad ist, und zwar ein Teil, dessen
Bedeutung eher wachst als zuriickzugehen; hier aber geht es noch um die
Frage, wie diese Disposition zustande gekommen ist.
3.1.2.5 Wahrheitskriterien
Muslimen in diesem Zusammenhang einen besonderen Hang zur Luge
zu unterstellen, ware nicht fair; da sie subjektiv ganz aufrichtig an das glau-
ben, was aus unserer Sicht Legenden sind, scheint es mir sinnvoller anzu-
nehmen, sie lebten aufgrund des vom Islam vermittelten Welt- und Men-
schenbilds in einer anderen Wirklichkeit als wir. Was wahr bzw. wirklich
ist, ist zumindest vom soziologischen Standpunkt eine Frage der gesell-
schaftlich akzeptierten Wahrheitskriterien: Wir im Westen sind es gewohnt,
ausschlieBlich das als wahr zu erachten, was in Ubereinstimmung mit em-
TO
Damit sei freilich nicht bestritten, dass es westliche Politiker gibt, die durch verantwortungslose Wortwahl
(„Kreuzzug gegen den Terrorismus") einer solchen Wahrnehmung unfreiwillig Vorschub leisten.
84 III Der Koran
pirischen Fakten steht, und wir haben in Gestalt der modernen Wissenschaft
ein hochst komplexes Regelsystem institutionalisiert, dass auf nichts an-
deres spezialisiert ist als auf die Eliminierung von Unwahrheiten. Dabei ist
diese Wissenschaft mindestens ebenso sehr ein Produkt unseres empirisch
ausgerichteten Wahrheitsverstandnisses, wie sie dieses durch ihre Erfolge
vertieft und verstarkt.
Nicht dass es nicht auch im Westen Raum fur Geschichtsmythen und
-legenden gabe. Aber es gibt zugleich akzeptierte Regeln, diese Legenden
zu widerlegen, und niemand, der ernst genommen werden mochte, wird
sich dabei erwischen lassen wollen, wie er Dinge behauptet, die offen-
sichtlich ohne jeden Bezug zur Realitat sind.
(Gedankensysteme, die aus ideologischen Pramissen historische „Fak-
ten ff ableiten, die dann riickbezuglich die Ideologie bestatigen, gab es in
Europa nur in totalitaren Zusammenhangen, und dies kommt nicht von un-
gefahr: George Orwell hat in „1984", der klassischen literarischen Rekons-
truktion des Wesens des Totalitarismus, den Satz gepragt: „Wer die Vergan-
genheit beherrscht, beherrscht die Zukunft." Diese Wirklichkeitskontrolle,
die darauf hinauslauft, Tatsachen nicht als Gegebenheiten zu akzeptieren,
sondern zu dekretieren, dient in totalitaren Systemen dazu, jeder kritischen
Auseinandersetzung mit der herrschenden Ideologie die Faktenbasis zu
entziehen und damit dissidentes Denken unmoglich zu machen. Noch ist
unsere Analyse nicht weit genug gediehen, den Islam insgesamt als totalita-
re Ideologie zu dechiffrieren, aber sein Geschichtsverstandnis liefert einen
ersten Hinweis darauf, dass er eben dies sein konnte.)
In islamischen Gesellschaften dagegen ist dergleichen gang und gabe.
Der Literatur-Nobelpreistrager V. S. Naipaul hat es am Beispiel Pakistans
folgendermaBen beschrieben:
„Geschichte beginnt in den Pakistanis chen Geschichtsbilchern ... mit
Arabien und dem Islam. In den einfacheren Textenfolgen auf einen Uber-
blick ilber den Propheten und die ersten vier Kalifen und vielleicht noch die
Tochter des Propheten fast bruchlos die Lebensbeschreibungen des Dich-
ters Iqbal, Jinnahs, des politis chen Griinders Pakistans, und zweier oder
dreier Martyrer, Soldaten oder Piloten, die in den heiligen Kriegen gegen
Indien 1965 und 1971 starben.
Geschichte, mit der so selektiv verfahren wird, fuhrt schnell zu Unwirk-
lichkeit. Vor Mohammed ist Finsternis: Sklaverei, Ausbeutung. Nach Mo-
hammed ist Licht: Sklaverei und Ausbeutung verschwinden. Aber taten sie
Themenanalyse 85
das wirklich? Wie kann das gesagt oder gelehrt werden? Was ist mit den
Abkommlingen der afrikanischen Sklaven, die in Karats chi herumlaufen?
Es gibt keine erschopfende Antwort: So beginnt der Glaube die wirkliche
Welt aufzuheben undzu uberlagern. "
Historisch wahr ist nicht, was mit empirischen Tatsachen ubereinstimmt.
Wahr ist, was der Koran sagt; was dem Islam nutzt; was den Interessen
und dem Selbstbild der Muslime entspricht; und was deshalb von Musli-
men iibereinstimmend fur wahr gehalten wird. Die Parallele zwischen dem
Geschichtsverstandnis heutiger Muslime und dem Vorgehen Mohammeds
beim Zugriff auf biblisches Material liegt auf der Hand. Da die in muslimi-
schen Gesellschaften etablierten Wahrheitskriterien genau mit denen iiber-
einstimmen, die implizit im Koran verankert sind, drangt sich die Vermu-
tung auf, dass just der Koran fur das spezifisch muslimische Wahrheits- und
Geschichtsverstandnis verantwortlich ist.
Das heiBt weder, dass ich Muslimen die Intelligenz, noch dass ich ihnen
die Fahigkeit absprache, sich individuell an anderen - z.B. westlichen -
Wahrheitskriterien zu orientieren. Wahrheitskriterien sind ihrer Natur nach
Spielregeln. Sie gelten, wie alle Spielregeln, zwischen Menschen. Sie sind
gesellschaftlich etabliert. Damit sie das sein konnen, mussen sie zwar auch
in den Kopfen verankert sein - aber durchaus nicht unbedingt in jedem
einzelnen. Ein allgemeiner gesellschaftlicher Konsens, der dem Andersden-
kenden zumindest die Beweislast auferlegt (sofern er ihn iiberhaupt zu Wort
kommen lasst), geniigt vollkommen, um „Wahrheiten" bzw. Wahrheitskri-
terien als gesellschaftliche Realitaten zu etablieren, an denen niemand vor-
beikommt.
So glaubt etwa, um das oben genannte Beispiel noch einmal aufzugrei-
fen, kaum ein Europaer mehr an die Existenz von Hexen, und wer es doch
tut, gilt als komische Figur. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt,
dass noch vor ein paar hundert Jahren praktisch/Wer Europaer an Hexen
glaubte, und dass es heute ebenso wenige Beweise fur ihre Nichtexistenz
gibt wie im Mittelalter fur ihre Existenz. Damals wie heute - und wie iiber-
all zu alien Zeiten - hielten die Menschen das fur wahr, was „Alle" sagten.
Also das, was gesellschaftlich akzeptiert wurde, nicht unbedingt das, was
man selbst kritisch uberpriift hatte. Auch die groBten Geister waren uber-
fordert, wollten sie alles nachpriifen, was sie als wahr erachten, und nur
33 V. S. Naipaul, Eine islamische Reise, Munchen 1993, S. 212
86 III Der Koran
die wenigsten Menschen werden sich Rechenschaft ablegen, warum sie et-
was fur wahr halten. Sie werden behaupten, sie folgten nur ihrem gesunden
Menschenverstand; in dem Kapitel „Die eigene Optik" habe ich gezeigt,
welch skurrile Annahmen sogar im Weltbild scheinbar aufgeklarter Zeitge-
nossen enthalten sind, und in dem Kapitel iiber die kulturellen Selbstver-
standlichkeiten, wie solche Annahmen zum unbewussten und gerade des-
halb unerschutterlichen Interpretationsrahmen werden konnen, in dem das
Wahrheitsverstandnis ganzer Gesellschaften gefangen ist.
Wir Menschen mogen vernunftbegabte Wesen sein, sollten aber die
Reichweite dieser Vernunft nicht iiberschatzen. Wir sind mindestens ebenso
sehr soziale wie vernunftbegabte Wesen, und das eine kann durchaus im
Widerspruch mit dem anderen stehen. Aus der Beobachtung, dass Rationa-
litat selten, Konformismus aber universell vorkommt, schlieBe ich, dass die
Ubereinstimmung mit dem vorherrschenden Weltbild der jeweils eigenen
Gruppe den meisten Menschen weitaus wichtiger ist als die Erkenntnis ei-
ner abstrakten Wahrheit, insbesondere, wenn diese dem Gruppenkonsens
zuwiderlauft.
In dieser Hinsicht unterscheiden sich Muslime keinen Deut von Christen
(oder von welcher Menschengruppe auch immer). Ich muss dies hervorhe-
ben, weil mir die Unsitte bekannt ist, jede generalisierende Aussage iiber
eine Gruppe von Menschen als „rassistisch M abzutun. Wenn ich aber fest-
stelle, dass muslimische Gesellschaften iiber ein gruppenspezifisches Welt-
bild verfugen, dann unterscheiden sich nicht die Muslime von anderen Men-
schen, sondern dieses Weltbild von jenen nichtmuslimischer Gesellschaften.
3.1.2.6 Drei „abrahamitische ff Religionen?
Dass Wahrheitskriterien je gruppenspezifisch gelten, bedeutet aber keines-
wegs, dass sie alle gleich gut oder gleich schlecht seien, oder dass sie alle
dieselben sozialen Konsequenzen hatten. Es ware ganz sinnlos und gerade-
zu ein Widerspruch in sich, darauf zu bestehen, dass in unterschiedlichen
Kulturen unterschiedliche Weltbilder existieren, dann aber nicht zu sagen,
worin diese Unterschiede bestehen und wie sie sich gesellschaftlich auswir-
ken, sondern sie in dem Moment auszublenden bzw. als irrelevant abzutun,
wo es die sozialen Wirkungen dieser Unterschiede zu beleuchten, insbeson-
dere Konflikte zu erklaren gilt.
Der Unterschied zwischen dem westlichen und dem islamischen Welt-
bild besteht nicht so sehr darin, dass sie die Wirklichkeit - im Sinne em-
Themenanalyse 87
pirischer Tatsachen - unterschiedlich interpretierten und bewerteten (das
natiirlich auch), sondern darin, dass der Islam sich seine eigene Wirklichkeit
schafft. Die zirkulare Logik der im Koran enthaltenen Geschichtsauffas-
sung, „Fakten" aus der Lehre abzuleiten, deren Richtigkeit dann mithilfe
eben dieser „Fakten" beglaubigt wird, pragt bis heute das Wahrheits- und
Geschichtsverstandnis der meisten Muslime und fuhrt zu einer prinzipiellen
Verstandigungsblockade zwischen muslimischen und nichtmuslimischen
Gesellschaften. Eine Verstandigung, ein „Dialog", der diesen Namen ver-
dient, setzt ein Minimum an Konsens iiber die geltenden Diskursregeln vo-
raus. Eine zirkular sich selbst bestatigende Ideologie kann aber naturgemaB
nur die eigenen Diskursregeln akzeptieren und stellt Jeden, der einen „Dia-
log ,f versucht, vor die Alternative zwischen vorauseilendem Gehorsam und
dem Abbruch des Gesprachs.
Besonders brisant ist dieses Problem, wenn die „Dialogpartner" der Mus-
lime ausgerechnet Christen und Juden sind. Der Koran manipuliert ja nicht
irgendwelches, sondern biblisches Material, und das tragt viel zu dem pro-
blematischen Verhaltnis des Islam zu den beiden monotheistischen Vorgan-
gerreligionen bei. Exemplarisch sei Sure 19 herangezogen:
Sure 19 greift auf biblisches Material zuriick, diesmal aber nicht, um
eine Straflegende daran zu kniipfen, sondern um die Allmacht Allahs zu be-
weisen und ganz nebenbei gegen das Christentum zu polemisieren, das hier
zum erstenmal (nach Noldekes Chronologie, s.o.) explizit angegriffen wird:
Das an sich unfruchtbare Weib des Zacharias gebiert aufgrund Allahs
Eingreifen Johannes den Taufer, die Jungfrau Maria gebiert Jesus (womit
Allahs Allmacht bewiesen werden soil, nicht etwa Jesu Gottlichkeit, wie es
der christlichen Auffassung entsprache). Der neugeborene Jesus spricht (Ja,
er spricht als Saugling! Der Koran verwendet hier ein apokryphes Evange-
lium) :
,,(30) Siehe, ich bin Allahs Diener Gegeben hat Er mir das Buck, undEr
machte mich zum Propheten. "
Und damit auch ja niemand etwas missversteht:
„ (34) Dies ist Jesus, der Sohn der Maria - das Wort der Wahrheit, das
sie bezweifeln.
(35) Nicht steht es Allah an. einen Sohn zu zeugen . Preis Ihm! Wenn Er
ein Ding beschliefit, so spricht Er nur zu ihm: ,Sei! f und es ist.
(...)
88 III Der Koran
(37) Dock die Sekten sind untereinander uneinig; undwehe den Unglau-
bigen vor der Zeugnisstdtte eines gewaltigen Tages!" [Hervorhebung vom
Verfasser]
Danach werden Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Aaron, Ismael, Idris
(Henoch) als Propheten Allahs gepriesen. Aufjeden der beiden Abschnit-
••
te (Johannes/Jesus bzw. die Propheten) folgen kontrastierende Verse: Uber
„ Sekten", die „ untereinander uneinig" seien (siehe oben) bzw. „ein Ge-
schlecht, welches das Gebet unterliefi und den Liisten folgte" (Vers 59).
Beiden Gegnern, die in diesem Kontext unschwer als Christen und Juden zu
identifizieren sind, werden Hollenstrafen angedroht. Bekehren sie sich aber
zum Islam (und nur dann!), winkt auch ihnen das Paradies.
Eine bemerkenswerte Erweiterung und Konkretisierung der islamischen
Botschaft: Bis dahin konnten Mohammeds Zuhorer glauben, nur Heiden
seien „Unglaubige". Jetzt aber, also schon in Mekka, nicht erst in Medina,
wird klargestellt, dass der Islam nicht nur den Polytheismus bekampft, son-
dern dass auch Christen und Juden, Monotheisten also, „Unglaubige" sind,
die nur durch Bekehrung der Holle entgehen konnen.
Machen wir uns die Implikationen klar, die aus dieser Art der korani-
schen Adaption biblischer Uberlieferungen resultieren, und zwar im Ver-
haltnis zu Christen und Juden:
Der Islam erhebt den Anspruch, die ursprungliche monotheistische Re-
ligion zu sein, wenn nicht im historischen, so doch im theologischen Sin-
ne (wobei die meisten Muslime, einschlieBlich der Korangelehrten, kaum
wahrnehmen, dass das ein Unterschied sein konnte). Seinem Selbstver-
standnis nach ist also nicht etwa der Islam eine sektiererische Abweichung
von den ihm vorausgehenden Monotheismen, sondern im Gegenteil der
einzig wahre Monotheismus, von dem die anderen Religionen abgewichen
seien.
Das Verhaltnis der Muslime „zu den Evangelien undzur Tor a ist ganz
anders als das des Christen zum Alien Testament. (...) Nach christlichem
Verstandnis setzt der Neue Bund den Alten vor aus und baut aufihm auf;
nach islamischer Vorstellung dagegen greift der Koran hinter Tora und
Evangelium zurilck. " 34
••
Wenn der Koran die biblische Uberlieferung in einer Version referiert,
die Christen und Juden hochst fremdartig erscheinen muss, dabei aber exakt
34 Josef van Ess in: Hans Kung/Josefvan Ess, Christentum und Weltreligionen: Islam, Mimchen 1994, S.151
Themenanalyse 89
den Interessen Mohammeds entspricht, dann bedeutet dies weitaus mehr
als nur den Versuch, eine eigene theologische Position neben Christentum
••
und Judentum zu formulieren. Es geht vielmehr darum, die Uberlieferungen
dieser Religionen zu vereinnahmen, umzudeuten und, im Achtundsechzi-
ger- Jargon gesprochen, „umzufunktionieren", um die Basis von deren Le-
gitimist zu zerstoren und zugleich die islamische Umma gegen Juden und
speziell Christen missionsfest zu machen, indem man die jiidisch-christliche
Tradition und Begrifflichkeit von vornherein mit einer islamischen Deutung
besetzt, die eine gegen Christen und Juden gerichtete Spitze enthalt.
Wenn gerade Moses und Jesus im Koran so ausfuhrlich gewiirdigt wer-
den, so geschieht dies nicht etwa, um eine Briicke zu den von ihnen gestif-
teten Religionen zu bauen, sondern hat im Gegenteil den Sinn, den Musli-
men einen unvoreingenommenen Blick auf die jiidischen und christlichen
theologischen Lehren unmoglich zu machen. Das islamische Moses- bzw.
Jesusbild wird in den Kopfen der Muslime so fest verankert, dass sie christ-
liche und jiidische Positionen gar nicht mehr anders denn als Irrlehre auf-
fassen konnen.
Die Floskel von den „drei abrahamitischen Religionen", die „gemein-
same Wurzeln" hatten, ignoriert die theologische Struktur des Korans:
Dem Islam dient die Berufung auf biblische Traditionen einzig und allein
dazu, diese Traditionen fur sich zu usurpieren, um aus ihnen eine Waffe zu
Schmieden.
Damit geht die islamische Lehre weit uber das MaB an Abgrenzung ge-
geniiber ahnlichen Religionen hinaus, die zur eigenen Profilierung notig
ware. Islam und Christentum haben zumindest dies gemeinsam, dass sie
beide den Monotheismus als solchen bei ihrer Entstehung bereits vorfanden
und vor dem Problem standen, sich gegeniiber der bzw. den etablierten mo-
notheistischen Religion(en) zu positionieren. Will man die Besonderheiten
des islamischen Verhaltnisses zu den anderen „abrahamitischen ?f Religio-
nen herausarbeiten, so bietet es sich daher an, zunachst einen Vergleich zu
ziehen zu der Art, wie das Christentum sich gegen das Judentum profiliert
hat:
Das Christentum entwickelte seine spezifische Identitat in Auseinander-
setzung mit und in Abgrenzung vom Judentum - es definierte sich gerade-
zu dadurch, dass es nicht judisch war, wahrend es zugleich den Anspruch
erhob, gleichsam das bessere Judentum zu sein. Dadurch wurde den Juden
von Beginn der Christianisierung an der Status der „Sie-Gruppe ff (also der
90 ///. Der Koran
Gegengruppe zur „Wir-Gruppe") zugeschrieben und durch den pragenden
Einfluss des Christentums auf die von ihm durchdrungenen Gesellschaf-
ten in deren kulturelle DNA eingeschrieben: Dass die Juden die „Anderen"
sind, gehort daher zu den vorbewussten kulturellen Selbstverstandlichkei-
ten in christlich gepragten Gesellschaften, die deshalb auch nicht auf die
theologische Begrundung angewiesen sind, auf der sie irgendwann einmal
beruht hatten, sondern injeden beliebigen ideologischen Kontext integrier-
bar sind - sei er rassistisch, nationalistisch, sozialistisch, antiimperialis-
tisch, was auch immer.
Das Teuflische daran ist unter anderem, dass mit jedem neuen ideologi-
schen bzw. religiosen Kontext auch neue antisemitische Klischees erzeugt
werden, die mit dem Absterben der jeweiligen Ideologie nicht etwa ver-
schwinden, sondern als Denkfiguren und Deutungsmuster - also als Poten-
zial - erhalten bleiben und in ganz unerwarteten Zusammenhangen wieder
auftauchen konnen; so etwa die Vorstellung vom Kindermorder (Herodes,
Ritualmordlegenden) im „antizionistischen" oder das Klischee vom „judi-
schen Kapitalisten" im islamistischen Zusammenhang.
Wenn man sich dies vor Augen halt, versteht man iibrigens auch, warum
es wenig erkenntnisfordernd, ja sogar hochgradig irrefuhrend ware, westli-
chen „Antiislamismus ff mit dem christlichen Antijudaismus bzw. Antisemi-
tismus zu vergleichen: Fur das Selbstverstandnis christlich gepragter Ge-
sellschaften spielt das Judentum - aber eben nicht der Islam! - eine zentrale
Rolle als negativer Bezugspunkt.
Es liegt eine gewisse tragikomische Ironie darin, dass christliche Euro-
paer und Amerikaner, die sich verzweifelt bemuhen, alles zu tun, um den
Hass der Muslime auf den Westen zu besanftigen, demselben Trugschluss
unterliegen wiejene Juden, die den Antisemitismus aufihre eigenen Eigen-
schaften und ihr eigenes Verhalten zuriickfuhren (statt ihn als Eigenschaft
der sie umgebenden Gesellschaft zu betrachten), und daher glauben, ihn
durch Entgegenkommen, Selbstverleugnung, Selbsthass, Anbiederung oder
Unterwerfung beschwichtigen zu konnen. Aus der Sicht des Islam namlich
erfullen Christentum und Judentum gemeinsam die Funktion, die das Ju-
dentum fur das Christentum hat - die Funktion der Kontrastfolie, vor deren
Hintergrund das eigene Selbstverstandnis definiert wird. Definiert sich das
Christentum dadurch, dass es nicht judisch ist, so definiert sich der Islam
dadurch, dass er nicht judisch und nicht christlich ist. Wobei noch verschar-
fend hinzu kommt, dass es einem Muslim — anders als einem Christen - ge-
Themenanalyse 91
radezu verboten ist, solche Zusammenhange kritisch zu hinterfragen, weil
dies einer Infragestellung des Korans gleichkame.
Wenn es also im christlich-islamischen Verhaltnis eine Parallele zum
christlichen Antisemitismus gibt, so liegt sie nicht in einer christlich-westli-
chen ,,Islamophobie", sondern im islamischen Christenhass. Bedenkt man,
welch morderischen Judenhass das Christentum bereits durch seine bloBe
Eigenprofilierung entfachte, so scheint es fur Christen wenig beruhigend
festzustellen, dass dieselbe Konstellation auch im Islam existiert, sich dort
aber gegen Juden und Christen richtet.
Und noch beunruhigender ist, dass im Islam diese Tendenz in mehrfacher
Hinsicht ungleich scharfer ausgepragt ist als im Christentum:
Christen haben ja niemals, auch nicht im Mittelalter, angezweifelt, dass
die judische Religion authentisch den alten wahren Glauben, den Alten
Bund, eben das „Alte Testament' 1 verkorpert; sie hatten damit geradezu die
Kontinuitat der Heilsgeschichte in Abrede gestellt. DemgemaB haben sie
den Juden auch nicht vorgeworfen, sie seien von diesem Glauben abgewi-
chen; sie warfen ihnen vielmehr vor, nicht abgewichen zu sein, als das Wir-
ken Christi eine solche „Abweichung" notig gemacht hatte. Der Kampf der
Christen gegen die Juden wurde mit dem Neuen Testament gefuhrt, nicht
mit dem Alten. Die Frage, ob der Neue Bund (der Christen) den Alten auf-
gehoben hat, oder ob der Alte neben dem Neuen fortbesteht, ist unter christ-
lichen Theologen nicht unumstritten; die Tendenz geht allerdings deutlich
dahin, den Fortbestand des Alten Bundes zu bejahen, und dies nicht etwa
aus Griinden der Political Correctness, sondern weil das Neue Testament
starke theologische Argumente dafur liefert. Dieser Umstand ist entschei-
dend fur das heutige Verhaltnis der Religionen zueinander. Christen konnen
die judische Tradition bejahen, weil ihre eigene Religion eben nicht nur
historisch-faktisch, sondern auch theologisch aufderjiidischen aufbautund
diese Herkunft nie verleugnet hat.
Der Islam baut dagegen auf der Fiktion auf, die ursprilngliche Religion
Gottes zu sein. Der Sinn der monoton sich wiederholenden Straflegenden
und sonstigen Bibeladaptionen besteht darin, den Muslimen einzuscharfen,
Konsequenterweise verwarf das fruhe Christentum gnostische Lehren, etwa den Marcionismus, der einen
strikten Gegensatz zwischen dem Gott des Alten und dem des Neuen Testaments postulierte; Gott als Schop-
fer wurde im Kontext dieses dualistischen Weltbildes als der (bose) Demiurg betrachtet, wahrend Jesus die
Liebe verkorpert habe und deswegen nicht der Sohn dieses Gottes sein konne.
vgl. z.B. Joseph Ratzinger, Gott und die Welt. Ein Gesprach mit Peter Seewald, (Taschenbuchausgabe
Knaur Taschenbuch Verlag), Miinchen 2005, S. 160 ff.
92 III Der Koran
dass von Abraham bis Jesus keiner der „Vorlaufer M Mohammeds irgendet-
was anderes gepredigt habe als Mohammed selbst. So kommt es, dass weder
in Sure 19 noch irgendwo sonst im Koran im Zusammenhang mit Jesus die
Bergpredigt oder auch nur das Wort „Nachstenliebe M erwahnt wird. Es geht
dem Koran nicht um historische Authentizitat, sondern darum, eine „Ur-
Religion" zu fingieren, die von alien alttestamentlichen Autoritaten und von
Jesus verkiindet worden sei. Nur auf diesem Wege ist es moglich, den Juden
und Christen die Rolle von Abtriinnigen und Ketzern zuzuschreiben, die
wider besseres Wissen, also schuldhaft, die Lehre Allahs verfalscht hatten.
Christentum und Judentum gelten nach islamischer Lesart nur in den
Punkten als tolerabel, in denen sie mit dem Islam ubereinstimmen; weswe-
gen sie von Muslimen gerade noch geduldet werden konnen. Wie diese Dul-
dung in der Praxis aussah, werden wir in dem Kapitel uber die Dhimmitude
erortern. Wo sie nicht ubereinstimmen, das heiBt in genau den Bereichen,
die spezifisch christlich bzw. judisch sind, gelten sie - und das ist entschei-
dend, gerade im Unterschied zum christlichen Antijudaismus - nicht etwa
als an sich legitime, nur eben uberholte und anachronistische Formen von
Religion, sondern als von Anfang an - ex tunc, wie die Juristen sagen - got-
teslasterliche und theologisch wie moralisch minderwertige Irrlehren, als
mut- und boswillige Abweichungen von der „ursprunglichen und naturli-
chen "Religion der Menschheit, also dem Islam', ihre Anh anger demgemaB
bestenfalls als bemitleidenswerte Narren, normalerweise aber als Feinde
Allahs.
Wer immer sich im interreligiosen Dialog versucht und glaubt, etwa in
der Gestalt Jesu einen Anknupfungspunkt fur „Gemeinsamkeiten ff zu fin-
den, muss wissen, dass der Koran aus Jesus ein Abziehbild Mohammeds
gemacht hat; dass fur Muslime dort, wo „Jesus" draufsteht, Mohammed
drinsteckt, und dassjede Bezugnahme auf Jesus in ihren Augen die „Wahr-
heit" des Islam, und eben nicht die des Christentums, oder zumindest dessen
Legitimitat, untermauert.
3.1.2.7 Die Geistfeindlichkeit des Korans
SchlieBlich, und damit kommen wir zum nachsten fragwiirdigen Aspekt der
koranischen Uberlieferung, erkauft der Koran seinen Anspruch auf Voll-
kommenheit durch Bevormundung seiner Leser:
Nichts darf offen bleiben, nichts paradox sein, nichts einer Deutung be-
diirfen. Wahrend die Bibel das Wirken Gottes in der Geschichte themati-
Themenanalyse 93
siert, die Deutung dieses Wirkens aber weitgehend den Glaubigen selbst
iiberlasst, die folgerichtig seit fast drei Jahrtausenden dariiber diskutieren,
ist dem Propheten - und damit dem Koran - alles ein Grauel, woriiber man
„uneins" sein konnte. Selbst wo er auf biblisches und historisches (oder
fur historisch gehaltenes) Material zuriickgreift, lasst er den Leser iiber die
Moral von der Geschieht' niemals im Unklaren: Am Koran darf es nichts zu
deuten und schon gar nichts zu deuteln geben - die Interpretation wird stets
mitgeliefert. Offen bleiben allenfalls Fragen sakraljuristischer, kaum aber
solche theologischer Natur. Dass ein solcher Text, wenn er als Grundlage
aller geistigen Bildung einer Gesellschaft dient, deren intellektuelle Kreati-
vitat ersticken muss, sollte einleuchten, und es ist alles andere als ein Zufall,
dass die (momentan) bloB funfzehn Millionen Juden auf der Welt, die seit
dreitausend Jahren mit sich und mit Gott hadern, an geistiger Produktivitat
die hundertmal zahlreicheren Muslime um ein Vielfaches iibertreffen.
3.1.2.8 Das Gewaltpotenzial
Kommen wir zur letzten und bei weitem am haufigsten verwendeten rheto-
rischen Figur, mit der Mohammed seinen Sendungsanspruch unterstreicht:
zur Drohung mit der gottlichen Strafe fur die Unglaubigen. Unwillkurlich
fragt man sich, wen diese Drohung eigentlich beeindrucken sollte? Etwa die
„Unglaubigen" selbst, also die gegen Mohammed polemisierenden Mek-
kaner? Das ware ein Widerspruch in sich, denn wenn sie nicht an Allah
und schon gar nicht an Mohammeds Sendung glaubten, dann werden seine
Straf- und Donnerpredigten sie erst recht kalt gelassen haben. Seinen glau-
bigen Anhangern wiederum musste er nicht mit dem Hollenfeuer drohen.
Nein, diese Drohungen zielten weder auf Anhanger noch auf bekennende
Gegner; sie zielten auf die Unentschlossenen, die Zweifelnden, auf Men-
schen, die nicht so recht glaubig waren, aber doch dachten, es konnte etwas
dran sein an Mohammeds Predigt. Der Prophet setzt auf die Strategie, die-
sen Menschen Angst einzujagen. Damit trifft er eine Vorentscheidung, die
den Charakter und die Entwicklung des Islam pragen wird:
Gewiss gehort die Straf- und Donnerpredigt seitjeher zur prophetischen
Rede. Die zentrale Stellung aber, die die Drohung mit dem Strafgericht Got-
tes einnimmt, ist eine islamische Besonderheit, zumal wenn man bedenkt,
dass diese Drohung die regelmaBige Reaktion mif die Ablehnung der islami-
schen Botschaft ist. Es geht also nicht darum, Sundern ins Gewissen zu re-
den und sie zur Tugend zu ermahnen, sondern mit dem Mittel der Drohung
94 ///. Der Koran
zu missionieren. Da es nach islamischem Verstandnis zudem Gott selbst
ist, der hier den „Unglaubigen" mit Gewalt im Dies- wie im Jenseits droht,
konnen moralische Bedenken gegen Drohung und Einschiichterung als Mit-
tel der Mission kaum aufkommen: Was Allah recht ist, kann den Muslimen
billig sein. Das Wort „Islam" bedeutet nicht etwa „Frieden", wie vielfach
falschlich angenommen, 37 sondern „Unterwerfung".
Der viel zitierte Satz, der Islam kenne „keinen Zwang im Glauben"
aus der medinensischen Sure 2 (V.256) wird bereits in Mekka Vers urn
Vers und Sure um Sure eindeutig dementiert. Die Bekehrungsstrategie
des Propheten ist die Verbreitung von Angst und Schrecken. Und wenn
Mohammed in Mekka in Ermangelung physischer Machtmittel zunachst
noch auf Psychoterror setzte, so griff er zu handfesteren Mitteln, sobald
er in Medina die Chance dazu hatte; die islamische Gewaltexplosion von
622 an ist nicht etwa zufalligen politischen Umstanden geschuldet, sie
ist auch keine Abweichung vom „wahren Islam", und sie ist kein Kom-
promiss, den der Prophet nolens volens mit den politischen Realitaten
geschlossen hatte. Vielmehr hat Mohammed bereits in Mekka psycholo-
gisch und theologisch den Boden dafiir bereitet, den neuen Glauben mit
Gewalt zu verbreiten.
3.2. Der medinensische Koran
Die medinensischen Suren setzen die Akzente anders als die mekkanischen:
Zwar sind die theologischen Grundlagen, wie oben beschrieben, immer
noch dieselben, und etliche Verse, die schon aus der mekkanischen Periode
bekannt sind, kommen so oder ahnlich auch im medinensischen Koran vor:
Allmacht und Allwissenheit Allahs, Hollenstrafen, Belohnung im Paradies,
Predestination, die Bezugnahme auf biblische Uberlieferungen, die Selbst-
beglaubigung des Korans und so fort.
In Medina aber bringt der Prophet diese Denkfiguren in einen Zusam-
menhang mit Themen, die bis dahin eher eine untergeordnete, wenn iiber-
haupt eine Rolle gespielt hatten, die nun aber zu Leitgedanken der gesamten
islamischen Theologie avancieren. Diese Leitgedanken sind:
- Der Dschihad im Sinne des militarischen Kampfes gegen die „Unglaubi-
gen" mit dem Ziel ihrer Totung bzw. Unterwerfung
„Frieden" heiBt „Salam"; das Wort ist in der Tat aus derselben Wortwurzel S-L-M gebildet wie „Islam",
jedoch kein Synonym.
Themenanalyse 95
Die Legitimation dieses Dschihads durch polemische Rhetorik
Der Anspruch des Propheten aufabsoluten Gehorsam
Die Regelung des Gemeinschaftslebens durch Normenjuristischen Cha-
rakters.
3.2.1. Dschihad
Es ist im Zuge des ^Dialogs der Kulturen" unter Nichtmuslimen Mode ge-
worden, das Wort „Dschihad" als „Anstrengung auf dem Wege Gottes ff in
einem rein iibertragenen Sinne zu verstehen: also weniger als Kampf urn
die gewaltsame Ausbreitung des islamischen Glaubens als urn seine spiri-
tuelle Vertiefung. In Wahrheit meint „Dschihad" aberjegliche Anstrengung
„auf dem Wege Allahs", und was Allah sich darunter vorstellt, ist im Koran
hinreichend konkretisiert. Speziell in Medina riickt die Notwendigkeit des
bewaffneten Kampfes urn die Ausbreitung des Islam eindeutig ins Zentrum
der Botschaft. Die spirituelle Dimension wird in dem MaBe zugunsten der
militarischen verdrangt, wie die Macht Mohammeds zunimmt. Zugespitzt
formuliert, und im Bewusstsein, dass der Prophet fur Muslime ein iiber je-
den Zweifel erhabenes Vorbild darstellt: Ob der Dschihad im konkreten Fall
durch Gewalt oder durch Gebete gefuhrt wird, hangt davon ab, ob Gewalt
Erfolg verspricht oder nicht!
Dementsprechend ist es zwar nicht einfach falsch, wenn moralische
„Anstrengungen" (etwa das Bemuhen um spirituelle Vervollkommnung)
als „Dschihad" gewertet werden; dies geschieht sogar in Bereichen, die mit
Religion nur noch wenig zu tun haben - wenn etwa die sakularistische tune-
sische Regierung zum „Dschihad" gegen Analphabetismus aufruft.
Zur Umdeutung, also zur Fehlinterpretation des Textes gegen die Intenti-
on des Verfassers, wird ein solcher ubertragener Wortgebrauch erst in dem
Moment, wo eine offensichtlich periphere Wortbedeutung, also etwas, was
auch gemeint sein kann, zum eigentlichen Bedeutungskern erhoben, das ag-
gressive Moment des Begriffes „Dschihad" willkurlich heruntergespielt und
dabei die eindeutige Schwerpunktsetzung des Korans unterschlagen wird.
Wenn ich sage, dass der Dschihad zu den Leitgedanken der medinensi-
schen Suren zahlt, so beziehe ich mich ausschlieBlich auf die Stellen, die
sich auf die militarische, in jedem Falle aber gewaltsame Bekampfung,
Unterwerfung und Totung Andersglaubiger beziehen. Dieses Thema findet
96 III. Der Koran
sich in nicht weniger als vierzehn von vierundzwanzig medinensischen Su-
ren, und zwar in fiinf verschiedenen Varianten:
direkter Aufruf zu Kampfund Totung (thematisiert in neun Suren),
38
Lob und LohnverheiBung fur im Kampf gefallene ,,Martyrer ff (acht Suren),
39
Verurteilung solcher Muslime, die sich nicht am Kampf beteiligen wol-
len (acht Suren), 40
Deutung des militarischen Erfolges als Beweis fur die Wahrheit des Is-
lam und fur Mohammeds prophetische Sendung (sieben Suren), 41
Regeln zur Verteilung der Beute (fiinf Suren).
42
3.2.1.1 Aufruf zu Kampfund Totung
Zunachst einige Beispiele, um diesen Aussagetyp zu illustrieren:
Sure 2:
„ (190) Und bekampft in AllahsPfad, wer euch bekdmpft; dock ubertretet
nicht; siehe, Allah liebt nicht die Ubertreter.
(191) Und erschlagt sie, wo immer ihr aufsie stofit, undvertreibtsie, von
wannen sie euch vertrieben; denn Verfuhrung ist schlimmer als Totschlag.
Bekampft siejedoch nicht bei der heiligen Moschee, es sei denn, sie be-
kampften euch in ihr. Greifen sie euchjedoch an, so schlagt sie tot. Also ist
der Lohn der Ungldubigen.
(192) So siejedoch ablassen, siehe, so ist Allah verzeihend und barm-
herzig.
(193) Und bekampfet sie, bis die Verfuhrung aufgehort hat und der Glau-
ben an Allah da ist. ..."
Sure 8:
,,(36) Siehe, die Ungldubigen geben ihr Gut aus, um (die Glaubigen)
von Allahs Weg abzuwenden. Sie sollen es nur aus geben; alsdann kommt
38
Es handelt sich um die Suren 2, 4, 5, 8, 9, 33, 47, 60, 61
39 Suren 2, 3,4, 9, 33,47, 57,61
40 Suren 2, 4, 9, 33,47,48, 57
41 Suren 3, 8, 9, 33,47,48, 59
42 Suren 3, 8, 9, 48, 59
Themenanalyse 97
Seufzen iiber sie, alsdann werden sie iibermocht. Und die Ungldubigen, zu
Dschahannam sollen sie versammelt werden,
(37) Damit Allah die Bos en von den Guten trennt und die Bosen iiber ein-
ander tut undaus alien einen Haufen macht und sie in Dschahannam wirft.
Jenes sind die Verlorenen.
(38) Sprich zu den Ungldubigen: So sie abstehen, wird ihnen das Frii-
here verziehen; tun sie's aber wieder, so ist schon die Strafe der Fruheren
dagewesen.
(39) Und kampfet wider sie, bis kein Burgerkrieg mehr ist und alles an
Allah glaubt. ..."
Sure 47:
„(4) Undwenn ihr die Ungldubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt,
bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schniiret die Bande. "
Sure 9 :
„ (29) Kampfet wider jene von denen, welchen die Schrift gegeben ward,
die nicht glauben an Allah und den Jiingsten Tag und die nicht verwehren,
was Allah undsein Gesandter verwehrt haben, und nicht bekennen das Be-
kenntnis der Wahrheit, bis sie den Tribut aus der Hand gedemiitigt entrich-
ten. "
Auch der islamfreundlichste Leser wird einraumen, dass hier nicht von
Meditationsubungen die Rede ist.
Die Zitate sind chronologisch (nach Noldeke) angeordnet. Sure 2 war
die erste in Medina offenbarte Sure, Sure 9 die vorletzte. Dabei wird eine
Klimax erkennbar: Sure 2 betont noch den - nach islamischem Verstand-
nis - defensiven Charakter des Dschihad und ermahnt die Kampfer, ge-
wisse Standards einzuhalten. Offenbar hatte der Prophet zu Beginn der
medinensischen Epoche noch Skrupel, den Islam mit roher Gewalt zu
verbreiten, wahrend solche Bedenken mit anhaltendem Erfolg zusehends
schwanden.
Dazu passt auch, dass gerade diese Sure den von Islamapologeten gern
zitierten Satz enthalt, es gebe „keinen Zwang im Glauben" (V.256). Ge-
wiss muss man bei der Interpretation dieses Satzes die islamische Pra-
destinationslehre beriicksichtigen; wahrscheinlich bedeutet er namlich
nicht, dass man im Glauben niemanden zwingen diirfe, sondern dass man
98 III. Der Koran
43
niemanden zwingen konne (weil Allah irrefuhrt, wen er will). Womit
unterstrichen wird, dass die „Unglaubigen" von Allah verdammt seien.
Mit Toleranz hat das nichts zu tun, mit aggressiver Mission allerdings
auch noch nicht.
Nichtsdestoweniger ist der Dschihad auch bereits nach Sure 2 nicht so
„defensiv", wie es auf den ersten Blick scheint: Als Angriff, der eine ge-
waltsame Reaktion rechtfertigt, erscheint auch hier schon die bloBe „Ver-
fuhrung", also alles, was Muslime zum Abfall vom Islam veranlassen konn-
te, und das Ziel des Kampfes, wie es an dieser Stelle bestenfalls mehrdeutig
heiBt, besteht darin, dass „der Glaube an Allah da ist".
Bereits in Sure 8, die bezeichnenderweise „Die Beute ?f iiberschrieben ist,
und in der es tatsachlich unter anderem um die Verteilung der Beute aus
Raub- und Kriegszugen geht, ist von der bloBen Verteidigung nicht mehr
die Rede, sondern von einer Art „war to end wars" mit dem Ziel, dass „ alles
an Allah glaubt", und die Eskalation der Gewaltandrohungen in den beiden
anderen Zitaten bedarf keines Kommentars.
Zur Abrundung des Bildes ein letztes Zitat aus Sure 5 (die als letzte offen-
bart wurde), bestehend aus zwei aufeinanderfolgenden Versen. Der erste lautet:
„ (32) Aus diesem Grunde haben wir den Kindern Israel verordnet, dass
wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat im
Lande begangen hat, soil sein wie einer \ der die ganze Menschheit ermor-
det hat. Und wer einen am Leben erhalt, soil sein, als hatte er die ganze
Menschheit am Leben erhalten. ... "
Nanu? Bezeugt nicht gerade dieser Vers das genaue Gegenteil von dem,
was ich behaupte? Beinhaltet er nicht ein deutliches Totungsverbot, und
unterstreicht er nicht dadurch den friedfertigen Charakter des Islam?
In der Tat gehort dieser Vers 5/32 ebenso wie 2/256 („kein Zwang im
Glauben") zu den Lieblingszitaten aller Freunde des Islam und wird regel-
maBig herangezogen, wenn es gilt, das westliche Publikum davon zu uber-
zeugen, dass der Islam entgegen allem Anschein eben doch eine Religion
des Friedens sei, die letztlich „dasselbe" wolle wie auch das Christentum.
Was dabei regelmaBig unter den Tisch fallt - das sind die Ausnahmen
vom Totungsverbot. Dabei unterscheidet sich der Islam nicht etwa dadurch
von Christentum und Judentum, dass er uberhaupt solche Ausnahmen
kennt: Das apodiktische „Du sollst nicht toten!" der Lutherbibel ist eine
43 Jan van Ess in: Hans Kung/Jan van Ess, a.a.O., S. 157
Themenanalyse 99
Fehlubersetzung des Funften Gebots, dessen hebraischer Wortlaut ange-
messener mit „Du sollst nicht morden!", also nicht willkiirlich und unbe-
rechtigt toten, iibersetzt ware; die Totung im Kriege, aber auch die legal
verfugte Hinrichtung stellen also nicht per se eine Ubertretung des Funften
Gebots dar. Spezifisch islamisch ist aber die Art dieser Ausnahmen, iiber die
uns der unmittelbar folgende Vers 33 aufklart:
„ (33) Siehe, der Lohn derer, welche Allah und seinen Gesandten befeh-
den und Verderben aufder Erde betreiben, ist nur der, dass sie getotet oder
gekreuzigt oder an Handen und Fufien wechselseitig verstummelt oder aus
dem Lande vertrieben werden. Das ist ihr Lohn hienieden, und im Jenseits
wird ihnen schmerzliche Strafe. "
Liest man beide Verse zusammen, so lautet die Aussage: An sich soil man
nicht toten - aber die „Unglaubigen" eben doch! Zumindest, soweit sie sich
der muslimischen Herrschaft widersetzen.
Setzen wir nun das Tupfelchen aufs i:
Sure 4:
„ (92) Ein Glaubiger darfkeinen Glaubigen toten, es sei denn aus Ver-
sehen ...
(93) Und wer einen Glaubigen mit Vorsatz totet, dessen Lohn ist Dscha-
hannam; ... Allah zilrnt ihm undverflucht ihn und bereitetfiir ihn gewaltige
Strafe. " [Hervorhebung von mir, M.]
Das Totungsverbot schiitzt ausschlieBlich Muslime.
3.2.1.2 LohnverheiBung fiir im Kampf gefallene „Martyrer ff
Schon bei der Analyse der mekkanischen Suren waren wir auf die Denkfi-
gur gestoBen, dass das jenseitige Leben dem diesseitigen vorzuziehen sei,
dass ein frommes Leben („glauben und das Rechte tun", Sure 34/37, s.o.)
im Jenseits von Allah belohnt werden wurde, und hatten den quasi okono-
mischen Charakter dieser Art von Jenseitsorientierung herausgearbeitet.
Letzterer wird in Medina iibrigens ausdriicklich bestatigt:
Sure 57:
,,(11) Wer ist's, der Allah ein schones Darlehen leihen will? Verdoppeln
wird Er f s ihm, und ihm wird ein edler Lohn. "
Und unmittelbar zuvor:
100 ///. Der Koran
,,(10)... Nicht ist unter euch gleich, wer vor dem Siege spendet und
kampft - diese nehmen hohere Stufen ein alsjene, welche hernach spenden
und kdrnpfen."
Es gibt also in den Augen Allahs eine Rangfolge; am verdientesten sind
die, die zum Sieg beigetragen haben, und damit ist der militarische Sieg
gemeint. Derselbe Gedanke findet sich aber auch deutlich zugespitzt:
Sure 4:
„ (74) Und kdrnpfen soil in Allahs Weg, wer das irdische Leben verkauft
fur das Jenseits. Und wer da kampft in Allahs Weg,falle oder siege er, wahr-
lich, dem geben wir gewaltigen Lohn. "
Was in Mekka noch allgemein als „glauben und das Rechte tun" um-
schrieben wurde, bekommt jetzt einen klaren Sinn: Wer ins Paradies ein-
gehen will, muss gegen die Feinde des Islam kampfen. Und damit niemand
auf die Idee kommt, sich dieses Kampfes zu enthalten (und sich vielleicht
mit etwas weniger gottlichem Lohn zufriedenzugeben), stellt der Prophet
klar, dass es nicht um mehr oder weniger Paradies geht, sondern um Para-
dies oder Holle.
3.2.1.3 Verurteilung der Nichtkampfer
Die Bereitschaft zum bewaffneten Kampf fur den Islam wird im Verlauf
der medinensischen Periode immer mehr zum Lackmustest fur den wahren
Muslim, die Nichtkampfer der Feigheit, des Opportunismus, ja der Heuche-
lei und des Unglaubens geziehen.
Sure 8:
,,(15) O ihr, die ihr glaubt, so ihraufdieschlachtbereiten Unglaubigen
stofiet, so wendet ihnen nicht den Rucken.
(16) Und wer ihnen anjenem Tage den Rucken kehrt, ... der hat sich
den Zorn von Allah zugezogen, und seine Herberge ist Dschahannam, und
schlimm ist die Fahrt (dorthin). "
Sure 9:
,,(81) Esfreuten sich die in ihr en Wohnungen Zuruckgebliebenen, dem
Gesandten Allahs zuwidergehandelt zu haben, undhatten keine Lust, mit Gut
undBlut in Allahs Weg zu eifern und sprachen: ,Ziehet nicht aus in der Hit-
zeV Sprich: ,Dschahannams Feuer ist heifier. ' O dass sie es doch begriffen!"
Themenanalyse 101
Wer sicher sein will, ins Paradies zu kommen, dies die Quintessenz, muss
fur den Islam kampfen und dabei auch sein eigenes Leben aufs Spiel setzen.
Wer sich dieser Forderung verweigert, bekommt bestenfalls eine Art Steh-
platz im Paradies, schlimmstenfalls droht ihm das Hollenfeuer. Die Einstel-
lung heutiger Terroristen, die nur den Mudschahid, also den Dschihadkamp-
fer, als wahren Muslim gelten lassen und keine Skrupel haben, normale
Muslime zu toten, hat durchaus eine Grundlage im Koran.
Dieser Sachverhalt erklart auch das an sich erstaunliche Phanomen, dass
diese Terroristen ein eigentumliches Renommee auch unter solchen Musli-
men genieBen, die personlich den Terrorismus ablehnen - und dies, obwohl
die meisten ihrer Opfer selber Muslime sind.
Welche impliziten Wertungen nimmt der Koran hier vor?
Erstens: Gewaltanwendung ist nichts Unmoralisches -jedenfalls nicht,
wenn sie sich gegen „Unglaubige" richtet und der Verbreitung des Islam
dient. Eine solche Verbindung von Frommigkeit und Gewalt - die ja nicht
nur als vereinbar, sondern geradezu als einander bedingend aufgefasst wer-
den - ist ein islamisches Spezifikum.
Damit sei nicht etwa der Unsinn behauptet, dass Christen, Juden oder
Buddhisten niemals Gewalt anwendeten. Das tun sie durchaus - sie liber-
treten damit aber ein Verbot. Mag eine solche Ubertretung im Einzelfall
auch theologisch gerechtfertigt werden konnen (und christliche Theologen
konnen da sehr findig sein) - der springende Punkt ist, dass sie auch der aus-
driicklichen Rechtfertigung bedarf, weil Christen Frommigkeit und Gewalt
instinktiv als Gegensatz auffassen. Dem Islam ist eine solche Denkweise
von vornherein fremd. Zugespitzt gesagt: Ein Christ begeht eine Siinde,
wenn er Gewalt anwendet, ein Muslim, wenn er es nicht tut. Dass eine sol-
che Religion Terroristen hervorbringt, sollte niemanden verwundern. Er-
staunlich ist eher, dass es so wenige sind.
Zweitens: Die Verbreitung des Islam hat Vorrang vor seiner individuel-
len Vertiefung. Die Verdrangung fremder Religionen ist wichtiger als die
Vervollkommnung der eigenen. Wer zutreffend darauf hinweist, dass das
Wort „Dschihad ?f auch eine nichtmilitante Nebenbedeutung hat, sollte diese
unzweideutige Prioritatenhierarchie des Korans nicht unterschlagen.
Drittens: Dass dieser Zweck - und nur dieser! - praktisch jedes Mittel
heiligt, weist ihn implizit als obersten Zweck des islamischen Normensys-
tems aus. Eine Erkenntnis von kaum zu iiberschatzender Tragweite:
102 ///. Der Koran
Sie besagt nicht mehr und nicht weniger, als dass dieses Normensystem
primdr aufdie Ausdehnung seines eigenen Geltungsbereiches abzielt. Prag-
!
nanter: Der Inhalt des Islam ist seine eigene Verbreitungi
Naturlich ist es alles andere als ungewohnlich, dass Religionsgemein-
schaften ihre Botschaft verbreiten und Anhanger zu gewinnen suchen. Dass
dieses Ziel aber an der Spitze der Wertehierarchie rangiert und im Zweifel
alle anderen Normen einschlieBlich des Totungsverbots auBer Kraft setzt,
unterscheidet den Islam fundamental vom Christentum, erst recht vom Ju-
dentum. In dieser Hinsicht ist er eher Scientology vergleichbar.
3.2.1.4 Selbstbeglaubigung durch militarischen Erfolg
Jesus starb als geachteter „Staatsfeind M am Kreuz, Mohammed als gefeier-
ter Staatsmann im Bett.
Krasser konnten sich die Lebensgeschichten zweier Religionsstifter kaum
unterscheiden, und es verwundert nicht, dass Mohammed, der sich als legitimer
Nachfolger Jesu betrachtete, mit dessen scheinbar ruhmlosem Ende nichts an-
fangen konnte. Es schien ihm so widersinnig, dass er im Koran sogar die Histo-
rizitat der Kreuzigung leugnete und - nach dem Motto, dass nicht sein kann, was
nicht sein darf- behauptete, ein Anderer sei an Jesu Stelle gekreuzigt worden.
Ich erwahne dies nicht, um daran ein weiteres Mai die islamische Auffas-
sung von Geschichtsbewusstsein zu demonstrieren (s.o.), sondern weil es
Mohammeds tiefe Uberzeugung illustriert, dass im Konfliktfall die gottge-
fallige Sache stets uber die der „Unglaubigen" triumphieren musse.
Fur Christen verkorpert der gekreuzigte Heiland die Solidaritat Gottes
mit dem unschuldig Leidenden, dessen makellose moralische Uberlegen-
heit sich gerade in diesem Leiden erweist. Jesus ist nach irdischen MaB-
staben gescheitert, weil er nicht zu den Waffen gegriffen, sich nicht aufdie
Logik der Macht und Gewalt eingelassen und seine Botschaft nicht dadurch
kompromittiert hat. Macht, Sieg und Erfolg, so konnte man die daraus re-
sultierende Moral zusammenfassen, sagen uber die Gerechtigkeit einer Sa-
che nichts aus; eher schon sind sie anriichig und verdachtig.
Der Koran trifft die genau entgegengesetzte Wertentscheidung:
Sure 59 behandelt die gewaltsame Vertreibung des jiidischen Stammes
der Nadir aus Medina:
„ (2) Er [Allah] ist's, welcher die Ungldubigen vom Volk der Schrift aus
ihren Wohnungen zu der ersten Auswanderung trieb. Ihr glaubtet nicht,
Themenanalyse 103
dass sie hinausziehen wurden, und sie glaubten, dass ihre Burgen sie vor
Allah schiitzen wurden. Da aber ham Allah zu ihnen, von wannen sie es
nicht vermuteten, und warf Schrecken in ihre Herzen. Sie verwiisteten ihre
Hauser mit ihren eigenen Handen und den Handen der Glaubigen. Drum
nehmt es zum Exempel, ihrLeute von Einsicht!
(3) Und hatte nicht Allah sie fur die Verbannung bezeichnet, wahrlich, er
hatte sie hienieden gestraft; und im Jenseits istfiir sie die Strafe des Feuers.
(4) Solches, dieweil sie sich Allah und seinem Gesandten widersetzten;
undwenn sich einer Allah wider setzt, siehe, so is t Allah streng im Strafen."
Sure 48 („Der Sieg"):
„ (1) Siehe, wir haben dir einen offenkundigen Sieg gegeben.
(2) (Zum Zeichen), dass Allah deinefruheren undspateren Silnden ver-
gibt und Seine Gnade an dir erfullt und dich aufeinem rechten Pfad leitet,
(3) Und dass Allah dir mit machtiger Hilfe hilft. "
Und Sure 8 kommentiert eine Schlacht mit den Worten:
„ (7) Und als Allah euch verhiefi, dass eine derbeiden [feindlichen, M.K.-
H.J Scharen euer sein sollte, und ihr wunschtet, dass es die unbewaffnete
ware. Allah aber wollte die Wahrheit seiner Worte bestatigen und die Wur-
zel der Unglaubigen abschneiden.
(8) Aufdass er die Wahrheit bestatigte und das Nichtige als nichtig er-
wiese, auch wenn es die Sunder nicht wollten. "
Der militarische Sieg gilt also als Beweis fur Mohammeds Sendung und
fur die Wahrheit der islamischen Lehre. Dies impliziert die bemerkenswerte
erkenntnistheoretische Position, dass Wahrheitsanspriiche sich durch Ge-
walt beglaubigen lassen: Wahr ist, was siegtl
In der formativen Periode des Islam, also etwa den ersten beiden Jahr-
hunderten, war dies fur Muslime unproblematisch; denn sie siegten ja
standig.
Allerdings fuhrt eine solche quasi darwinistische „Erkenntnistheorie"
unausweichlich zur Erschutterung islamischer Wahrheitsanspriiche, wenn
die „Unglaubigen" sich als starker erweisen, und dies womoglich dauerhaft.
Normalerweise ist es Menschen sehr wichtig, die Wahrheit ihresje eigenen
Weltbildes bestatigt zu finden; weshalb sie selbst in Alltagssituationen dazu
tendieren, an einer einmal gefassten Meinung festzuhalten, sogar wenn es
um ganz unwichtige Themen geht.
104 III Der Koran
Geht es aber um politische Ideologien, erst recht um Religionen, die das
fundamentale Koordinatensystem bereitstellen, nach dem ihre Anhanger die
Welt ordnen, dann bringt ihre Infragestellung den Glaubigen in die Situa-
tion eines Wanderers, der im tiefsten Wald bemerkt, dass er einer falschen
Landkarte folgt. Das Bediirfnis, die daraus resultierende existenzielle Krise
zu vermeiden, diirfte die tiefste Wurzel doktrinaren ideologischen Denkens
sein, das folgerichtig auch in keinem Lebensbereich so aufdringlich zur
Geltung kommt wie in der Politik und vor allem in der Religion.
In dieser Hinsicht unterscheiden sich Menschen nicht entlang von Reli-
gionsgrenzen. Wohl aber entscheidet die theologische Struktur derjeweili-
gen Religion daruber, was als existenzielle Anfechtung erfahren wird. Eine
Religion, deren „Wahrheit" von der Fahigkeit ihrer Anhanger abhangt, sich
gewaltsam gegen die „Unglaubigen M durchzusetzen, gerat zwangslaufig in
eine Krise, wenn sie dazu nicht mehr im Stande sind. „Wahr ist, was siegt"
bedeutet im Umkehrschluss: Was verliert, ist unwahr!
Da dieser Umkehrschluss aber die Negation des Islam beinhaltet und
diese um jeden Preis vermieden werden muss, bleibt nur die Flucht in den
alternativen Umkehrschluss: Siegen wird, was wahr ist! Aus muslimischer
Sicht also der Islam.
Auf die aktuelle Politik bezogen bedeutet dies, dass die Dominanz des
Westens die von ihr betroffenen muslimischen Gesellschaften nicht etwa
in einen Lemprozess treibt, sondern in die gewaltsame Konfrontation.
Wobei mit „Dominanz ff noch nicht einmal das gemeint ist, was man als
„Imperialismus ff bezeichnen konnte, sondern die schlichte Tatsache, dass
der Westen erfolgreicher ist, noch dazu auf alien relevanten Gebieten. Be-
sonders dramatisch diirfte diese Situation den Angehorigen muslimischer
Parallelgesellschaften im Westen erscheinen, die tagtaglich mit der Do-
minanz einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft konfrontiert wer-
den, der gegeniiber die eigene Gemeinschaft kollektiv eine Unterschicht
darstellt.
3.2.1.5 Regeln zur Verteilung der Beute
In fiinf Suren beschaftigt sich der Prophet mit den Regeln, nach denen die
Beute verteilt wird (normalerweise ein Funftel fur ihn, der Rest fur seine
Kampfer). Nein, nicht der Prophet: Allah selbst stellt diese Regeln auf.
Wir werden noch sehen, wie problematisch es ist, dass „Allah" sich iiber-
haupt in hochst weltliche Angelegenheiten einmischte. Indem er hier aber
Themenanalyse 105
die Verteilung von Beute regelt, legitimiert er selbst Raub und Pliinderung,
die dadurch mit einer sakralen Weihe versehen werden.
Dies entsprach den Wertvorstellungen der Beduinen, die einen groBen
Teil der Bewohner der arabischen Halbinsel stellten und schon in vorislami-
scher Zeit eine standige Plage fur die sesshafte Bevolkerung gewesen waren.
Es ware ein lohnendes Unterfangen (das hier selbstverstandlich nicht
verfolgt werden kann), nicht nur die arabische, sondern die Weltgeschich-
te insgesamt unter dem Gesichtspunkt des Kampfes zwischen Zivilisation
und Barbarei zu beschreiben, genauer zwischen den Sesshaften, die von den
Friichten ihrer Arbeit lebten, und rauberischen Nomadenvolkem, die diese
Friichte durch Raub an sich brachten.
Die arabischen Beduinen befanden sich insofern in der illustren Gesell-
schaft von Skythen und Mongolen, von Hunnen und Wikingern, von Goten
und Vandalen. Dabei hatte die Zivilisation durchaus nicht immer die Ober-
hand: Rom ist nur das prominenteste Beispiel eines GroBreiches, das wan-
dernden Barbarenvolkem zum Opfer fiel, und sein Ende bedeutete einen
zivilisatorischen Ruckschritt, dessen Kompensation fast ein Jahrtausend in
Anspruch nahm.
Was den Barbaren ungeachtet ihrer Primitivitat so oft die Uberlegenheit ver-
schaffte, war ihre Brutalitat, ihr zur Lebensform erhobenes Kriegertum: Sie
konnten kaum mehr als Menschen totschlagen. Das aber konnten sie perfekt.
Wahrscheinlich war es politisch klug vom Propheten, die Gewalttatig-
keit und Barbarei der Beduinen vor den Karren des Islam zu spannen; den
islamischen Siegeszug der ersten beiden Jahrhunderte hatte es ohne ihren
wilden Kampfgeist kaum gegeben, bei dem Beutegier und Blutdurst mit
dem ihnen frisch eingeimpften religiosen Fanatismus eine schlagkraftige
Verbindung eingingen. Der Preis fur diesen Erfolg war freilich, dass die is-
lamische Zivilisation auf einem Fundament barbarischer Wertvorstellungen
errichtet wurde.
3.2.2. Polemik gegen die „Unglaubigen ff
In vierzehn Suren polemisiert der medinensische Koran gegen „Unglaubi-
ge", indem er sie als Feinde der Muslime darstellt oder sie und ihre Lehren
als moralisch minderwertig verunglimpft. Dass hierbei auch die „G6tzen-
diener", also die Polytheisten, und hier insbesondere die Mekkaner betrof-
fen sind, ist schon deshalb wenig uberraschend, weil sie schon vor der Hi-
dschra die Hauptadressaten der Kritik gewesen waren.
106 ///. Der Koran
In Medina aber konzentriert Mohammed seine Kritik, sofern er sie nicht
unspezifisch auf „die Unglaubigen" bezieht, sondern konkrete Gruppen ins
Auge fasst, vor allem auf Christen und Juden, wobei die Kritik an Letzteren
sowohl quantitativ als auch qualitativ deutlich heftiger ausfallt als die an
den Christen: Wahrend christenfeindliche Motive in acht von vierundzwan-
zig medinensischen Suren eine Rolle spielen, 44 polemisiert der Koran in elf
dieser Suren 45 gegen die Juden, und dort deutlich ausfuhrlicher als gegen
die Christen.
3.2.2.1 Antijiidische Polemik
3.2.2.1.1 Ursprung des islamischen Antisemitismus 46
Auf den ersten Blick ist diese Akzentsetzung iiberraschend, steht die judi-
sche Religion dem Islam doch theologisch weitaus naher als die christliche:
Judentum wie Islam bekennen sich zu einem kompromisslosen und unver-
wasserten Monotheismus, betonen die absolute Transzendenz Gottes und
sind strenge Gesetzesreligionen, deren Gesetze zum Teil sogar ubereinstim-
men, man denke nur an die Beschneidung oder die Speisegebote.
Wenn der Prophet trotzdem die Juden besonders aufs Kom nimmt, so
liegt dies zunachst an der konkreten historischen Situation: Juden siedelten
als geschlossene Gemeinschaften und in Gestalt ganzer Stamme auf der ara-
bischen Halbinsel. Sie waren also politische Einheiten, wahrend Christen
vorwiegend als Einzelpersonen und Familien uber den gesamten arabischen
Raum verstreut waren; als politisch-militarische Gegner kamen sie insofern
zu Lebzeiten Mohammeds normalerweise nicht in Betracht, wahrend wir
andererseits gesehen hatten, dass die jiidischen Stamme von Medina nach
anfanglicher Kooperation zu Gegnern wurden.
Zu diesem politischen gesellte sich ein nicht zu unterschatzender/^c/zo-
logischer Aspekt, bei dem sich interessanterweise eine Parallele zwischen
Mohammed und dem Reform ator Martin Luther zeigt:
Beide waren iiberzeugt, dass ihre eigene Lehre die ursprunglichen Inten-
tionen des Judentums verwirkliche. Mohammed verstand den Islam als die
44 Suren 2, 3,4, 5,9, 57,61,98
45 Suren 2, 3, 4, 5, 9, 57, 58, 59, 61, 62, 98
46 Zu Ursprung und Wesen des islamischen Antisemitismus siehe auch Hans-Peter Raddatz, Allah und die
Juden, Berlin 2007; zur Entwicklung des Verhaltnisses zwischen Mohammed und den Juden speziell S. 47
ff.
Themenanalyse 107
wahre Religion Abrahams, Luther den Protestantismus als ein von katholi-
schen Verzerrungen gereinigtes Christentum. Hatten beide urspriinglich ho-
hen Respekt vor dem Judentum gehabt und den Juden zugestanden, dass sie
sich zu Recht vom Heidentum bzw. einem pervertierten Christentum fern-
gehalten hatten, so glaubten sie, dass ihre jeweils eigene Reformreligion
alien berechtigten Wunschen der Juden Rechnung trage. Mohammed wie
Luther glaubten deshalb, dass es ein Leichtes sein wurde, die Juden zum
Islam bzw. zum Protestantismus zu bekehren. Beide wurden enttauscht.
Sowohl Mohammed als auch Luther reagierten aufdiese Zuriickweisung
mit einer abrupten Wendung zu judenfeindlicher Polemik. Im Falle Mo-
hammeds spielten dabei drei weitere wichtige Faktoren eine Rolle: Wie wir
gesehen haben, wiesen die judischen Rabbiner seinen prophetischen Sen-
dungsanspruch nicht nur mit theologischen Argumenten zuriick, sie mach-
ten sich auch uber ihn und seine Bildungslucken lustig und drohten ihn als
komische Figur abzustempeln - hochst riskant gegeniiber einem Mann vom
Charakter Mohammeds.
Der Prophet hatte sich schon in Mekka die Qualen ausgemalt, mit denen
Allah jeden strafen wurde, der seine Sendung anzweifelte, und er hatte die-
se Phantasien in Gestalt hunderter Koranverse veroffentlicht. Als politisch
machtloser Prediger, der er in Mekka gewesen war, musste er es dabei be-
wenden lassen. Wie aber wurde ein solcher Mann reagieren, wenn ihm reale
bewaffnete Macht zu Gebote stand?
„Im Jahre 624 wurden die Stdmme der Nadir und Qaynuqa unter Einbe-
halt ihrer Besitztilmer nach Khaybar in Nordarabien vertrieben, 627 ging
Mohammed gegen den noch verbliebenen Stamm de Qurayza vor, deren
Kontakte zu den nach wie vorfeindlich gesinnten mekkanischen Quraysh
den willkommenen Vorwand boten, ein radikales Exempel zu statuieren. In
einem fast zwei Tage dauernden Massaker liefi er eine nicht naher bekann-
te Anzahl (600 bis 700) mannlicher Personen in ein eigens hergerichtetes
Massengrab steigen und in seiner Gegenwart hinrichten.
Die Frauen und Kinder wurden in die Sklaverei verkauft bzw. unter die
Gefolgsleute verteilt. Dass er eine der Witwen, die 18-jahrige Rayhana Bint
Zayd, fur den eigenen Konkubinenbestand rekrutierte, schrumpfte vor der
Monstrositat dieses Vorgangs zur Randnotiz. " 47
47 Hans-Peter Raddatz, Von Gott zu Allah. Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft,
Munchen2005, S. 49
108 ///. Der Koran
Indem die judischen Gelehrten Mohammeds willkiirlichen Umgang mit
der Bibel offenlegten, legten sie auBerdem zugleich die Axt an die Grundla-
ge des Islam, namlich die gottliche Herkunft des Korans.
Und schlieBlich war die theologische Ablehnung zugleich identisch mit
politischer UnbotmaBigkeit, weswegen schon in dem oben zitierten Vers
(59/4) die Vertreibung der Nadir mit den Worten gerechtfertigt wurde: „die-
weil sie sich Allah undseinem Gesandten widersetzten".
Haben wir es an dieser Stelle nur mit der schon sattsam bekannten sakra-
len Rechtfertigung von Gewaltanwendung im Namen des Islam zu tun, so
geht der Koran in seiner Polemik gegen die Juden uber diesen Aufruf zum
Kampf weit hinaus:
Der Prophet — wie spater der Reformator — musste die Zuruckweisung
islamischer Wahrheitsanspruche seitens der Juden ja umso schmerzlicher
empfinden, als sie gerade von denen kam, denen man, wie zahneknir-
schend auch immer, das Erstgeburtsrecht auf den Monotheismus zugeste-
hen musste. Die Juden waren die Einzigen, die die Wahrheitsanspruche
des Islam und des Christentums durch ihre Ablehnung grundsatzlich und
bis in die Fundamente hinein erschuttern konnten. Wobei bereits die schie-
re Existenz des Judentums mit dieser Ablehnung identisch war. In einem
allgemeineren Sinne liegt hierin der sozialpsychologische Grund dafur,
dass Christen wie Muslime Heiden nur verachtet, Juden aber leidenschaft-
lich gehasst haben.
3.2.2.1.2 „Schriftfalschung"
Fur Mohammed bedeutete dies, dass es nicht geniigte, die Juden zu ver-
treiben, zu unterwerfen oder zu ermorden, er musste die Basis ihres reli-
giosen Renommees erschuttern. Es reichte nicht aus, ihnen, wie auch den
Christen, vorzuwerfen, sie hatten die Schrift falsch verstanden, nein, sie
mussten die Schrift gefdlscht haben, womit die Differenzen zwischen Thora
und Koran scheinbar zwanglos erklart wurden. Auf diese Weise wurde jedes
Argument, das die Juden unter Berufung auf die Thora gegen den Islam
vorbringen mochten, gegen sie selbst gekehrt, bewies es doch nur die mo-
ralische Verderbtheit der „Schriftfalscher M . (Als ware er zum Material fur
ein gutes Lehrbuch uber totalitare Ideologie bestimmt, erzwingt der Koran
hier mit seiner zirkularen Selbstbeglaubigung eine Denkweise, in der Kritik
sich gegen den Kritiker wendet, der eben wegen seiner Kritik nur der Agent
des Bosen sein kann.) Die Lippendienste, die der Koran der Thora (und
Themenanalyse 109
dem Evangelium) als dem Wort Gottes leistet, erweisen sich als ahnlich
zweischneidig wie die oben behandelte Verehrung Jesu. Gemeint ist nam-
lich nicht die Thora, die von den Juden als solche betrachtet wird, sondern
eine mit dem Koran iibereinstimmende, also fiktive Thora, die in ahnlicher
Weise fur den Islam vereinnahmt wird wie die Person Christi.
3.2.2.1.3 „Abfall von Gott"
Der Koran wirft den Juden an etlichen Stellen vor, ihren Bund mit Gott
gebrochen zu haben, und stiitzt sich in seiner Beweisfuhrung ganz wesent-
lich aufdie Biicher des Alten Testaments, deren Authentizitat in diesem Zu-
sammenhang natiirlich nicht angezweifelt wird, etwa auf die Geschichte
vom Tanz um das Goldene Kalb. Die judische Heilsgeschichte, die um den
Bund zwischen Gott und dem Volk Israel kreist und an vielen Stellen dessen
Untreue gegen den Herrn selbstkritisch thematisiert, wird zu einer Anklage-
schrift gegen die Juden umgedeutet.
Eine fatale Weichenstellung, die Mohammeds volliges Unverstandnis fur
Selbstkritik schlechthin beweist, zugleich auch ein Punkt, an dem sich ein-
mal mehr aufzeigen lasst, wie das theologische Konzept einer Religion sich
in der Kollektivmentalitat ihrer Anhanger niederschlagt:
Der gegen die Juden gerichtete Vorwurf der „Arroganz M ist wahrschein-
lich der alteste antisemitische Topos iiberhaupt; in Ansatzen taucht er be-
reits in der vorchristlichen Antike auf. Den Schein von Plausibilitat gewinnt
er durch die Bezugnahme auf das Selbstverstandnis der Juden, Gottes aus-
erwahltes Volk zu sein. Wurde man das Alte Testament aber einer ahnli-
chen Themenanalyse unterziehen, wie ich sie hier fur den Koran leiste, so
ware das erwartbare Ergebnis, dass die judische Uberlieferung die standige
Selbstbefragung, ja Selbstanklage enthalt, den Erwartungen Gottes nicht
gerecht zu werden. Das Ethos der Selbstkritik, die Warnung vor der Selbst-
gerechtigkeit, also das genaue Gegenteil von Arroganz, gehorte - und ge-
hort bis heute - zum Kern jiidischer Ethik. (Und es war wiederum eine
fatale Weichenstellung, diesmal des Christentums, dieses genuin judische
Ethos exklusiv fur sich zu beanspruchen und dem Typus selbstgerechten
Pharisaers die Rolle „des" Juden zuzuweisen.)
Mohammed hat dies nicht nur nicht verstanden, er war vor allem weit
davon entfernt, diese Haltung seiner eigenen Gemeinde anzuempfehlen:
110 III Der Koran
Sure 3:
,,(110) Ihrseiddie teste Gemeinde, die fur die Mens chen er stand. Ihrhei-
fiet, was rechtens ist und verbietet das Unrechte undglaubet an Allah. ..."
Der Appell an den Gruppennarzissmus, der implizit schon in den Dschi-
had- Aufrufen und Paradiesversprechungen enthalten ist, wird hier mit gera-
dezu schamloser Offenheit formuliert. Damit erscheint Selbstgerechtigkeit,
insbesondere die kollektive Selbstgerechtigkeit der islamischen Umma, als
nicht nur legitime Geisteshaltung, sondern sogar als gebotene Tugend; zu-
mal in Verbindung mit einer Denkweise, die die judische Selbstkritik als
Argument nicht fur, sondern gegen die Juden und ihre moralische Integritat
wertet.
3.2.2.1.4 Judische Lebensbejahung
Und noch einen Punkt gibt es, in dem sich der Islam fundamental gegen
das Judentum abgrenzt. Er wird nur an zwei Stellen genannt, gehort mithin
nicht zu den zentralen Themen antijiidischer Polemik im medinensischen
Koran, illustriert und konkretisiert aber eines der zentralen Themen des
mekkanischen Korans und muss deshalb hier behandelt werden:
Sure 2:
,,(94) Sprich:, Wenn eure kunftige Wohnung bei Allah fur euch besonders
ist und nicht fur die andern Menschen, so wiinschet euch den Tod, wenn ihr
wahrhaft seid.'
(95) Nimmer aber vermogen sie's zu wiinschen wegen dessen, was ihre
Hande voraus gesandt. Und Allah kennt die Frevler.
(96) Undfiirwahr du findest, dass sie noch gieriger am Leben hangen als
die Gotzendiener. Der eine von ihnen wiinscht tausend Jahre zu leben; aber
nicht brachte er sich fern von der Strafe, auch wenn er am Leben bliebe.
Und Allah schaut ihr Tun."
Im Tenor gleichlautend Sure 62:
„(6) Sprich: ,0 ihr Juden, wenn ihr behauptet, dass ihr vor den andern
Menschen Allahs Freunde seid, dann wiinschet euch den Tod, so ihr wahr-
haft seid.'
(7) Doch nimmer werden sie ihn wiinschen wegen ihrer Hande Werk
Doch Allah kennt die Ungerechten.
Themenanalyse 111
(8) Sprich: ,Siehe, der Tod, vor dem ihr flieht, siehe, er wird euch ein-
holen. Alsdann miisst ihrzurilckzu dem, der das Verborgene undSichtbare
kennt, undverkiinden wird er euch, was ihrgetan. "
Hier flieBen mehrere Themen zusammen: Zum einen die Kritik am
angeblichen arroganten Heilsexklusivismus („dass ihr vor den andern
Menschen Allahs Freunde seid") der Juden, der, sofern er eben von Juden
vertreten wird, alle anderen Religionen, die sich auf die judische Uber-
lieferung stiitzen, in existenzielle Legitimationsprobleme stiirzt; den der
Prophet deshalb nicht achselzuckend als Unglauben abtun kann, sondern
im Kern anfechten muss. Da geniigt es eben nicht zu sagen, die Juden hat-
ten das Heil nicht exklusiv; der Koran muss darauf bestehen, sie hatten es
uberhaupt nicht.
Dazu spielt er zunachst wiederum auf den Vorwurf der Schriftfalschung an
(„ihrerHande Werk"). Die somit als bosartige Gotteslasterer abgestempelten
Juden hatten wegen ihrer Bosartigkeit, die ihnen wohl bewusst sei, Angst vor
der Strafe Allahs - und jetzt kommt es: Deswegen hangen sie am Leben!
Das ist ein Mordaufruf. Als solcher, wie wir gesehen haben, ohnehin
ein standiges Thema; diesmal aber mit einer besonders perfiden Rechtfer-
tigung, wird den Juden doch unterstellt, die eigene Ermordung geradezu
herauszufordern: Wenn das stimmt, was die Juden behaupten, so die impli-
zite Logik dieser Verse, dann tun wir Muslime ihnen einen Gefallen, wenn
wir sie umbringen. Stimmt es aber nicht, dann sind sie ohnehin von Allah
verdammt und ihr Leben nichts wert.
Zugleich implizieren die genannten Verse aber auch in zugespitzter Form
die Verachtung des menschlichen Lebens schlechthin, die wir bereits als
Grundgedanken des mekkanischen Korans kennengelernt haben: Wer am
Leben hangt, glaubt nicht daran, von Allah fur das Paradies bestimmt zu
sein. Wer am Leben hangt, ist ein Unglaubiger. Glaubig ist nur, wer fur Al-
lah zu sterben bereit ist. Und da der Selbstmord ja verboten ist, der Tod fur
Allah also nur im Kampf erreicht werden kann: Glaubig ist, wer fur Allah
totetl
Das oben genannte Prinzip „Wahr ist, was siegt" enthalt also nicht nur
eine darwinistische „Erkenntnistheorie ?f , sondern auch eine ihr wiirdige
Moral: Gesegnet ist, wer totet. „Unglaubige", die nicht kampfen wollen,
beweisen gerade dadurch ihre moralische Minderwertigkeit, wohingegen
■•
sich die moralische Uberlegenheit der „ besten Gemeinde, die fur die Men-
schen erstand" nicht auf den Glauben schlechthin grimdet, wie man nach
112 III. Der Koran
dem hier zitierten Vers 3/110 noch annehmen konnte, sondern auf der Be-
siegelung dieses Glaubens im bewaffneten Kampf.
Was hier formuliert wird, ist nicht mehr und nicht weniger als die Annul-
a a
lierung des Funften Gebots. Allah sagt: „Du sollst toten! rr
Und noch etwas wird annulliert, wenn man die Bereitschaft, sich und
andere zu opfern, zum Lackmustest fur den Glauben schlechthin erhebt:
namlich das Verbot des Menschenopfers. Der Gott der Juden hat ihnen ver-
boten, Menschen zu opfern. Der Gott der Christen hat sich selbst geopfert.
Allah aber fordert Menschenopfer.
3.2.2.2 Polemik gegen die Christen
In seinen Angriffen auf das Christentum setzt der Koran andere Akzente
als bei seinen antijiidischen Ausfallen. Den Christen halt er vor allem das
Festhalten an der Trinitat und der Gottessohnschaft Christi vor:
Sure 4
„ (1 71) O Volk der Schrift, uberschreitet nicht euern Glauben und spre-
chet von Allah nur die Wahrheit. Der Messias Jesus, der Sohn der Maria,
ist der Gesandte Allahs und Sein Wort, das Er in Maria legte, und Geist
von Ihm. So glaubet an Allah und an Seinen Gesandten und sprecht nicht:
,Drei. f Stehet davon ab, gut ist's euch. Allah ist nur ein einiger Gott. Fern
ist es von seiner Heiligkeit, dass er einen Sohn haben sollte. "
Der Vorwurf der Schriftfalschung wird auch gegen die Christen erhoben
(wenn auch seltener und weniger deutlich als gegen die Juden); dies zumin-
dest ist die gangige Auslegung von
48 Dass der Islam so etwas wie „Pazifismus" schon deshalb nicht kennt, weil die Totung von Menschen eine
religiose Pflicht ist, dafur gibt es einen islamkritischer Neigungen hinreichend unverdachtigen Gewahrs-
mann, namlich Ayatollah Khomeini: „Der Koran sagt: Totet! Spent ein! Mehrab [die Gebetsnische in der
Moschee] ist ein Ort des Kampfes und Krieges. Aus der Mehrab heraus solllten Kriege begonnen werden,
wie alle Kriege des Islam aus den Mehrabs heraus begannen. Der Prophet hatte ein Schwert, um Menschen
zu toten. Unsere Imame waren Militars. Sie alle waren Krieger. Sie fuhrten das Schwert. Sie toteten Men-
schen. Wir brauchen einen Kalifen, der Hande abhackt, Kehlen durchschneidet, Menschen steinigt. Genau
wie der Gesandte Gottes Hande abzuhacken, Kehlen durchzuschneiden und Menschen zu steinigen pflegte.
Genau wie er die Juden der Bani Qurayza massakrierte, weil sie ein Haufen Unzufriedener waren. Wenn der
Prophet befahl, ein Haus niederzubrennen oder einen Stamm auszurotten, war das Gerechtigkeit." Khomei-
nis Rede zum Geburtstag des Propheten 1981, zit. n. Robert Spencer, Religion of peace? Why Christianity
Is and Islam Isn't, Washington D.C. 2007, S. 91 f., Ubersetzung von mir, M.K.-H.
Da der letzte Satz dieses Zitats in Hennings Ubersetzung missverstandlich lautet, habe ich fur diesen einen
Satz ausnahmsweise auf die Ubersetzung der Ahmadiyya-Bewegung, Ffm 2003, zuriickgegriffen.
Themenanalyse 113
Sure 3
,,(78) Undsiehe, wahrlich ein Teil ist unter ihnen, der mit s einen Zungen
die Schrift verkehrt, damit ihr esfur einen Teil der Schrift haltet, wahrendes
nichtzur Schrift gehort. Und sie sprechen ,Es ist von Allah ', jedoch ist es nicht
von Allah, und sie sprechen eine Luge wider Allah, obwohlsie es wissen. "
AuBerdem kreidet er ihnen ihre zankische Sektiererei an und ihre of-
fenkundige Freude an der esoterischen Spekulation. Christliche Theologen
vermochten sich bis aufs Messer uber Fragen zu streiten wie die, ob der
Heilige Geist nur vom Vater ausgehe oder womoglich auch vom Sohn. Man
darf sich in der Tat nicht wundern, dass der Koran ihnen entgegenhielt:
Sure 3
„ (66) Streitet doch uber das, wovon ihr Wissen habt; weshalb streitet ihr
uber das, wovon ihr kein Wissen habt? Allah weifi, ihr aber wisset nicht. "
Speziell auf der arabischen Halbinsel musste sich der Eindruck geradezu
aufdrangen, die Christenheit bestehe vor allem aus einander befehdenden Sek-
ten: Dorthin reichte der Arm der romisch-byzantinischen Reichskirche nicht,
und so wimmelte es unter den arabischen Christen von Kleinkirchen und Re-
ligionsfluchtlingen, von nur lose oder gar nicht an Kirchenstrukturen ange-
bundenen asketischen Monchen und von versprengten Gruppen, an denen die
gesamte theologische Entwicklung seit dem zweiten Jahrhundert mehr oder
minder spurlos voriibergegangen war. Man vermutet, dass sich gerade dort
eine starke judenchristliche Stromung bis in die Tage Mohammeds gehalten
hatte, die Jesus als Religionsstifter, nicht aber als Sohn Gottes verehrte und
der die im Koran formulierte Trinitatskritik daher unmittelbar einleuchtete. 50
Es hatte seine Griinde, dass die Christen im Koran besser wegkommen
als die Juden:
Sure 5
„ (82) Wahrlich, du wirstfinden, dass unter alien Menschen die Juden und
die, welche Allah Gotter zur Seite stellen, den Glaubigen am meisten feind
sind, und wirst finden, dass den Glaubigen diejenigen, welche sprechen:
'Wir sind Nazarener', amfreundlichsten gegenuberstehen. Solches, dieweil
unter ihnen Priester und Monche sind, und weil sie nicht hoffartig sind. "
50 vgl. Hans Kiing in: Hans Kung/Jan van Ess, a.a.O., S. 181
114 ///. Der Koran
Es ware aber ein Missverstandnis, daraus zu folgern, der Islam stehe dem
Christentum als Religion toleranter gegenuber als dem Judentum. Der Ko-
ran fahrt namlich fort:
„ (83) Und wenn sie horen, was hinabgesandt ward zum Gesandten,
siehst du ihre Augen von Tranen iiberfliefien infolge der Wahrheit, die sie
darin erkennen, indem sie sprechen: , Unser Herr, wir glauben; so schreib
uns ein unterjene, die es bezeugen. '
(84) ...
(85) Und belohnt hat sie deshalb Allah fur ihre Worte mit Garten, durch-
eilt von Bachen, ewig darinnen zu verweilen; ...
(86) Wer aber nicht glaubt und Unsre Zeichen der Luge zeiht, das sind
die Gefahrten des Hollenpfuhls . "
Christen werden also freundlicher beschrieben, weil und soweit sie leich-
ter zu bekehren sind als Juden. Diejenigen Christen aber, die das auch blei-
ben wollen, fahren zur Holle, und an ihnen und ihrem Glauben wird kein
gutes Haar gelassen. Sie werden mitsamt den Juden verdammt:
Sure 9 :
„ (30) Und es sprechen die Juden: , Uzair [Esra] istAllahs Sohn ' ... "
- selbstverstandlich haben die Juden in Wahrheit niemals den Propheten
Esra zum Gottessohn erhoben -
„... Und es sprechen die Nazarener: ,Der Messias istAllahs Sohn.' Sol-
ches ist das Wort ihres Mundes. Siefuhren ahnliche Reden wie die Unglau-
bigen von zuvor. Allah schlug sie tot! Wie sind sie verstandeslos! n
Die Christen werden als Gegner nicht ernst genommen. Da sie im Gegen-
satz zu den Juden keine politische Gemeinschaft darstellen, konnen sie dem
Islam keinen gewaltsamen Widerstand entgegensetzen, und weil sie sogar
als Religion zersplittert und theologisch verwildert sind, fallen sie auch der
islamischen Mission leichter zum Opfer.
Hans Kung vermutet, dass das Christentum sich unter muslimischem Druck
vor allem deshalb so schnell aufgelost habe, weil die Christen nicht in der Lage
gewesen seien, ihre Zentraldogmen „Trinitat ?f und „Inkarnation ff (Mensch-
werdung Gottes) hinreichend zu begriinden. 51 Fur die anarchisch strukturierte
Christenheit im Arabien Mohammeds trifft das wahrscheinlich zu - welcher
Laie kann schon das Trinitatsdogma exakt entwickeln? (Was man Kung al-
51 ebd., S. 170
Themenanalyse 115
lerdings vorwerfen muss, ist, dass er damit auch die spatere Durchsetzung
des Islam in ehemals romischen, byzantinischen und persischen Gebieten er-
klaren will, wo es straff gefuhrte Kirchen gab, und dabei die Realgeschichte
ignoriert. Wir werden im ubernachsten Kapitel sehen, mit welchen Mitteln der
Islam dort „missionierte ff , und dass die Starke oder Schwache theologischer
Argumente das Letzte war, was dabei eine Rolle spielte.)
Dass hier eine offene Flanke lag, wurde den Christen sehr schnell klar, und
so wurden Mitte des 7. Jahrhunderts energische MaBnahmen zu innerer Kon-
solidierung ergriffen, zu spat freilich, weil sie zu einem Zeitpunkt erfolgten,
wo der Islam auf Predigt und Missionierung nicht mehr angewiesen war.
3.2.2.3 Soziale Ab- und Ausgrenzung
53
Funf medinensische Suren fordern explizit dazu auf, soziale Kontakte zu
den „Unglaubigen M auf ein Minimum zu beschranken, insbesondere keine
vertraulichen und freundschaftlichen Beziehungen zu ihnen zu unterhalten
und sich nicht in Abhangigkeit zu begeben. Dabei mag man die Distan-
zierung von der eigenen Verwandtschaft, die in Sure 9 gefordert wird, auf
die spezielle Situation des Propheten zuruckfuhren, der mit seinem eigenen
Stamm - den mekkanischen Quraischiten - im Konflikt lag. Alle anderen
genannten Stellen fordern unzweideutig die generelle Abgrenzung von An-
dersglaubigen als allgemeingultige Sozialnorm; zwei Beispiele:
Sure 4:
„ (89) Sie wiinschen, dass ihr ungldubig werdet, wie sie ungldubig sind,
und dass ihr (ihnen) gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund,
ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rucken kehren, so
ergreifet sie und schlaget sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen
von ihnen zum Freund oder Heifer; "
Sure 5:
„ (51) O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch nicht die Juden und Christen zu
Freunden; sie sind untereinander Freunde, und wer von euch sie zu Freun-
den nimmt, siehe, der ist von ihnen ...
Martin Tamcke, Christen in der islamischen Welt. Von Mohammed bis zur Gegenwart, Miinchen 2008,
S. 54-61
53 Suren 3, 4, 5, 9, 60
116 III. Der Koran
(...)
(57) „0 ihr, die ihr glaubt, nehmt nicht von denen, welchen die Schrift
vor euch gegeben ward, diejenigen, die iiber euren Glauben spotten und
scherzen, und auch nicht die Ungldubigen zu Freunden, ..."
Auffallend ist auch in diesem Zusammenhang die enorme Empfindlich-
keit gegen Spott, die uns schon im mekkanischen Koran begegnet war. Wer
den Koran liest, wird sich iiber die MaBlosigkeit der muslimischen Reaktion
auf die danischen Mohammed-Karikaturen kaum mehr wundern.
Zwei miteinander zusammenhangende Befiirchtungen stehen offenbar
hinter diesen Geboten: zum einen konnten Muslime zum Abfall vom Islam
verleitet werden, zum anderen konnte die innermuslimische Solidaritat lei-
den („der ist von ihnen"), wenn einzelne Muslime zu enge soziale Bezie-
hungen zu Nichtmuslimen unterhalten - womit unterstrichen wird, dass die
innermuslimische Solidaritat und die feindselige Abgrenzung gegeniiber
Fremdgruppen zwei Seiten derselben Medaille sind.
Man konnte an dieser Stelle einwenden, dass es auf die genaue Interpre-
tation von Ausdriicken wie „Freund" oder „Helfer" ankomme, da es einen
erheblichen Unterschied bedeute, ob sie politisch, rechtlich oder emotional
aufzufassen seien; dieser denkbare Einwandjedoch liefe ins Leere:
Die genaue rechtliche Konkretisierung dieser Normen ist auch in den
islamischen Landern selbst schon seit der Friihzeit des Islam eine Angele-
genheit fur Gelehrte gewesen, und auch die waren sich nicht immer einig.
Es geht in diesem Text darum, wie sich die Existenz gerade solcher Normen
auf das Normen- und Wertesystem einer Gesellschaft auswirken muss, die
den Koran buchstablich fur das Wort Gottes halt. Die meisten Muslime,
einschlieBlich der meisten Araber, verstehen nicht unbedingt die Feinhei-
ten des klassischen Arabisch, in dem der Koran verfasst ist. Was aber fur
jedermann ohne weiteres verstandlich ist, ist der Kontext, in dem diese Nor-
men stehen, insbesondere die Begrilndung, die ihnen zugrunde liegt. Die
aufgrund dieses Kontextes jedem einfachen Glaubigen sich aufdrangende
Interpretation lautet, dass es verboten ist, zu Nichtmuslimen solche sozialen
Beziehungen zu unterhalten, die die Gefahr des Abfalls vom oder des Ver-
rats am Islam mit sich bringen, ganz gleich, ob diese Gefahr auf emotionaler
Nahe, politischer Abhangigkeit oder rechtlicher Bindung basiert.
Des Weiteren geht aus diesen Versen hervor, dass der Prophet die geisti-
ge Abschottung der muslimischen Gemeinschaft fur das beste Mittel halt,
Themenanalyse 117
Glaubenszweifel gar nicht erst aufkommen zu lassen und die eigene Ge-
meinschaft missionsfest zu machen. Bemerkenswerterweise wiegt die Be-
fiirchtung, Muslime konnten sich vom Islam abkehren, deutlich schwerer
als die Hoffnung, Andersglaubige konnten sich unter dem Einfluss von
Muslimen zum Islam bekehren. (Nach dem Tode des Propheten wird es
Nichtmuslimen unter islamischer Herrschaft zum Teil gar verboten werden,
sich und ihre Kinder mit dem Koran vertraut zu machen. 54 )
Vermutlich hangt diese wenig selbstbewusste Haltung damit zusammen,
dass der friihe Islam dem Prestige und der theologischen Reife der Vorgan-
gerreligionen wenig entgegenzusetzen hatte. Fur seine weitere Entwicklung
bedeutete dies aber, dass die soziale Abschottung der islamischen Umma
gegen alle Nichtmuslime zum sozialen Leitbild avancierte.
Das, was wir heute ^Integration' 1 nennen, steht in einem direkten Wider-
spruch zu einem friih entwickelten (und, wie wir sehen werden, in knapp
anderthalb Jahrtausenden verfestigten) Wertesystem, das auf der inneren
Geschlossenheit der Umma beruht, und zu einem Normensystem, das enge
soziale Kontakte zu „Unglaubigen" als zumindest anriichig stigmatisiert.
Und das, was wir heute „Dialog" nennen, und worunter wir den ergebnisof-
fenen Austausch unter Gleichberechtigten verstehen, trifft auf eine Mentali-
tat, die Zweifel an den eigenen Glaubensgrundlagen nicht einmal in einem
• •
hypothetischen Sinne zulasst, und die die Aufierung solcher Zweifel von
Seiten der „Unglaubigen" als einen feindseligen Akt auffasst.
Martin Tamcke 55 hat an Beispielen seit dem Mittelalter aufgezeigt, wie
christlich-muslimische „Dialoge" in der islamischen Welt unter diesen Um-
standen schon friih im hochgradig ritualisierten Austausch immer derselben
Argumente und Floskeln erstarrten, dessen Sinn einzig darin bestand, sich
derje eigenen religiosen Identitat zu versichern, nicht aber in geistiger Aus-
einandersetzung. Wenn man zum Beispiel an die Berliner Islamkonferenz
denkt, sind die Muslime auch im heutigen Westen auf dembesten Wege, als
„Dialog" ein System von floskelartigen Sprachregelungen zu etablieren, die
vor allem dazu dienen, jeder Infragestellung des Islam von vornherein einen
Riegel vorzuschieben.
54 Martin Tamcke, a.a.O., S.27
55 ebd, S. 94-121
118 III. Der Koran
3.2.2.4 Apostasieverbot
In diesen Zusammenhang gehort auch die Verurteilung und das strikte
Verbot der Apostasie, also des Ab falls vom Islam. Die meisten islamischen
Rechtsgelehrten sehen den Abfall vom Glauben als ein Verbrechen an, das
mit der Todesstrafe zu ahnden ist.
Diese Regel hat zweierlei Konsequenzen, die beide dazu beitragen, den
Islam zu einem System zu machen, das auf Expansion angelegt ist:
Wenn namlich - erstens - der Ubertritt zum Islam erlaubt, der Abfall
davon aber - und dies bei Todesstrafe - verboten ist, dann wirkt diese Regel
wie das soziale Aquivalent einer halbdurchlassigen Membran. Im Zusam-
menleben von muslimischen mit nichtmuslimischen Bevolkerungsgruppen
muss sie uber langere Zeitraume dazu fuhren, dass die muslimische Gruppe
durch soziale Osmose die nichtmuslimischen verdrangt. Und man bilde sich
nicht ein, dass diese Regel reine Theorie sei, die heute keine Wirkung mehr
habe. In Berlin zum Beispiel sind ehemalige Muslime, die zum Christentum
iibergetreten sind, genotigt, ihre Gottesdienste unter konspirativen Umstan-
den zu feiern, fast schon wie die Christen im Alten Rom. 56
Zweitens ist diese Regel die Grundlage des „Takfir ff , also der Erklarung
zum Unglaubigen: eine machtige Waffe in der Hand radikaler Muslime, die
damit ihre liberaleren Glaubensbriider einschuchtern. Jeder Muslim, der
qualifiziert und berechtigt ist, eine Fatwa (ein islamisches Rechtsgutachten)
zu erlassen, kann die Takfir aussprechen und damit andere Muslime wegen
deren theologischer Auffassungen praktisch fur vogelfrei erklaren. Es liegt
in der Natur der Sache, dass diese Waffe nur von konservativen bzw. „fun-
damentalistischen" Muslimen gegen liberale eingesetzt werden kann, nicht
aber umgekehrt:
Dass etwa die liberalen Theologen der Ankaraer Schule einen Yusuf
al-Qaradawi, den Spiritus Rector der Muslimbruderschaft, zum „Unglau-
bigen" erklaren, ist nicht nur unvorstellbar - es ware auch kaum zu be-
griinden. Grundlage einer solchen Takfir musste ja letztlich der Koran bzw.
dessen behauptete Missachtung durch Qaradawi sein, ein Vorwurf, der jeder
Grundlage entbehrte, wenn er sich gegen einen Mann richtete, dessen Ext-
remismus gerade auf seiner Treue zum Koran beruht.
Das islamische Apostasieverbot ist also weitaus mehr als bloB ein fla-
granter Eingriff in die Religionsfreiheit (was allerdings allein schon aus-
56 vgl. Andre Glasmacher, Angst vor dem strafenden Islam, in: Tagesspiegel vom 21.4.2007
Themenanalyse 119
reichen wiirde, die Unvereinbarkeit von Islam und offener Gesellschaft zu
beweisen). Es hangt als Damoklesschwert iiber Jedem, der eine im westli-
chen Sinne liberate Interpretation des Koran propagiert; die Drohung als
solche reicht in der Regel bereits aus, solche Exegeten mundtot zu machen
und die soziale Verbindlichkeit der konservativen Positionen abzusichern,
deren Kritiker noch froh sein konnen, wenn sie bloB an den Rand der Umma
gedrangt und nicht gleich ins Jenseits befordert werden.
3.2.3. Der Anspruch des Propheten auf absoluten Gehorsam
und seine politischen Implikationen
Dass eine solchermaBen als Kampfeinheit konzipierte Religionsgemein-
schaft keinen inneren Pluralismus zulassen kann, lage selbst dann auf der
Hand, wenn der Prophet nicht obendrein noch in zehn von 24 medinensi-
schen Suren 57 seinen Anspruch auf absoluten Gehorsam unzweideutig un-
terstrichen hatte, etwa in
Sure 3:
,,(32) Gehorchet Allah und dem Gesandten; denn wenn ihr den Riicken
kehrt - siehe, Allah liebt nicht die Unglaubigen. "
Allein die Haufigkeit, mit der die Formulierung „Allah und der Gesand-
te" im medinensischen Koran auftaucht (wahrend sie im mekkanischen so
nicht vorkam), ist bezeichnend. Der Prophet lasst keinen Zweifel daran,
dass sein Wille und der Allahs ein und dasselbe sind. Dabei beschrankt er
sich nicht etwa auf eine quasi papstliche Unfehlbarkeit in theologischen
Fragen, sondern beansprucht sie auch in politischen, militarischen und
rechtlichen Angelegenheiten. Sogar Privatangelegenheiten des Propheten,
etwa Ehestreitigkeiten mit seinen zahlreichen Frauen, werden durch „gott-
liche ff Intervention zugunsten Mohammeds entschieden, und die Verse, mit
denen der Prophet das Verhalten seiner eigenen Frauen vorschrieb, gelten,
da sie im Koran stehen, bis heute und fur alle Zeiten fur alle muslimischen
Frauen.
Die politische Ordnung von Medina kennt also weder eine Trennung von
Religion und Politik, noch eine von Gesetzgebung und Regierung, und nicht
einmal die von offentlich und privat. Sie kennt auch keine Verantwortung
des Fiihrers gegeniiber den Gefuhrten; die Vorstellung eines „Gesellschafts-
57 Suren 3, 4, 5, 8, 9, 24, 33,49, 58, 59
120 ///. Der Koran
vertrages" auf Gegenseitigkeit kann es unter islamischen Vorzeichen nicht
geben, der politische Fiihrer ist Allah verantwortlich und sonst niemandem.
Das bedeutet aber keineswegs, dass diese Verantwortung gegeniiber
Allah bloBe Ideologic gewesen ware, die einer diktatorischen Willkurherr-
schaft lediglich ein religioses Mantelchen umgehangt hatte. Eine solche
Interpretation in der Tradition vulgaraufklarerischer Religionskritik wurde
nicht nur dem Propheten selbst Unrecht tun, sondern auch zu einer drama-
tischen Fehleinschatzung des Islam als eines politischen Ordnungsprinzips
fiihren:
Politische Herrschaft ist von Dauer, wenn die Beherrschten sie als legitim
akzeptieren. Wahrend aber etwa das Christentum die Frage nach der Le-
gitimitat einer konkreten politischen Herrschaft rein pragmatisch - wenn
iiberhaupt - beantwortet, indem es praktischjegliche tatsachlich existierende
CO
Obrigkeit fur gottgewollt erklart, behandelt der Islam sie in religiosen Be-
griffen: Legitim ist der Herrscher, der seiner Verantwortung gegeniiber Allah
gerecht wird, der also in Ubereinstimmung mit islamischen Normen regiert.
Faktisch ist dem Herrscher damit ein enormer Handlungsspielraum zu-
gestanden, denn natiirlich verfugten auch muslimische Herrscher in Gestalt
einer willfahrigen Gelehrtenschaft normalerweise uber hinreichend viele
■•
Ideologen und Claqueure, die ihnen bescheinigten, in Ubereinstimmung
mit Koran und Sunna zu handeln, und eine institutionalisierte Kontrolle wie
in modernen Verfassungsstaaten war vom islamischen Recht nicht vorgese-
hen, schon gar nicht vom Propheten selber.
Setzte sich der Herrscher aber in offenkundigen Widerspruch zum Islam,
indem er etwa die Gleichberechtigung der „Unglaubigen ff dekretierte, 59 so
konnte er sich erhebliche Probleme einhandeln. Anhand konkreter Beispiele
werde ich weiter unten zeigen, dass der Islam im Zweifel machtiger war als
der machtigste muslimische Herrscher.
• •
Die Ubereinstimmung mit dem Islam vorausgesetzt, war der Herrscher
allerdings praktisch Stellvertreter Allahs. Das in Medina etablierte Modell
58 vgl. Rom 13, 1-5
59 vgl. z.B. Bat Ye'Or, Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam, Grafelfing 2002, S.
400; und Youssef Courbage/Philippe Fargues, Christians and Jews under Islam, London 1997, S. 70
Themenanalyse 121
60
einer legitimen politischen Ordnung war die Theokratie. Eine Vorentschei-
dung mit weitreichenden Implikationen:
Jede politische Ordnung, die den inneren Frieden sichern soil, und dies
dauerhaft, muss ein anerkanntes Verfahren zum legalen Machtwechsel ken-
nen, das spatestens beim Tode des Herrschers anzuwenden ist. Das klas-
sische Beispiel ist die Erbmonarchie; in modernen Demokratien dagegen
muss man nicht auf den Tod des Herrschers warten, sondern bekommt von
Zeit zu Zeit die Gelegenheit, ihn legal - durch Wahl - abzulosen.
So fundamental sich beide Systeme auch sonst unterscheiden: In beiden
bestimmt eine abstrakte Kegel dariiber, wer der legitime Herrscher ist; Herr-
schaft gilt als legitim, wenn sie durch ein bestimmtes Verfahren zustande
gekommen ist - und zwar auch dann, wenn der Herrscher unfahig, korrupt
oder verriickt ist oder eine katastrophale Politik verfolgt, mit anderen Wor-
ten: unabhangig davon, ob seine Politik oder sein Regierungsstil inhaltlich
mit den Erwartungen der Gesellschaft iibereinstimmt.
Der Koran dagegen etabliert mit dem Herrschaftsanspruch des Propheten
implizit eine materielle im Unterschied und Gegensatz zu einer formalen
Definition von „Legitimitat" . Wenn Herrschaft sich durch ihre Ubereinstim-
mung mit dem Willen Allahs als legitim ausweisen muss, dann verdrangt
diese legitimation durch Inhalt" die legitimation durch Verfahren", der
dadurch der Rang eines bloB sekundaren, eher pragmatischen Ordnungs-
prinzips zugewiesen wird. Erbmonarchien gab und gibt es selbstverstand-
lich auch in der islamischen Welt (wobei es wiederum bezeichnend ist, wie
sehr die direkte Abstammung vom Propheten zur Legitimation etwa des
marokkanischen oder jordanischen Konigshauses beitragt), und heutzutage
gibt es auch gewahlte Regierungen, wenn auch nur vereinzelt.
Was es ahex nicht gibt, ist die Vorstellung, dass eine Regierungs/ormper
se als legitim gelten konnte. Die Legitimitat muslimischer Herrscher, egal,
ob es sich um Konige, Diktatoren oder gewahlte Politiker handelt, steht
jederzeit unter einem Vorbehalt. Bereits diese latente Anfechtung der Legi-
timitat ihrer Herrschaft zwingt muslimische Herrscher regelmaBig, die Lu-
cke zwischen den Geboten des Islam und ihrer eigenen Praxis nicht zu groB
60 Bernard Lewis: „Der aus der von Muhammad in Medina begriindeten Gemeinde hervorgegangene und
nach dem Vorbild der altorientalischen Gotteskonigtumer weiterentwickelte islamische Staat war sowohl
theoretisch als auch im Verstandnis der Allgemeinheit eine Theokratie, in derjegliche Macht undjegliches
Recht allein von Gott ausgingen und das Staatsoberhaupt als Sein Statthalter auf Erden gait." Bernard Lewis,
DieAraber, Munchen 2002, S.129
122 ///. Der Koran
werden zu lassen (Eine gewisse Liicke ist natiirlich unvermeidlich, weil die
politische Wirklichkeit, in der diese Herrscher sich zu bewahren haben, sich
nicht unbedingt nach dem Koran richtet.), und sogar Herrscher, die selber
den Islam als Grundlage ihrer Herrschaft ablehnen, wie etwa Atatiirk, sind
gezwungen, sich ein Interpretationsmonopol liber den Islam zu sichern (In
der Turkei sind nahezu samtliche Imame Regierungsbeamte.), um dessen
oppositionelles Potenzial unter Kontrolle zu halten; damit aber erkennen sie
seine legitimitatsstiftende Kraft implizit an.
Man konnte diesem islamischen Politikverstandnis auch eine positive
Seite abgewinnen: Immerhin schrankt die Riickbindung an religiose Nor-
men die Willkur des Herrschers ja ein.
Nur eben nicht in dem Sinne, wie wir das erwarten wiirden, namlich
als Verpflichtung auf Gerechtigkeit, Milde und Verantwortungsbewusst-
sein. Dergleichen gehort in alien Kulturen, auch der islamischen, zu den
traditionellen Tugendkatalogen fur Herrscher, hat aber nichts mit der isla-
mischen Legitimitat ihrer Herrschaft zu tun. Ein muslimischer Herrscher
kann durchaus ein despotischer und grausamer Hasardeur sein, ohne damit
seine Legitimitat zu riskieren; der Schah von Persien hat nicht etwa deshalb
seinen Thron verloren, weil er ein Despot war, sondern weil er die Ent-
Islamisierung der Gesellschaft betrieb, zugleich aber keinen Weg fand, die
Geistlichkeit ahnlich an die Kandare zu nehmen, wie Atatiirk das vermocht
hatte.
Die breite gesellschaftliche Akzeptanz religioser, d.h. nichtpolitischer
Legitimitatskriterien und die stets drohende Anfechtung ihrer Legitimitat
durch eine auf den Islam sich berufende Opposition zwingt die Herrscher,
ihr durch eine betont an islamischen Normen orientierte Regierungsfuhrung
von vornherein den Boden zu entziehen; in langen Phasen der islamischen
Geschichte war dies jedenfalls das Mittel der Wahl.
In dem Moment aber, wo sie unter Modernisierungszwang geraten,
beginnend mit dem Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts, werden
die politischen Systeme islamischer Lander strukturell instabil. Die dann
zwangslaufig eintretende Erosion ihrer islamischen Legitimitat zwingt die
Herrscher, den Islam durch eine Kombination aus Beschwichtigung und
Repression unter Kontrolle zu bringen. „Beschwichtigung ?f bedeutet in
diesem Zusammenhang, die eigene islamische Legitimitat durch forcierte
Durchsetzung islamischer Normen, gegebenenfalls durch eine Politik kul-
tureller Re-Islamisierung (bei fortdauernder struktureller Verwestlichung),
Themenanalyse 123
zu untermauern; zu besichtigen ist diese Methode zum Beispiel in Saudi-
Arabien. ^Repression" meint die Unterdruckung nicht regimekonformer
Ausdrucksformen des Islam. Dabei stellt der turkische Staatsislam eine be-
sonders ingeniose Variante dieser Methode dar - wenn auch, wie wir gese-
hen haben, eine zweischneidige.
Fur muslimische Minderheiten in westlichen Landern bedeutet dieser
Sachverhalt, dass sie sich mit den Loyalitatsforderungen eines politischen
Systems konfrontiert sehen, das ihren kulturell tief verwurzelten Vorstel-
lungen von legitimer politischer Herrschaft zuwiderlauft, und dies nicht erst
dadurch, dass die Regierenden in der Regel keine Muslime sind - zu diesem
Punkt kommen wir spater sondern bereits dadurch, dass diesen Systemen
Qineforrnale Definition von Legitimitat zugrunde liegt. Damit ist nicht etwa
gesagt, dass es Muslimen grundsatzlich und ausnahmslos unmoglich sei,
die Verbindlichkeit der sakularen Verfassungen und Gesetze zu akzeptieren;
ich sehe jedenfalls keinen Grund, entsprechende Erklarungen von Musli-
men a priori als bloBe Lippenbekenntnisse abzutun.
Es bedeutet aber, dass die Akzeptanz von systemoppositionellem Ver-
halten bei muslimischen Minderheiten erwartbar deutlich hoher liegt als
in der Mehrheitsbevolkerung. Anders ausgedriickt: In dem MaBe, in dem
westliche Staaten das Wachstum von Parallelgesellschaften muslimischer
Immigranten dulden, importieren sie die Legitimitatskrisen von deren Her-
kunftslandern. Es ist nur folgerichtig, dass sie zunehmend vor derselben
Alternative von Beschwichtigung und Repression stehen wie die muslimi-
schen Lander selbst. Bedenkt man, dass dort die Strategie der Beschwich-
tigung auf eine vertiefte Islamisierung der Gesellschaft hinauslief, so ist es
auBerst beunruhigend, dass gerade dieser Strategie - und nicht etwa dem
Alternativkonzept der Repression - in westlichen Landern offensichtlich
der Vorzug gegeben wird.
3.2.4. Normen juristischen Charakters: Der Kern des
islamischen Rechts
3.2.4.1 Implikationen des islamischen Verstandnisses von Recht
Der Prophet hat sich nicht etwa angemaBt, im Stil eines absolutistischen
Monarchen Gesetze zu erlassen und gegebenenfalls auch wieder zu andern.
Faktisch hat er das zwar getan; seinem Selbstverstdndnis nach - das von
124 ///. Der Koran
seiner Gemeinde auch ohne weiteres akzeptiert wurde - brachte er aber le-
diglich den Willen Gottes zum Ausdruck und nicht etwa seinen eigenen,
zumindest soweit seine Entscheidungen Eingang in den Koran fanden.
Damit wurde die Grundauffassung dessen festgelegt, was Muslime unter
Recht verstehen - bzw. zu verstehen haben. Das islamische Recht ist nicht
Gesetz im Sinne von etwas Gesetztem, sondern eine gottliche Gegebenheit,
die man nur erkennen und beachten oder aber verkennen und bei Strafe
iibertreten, nicht aber dndern kann.
Dass sich dies so verhalt, und dass dieses Rechtsverstandnis schon von
der medinensischen Urgemeinde verinnerlicht wurde, lasst sich an der Be-
■•
deutung ablesen, die dem Hadith, also den Uberlieferungen aus dem Le-
ben des Propheten, bei der Entwicklung des islamischen Rechts zukam.
Wenn Mohammed nur ein politischer Fiihrer und seine Entscheidungen rein
pragmatischer Natur gewesen waren, dann ware nichts natiirlicher gewe-
sen, als dass die Kalifen (= Nachfolger) nach Mohammeds Tod seine quasi
gesetzlichen Entscheidungen bei Bedarf zur Disposition gestellt und nach
Gutdiinken geandert hatten - zumindest, soweit sie nicht direkt im Koran
kodifiziert waren.
Das geschah aber nicht. Stattdessen wurde die Praxis des Propheten
— in geringerem MaBe auch die seiner ersten Nachfolger, der vier „recht-
geleiteten Kalifen ?f - (die Sunna) herangezogen, wenn es gait, die Re-
gelungslucken zu fiillen, die der Koran, soweit man ihn als Gesetzbuch
verstand, notwendig enthalten musste. Aufgrund der ungeheuren Fulle an
■•
Uberlieferungen und der Akribie, mit der sie in Rechtsnormen iibersetzt
wurden, entstand ein auBerordentlich dichtes, weil praktischjeden Aspekt
menschlichen Lebens regelndes Rechtssystem, eben die Scharia, die -
und das ist entscheidend - letztlich auf Allah zuriickgefuhrt wurde und
wird.
Selbstverstandlich gibt es auch in muslimischen Landern staatlich ge-
setztes Recht, es steht aber in seiner moralischen, vielerorts auch seiner le-
galen Verbindlichkeit deutlich hinter dem islamischen Recht zuriick.
Diese Auffassung von Recht als von etwas Sakralem ist der Grund da-
fur, dass sich religiose Erneuerungsbewegungen im Islam regelmaBig die
strikte Wiederherstellung der Scharia als unmittelbar geltendes Recht auf
ihre Fahnen schreiben, der Erfolg solcher Bewegungen ein deutliches Indiz
dafiir, dass gerade diese Forderung den Adressaten unmittelbar einleuch-
tet. Eine von den Wertvorstellungen des Korans gepragte Gesellschaft kann
Themenanalyse 125
wahrscheinlich kaum anders, als sakulares, scheinbar durch schiere Macht
durchgesetztes positives Recht als anriichig und unmoralisch, bestenfalls
als technisches Hilfsmittel zu empfinden.
Die Anpassungsfahigkeit des Rechts, das im westlichen Kulturkreis
ganz selbstverstandlich als Mittel des Gesellschaftsmanagements eingesetzt
wird, ist in den Augen vieler Muslime ein Makel, der an sich schon aus-
reicht, dieses Recht, und mit ihm die gesamte westliche Gesellschaft, als
sittlich verdorben abzustempeln.
Eben diese Anpassungsfahigkeit ist aber die Voraussetzung dafur, sinn-
voll von „Demokratie" zu sprechen. Wenn weite Teile des Rechts durch die
Scharia vorentschieden und damit der Disposition des Gesetzgebers ent-
zogen sind, kann von „Demokratie" im Sinne eines offenen Prozesses der
Aushandlung von Problemlosungen und der Austragung von Interessenkon-
flikten nicht mehr wirklich die Rede sein, wie ein Blick auf den Iran zeigt:
Was immer man gegen die innere Ordnung der Islamischen Republik
Iran einwenden mag: Sie ist der bislang am konsequentesten durchgefuhrte
Versuch, demokratische Prinzipien aus dem islamischen Recht 61 abzulei-
ten und auf diese Weise Demokratie und Islam miteinander zu verbinden.
MaBgeblich ist freilich der Islam: Der Demokratie wird kein Eigenwert im
Sinne einer sakularen, religios neutralen Begriindung zuerkannt, und ent-
sprechend ist das politische System des Iran seinem Anspruch nach auch
nicht etwa ein Kompromiss zwischen Islam und Demokratie.
Im Gegensatz hierzu beruht das andere muslimische Demokratiemodell,
namlich das tiirkische, auf dem Versuch, den Islam aus der Politik hinaus-
zudrangen. Die Turkei ist deutlich demokratischer als der Iran, aber ihre lei-
tende Staatsideologie ist gerade nicht der Islam, sondern der Sakularismus.
Die Tatsache, dass dieser Sakularismus liber achtzig Jahre nach Griindung
der Republik immer noch nicht wirklich akzeptiert ist, und zwar wegen
seines offenkundig unislamischen Charakters, illustriert deutlicher als jede
theoretische Analyse die an Unmoglichkeit grenzende Unwahrscheinlich-
keit der dauerhaften Implantation sakularer Wertvorstellungen in der isla-
mischen Welt.
Khomeinis Iran wirkt demgegeniiber wie das Gegenmodell zur Turkei:
Theoretisch hat das Volk dort - bis zur Wiederkehr des Verborgenen Imam
61 Es handelt sich hier allerdings um eine spezifisch schiitische Spielart des islamischen Rechts, die auf den
sunnitischen Islam nicht ubertragbar ist.
126 II I.Der Koran
- das Recht auf Selbstregierung, also auf Demokratie; dies aber nur nach
MaBgabe der Scharia, iiber deren Einhaltung der schiitische Klerus wacht.
Faktisch tendiert unter diesen Voraussetzungen der Gestaltungsspielraum
des Volkes und der von ihm gewahlten Politiker (selbst wenn man von
der Vor-Auswahl der uberhaupt wahlbaren Kandidaten durch den Klerus
absieht) gegen null, wie das Schicksal des „Reformprasidenten M Khatami
beweist, der trotz parlamentarischer Mehrheiten kaum eine Reform durch-
setzen konnte.
Man kann sich iiber das islamische Verstandnis von „Recht" hinwegset-
zen wie Atatiirk; man kann es auch zur Grundlage des Staates machen wie
Khomeini: Die Demokratie scheitert in jedem Falle an diesem Rechtsver-
standnis, wenn auch aus entgegengesetzten Griinden.
3.2.4.2 Die Rolle der Frauen
Dabei ist nicht nur das Rechtsverstdndnis, sondern auch der Inhalt die-
ses Rechts aufschlussreich. Hier wie iiberall in dieser Analyse geht es um
die Frage, welche Schwerpunkte der Koran setzt, welchen Bereichen des
menschlichen Lebens also eine besonders ausgepragte religiose Dimension
zugemessen wird.
Mindestens acht von vierundzwanzig medinensischen Suren enthalten
allgemeingultige Verhaltensnormenjuristischen Charakters fur das Alltags-
leben, wobei das Ehe-, Familien- und Erbrecht deutlich dominieren. Das be-
herrschende Einzelthema innerhalb dieses Themenkreises ist das Verhaltnis
von Mann und Frau, genauer die Unterordnung der Frau unter den Mann:
Manner seien von Natur aus der Frau iiberlegen, weswegen deren Zeugnis
vor Gericht auch nur halb so viel wert sei; ungehorsame Frauen seien zu
ztichtigen; die Ehe frau musse sexuelljederzeit zur Verfugung stehen (ob sie
will oder nicht); der Mann solle nicht auf die Ausiibung seiner Rechte ver-
zichten, nur um der Frau zu gefallen; Frauen sollten auf ziichtige Kleidung
achten, um nicht die Belastigung durch fremde Manner herauszufordern usw.
Man wird schwerlich behaupten konnen, dass nur Muslime so denken.
Machismo mag im islamischen Kulturkreis ausgepragter sein als anderswo,
aber es gibt wahrhaftig genug Machos anderen Glaubens, die einen Ver-
gleich mit ihren muslimischen Gesinnungs- und Geschlechtsgenossen ohne
weiteres aushalten wiirden.
Eine islamische Besonderheit aber ist die Tatsache, dass dieser Sexis-
mus von Gott verkundet wird, und zwar als zentrales Thema seiner Of-
Themenanalyse 127
fenbarung und als Tugend mit dem Anspruch auf ewige Giiltigkeit und
letzte Wahrheit. (Ich hatte es schon in der Analyse des mekkanischen Ko-
rans herausgearbeitet, betone es aber gerne noch einmal: Der Koran be-
glaubigt sich selbst als Allahs eigenes, ungeschaffenes, ewiges und letztes
Wort.)
Ich zeige anhand dieses Themas noch einmal, wie wichtig es ist, den
Koran als geschlossenes Gedankengebaude zu interpretieren. Letzteres ist
er nicht nur seinem eigenen Anspruch nach; die Widerspruchsfreiheit des
Korans ist auch das Grundaxiom jeder Exegese durch islamische Theo-
logen. Den Koran interpretiert man nicht angemessen, wenn man jeden
Vers einzeln interpretiert (wobei man, wie injedem anderen Text auch,
feststellen wird, dassjede Aussage, und sogar fastjedes Wort, mehrdeutig
ist) und ihm dann die Bedeutung beimisst, die man selbst bevorzugt, um
am Ende der Exegese festzustellen, dass der Koran widerspruchsfrei ist
oder auch nicht.
Vielmehr enthalt das Axiom der Widerspruchsfreiheit zugleich die me-
thodische Pramisse, den Koran als zusammenhangendes Ganzes zu inter-
pretieren, also nicht das eigene Gottes-, Welt- und Menschenbild an den
Koran heranzutragen, es in die einzelnen Verse hineinzuinterpretieren und
diejenigen Aussagen, bei denen das nicht moglich ist, unter den Tisch fallen
zu lassen. Wer solches tut, betreibt nicht Ex-egese, also Herauslesen aus
dem Text, sondern Eis-egese, das Hineinlesen von etwas, was nicht drin-
steht. Der Koran formuliert selbst ein in sich stimmiges Gottes-, Welt- und
Menschenbild, dessen Details unter den Gelehrten umstritten sein mogen,
dessen Grundaussagen aber unzweideutig sind.
Ich sage das deshalb, weil zwei Einwande gegen die These der islami-
schen Frauenfeindlichkeit von islamophiler Seite mit Sicherheit vorge-
bracht werden:
Zum einen enthalte der Koran die Verpflichtung des Mannes, seine Frau
(und uberhaupt seine Familie) zu versorgen und zu schutzen und sie gutig,
gerecht und wohlwollend zu behandeln. Das ist zutreffend, und ich achte es
auch nicht gering. Es ist nur kein Argument gegen die These, dass das Ver-
haltnis des Mannes zur Frau nach dem Koran das eines Despoten zur Un-
tertanin ist. Wenn der Mann sich im islamischen Sinne der Frau gegeniiber
wohlwollend zu verhalten hat, so besagt dies nicht, dass er kein Despot,
sondern, dass er ein wohlwollender Despot sein soil. Jedenfalls solange man
von dem Axiom der Widerspruchsfreiheit des Korans ausgeht.
128 ///. Der Koran
Zum anderen seien sozialkonservative Vorstellungen liber die Rollenver-
teilung zwischen den Geschlechtern nicht nur im Koran niedergelegt, son-
dern auch zum Beispiel in der Bibel. Auch das ist zutreffend. Nur bilden sie
dort erstens keinen Themenschwerpunkt, der sie als zentralen Bestandteil
des christlichen Weltbildes ausweisen wiirde, und zweitens gibt sich die
Bibel - anders als der Koran - nicht selbst als buchstdblich das Wort Gottes
aus: Letztes Kriterium des Christlichen ist der Glaube an die Menschwer-
dung Gottes in Christus, nicht an die Verbalinspiration der Bibel. Man kann
daher bibelkritisch sein, ohne unchristlich zu sein. 62 Man kann aber nicht
korankritisch sein, ohne unislamisch zu sein; oder, um es moderater zu for-
mulieren: ohne eine bis in die Fundamente gehende Re-Interpretation des
Islam zu postulieren, die mit dem, was 1400 Jahre lang „der Islam' 1 war,
nicht mehr viel zu tun hatte.
Beide Einwande laufen also auf die Missachtung des gedanklichen Kon-
textes hinaus, in dem der Koran die Rolle der Frau definiert. Sie missachten
das Axiom der Widerspruchsfreiheit des Korans und sind damit - gerade
vom islamischen Standpunkt - unhaltbar.
Kehren wir nun zur eigentlichen Analyse zuruck und fragen uns, was es
zu bedeuten hat, dass gerade die Rolle der Frau so sehr im Mittelpunkt der
islamischen Alltagsnormen steht. Diese Frage bezieht sich nicht so sehr auf
das „Warum" als vielmehr auf das „Wozu?"
Das Warum ist schnell geklart, da die islamische Uberlieferung offen-
herzig Auskunft liber die jeweiligen Offenbarungsanlasse gibt. Moham-
med wurde als der charismatische Fiihrer seiner Gemeinde sehr haufig
um Rat in alien Lebenslagen gefragt, den er nicht selten in Gestalt einer
Offenbarung Allahs erteilte, und da spielten Fragen von Ehe, Scheidung,
Erbe etc. eine wichtige Rolle. AuBerdem war der Prophet mit mindes-
tens neun Frauen (die Angaben der Historiker stimmen nicht iiberein)
verheiratet, und Allah war so freundlich, ihn bei der Regelung seines ent-
sprechend komplizierten Privatlebens mit passenden Offenbarungen zu
unterstiitzen.
Was bedeutet es nun aber, und wozu fiihrt es, dass die Rolle der Frau ein
so zentrales Thema der islamischen Ethik ist? Es bedeutet, dass alle ande-
Wie weit freilich solche Bibelkritik gehen kann, ohne die Substanz des christlichen Glaubens anzugreifen,
steht auf einem anderen Blatt. Zu sagen, dass die Bibel in der Gestaltung der sozialen Beziehungen deutlich
groBere Freiheiten lasst als der Koran, bedeutet keineswegs, dass jede noch so schriftwidrige theologische
„Modernisierung" vom christlichen Standpunkt legitim ware.
Themenanalyse 129
ren alltagsethischen Normen des Islam leichter iiber den Haufen zu werfen
waren als die, die sich auf die Kontrolle der weiblichen Sexualitat bezie-
hen - auf nichts anderes lauft das dichte Regelwerkja hinaus, das Heirat,
Scheidung, Sittlichkeitsgebote etc. in ausdriicklicher und hervorgehobener
Verbindung mit der Dominanz des Mannes kodifiziert. Es bedeutet, dass die
Implikationen gerade dieser Normen und Wertvorstellungen in einer Weise
kulturell verbindlich sind, dass ihre Missachtung geradezu eine Infragestel-
lung der Grundlage der Gesellschaft bedeuten wiirde.
Wohlgemerkt: Dabei geht es nicht um die Frage, ob man den Koran
strenger oder liberaler interpretiert. Man kann die islamischen Verhaltens-
normen durchaus groBziigig auslegen, z.B. dem Sinn und Zweck nach, und
etwa argumentieren, der Koran schreibe nicht etwa die Verschleierung vor
- schon gar nicht in der monstrosen Form des Tschador oder gar der Burka -,
sondern verpflichte die Frauen lediglich zu dezentem, nicht sexuell aufrei-
zendem Verhalten in der Offentlichkeit. Was als aufreizend zu gelten hat
und was nicht, ware dann eine Frage der Konvention, und tatsachlich sind
die Unterschiede im Hinblick auf die gesellschaftliche Position von Frauen,
einschlieBlich der Kleiderordnung, zwischen verschiedenen Landern der is-
lamischen Welt, oft sogar innerhalb desselben Landes, erheblich.
Was aber unter keinen Umstanden zur Disposition stehen kann, sind die
Implikationen der Tatsache, dass es diese Gebote iiberhaupt gibt - wie im-
mer man sie auslegt. Das Verschleierungsgebot etwa, wie liberal auch im-
mer man es interpretiert, impliziert, dass die Kleidung von Frauen nicht in
deren Ermessen steht, und dass Frauen, die es missachten, eine Sunde gegen
Allah begehen, die Sanktionen der Gemeinschaft herausfordert, und sei es
••
in Gestalt sexueller Ubergriffe, an denen diese Frauen dann „selbst schuld ?f
sind.
Ein haufig ubersehener Aspekt des islamischen Rechts liegt in den Re-
geln dariiber, wer wen heiraten darf: Frauen durfen namlich unter keinen
Umstanden „Unglaubige" heiraten, wahrend Manner das durchaus durfen.
Zumindest, soweit die „Unglaubigen" zu den „Schriftbesitzern ff gehoren,
also Christinnen oder Judinnen sind.
Damit unterscheidet sich das islamische Recht grundlegend von den ent-
sprechenden halachischen Bestimmungen, die fur (orthodoxe) Juden gelten:
Bei den Juden ist es Mannern und Frauen gleichermaBen verboten, Nicht-
juden zu ehelichen. Damit soil der Bestand und der innere Zusammenhalt
des judischen Volkes gewahrleistet und sein Aufgehen in anderen Volkern
130 III Der Koran
verhindert werden. Soweit diese Regeln tatsachlich angewandt wurden -
und das war bis zur Emanzipation der Juden weitgehend der Fall, und selbst
heute noch spielen sie eine wichtige Rolle erreichten sie auch tatsachlich
dieses Ziel.
Eine Gemeinschaft wie die islamische aber, die dieses Exogamieverbot
fur Manner aufhebt, fur Frauen aber nicht, betreibt nicht Konsolidierung,
sondern demographische Expansion, sofern sie es mit Gruppen zu tun hat,
die selber die Exogamie zumindest dulden, wie es Christen normalerweise
tun und auch zur Zeit des Propheten schon tat en: Wer die eigenen Madchen
nur innerhalb der eigenen Gemeinschaft verheiratet, die der anderen Grup-
pen aber wegheiratet und dafur sorgt, dass deren Kinder die Religion des
Vaters annehmen (was mit einer gewissen Selbstverstandlichkeit unterstellt
wird), sorgt dafur, dass die anderen Gruppen durch Osmose langsam, aber
sicher verschwinden.
Wir haben es hier also mit derselben Art von Regel zu tun, die wir oben
schon beim Apostasieverbot analysiert haben. Sie ist der Grund dafur, dass
bei gemischtreligiosen Paaren im Westen der muslimische Partner in der
Regel der Mann ist. Gerade weil sie so unspektakular und scheinbar neben-
sachlich sind, fallen solche Regeln iiberhaupt nur dem auf, der den Islam
nicht unter dem Gesichtspunkt seiner theologischen Begriindung, sondern
unter dem seiner sozialen Wirkungen, also nicht theologisch, sondern so-
ziologisch analysiert.
Zuletzt weise ich auf die psychologische Wirkung hin, die es haben muss,
wenn solche Regeln fast anderthalb Jahrtausende lang angewandt werden:
Indem der Prophet sich neben seinen Ehefrauen auch noch eine Reihe
von - nichtmuslimischen - Konkubinen gonnte, wahrend er gleichzei-
tig alle auBerehelichen Beziehungen von muslimischen Frauen im Ko-
ran verurteilte, definierte er zugleich, was im Islam zulassig ist und was
nicht:
Ein muslimisches Madchen hat weder vor noch auBerhalb der Ehe ir-
gendwelche sexuellen Beziehungen (und die Ehe selbst darf sie nur mit ei-
nem Muslim schlieBen). Ein muslimischer Mann dagegen darf sich auch
auBerehelich vergniigen, nur eben nicht mit Glaubensgenossinnen. Da er
normalerweise nur bei „unglaubigen" Frauen das findet, was er bei anstan-
digen muslimischen Madchen gar nicht erst suchen darf (und besser auch
gar nicht erst suchen sollte, sofern die Madchen Vater und Briider haben
und ihm selbst sein Leben lieb ist), kann er gar nicht anders, als in „unglau-
Themenanalyse 131
bigen" Frauen, und nur in diesen, potenzielle Konkubinen und damit sittlich
minderwertige Wesen zu sehen. Der Ausdruck „deutsche Schlampen", der
unter jungen Muslimen in Deutschland durchaus gangig ist, bringt genau
diese Art von Verachtung zum Ausdruck.
3.2.5. Fazit
In Medina mauserte sich die islamische Umma von der Religionsgemein-
schaft zum politischen Gemeinwesen. Dieses Gemeinwesen funktionierte
als Kampfgemeinschaft, die von Anfang an mit der Bekampfung und Unter-
werfung Andersglaubiger beschaftigt war. Der medinensische Koran spie-
gelt diesen Sachverhalt nicht nur wider; er schreibt zugleich eine Reihe von
sozialen Normen und Werten fest, die darauf ausgerichtet sind, der Umma
ein Maximum an Durchsetzungsfahigkeit gegeniiber den Gemeinschaften
von Andersglaubigen zu verleihen:
Er defmiert die islamische Umma - also eine Religions gemeinschaft - als
einzig legitimen Bezugspunkt politischer Solidaritat und Loyalitat. Es ist
zutreffend, dass die politische (staatliche) Einheit der Muslime auch zu Zei-
ten der islamischen GroBreiche der Omaijaden, Abbasiden und Osmanen
mehr Fiktion als Realitat war, und heute erst recht; dass es normalerwei-
se mehrere Machtzentren gab, die oft in erbitterter Konkurrenz zueinander
standen. Das konnte auch nicht anders sein, da der Islam, wie wir gesehen
haben, die Legitimitat von Herrschaft gerade nicht von einem bestimmten
Verfahren abhangig macht. Den Anspruch, „der wahre Imam der Muslime"
(Bassam Tibi) 63 zu sein, konnte im Prinzip Jeder erheben, auch gegen den
Kalifen.
Im vorliegenden Zusammenhang geht es aber um die politisch-norniati-
ven Implikationen des Korans, also darum, wie die Welt aus muslimischer
Sicht sein sollte, und es ist keineswegs so, dass dieses Ideal, nur weil es
nicht staatlich verwirklicht ist, keine realpolitische Bedeutung hatte. Viel-
mehr durfte es dafur verantwortlich sein, dass Muslime sich normalerweise
schwertun, Zugehorigkeit zu politischen Gemeinwesen zu empfinden, die
nicht eindeutig muslimisch dominiert sind, und dass sie dort, wo sie selbst
dominieren, zur Ausgrenzung von Nichtmuslimen tendieren. Ferner fuhrt
dieses Ideal regelmaBig dazu, dass muslimische Gruppen oder Staaten, die
mit nichtmuslimischen in Konflikt geraten, mit einer gewissen Selbstver-
63
Bassam Tibi, Der wahre Imam, a.a.O.
132 ///. Der Koran
standlichkeit auf die zumindest moralische Solidaritat ihrer Glaubensbriider
rechnen konnen. 64
Die fatale Konsequenz dieses Sachverhalts ist, dass jeder muslimische
politische Akteur, der imstande ist, einen Konflikt mit Nichtmuslimen zu
entfesseln, eine reale Chance hat, praktisch die gesamte Umma, also „den
Islam", in diesen Konflikt hineinzuziehen und selbst solche Glaubensbrii-
der zu wenigstens verbaler Solidaritat zu verpflichten, die selber an diesem
Konflikt gar kein Interesse haben. 65 Die Idee der politischen Einheit der
Muslime wird also durch ihre faktische politische Zersplitterung nicht etwa
untergraben; vielmehr fuhrt gerade die anarchische Struktur der Umma im
Zweifel zur Eskalation von an sich handhabbaren Konflikten. Sie fuhrt,
deutlich gesagt, zur struktur ellen Friedensunfdhigkeit des Islam.
Dabei fordert der Koran diese Solidaritat nicht nur explizit als Norm, er
etabliert auch eine Ideologie, die, wenn sie kulturell verinnerlicht und zur
Mentalitat verdichtet wird, die innermuslimische politische Solidaritat ge-
gen „Unglaubige" zur sozialen Realitat macht. Das beginnt mit dem Appell
an den Gruppennarzissmus, der nicht nur ausdrilcklich, sondern vor allem
durch die systematische Verung limp fling und Verteufelung von Anders-
glaubigen implizit formuliert wird. Der medinensische Koran etabliert ein
Weltbild, das in dem Sinne rassistisch ist, dass es den Wert des Menschen
und des menschlichen Lebens von der Zugehorigkeit zur eigenen Gruppe
abhangig macht. „Unglaubige", die sich den Muslimen nicht (politisch)
unterwerfen, verwirken jeden Anspruch aufsoziale Rucksichtnahme, ein-
schlieBlich des Rechts auf Leben.
Dariiber hinaus sichert der Koran diese Solidaritat durch Regeln, die auf
die soziale Abgrenzung der Umma bzw. die Ausgrenzung der „Unglau-
bigen ff hinauslaufen. Er stellt sicher, dass soziale Beziehungen zwischen
Muslimen und Nichtmuslimen unter der Pramisse der Dominanz der Ers-
teren stehen. Dabei spielt die Kontrolle der weiblichen Sexualitat, also die
Kontrolle liber die Frauen der eigenen Gemeinschaft, bei gleichzeitiger se-
xueller Vereinnahmung der „unglaubigen" Frauen, eine wichtige Rolle.
64 Ein Beispiel: Saddam Hussein gait bis 1990 iiberall in der islamischen Welt als Schurke, und ein frommer
Muslim war er auch nicht, im Gegenteil. Zum Helden wurde er in dem Moment, wo er selbstverschuldet mit
den USA in Konflikt geriet, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass er mit Kuwait ein islamisches Land
iiberfallen hatte. Vgl. Bassam Tibi, Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpoli-
tik, Munchen 2003, S. 40
65 So hatten beispielsweise die meisten arabischen Staatsfuhrer wahrscheinlich kein Problem damit, mit Is-
rael Frieden zu schlieBen; sie wiirden damit aber die Legitimitat ihrer eigenen Herrschaft aufs Spiel setzen.
Themenanalyse 133
Die Selbstbeglaubigung des Korans als Wort Allahs, verbunden mit den
Konsequenzen des Apostasieverbots (das zur faktischen sozialen Domi-
nanz einer fundamentalistischen und dschihadistischen Koraninterpretati-
on fiihrt) und des Anspruchs auf Geltung fur buchstablich alle Lebensbe-
reiche einschlieBlich der Politik fuhrt dabei zur Selbst-Perpetuierung dieser
Ideologie: Der Koranfordert nicht nur die Herrschaft Allahs anstelle der
Herrschaft von Menschen, er sorgt auch effektiv dafur, diese Herrschaft
(sprich: die soziale Geltung der im Islam verankerten Ideologie) zu ver-
ewigen.
Wir sehen also, dass die eigentlichen Dschihad-Normen, die den bewaff-
neten Kampf gegen die „Unglaubigen" zur obersten Pflicht des Muslims
erklaren und sein Seelenheil von der Bereitschaft abhangig machen, „im
Wege Allahs ff zu toten und zu sterben, nur das letzte Glied einer luckenlosen
Kette von Normen sind, die, angewandt und als kulturelle Selbstverstand-
lichkeiten verinnerlicht, den Islam als ein soziales System konstituieren, das
auf Expansion auf Kosten nichtmuslimischer Gemeinschaften ausgerichtet
ist Wo immer muslimische auf nichtmuslimische Gesellschaften treffen,
sorgt bereits dieses Werte- und Normensystem dafur, dass der Islam zu de-
ren Unterwerfung, Zersetzung und Vernichtung tendiert.
Exkurs: Warum das Christentum mit der
Moderne vereinbar ist, der Islam aber nicht
Bevor wir den realhistorischen Prozess nachzeichnen, in dem sich die im
Koran angelegte implizite Logik des Islam in Gestalt kultureller Selbstver-
standlichkeiten verfestigte, halte ich einen Moment inne, urn mich mit ei-
nem naheliegenden Einwand auseinanderzusetzen.
Ich vermute, dass mancher Leser meine kritischen Ausfuhrungen zum
Koran und seinen Implikationen fur die Mentalitat muslimisch gepragter
Gesellschaften mit einiger Ungeduld zur Kenntnis genommen haben wird.
1st nicht das Christentum genauso aufklarungsfeindlich, genauso fanatisch,
genauso irrational und genauso autoritar wie der Islam? Und muss man
nicht, wenn man der eigenen westlichen Gesellschaft bescheinigt, all die-
se abstoBenden Seiten des Christentums uberwunden zu haben, zugeben,
dass die Religion schlechthin zwar ein hemmender Faktor auf dem Weg in
die kulturelle Moderne sein kann, aber kein unuberwindliches Hindernis?
Dass deswegen der Islam nicht weniger als das Christentum in der Lage
sein miisste, seine vormoderne Herkunft hinter sich zu lassen und sich einer
modernen - aufgeklarten, liberalen, demokratischen - Gesellschaft anzu-
passen?
So einleuchtend dies klingen mag, so sehr beruht es doch auf einer Fehl-
interpretation unserer Geschichte:
Fur Viele klingt der Gedanke absurd, dass Sakularitat, Toleranz, Ratio-
nalitat, Liberalitat, Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit, Demokratie, kurz:
die Moderne, auf kulturellen Voraussetzungen aufbauen, die so nur das
Christentum hervorbringen konnte, und die nicht ohne weiteres mit jeder
beliebigen Religion kompatibel sind. Scheint doch die katholische Kirche
sich jahrhundertelang der Aufklarung, der Demokratie und uberhaupt der
Moderne mit aller Kraft entgegengestemmt zu haben: Von der Verbrennung
Giordano Brunos uber die Verurteilung Galileis, die Verdammung Darwins,
den Antimodemisteneid zieht sich, dem vorherrschenden Geschichtsbild
zufolge, eine gerade Linie zur Unterstiitzung Francos und Mussolinis, und
es bedurfte fast der gesamten zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts, damit
sich die Kirche mit der Moderne versohnte, und auch dies tat sie nicht seiten
zahneknirschend.
Exkurs 135
••
Uber die Jahrhunderte haben wir uns im Westen daran gewohnt, die Kir-
che (und die katholische ist eben immer noch die Kirche, sehr zum Ver-
druss der Protestanten) als die groBe Gegenspielerin der Moderne, und zwar
gerade in deren emanzipatorischem Aspekt, zu betrachten. In der Tat: Die
Kirche als Institution hat den Zug nach Kraften aufzuhalten versucht, aus
Griinden iibrigens, die keineswegs so verachtenswert sind, wie eine zuneh-
mend entchristlichte Gesellschaft zu glauben scheint. Aber die Botschaft,
die sie verkundete, wurde, anders als die populare Legende glauben machen
will, zur Grundlage der Aufklarung und der liberalen Sakularitat, auf denen
unsere heutige Gesellschaft basiert. Ohne christliches Abendland kein mo-
derner Westen.
Dass sich dies so verhalt, und dass eine vom Islam gepragte Zivilisation
so etwas wie die kulturelle Moderne nicht hervorbringen konnte, hat mit
theologischen Grundentscheidungen im Hinblick auf Menschenbild und
Ethik zu tun:
Das christliche Menschenbild basiert bekanntlich auf der Lehre von der
Erbsunde. Die Hinwendung zu Gott ist demgemaB etwas, das der Mensch
seiner siindhaften Natur fortwahrend und stets aufs Neue abtrotzen muss.
Sich selbst uberlassen, und ohne die Anstrengung permanenter Bekehrung,
wird der Mensch nach christlicher Auffassung stets dem Schwergewicht
des Sicht- und Fassbaren, des Irdischen, des Fleischlichen, kurz: der Sunde
nachgeben. Die Sunde, also das Femsein von Gott, ist gleichsam der heil-
lose Normalzustand des Menschen; der Zustand, der der Uberwindung im
Glauben bedarf.
In einer Kultur, deren Angehorige dieses Menschenbild verinnerlicht ha-
ben, wird man die Welt, sofern sie von Menschen gestaltet ist, stets verdach-
tigen, unvollkommenjabose zu sein.
Die schiere Existenz von Institutionen wie Sklaverei und Krieg, uber-
haupt von Repression und Gewalt, konnte unter diesen Pramissen nicht die
Vermutung auf ihrer Seite haben, der von Gott gewollte Zustand zu sein,
sondern gait geradezu als Beweis fur die Schlechtigkeit des Menschen.
Der Islam hingegen kennt keine Erbsunde. Adam war zwar auch nach is-
lamischer Auffassung ungehorsam gegen Gott und wurde deshalb aus dem
Paradies vertrieben, aber Gott hat sich ihm wieder zugewandt. 66 Adams Un-
gehorsam wird im Islam als einmaliger Akt aufgefasst, nicht als Zustand
66 vgl. Nagel, a.a.O., S. 30
136 Exkurs
permanenter und im Diesseits unaufhebbarer Sundhaftigkeit. Da nach isla-
mischer Uberzeugung alle Menschen bereits in der Praexistenz den Islam
angenommen haben, sind aus seiner Sicht alle Menschen geborene Mus-
lime: Der menschliche Normalzustand ist die Hinwendung zu Allah. Die
Siinde, also die Abwendung von Gott, ist nicht, wie im Christentum, der
Naturzustand des Menschen, aus dem er sich durch aktive Hinwendung zu
Gott im Glauben zu befreien versucht; sie ist vielmehr die Ausnahme von
der Regel; eine Tat, kein Zustand, und zwar eine Tat, in der sich der Mensch
gegen seine an sich gute, namlich gottergebene, „muslimische ff Natur auf-
lehnt, vergleichbar einer sexuellen Perversion.
Fuhrt die Abwertung bzw. Leugnung der menschlichen Autonomie und
die Betonung von Gottes Allmacht im Islam dazu, dass die menschliche
Natur, fur die Allah verantwortlich zeichnet, als grundsatzlich gut betrachtet
wird, so gilt dasselbe, zumindest im Grundsatz, fur die sozialen Instituti-
onen der Menschen, auch fur solche, die im vom Christentum gepragten
Westen als fragwurdig gelten. Diese Akzeptanz des Vorgefundenen als (im
Normalfall) gottgewollt ist dabei kein abstraktes theologisches Postulat,
sondern wurde vom Propheten praktisch untermauert:
Sklaverei hatte es, zumindest nach dem Wissen der Zeitgenossen, schon
immer gegeben, also durfen Muslime Sklaven halten. Die Frau war schon
immer dem Manne Untertan; der Islam andert daran nichts. Vielweiberei
war tradiert; warum sollte der Islam sie verurteilen? Kleine Madchen zu
heiraten war unter Arabern ublich, der Prophet hielt es nicht anders. 68 Raub-
ziige gehorten schon immer zur Lebensweise der Nomaden; der Prophet
spannt sie vor den Karren seines Dschihad. Krieg gibt es, seit es Menschen
gibt; Mohammed fuhrt 27 Feldzuge.
Uberhaupt illustriert das Verhaltnis beider Religionen zur Sklaverei den
gemeinten Sachverhalt auf besonders instruktive Weise: Egon Flaig weist
darauf hin, dass es im Christentum zu alien Zeiten eine abolitionistische
Stromung gegeben hat, im Islam dagegen niemals, jedenfalls nicht unab-
hangig vom Westen: „Die Welt verdankt die Abschaffung der Sklaverei
der europdischen Kultur: (...) Erst am Ende des 19. Jhs. erhoben einzelne
islamische Intellektuelle ihre kritische Stimme gegen die Sklaverei. Doch
ihnen gelang es nicht, religiose Grilnde gegen die Sklaverei anzufuhren
67 vgl. Koran 7/172
/TO
Aischa wurde im Alter von sechs Jahren mit dem Propheten verheiratet und als Neunjahrige von ihm
entjungfert.
Exkurs 137
und damit einen regelrechten islamischen Abolitionismus zu kreieren. Sie
konnten sich aufkeinerlei inner islamische Traditionen berufen. (...) Einen
genuin islamischen Abolitionismus — ohne Rekurs aufchristliche Texte oder
westliche Argumente — hat es nie gegeben. Zu sehr ist der Scharia-Islam
aufdas Versklaven als Ziel des Dschihad ausgerichtet. Die mafigeblichen
Gutachten moderner islamischer Rechtsgelehrter erklaren demgemafi die
Sklaverei nichtfiir prinzipiell inhuman, sondern fur voriibergehend nicht
praktizierbar." 69
Wenn das Streben nach der Gleichheit aller Menschen, nach umfassen-
der Freiheit des Einzelnen und nach Eliminierung der Gewalt aus dem All-
tagsleben als „Fortschritt" zu den Wesenszugen der kulturellen Moderne
gehort, und wenn die Verwirklichung dieser Ziele mit der Beseitigung so-
zialer Strukturen einhergeht, die ihnen im Wege stehen, so ist ein solches
Verstandnis von „Fortschritt" mit einer islamischen Weltauffassung offen-
kundig unvereinbar: Es liefe ja darauf hinaus, eine - zumindest im Prinzip -
gute Welt kunstlich zu verschlechtern. Es liefe darauf hinaus, es besser wis-
sen zu wollen als Allah. Es liefe darauf hinaus zu verbieten, was Er erlaubt,
und zu gebieten, was Er verboten hat.
Aber nicht nur die Menschenbilder, auch die Ethiken von Christentum
und Islam unterscheiden sich voneinander so grundlegend, dass es fur das
Verhaltnis des Islam zur kulturellen Moderne nicht ohne Folgen bleiben
kann:
Ich rekonstruiere zunachst die implizite Logik der christlichen Ethik,
aus der die christliche Mentalitat hervorgegangen ist, also das System der
kulturellen Selbstverstandlichkeiten, das fur den abendlandischen Kultur-
kreis charakteristisch ist. Die Analyse geht von einer der Schlusselstellen
des Neuen Testaments aus, dem Gleichnis vom Barmherzigen .Samariter
(Lk 10):
„ (25) Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf versuchte ihn und
sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?
(26) Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest
du?
(27) Er antw or tete und sprach: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von alien Kraften und von ganzem
Gemiit, und deinen Nachs ten wie dich selbst» (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18).
69
Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, Munchen 2009, S. 199
138 Exkurs
(28) Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst
du leben.
(29) Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist
denn mein Nachster?
(30) Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von
Jerusalem hinab nach Jericho undfiel unter die Rauber; die zogen ihn aus
und schlugen ihn undmachten sich davon undliefien ihn halbtot liegen.
(31) Es trafsich aber, dass ein Priester dieselbe Strafie hinabzog; undals
er ihn sah, ging er voriiber
(32) Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah,
ging er voriiber.
(33) Ein Samariter aber, der aufderReise war, kam dahin; und als er ihn
sah, jammerte er ihn;
(34) under ging zu ihm, goss 01 und Wein auf seine Wunden undverband
sie ihm, hob ihn aufsein Tier und brachte ihn in eine Herberge undpflegte
ihn.
(35) Am nachsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem
Wirt und sprach: Pflege ihn; undwenn du mehr ausgibst, will ich dir's be-
zahlen, wenn ich wiederkomme.
(36) Wer von dies en dreien, meinst du, ist der Nachste gewesen dem, der
unter die Rauber gefallen war?
(37) Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu
ihm: So geh hin und tu desgleichen!"
Die Pointe dieses Gleichnisses und seine Brisanz liegen darin, dass aus-
gerechnet ein Samariter zum Vorbild erhoben wird: Die Samariter waren
keine Juden, wurden zumindest vom judischen Volk nicht als solche an-
erkannt - aus der Sicht Jesu und seiner Zuhorer waren sie die „Anderen".
Vor Gott gerechtfertigt also - dies ist die Konsequenz aus dem Gleichnis,
die durch die Kontrastierung mit den Figuren des Priesters und des Leviten
noch unterstrichen wird - ist man weder durch Rechtglaubigkeit noch durch
die Zugehorigkeit zu einer Gemeinschaft (Volk, Kirche, Umma usw.), son-
dern einzig und allein durch die Liebe zu Gott und dem Nachsten. Dies war
damals keineswegs so neu und revolutionary wie Christen gerne glauben;
tatsachlich bezieht sich Jesus ausdriicklich auf die Thora, und das Christen-
tumblieb nach seiner Kreuzigung nochjahrzehntelang einejudische Sekte.
Neu und revolutionar ist die Radikalitat, mit der Jesus den Gedanken ins
Zentrum seiner Lehre stellt, dass es auf die Liebe und damit auf die Qualitat
Exkurs 139
des inneren, im Herzen empfimdenen Gottes- und Weltbezugs ankommt,
und dass diese die guten Taten gewissermaBen von selbst hervorbringt. Da-
her auch die Aufhebung der Speisegebote (Mk 7):
„ (18) Merkt ihrnicht, dass alles, was von aufien in den Menschen hinein-
geht, ihn nicht unrein machen kann?
(19) Denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch, undkommt
heraus in die Grube. Damit erklarte er alle Speisenfurrein.
(20) Und er sprach: Was aus dem Menschen heraus kornrnt, das macht
den Menschen unrein;
(21) denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen heraus
hose Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord,
(22) Ehebruch, Habgier, Bosheit, Arglist, Ausschweifung, Miss guns t,
Lasterung, Hochmut, Unvernunft.
(23) Alle diese bos en Dinge kommen von innen heraus und machen den
Menschen unrein. " Oder seine Lehre zur ehelichen Treue (Mt 5):
,,(27) Ihr habt gehort, dass gesagt ist (2. Mose 20,14): «Du soils t nicht
ehebrechen.»
(28) Ich aber sage euch: Wer eineFrau ansieht, siezu begehren, der hat
schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. "
Er treibt seine Lehre sogar so weit auf die Spitze, dass er scheinbar ein
geradezu widersinniges Verhalten fordert (Mt 5): "(38) Ihr habt gehort, dass
gesagt ist (2. Mose 21,24): «Auge umAuge, Zahn um Zahn.»
(39) Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Ubel,
sondern: wenn dichjemand aufdeine rechte Backe schlagt, dem biete die
andere auch dar.
(40) Und wennjemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen,
dem lass auch den Mantel.
(41) Und wenn dichjemand notigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit
ihm zwei.
(42) Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der et-
was von dir borgen will. "
Eine solche Ethik, auch wenn sie im Imperativ formuliert wird, schreibt
nicht bestimmte Tathandlungen oder -Unterlassungen vor. Jesus sagt also
nicht, was die Menschen tun sollen. Er sagt, wie sie sein mussten, um Gott
nahe zu sein. (Es kann in diesem Zusammenhang dahingestellt bleiben, ob
Jesus das alles tatsachlich selbst so gepredigt oder von den Redakteuren
der Evangelien zur Zeit der Trennung der Kirche von der Synagoge in den
140 Exkurs
Mund gelegt bekommen hat. Ich selbst halte die Zitate fur authentisch, zu-
mindest dem Sinne nach; injedem Falle aber - und nur daraufkommt es
hier an - entsprach diese Lehre dem Selbstverstandnis des Christentums.)
Hier wird offenkundig nicht von der Gesellschaft her gedacht; es werden
keine gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien entwickelt, die den Rahmen fiir
das Verhalten des Einzelnen abgeben. Diese Ethik ist radikal unpolitisch,
und zwar vom Grundansatz her, nicht erst aufgrund von Aussagen wie:
„ So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" (Mt
22, 21)
Es entsprach daher durchaus dem Sinn dieser Lehre, und stellt nicht etwa
eine taktische Anpassung an die Machtverhaltnisse im Romischen Reich
dar, wenn der Apostel Paulus predigt:
„Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt ilber ihn hat. Denn
es ist keine Obrigkeit aufier von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott
angeordnet" (Rom 13, 1)
Indem sie keine Handlungsregeln aufstellt, mutet diese Ethik dem Ein-
zelnen autonome ethische Entscheidungen zu; es handelt sich um eine Ethik
der Eigenverantwortung. Wie es Augustinus formulierte: „Liebe - und tu,
was Du willst." Die sittliche Autonomie des Einzelnen, also der Kern des
Menschenbildes, das den heutigen sakularen Verfassungen zugrunde liegt,
ist in dieser christlichen Ethik verankert.
Wenn Toleranz die Vermutung ist, dass der Andersdenkende oder An-
dersglaubige im Recht sein konnte, kann man diese Haltung kaum pragnan-
ter zum Ausdruck bringen als mit den Worten (Mt 7):
„(1) Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
(2) Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden;
und mit welchem Mafi ihr messt, wird euch zugemessen werden.
(3) Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst
nicht wahr den Balken in deinem Auge?
(4) Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den
Splitter aus deinem Auge Ziehen?, undsiehe, ein Balken ist in deinem Auge.
(5) Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh
zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst. "
Es wird eine undogmatische Haltung propagiert. Jesus selbst hat keine
Dogmen formuliert und keine „heiligen Schriften" hinterlassen, und sein
Umgang mit der vorhandenen Heiligen Schrift war auBerst unorthodox: „Ihr
habtgehort, dass gesagtwor den ist... Ich aber sage Euch...". DasNeueTes-
Exkurs 141
/
tament entstand erst Jahrzehnte nach der Kreuzigung, und seine Entstehung
gehort bereits in den Kontext der Transformation des Christentums zu einem
sozialen System. Auch dann aber war nicht der Text Zentrum und letzter Be-
zugspunkt des christlichen Glaubens, sondern die Person Christi (was der
Grund dafiir ist, dass man bibelkritisch sein kann, ohne unchristlich zu sein).
Und schlieBlich handelt es sich um eine inklusive Lehre: Wenn der Sa-
mariter vor Gott gerechtfertigt war, dann ist es prinzipielljederMensch. Vor
Gott sind alle gleich - er liebt alle Menschen, nicht etwa nur die Christen.
Wunderbar, nicht wahr? Wenn es einfach dabei geblieben ware, dann -
wiirde das Chris tentum schon lange nicht mehr existierem
Es liegt auf der Hand, dass Religion aufGemeinsamkeit, auf Austausch mit
Gleichgesinnten, auf die Existenz einer Gemeinschaft angewiesen ist. Eine
Gemeinschaft bedarf aber bestimmter Regeln, wer dazu gehoren soil und wer
nicht, welche Glaubensinhalte und heiligen Texte verbindlich sein sollen, wie
Entscheidungen zustande kommen usw. Soziologisch formuliert ist sie ein
soziales System, das darauf angewiesen ist, die System-Umwelt-Grenze zu
definieren, das intern durch Mitgliedschaftsrollen strukturiert wird, und das
sich im Zuge des eigenen Wachstums immer starker differenzieren muss.
Damit aber gerat die entstehende Kirche unausweichlich in einen Wider-
spruch zu ihrer eigenen Botschaft: Idealiter miisste eine christliche Kirche
die Gemeinschaft derer sein, die von Gottes- und Nachstenliebe im Sinne
Jesu Christi beseelt sind. Wer aber will das uberpriifen? Als soziales System
kann die Kirche nur verarbeiten, was kommunizierbar ist; also das Bekennt-
nis zu den verbindlichen Glaubensartikeln, die Teilnahme an Ritualen, die
Erfullung von Geboten, den Gehorsam.
Die von Christus gepredigte Ethik der Liebe verwandelt sich in dem Mo-
ment, wo sie institutionalisiert wird, in ihr Gegenteil, namlich eine Ethik der
Tat. Die Liebe zu Gott verwandelt sich in dem Moment, wo sie von der Kir-
che als seinem irdischen Arm mit Anspruch auf Gehorsam und unter Sank-
tionsdrohung gefordert wird, in ihr Gegenteil, namlich die Furcht vor Gott.
Der Andersglaubige hort in dem Moment, wo er durch die schiere Existenz
der christlichen Gemeinschaft aus dieser ausgeschlossen ist, auf, der poten-
zielle Samariter zu sein, der vor Gott gerechtfertigt ist, und wird zu einem
Menschen, der vor Gott niemals gerechtfertigt sein kann, weil es auBerhalb
der Kirche kein Heil gibt. Und die Kirche selbst entwickelt als Institution
Eigeninteressen, durch die sie aufhort, ein Instrument des Glaubens zu sein
- stattdessen wird umgekehrt der Glaube zum Instrument dieser Interessen.
142 Exkurs
Ich habe hier ganz bewusst scharf zugespitzt, urn den Widerspruch he-
rauszuarbeiten: zwischen dem christlichen Glauben einerseits, der seiner
Natur nach aufeiner inneren, individuellen Beziehung zu Gottberuht, und
der Religion andererseits, in der dieser Glaube in Gestalt eines sozialen Sys-
tems objektiviert wird.
(An diesem Sachverhalt wiirde sich auch dann nichts andern, wenn die
Religion - das soziale System - nicht die Form einer zentralisierten Kirche
angenommen hatte, sondern dezentral organisiert ware, wie z.B. der Islam;
entscheidend ist, dass das soziale System seiner Natur nach zwischen Zu-
gehorigen und Nichtzugehorigen unterscheiden und die - kontrollierbare -
G\dL\\bQnsausiibung an die Stelle des nicht kontrollierbaren Glaubens setzen
muss.)
Damit ist aber nicht gesagt, man konne diesen Widerspruch nach der
einen oder anderen Seite hin auflosen, also etwa nach der Seite des rei-
nen Glaubens ohne institutionelle Objektivierung, oder aber nach der Seite
reiner Religion als eines sozialen Systems ohne Verankerung im Glauben.
Die dialektische Spannung zwischen Glaube und Religion gehort zu den
Wesensmerkmalen des Christentums, und zwar im Gegensatz zum Islam,
der, wie wir sahen, von vornherein als soziales System konzipiert ist, das
dem Einzelnen seine Forderungen autoritar oktroyiert. Der Zentralgedanke
des Christentums ist die Liebe, also etwas, das weder Gott noch die Kirche
erzwingen konnen. Der Zentralgedanke des Islam ist der Gehorsam. Ein
Widerspruch zwischen dem Inhalt des Glaubens und den sozialen Formen,
in denen er gelebt wird, kann im Islam daher gar nicht erst aufkommen,
jedenfalls gehort er nicht zu den konstitutiven Merkmalen dieser Religion.
Im Christentum dagegen musste die Spannung zwischen den Forderun-
gen des sozialen Systems „Kirche" und der Botschaft, auf die sie sich be-
rief geradezu zwangslaufig die Opposition in Gestalt zunachst der Ketzerei,
dann des Protestantismus auf den Plan rufen.
Der innere Widerspruch zwischen Glaube und Religion verwandelte
sich damit in einen auBeren Gegensatz zwischen konkurrierenden Kirchen.
In der Logik dieses Sachverhalts liegt es auch, dass der Protestantismus
seinerseits denselben Widerspruch reproduzieren musste und - schon in-
folge seines institutionenkritischen Ansatzes - in eine immer groBere Zahl
immer kleinerer Glaubensgemeinschaften zerfiel. Bis heute ist es so, dass
der Protestantismus den groBeren Wert auf den Glauben, also auf das sub-
jektive, individuelle Moment des Christentums legt, wahrend der Katho-
Exkurs 143
lizismus dessen soziales, objektives und damit institutionelles Moment in
den Vordergrund riickt. Dabei wirken beide Konfessionen als Korrektive
fureinander: Die katholische Kirche halt durch ihre schiere Existenz die
anarchisch-individualistischen Tendenzen des Protestantismus im Zaum,
wahrend dieser seinerseits die institutionalisierte Kritik an einer stets dro-
henden monopolistischen Vermachtung der katholischen Kirche darstellt.
Die Trennung des Protestantismus von der katholischen Mutterkirche
weist dabei faszinierende Parallelen zur Trennung dieser Kirche von der
Synagoge auf. Die jesuanische Ethik der Liebe, der Inklusion, der Toleranz
und der Autonomie warja, wie schon erwahnt Judische Ethik, die gegendie
religiosen Institutionen ins Feld gefuhrt wurde. Der latente Gegensatz von
Glaube und Religion ist also bereits im Judentum verankert, und die Refor-
mation stellt, so gesehen, den zweiten Durchlauf desselben Zyklus dar, der
bereits zur Trennung der Christen von den Juden gefuhrt hatte.
Durch die Reformation verlor die Kirche ihre dominierende Stellung ge-
geniiber dem Staat einerseits, den Glaubigen andererseits: Hatte der deutsche
Konig Heinrich IV. noch nach Canossa pilgern miissen, um sich die uberle-
bensnotwendige Gunst des Papstes zu sichern, so konnte ein anderer Hein-
rich, der Achte von England, es sich leisten, aus mehr privaten als religiosen
Motiven seine eigene Kirche zu griinden. Die einfachen Glaubigen wiederum
hatten, im Prinzip zumindest, die Option des Konfessionswechsels.
Diese Schwachung der Kirche als Institution fuhrte selbstredend nicht
dazu, dass das Christentum aufgehort hatte, die alleinige Quelle der ethi-
schen und moralischen Orientierung abendlandischer Gesellschaften zu
sein - andere Quellen gab es ja nicht.
Vielmehr wurde der Widerspruch zwischen Glaube und Religion dadurch
aufgehoben, dass das christliche Menschenbild und die damit verbunde-
ne Ethik der individuellen Autonomie, der gegenseitigen Toleranz und der
Gleichheit aller Menschen vor Gott in sakularisierter Form zur Grundlage
der Moderne wurde. Das Christentum als Religion, d.h. die Kirche, wurden
partikular, wahrend Menschenbild und Ethik verallgemeinert wurden.
Also ein klassischer dialektischer Prozess: Die These, der christliche
Glaube, bringt die Religion als seine eigene Antithese hervor, und der da-
durch entstehende Widerspruch wird in einer Weise aufgehoben, in der bei-
des sowohl negiert wird als auch erhalten bleibt.
Dies erklart, warum gerade das christliche Abendland, und nicht irgend-
eine andere Weltzivilisation, die liberate Sakularitat hervorgebracht hat.
144 Exkurs
Eine Frage, die durchaus noch offen ist, im vorliegenden Zusammenhang
aber nicht vertieft werden kann, lautet dabei, ob der sakulare Liberalismus
ohne Riickbindung an die religiosen Werte, denen er seine Existenz ver-
dankt, auf die Dauer iiberlebensfahig ist; ob der Ruckzug der Religion ins
rein Private ohne Anspruch auf gesellschaftliche Verbindlichkeit und die
Inflation von Freiheitsanspriichen auf Kosten sittlicher Bindungen nicht zur
Selbstzerstorung der liberalen Zivilisation des Westens fuhren wird.
Die islamischen Denker, die die westliche Zivilisation aus solchen Griin-
den kritisieren, konnten am Ende durchaus recht behalten. Jedenfalls hat
bereits der Prophet Mohammed im Hinblick auf die Dialektik von Glaube
und Religion eine Grundentscheidung getroffen, die der christlichen diame-
tral entgegengesetzt ist:
„ Unter dem Eindruck der Ahnungen und Visionen der Endzeit ruft Mu-
hammad zur Einkehr, zum rechten Handeln auf damit die Menschen nicht
ihr Heil verwirken. Dieses rechte Handeln, Folge der Hinwendung zu Gott,
des Durchschlagens der dem Menschen aners chaff enen Heilsbestimmtheit,
ist zunachst Sache des einzelnen. Doch sobald die Gemeinschaftsbildung
einsetzt, genilgt die rein individuelle Umkehr nicht mehr. Denn sie kann sich
in allzu unter schiedlicher Weise im Alltagsleben auswirken. Vor allem aber
erhebt sich bei denen, die dem Rufdes Propheten gefolgt sind, die bange
Frage: ,Mache ich auch tatsdchlich alles richtig?'"
Eine ganz entscheidende Frage, da Fehlverhalten, wie wir sahen, bereits
nach den mekkanischen Suren mit dem Hollenfeuer bestraft wird.
„Hierauf darf er die Antwort nicht schuldig bleiben, und deshalb wer-
den allgemeine Mafistabe, werden Vorschriften und Gesetze notwendig. Sie
beziehen sich zunachst auf die Gottesverehrung im engeren Sinne, greifen
aber bald aufalle anderen Lebensbereiche uber.
(...)
In der Tat ist dann in Medina das Gesetz das eigentliche Mittel, um die
immer grofier werdende Gemeinschaft der Glaubigen in der Hingewandt-
heitzu Gott, im Islam, festzuhalten.
Der Gehorsam gegen Gott und den Gesandten wird nun zum entschei-
denden Kriteriumfiir die Hinwendung zu Gott und die Zugehorigkeit zu
seiner Gemeinde.
(...)
70
Nagel, a.a.O., S. 32
Exkurs 145
Der Islam, die existenzielle Hinwendung des Menschen zu seinem Schop-
fer und die Neugestaltung der Lebensweise des Menschen von innen heraus,
wird nun umgewandelt in eine aufierliche Befolgung des Gesetzes. Durch
das Gesetz und die von Muhammad in bestimmten Notlagen getroffenen
Mafinahmen wird das Leben des Muslims von aufien her umgestaltet. Damit
wird der Wegzueiner Werkgerechtigkeit geebnet. Es kommt aufdas richtige
Tun an und aufdie Einhaltung der richtigen Formen, und das nicht nur
wahrenddes Vollzugs der Riten. Es wird von aufien ablesbar, obeinMensch
sich zum richtigen Glauben gewandt hat. (...) Unmerklich, aber unaufhalt-
sam verandert sich das Verstandnis der Gemeinde von sich selbst. Sie ist
nicht mehr so sehr eine Gruppe von im Inneren umgestalteten Einzelnen,
die sich zum rituellen Gebet vereinen und damit jeden Tag ihre inner e Wen-
de aufs Neue unter Beweis stellen. Sie wird vielmehr zu einer Gemeinschaft
der Glaubigen, die sich anschickt, den Willen Gottes aufErden zu vollstre-
cken. (...) Dies kommt in Sure 3, Vers 1 10 zum Ausdruck: Jhr seiddie beste
Gemeinschaft, dieje unter Menschen hervorgebracht worden ist. Ihrgebie-
71
tet, was recht ist, und verbietet, was verwerflich ist, undglaubt an Gott. "'
Was Tilman Nagel hier analysiert, ist genau jener Umschlag von Glau-
be in Religion, den ich oben im Hinblick aufdas Christentum beschrieben
habe, der aber im Islam - und dieser Unterschied ist entscheidend! - bereits
vom Religions stifter vollzogen wurde und in der maBgeblichen heiligen
Schrift seinen Niederschlag gefunden hat. Der Islam wurde, wie wir ge-
sehen haben, bereits in Medina sowohl theoretisch (im Koran) als auch in
der Praxis zu einem sozialen Normensystem mit deutlichenjuristischenund
politischen Akzenten, ja zu einer Gesellschaftsideologie ausgebaut.
In diesem Sachverhalt liegt der Grund dafur, dass islamische Erneue-
rungsbewegungen regelmaBig andere Akzente setzen als christliche. Zwar
geht in beiden Religionen Erneuerung, Re-form, Re-formation mit dem
Versuch einher, einen als korrupt erlebten jeweils gegenwartigen Zustand
durch Ruckbesinnung auf einen als ideal gedachten Anfang zu iiberwinden.
Fuhrt dieser Versuch im Christentum zur Betonung der sprichwortlichen
„Freiheit eines Christenmenschen ff , also zur Betonung des individuellen
Glaubens, so kann ein Muslim, der im Propheten und seiner medinen-
sischen Gemeinde das Ideal sieht, gar nicht umhin, den Islam in dessen
Eigenschaft als soziales Normensystem, also als Religion, zu starken und
71
ebd., S. 32 ff.
146 Exkurs
tax erneuern. Der in Saudi-Arabien herrschende Wahhabismus, der vielen
westlichen Beobachtern als Inbegriff eines ruckstandigen, traditionalisti-
schen Islam gilt, versteht sich selbst, und dies durchaus begriindet, als eine
ite/ormbewegung! Dass solche Bewegungen nicht etwa zufallig, sondern
notwendig rigide Normdurchsetzung einfordern, verweist zugleich auf den
fundamentalen Unterschied zwischen christlicher und islamischer Ethik:
Fur die islamische Ethik gilt, was auch fur Recht und politische Legitimi-
st im Islam gilt: dass sie aufmcA/teflexivenNormenberuht. Die islamische
Ethik unterscheidet sich von der christlichen nicht erst ihrem konkreten In-
halt, sondern bereits ihrem Prinzip nach, d.h. in den Grundannahmen dar-
iiber, was Ethik iiberhaupt ist. Ich habe gezeigt, dass Christus seine Ethik
bewusst in Form scheinbar unerfullbarer Forderungen formulierte, die erst
durch die Bezugnahme auf die Liebe als grundlegender Form des individu-
ellen Weltbezuges ihren Sinn bekommen. Hier gelten keine konkreten Hand-
lungsanweisungen; der Christ darf eine autonome Entscheidung treffen, er
muss es sogar, und er muss sie vor Gott und seinem Gewissen verantworten.
Die islamische Ethik dagegen geht davon aus, dass es fur den Einzelnen
nichts zu entscheiden, sondern lediglich etwas zu erkennen gibt — den Wil-
len Allahs namlich. Die Form des Weltbezuges ist mithin nicht die Liebe,
sondern der Gehorsam. (Um ein denkbares Missverstandnis auszuschlie-
Ben: Ich behaupte damit keineswegs den Unsinn, dass es fur Muslime so
etwas wie Nachstenliebe nicht gabe, sondern lediglich, dass die islamische
Ethik nicht darauf beruht.)
Eine freie Entscheidung bleibt dem Menschen freilich, wenn nicht in der
Theorie (denn Allah leitet recht, wen er will, und fuhrt in die Irre, wen er
will), so doch in der Praxis: die Entscheidung fur oder gegen den Willen
Gottes, also die zwischen Gut und Bose.
Dieser Gegensatz zwischen dem christlichen Prinzip der ethischen Au-
tonomie und dem islamischen der ethischen Heteronomie (= Fremdbe-
stimmung) fuhrt zwischen beiden Kulturkreisen zu einem Gegensatz der
politischen Grundwerte, der schroffer kaum sein konnte: Die individuelle
Freiheit, auf die wir so stolz sind, ist aus islamischer Sicht kein positiver
Wert; sie kann es nicht sein, weil man aus islamischer Sicht Freiheit ledig-
lich als die Freiheit auffassen kann, sich gegen Allah zu entscheiden und
Boses zu tun. Eine liberale, demokratische Ordnung, die solche Freiheit
garantiert, ist aus dieser Perspektive nicht nur nicht erstrebens- oder erhal-
tenswert, sie ist moralisch minderwertig.
IV. Der Dschihad in der Geschichte
1. Voriiberlegungen
Vielen Menschen im Westen ist heute kaum mehr bewusst, dass der Nahe
Osten, Nordafrika und Kleinasien, also genau diejenigen Gebiete, die als
die Kemlande des Islam zu betrachten wir gewohnt sind, in vorislamischer
Zeit die Hochburgen des Christentums gewesen waren, wo der christliche
Glaube fruher, rascher und tiefer ins Volk eingedrungen war als irgendwo
sonst im Romischen Reich.
Natiirlich weiB man, dass es dort vor dem Islam irgendetwas gege-
ben haben muss, und wer dariiber nachdenkt, wird wissen, dass dies die
romisch-griechische Zivilisation und mit ihr das Christentum waren. Dass
der Ausbreitung des Islam als einer Religion ein uber hundertjahriger Er-
oberungszug vorausging, der die politische Herrschaft muslimischer Araber
etablierte, das weiB zumindest der gebildete Zeitgenosse auch.
Und doch sind diese Sachverhalte auf eine merkwurdige Weise unbe-
wusst, kommen jedenfalls im vorherrschenden Geschichtsbild praktisch
nicht vor. Stattdessen bestimmen Mythen und Legenden das Weltbild selbst
des gebildeten Europaers.
Europaer haben sich daran gewohnt zu glauben, eine „islamische Zivili-
sation" sei der abendlandischen im Mittelalter haushoch iiberlegen gewesen
- so, als ob die in der Tat hochstehende Zivilisation dieser Gebiete nicht
bereits vor der islamischen Eroberung existiert hatte; so, als ob die an ro-
mische bzw. altpersische Kultur gewohnten Christen, Juden und Zoroast-
rier Nachhilfe in Zivilisation notig gehabt hatten; so, als ob der Islam als
Religion etwas mit den geistig-kulturellen Leistungen zu tun gehabt hatte,
die in diesem Raum auch nach der islamischen Eroberung noch fur einige
Jahrhunderte erbracht wurden; so, als ob nicht beiden groBen Dschihad-
wellen - der arabischen und spater noch einmal der turkisch-osmanischen
- nach einem steilen, aber historisch kurzen Aufstieg einjeweils Jahrhun-
derte wahrender Verfall gefolgt ware. Ein Verfall, den man, anders als die
vorangegangene Blutezeit, inkonsequenterweise nicht dem Islam aufs Kon-
to schreibt.
148 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Europaer haben sich daran gewohnt, nicht zu fragen, woher es kommt, dass
die einzigen Volker, die den Islam kollektiv, also als Volker, angenommen
haben, ausgerechnet nacheinander die Araber und die Tiirken (neben einer
Reihe von Mongolenstammen) waren - zum Zeitpunkt ihrer Islamisierung
rauberische Barbarenvolker. Die naheliegende Frage, ob der Islam gerade fur
solche Volker attraktiv sein und woran das liegen konnte, gilt als unserios.
Ferner haben Europaer sich daran gewohnt, nicht dariiber nachzudenken,
wie es kommen konnte, dass die Kemlande des Christentums innerhalb we-
niger Jahrhunderte nahezu vollstandig islamisiert werden konnten - ganz
so, als ob es eine Selbstverstandlichkeit ware, dass militarische Eroberung
zwangslaufig eine Konversionswelle nach sich ziehen musste, zumal unter
den Bedingungen „islamischer Toleranz ff - auch sie eine jener Legenden,
deren Fragwiirdigkeit ich im Folgenden zeigen werde.
Europaer haben sich daran gewohnt, die Kreuzziige fur ein Verbrechen
zu halten, nicht aber die ihnen vorausgehenden groBraumig gefuhrten und
jahrhundertelang andauernden islamischen Eroberungs-, Raub- und Ver-
sklavungskriege. Dabei ist es nicht etwa ungewohnlich, dass Menschen bei
der Bewertung historischer Sachverhalte mit zweierlei MaB messen. Un-
gewohnlich ist, dass ein ganzer Kulturkreis dies zu eigenen Ungunsten tut.
Dass man also bei den Kreuzfahrern einen unverzeihlichen religiosen Fana-
tismus am Werk sieht, nicht aber bei den Dschihad-Kriegern. Dass man ei-
nerseits weiB, dass Letztere einem starken religiosen Antrieb folgten, ande-
rerseits aber einen Zusammenhang von Islam und Krieg rundweg abstreitet.
Meine These dagegen lautet, dass sowohl die gewaltsame Eroberung als
auch die anschlieBende islamische Durchdringung dieser riesigen Gebiete
nichts anderes darstellt als die praktische Verwirklichung dessen, was im
Koran theoretisch vorgedacht ist und vom Propheten selbst vorgelebt wur-
de, was auf die Bediirfnisse rauberischer Nomadenvolker zugeschnitten ist,
und was mit Notwendigkeit aus der konsequenten Anwendung des islami-
schen Regelsystems folgt.
2. Politische Herrschaft als Voraussetzung der
Islamisierung
Muslime nennen die Eroberungskriege, die der Islamisierung der un-
terworfenen Lander vorausgingen, „Futuhat ff , was so viel bedeutet wie
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 149
„Offnungen" (fur den Islam). In unseren Ohren mag dies euphemistisch
klingen (ungefahr wie „briiderliche Hilfe" als Umschreibung fur sowjeti-
sche Militarinterventionen), es entspricht jedoch der inneren Logik des is-
lamischen Rechts:
Wir haben gesehen, dass der Koran die Ausbreitung des Islam unzwei-
deutig vorschreibt, und dass er dabei auch Gewaltanwendung gegen die
sogenannten „Unglaubigen" erlaubt - aber eben nicht als Mittel der Bekeh-
rung von Schriftbesitzern, also von Juden und Christen (spater auch von
Zoroastriern).
Realgeschichtlich wurde die Konversion auch von Christen und Juden
(Polytheisten, Hindus zum Beispiel, wurden ohnehin nicht geschont) zwar
wesentlich haufiger buchstablich mit vorgehaltenem Krummsabel erzwun-
gen, als die Legende von der „islamischen Toleranz" wahrhaben will, 73
trotzdem war sie insgesamt die Ausnahme, nicht etwa die Regel. Und wenn
auch das islamische Recht, wie wir noch sehen werden, ein Normensystem
mit eingebauter Selbstumgehung ist, sobald es um die Rechte der „Unglau-
bigen ?f geht: Beim Thema „Bekehrung" wurde es doch im GroBen und Gan-
zen eingehalten.
Warum dann aber die Gewaltanwendung?
Weil politische Macht das Instrument ist, mit dessen Hilfe man die Spiel-
regeln setzt, die innerhalb einer Gesellschaft gelten, und weil es moglich
ist, Spielregeln so zu setzen, dass die Konversion ganzer Glaubensgemein-
schaften „ohne Zwang", „freiwillig" und „von alleine' 1 vor sich geht.
2.1. Das islamische Kriegsrecht und seine praktische
Anwendung
„In dem Vertrag, den Muhammad mit den Juden der Oase von Chaibar
geschlossen hatte, sahen die muslimischen Rechtsgelehrten spaterer Zeiten
den Ursprung des Status von Tributpflichtigen. (...)
In diesem Vertrag hatte Muhammad den Juden von Chaibar den Besitz
ihrer Landereien bestatigt, die aber als Beute (faV) in das Eigentum der
Muslime ubergingen. Gegen Uberlassung der Halfte der Ernten an die
Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad, Der Islam und die christliche Welt, Miinchen 2001, S. 81
Bat Ye' Or, a.a.O., S. 94-97; Speros Vryonis, The Decline of Medieval Hellenism in Asia Minor and the
Process of Islamization from the Eleventh through the Fifteenth Century, Berkeley/Los Angeles/London
1971, S. 177,360
150 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Muslime durften die Juden ihre Religion weiter ausiiben und ihre Giiter
behalten. Dieser Status war indes nicht endgiiltig, da sich Muhammad das
Recht vorbehielt, ihn nach Belieben zu widerrufen. " 74
Tatsachlich wurde der Vertrag spater auch durch den Kalifen Omar an-
nulliert und die Juden von Chaibar, ebenso wie alle anderen Juden und alle
Christen von der arabischen Halbinsel vertrieben. Grundlage dafiir war ein
Ausspruch des Propheten, der auf dem Totenbett gesagt haben soil, auf der
Halbinsel sollten keine zwei Religionen nebeneinander existieren. Ob er das
wirklich sagte oder der Ausspruch nur gut erfunden ist, sei dahingestellt.
Tatsache ist, dass Muslime ihn fur authentisch halten, und dass ein Mann
wie Osama bin Laden seinen Krieg gegen Amerika heute auf dieses Prophe-
tenwort stiitzen kann, ohne dass dies von der Mehrheit seiner Glaubensbrii-
der wenigstens als anachronistisch angesehen wurde.
Der Chaibar- Vertrag gehort zu den Grundlagen des islamischen Rechts,
soweit es die Behandlung der „Unglaubigen" betrifft: Die daraus - in Ver-
bindung mit den einschlagigen Koranstellen - entwickelte Doktrin lautet,
dass nicht nur das Eigentum der „ Unglaubigen " sondern auch diese selbst
der islamischen Umma, also der Gemeinschaft der Muslime gehoren.
Der bedeutende mittelalterliche Rechtsgelehrte Ibn Taimiya, dessen Wer-
ke auch heute noch autoritative Geltung haben, umschrieb es so:
„ Diese Giiter [die Beute, M.K. -H.J haben die Bezeichnung Fai ' bekommen,
weil Gottsie den Unglaubigen abgenommen hat, um sie den Muslimen zuriick-
zugeben . Im Prinzip hat Gott die Giiter dieser Welt nur ges chaff en, damitsie
ihm dienen. Die Unglaubigen ubergeben also aufganz erlaubte Weise ihre Per -
son, mit der sie Gott keineswegs dienen, und ihre Giiter, die sie keineswegs be-
nutzen, um Gott zu dienen, den treuen Glaubigen, die Gott dienen; Gott gibt das
ihnen Zustehende zuriick . So gibt man einemMenschen das Erbe zuriick, dessen
er beraubtworden ist, selbst wenn er es noch nicht in Besitz genommen hat. " 76
Der Umma steht das Recht zu, die „Unglaubigen" zu berauben, zu ver-
sklaven und zu to ten; jedenfalls nach unseren Begriffen. Nach islamischen
Begriffen freilich ist der Raub kein Raub, weil die Giiter der Unglaubigen
ohnehin der Umma gehoren; ist die Versklavung keine Versklavung, weil
Nichtmuslime sowieso rechtmaBig Sklaven der Muslime sind. Nur die To-
tung ist tatsachlich Totung; aber verboten ist sie nicht.
74 Bat Ye' Or, a.a.O. S. 35
75 ebd., S. 38
76 zit. nach ebd., S. 319, Hervorhebungen von mir, M.K.-H.
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 151
■•
Uberhaupt fasst dieser Abschnitt aus der Feder des groBen Ibn Taimiya
pragnant zusammen, was der Islam unter einem gerechten Verhaltnis von
Rechten und Pflichten versteht (und nicht vergessen: Ibn Taimiya gilt bis
heute als Autoritat!): Da die Muslime als Einzige Gott dienen, gehoren ihnen
alle Giiter auf Erden, einschlieBlich ihrer nichtmuslimischen Mitmenschen,
weil nur sie - die Muslime - davon in gottgefalliger Weise Gebrauch machen.
Was immer Muslime beanspruchen - es handelt sich um einen Anspruch auf
Ruckgabe - selbst wenn sie das betreffende Gut noch nie gesehen haben -,
und was immer Nichtmuslime besitzen, haben sie den Muslimen gestohlen!
Verboten sind den Muslimen Raub, Versklavung und Totung erst dann,
wenn die Muslime von sich aus und auf der Basis eines Vertrages (der
,,Dhimma", eines Schutzvertrages) auf die Ausilbung dieser Rechte - nicht
etwa auf die Rechte selbst - verzichtet haben. Was nichts anderes bedeutet,
als dass die ,,Unglaubigen" ihr Leben, ihre Freiheit und ihr Eigentum von
denjenigen mieten miissen, denen diese Giiter „rechtmaBig" zustehen - also
von den Muslimen.
Zu den Implikationen dieses Rechts gehort iibrigens, dass die Sklaverei
zumindest als Rechtsinstitut nicht abgeschafft werden kann: nicht nur, weil
der Koran selbst eine ganze Reihe von hochst detaillierten Regelungen iiber
die Sklaverei trifft, womit die Institution als solche konkludent gebilligt
wird; sondern vor allem, weil der Sklavenstatus der „Unglaubigen" - Mus-
lime diirfen nicht versklavt werden 77 - als von Allah selbst geheiligte Insti-
tution aufgefasst wird, deren Abschaffung darauf hinausliefe, Nichtmusli-
men den Status der Gleichberechtigung zuzugestehen.
Es ist nicht etwa ein Zufall, sondern entspricht den angeblich von Gott
selbst vorgeschriebenen Wertvorstellungen der islamischen Zivilisation,
dass es etliche islamische Lander gibt, in denen die Sklaverei zwar nicht als
offizielle, wohl aber als stillschweigend geduldete und keineswegs anriichi-
ge Institution nach wie vor existiert.
Willigen die „Unglaubigen" in einen „Schutz ,f -Vertrag ein, so genieBen
sie - in der Theorie - den Schutz der muslimischen Obrigkeit. Zugleich geht
die politische Herrschaft iiber ihr Gebiet auf die Umma iiber, wodurch es
aufhort, Teil des Dar al-harb (Haus des Krieges) zu sein und zu einem Teil
78
des Dar al-islam (Haus des Islam) wird.
77 Freilich gonnten sich muslimische Sklavenjager speziell in Afrika manche - juristisch spitzfindig begriin-
dete - Ausnahme von diesem Verbot; vgl. Egon Flaig, a.a.O., S. 120 ff.
78 Bat Ye' Or, a.a.O., S. 37
152 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Unser Planet wird vom islamischen Recht bekanntlich in zwei Spharen
aufgeteilt, und das „Haus des Krieges" heiBt deswegen so, weil Muslime
dort ohne Einschrankung Gewalt gegen Andersglaubige ausiiben diirfen.
Waffenstillstande mit Landern, die an sich zum Dar al-harb gehoren, sind
zwar moglich und, wenn in Kraft, auch fur Muslime verbindlich. Sie diirfen
aber nach klassischer Doktrin eine Dauer von zehn Jahren nicht iiberschrei-
ten und sind iiberdies jederzeit kundbar. Freilich nur von muslimischer Seite.
Die Verteidigung des Dar al-islam und seine Ausdehnung auf Kosten des
Dar al-harb: Das ist der Dschihad, und dazu sind die Muslime bereits durch
den Koran verpflichtet. An dieser Stelle scheint es mir angebracht, einen
jener Kunstgriffe zu erlautern, mit denen Apologeten diesen Sachverhalt
unter den Teppich zu kehren versuchen:
Der Dschihad, so heiBt es dann, gehore nicht zu den funf Saulen des Is-
lam, also zu den Grundpflichten jedes Muslims. Diese seien vielmehr (und
ausschliefilich): das Glaubensbekenntnis, die Wallfahrt, das taglich funfma-
lige Pflichtgebet, die Beachtung des Ramadan und die Zahlung der Armen-
steuer. Das trifft zu, andert aber nichts an der Pflicht zum Dschihad: Diese
Pflicht verbirgt sich im Glaubensbekenntnis, wonach es keinen Gott auBer
Allah gebe und Mohammed sein Prophet sei; mit dieser Festlegung sind
alle Pflichten, die sich aus Koran und Sunna - dem Vorbild des Propheten
- ableiten lassen, fur alle Muslime verbindlich, selbstverstandlich auch der
Dschihad - und vor allem der Dschihad!
Das islamische Recht trifft dabei ausgefeilt differenzierte Regelungen,
von denen hier nur die wichtigsten erwahnt seien:
Der defensive Dschihad, also die Verteidigung islamischen Gebietes ge-
gen die „Unglaubigen", gegebenenfalls auch seine Riickeroberung, ist in-
dividuelle Pflicht/Wes' einzelnen Muslims — eine Pflicht, an die iibrigens
heute von Dschihadisten regelmaBig dann erinnert wird, wenn es gilt, die
Unterstiitzung von Muslimen gegen Israel zu gewinnen.
Der offensive Dschihad, also die Ausdehnung des islamischen Herr-
schaftsbereichs, gilt dagegen als kollektive Verpflichtung der Umma: So-
lange die Gemeinschaft der Muslime nur uberhaupt um die Ausdehnung
79 Daran, dass der Kampf gegen Israel der erfolgreichste Topos dschihadistischer Propaganda ist, lasst sich
ablesen, dass wir es bei der Dschihad-Pflicht mitnichten mit einer bloB theoretischen Norm zu tun haben.
Ihre Mobilisierungskraft reicht zwar nicht so weit, dass alle Muslime sich Sprengstoffgiirtel umschnallen
wurden, um gegen Israel zu kampfen, aber weit genug, dass auch solche Muslime, die Terrorismus sonst
ablehnen, ihn dann fur gerechtfertigt halten, wenn er sich gegen denjiidischen Staat richtet, der als Eindring-
ling im Dar al-islam betrachtet wird.
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 153
ihres Herrschaftsbereichs kampft, ist der Pflicht Geniige getan, und muss
sich nicht unbedingt jeder Einzelne personlich daran beteiligen.
Dabei hat dem Krieg stets eine Aufforderung an die „Unglaubigen" vor-
auszugehen, den Islam anzunehmen. Tun sie dies, fallt ihr Gebiet kampflos
dem Dar al-islam zu. Lehnen sie es ab, so werden sie ultimativ, also unter
Gewaltandrohung, vor die Wahl zwischen Bekehrung und Tod gestellt; sind
sie Christen, Juden oder Zoroastrier, so lautet die Alternative „Bekehrung
oder Tribute Sie bekommen also die Chance, sich zu unterwerfen. Bei der
Analyse des Korans hatte ich schon herausgearbeitet, dass die Weigerung,
den Islam anzunehmen bzw. sich den Muslimen zu unterwerfen, als Angriff
aufden Islam aufgefasst wird. Hier stoBen wir auf die rechtliche Ausarbei-
tung dieses koranischen Gedankens. Verweigern die „Schriftbesitzer" die
Unterwerfung, so miissen die Muslime bis zum Sieg gegen sie kampfen.
„ Wird ein Teil des Dar al-Harb durch einen Sieg der Muslime zum Dar
al-islam, so werden dessen Bewohner als Harbis [Bewohner des Dar al-
Harb, M. K.-H.J zu Kriegsgefangenen. Der Imam kann sieje nach den Um-
standen der Eroberung zum Tode verurteilen, versklaven, ins Exil s chicken,
oder mit ihr en Vertretern verhandeln und ihnen einen Vertrag (dhimma) ge-
wahren, der sie in einen Status von Tributpflichtigen (dhimmi) versetzt. " 80
In den ersten drei islamischen Jahrhunderten lief die erste, die arabische
Welle des Dschihad. Erobert wurden unter anderem die arabische Halbinsel,
Palastina, Syrien, Kleinasien, Mesopotamien, Persien, Armenien, Afghanis-
tan, Nordafrika und Spanien. In Europa konnten die Streitkrafte der Chris-
ten die Eroberungswelle erst in Frankreich zum Stehen bringen.
Dies bedeutet aber nicht, dass die letztlich nicht eroberten Gebiete von
den Heimsuchungen der Araber und ihrer Hilfsvolker verschont geblieben
waren, und zwar weit liber die hier interessierende erste Phase der islami-
schen Eroberungen hinaus: Die gesamte Nordkuste des Mittelmeeres wurde
von dem Moment an, wo die Araber sich von den unterworfenen Feinden
das Know-how der Schifffahrt angeeignet hatten, von arabischen, berberi-
schen und tiirkischen Piraten heimgesucht, und zwar mancherorts bis ins
Q 1
spate 18. Jahrhundert hinein!
Bei dieser Piraterie ging es vor allem darum, Sklaven zu erbeuten. Man
schatzt, dass in den knapp zwo If Jahrhunderten, die die muslimische Men-
80
BatYe'Or, a.a.O., S. 38
81 vgl. Egon Flaig, a.a.O., S. 89
154 IV. Der Dschihad in der Geschichte
schenjagd in Siideuropa andauerte, mehrere Millionen christliche Europaer
auf orientalischen Sklavenmarkten verkauft wurden. 82
Die islamische Welt unterschied sich nicht darin von anderen Zivilisa-
tionen, dass sie uberhaupt solchen Praktiken fronte. Sie unterschied sich
erstens darin, dass man dort - und nur dort! - damit den Willen Gottes zu
erfiillen glaubte; zweitens darin, dass man dies dort, und nur dort, mancher-
orts bis heute glaubt.
In den Landern aber, die tatsachlich unter islamische Herrschaft gerieten,
gait: Diejenigen „Unglaubigen", die sich nicht unterwarfen, und diejenigen,
bei denen es nicht daraufankam, ob sie sich unterwarfen oder nicht, weil sie
sich ohnehin nicht verteidigen konnten - vor allem die Landbevolkerung -
wurden, je nachdem, was gerade opportun schien, ermordet oder versklavt,
in jedem Falle aber ausgeraubt und bisweilen auf denselben Giitern, die die
an
Muslime ihnen vorher geraubt hatten, als Sklaven eingesetzt.
Privilegiert waren diejenigen, die in befestigten Stadten lebten oder sonst
die Mittel zur Verteidigung hatten. Zwar mussten auch sie sich oft genug
••
der muslimischen Ubermacht geschlagen geben, aber sie hatten immerhin
die Chance, den Angreifem vertragliche Zugestandnisse abzutrotzen, mit
denen ihre Willkur - zumindest scheinbar und vorlaufig - im Zaum gehalten
wurde. 84
„ Dieses allgemeine Bild von Verwiistung, Ruinen, Massakern und De-
portation von Gefangenen aus den Stadten wie auch aus landlichen Regio-
nen betrafalle eroberten Gebiete in Asien, Afrika und Eur op a. Die wenigen
zitierten Beispiele stehenfur eine allgemeine Situation, die in den zeitge-
nossischen syrischen, griechischen und arabischen Chroniken sehr gut do-
kumentiert ist, denn sie wiederholte sich im Laufe der Jahre undJahrhun-
derte durchperiodisch immer wiederkehrende Beuteziige. Diese Chroniken,
von denen die meisten in europaische Sprachen ubersetzt, publiziert und
den Spezialisten bekannt sind, zeigen ganz zweifelsfrei, dass die Vorschrif-
ten des Dschihad hinsichtlich der Beute y des Filnfts [chums], des FaV, der
Ernten und des Loses der Menschen (Bekehrung, Tod, Sklaverei oder Tri-
but) nicht nur vage Prinzipien aus einem theoretischen Kriegstraktat dar-
stellten, die sich irgendein obskurer Theologe ausgedacht hat. Durch ihre
• •
tiefe Glaubigkeit und von der Uberzeugung getragen, einer alien uberlege-
82 ebd.
83 Bat Ye' Or, a.a.O., S. 60
84 ebd., S. 44
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 155
nen Religions gemeinschaft anzugehoren (Sure 3 J 10: ,Die teste Gemein-
schaft...') wandten die Arab er dies e Vorschriften an in der Uberzeugung,
einer religiosen Pflicht nachzukommen und den Willen Allahs zu erfullen.
Man mussjedoch bedenken, dass Totung oder Versklavung von Besieg-
ten, Brandschatzung, Plunderung, Zerstorung sowie Erhebung von Tribut
Verhaltensweisen sind, die in derZeit, um die es hiergeht, von alien Arrne-
en, griechischen, lateinischen und slawischen, praktiziert wurden. Allein die
Mafilosigkeit, die Regelma/Sigkeit und der systematische Charakter der von
den islamischen Theologen zur Norm erhobenen Verwiistungen unterschei-
den den Dschihad von anderen Eroberungskriegen oder Beutezilgen . "
Der Krieg der Nomaden gegen die Sesshaften war keine Erfindung des
Islam, er ist vielmehr eine Konstante der Weltgeschichte spatestens seit
der Einfuhrung des Ackerbaus, und es gibt wohl keinen zweiten identi-
fizierbaren Einzelfaktor, der die Entfaltung der Zivilisation so lange und
so nachhaltig gehemmt hat wie die Kriegsziige beutegieriger Nomaden-
volker.
Mohammed aber war der einzige Religions stifter, der diese Form von
Barbarei zum Motor seines Missionsprojekts machte, und der Islam (als die
einzige Religion, die man mit Gewalt verbreiten kann, ja sogar muss, ohne
sich in Widerspruch zu ihren Glaubensgrundlagen zu setzen) vermochte es,
die bis dahin unkoordiniert raubenden arabischen Beduinen zu einer syste-
matisch agierenden Streitmacht zu formen. So gesehen, brachte der Islam
tatsachlich einen zivilisatorischen Fortschritt - freilich nur fur die Beduinen
selbst, nicht fur die von ihnen unterworfenen Volker.
Der Kunstgriff, der dieses Wunder moglich machte, war die Sakralisie-
rung der Barbarei sowohl der arabischen als auch spater der tiirkischen No-
madenstamme. Die Nomaden kampften, raubten, mordeten, brandschatzten
und versklavten wie bisher, sie taten es nun aber im Namen Allahs und mit
dem Anspruch, den wahren Glauben durchzusetzen. 86
2.2. Von der Eroberung zur Islamisierung
Die politische Herrschaft uber die nichtmuslimische autochthone Bevolke-
rung war nur eine notwendige, keineswegs eine hinreichende Vorausset-
zung fur die islamische Durchdringung der unterworfenen Lander. Sie war
Of
ebd., S. 52; Hervorhebung von mir, M.K.-H.
86 Speros Vryonis, a.a.O., S. 171, 273
156 IV. Der Dschihad in der Geschichte
genau das, als was die Muslime sie bezeichneten: eine Offnung. Von nun an
konnte der Islam praktisch ungehindert in diese Lander und Volker einsi-
ckern, und die Mittel, mit denen dies ins Werk gesetzt wurde, sind fur den
Sozialwissenschaftler so faszinierend wie fur den Beobachter des aktuellen
Zeitgeschehens beunruhigend.
Was hier vorgestellt wird, sind die typischen Elemente der Islami-
sierungspolitik, die sehr flexibel eingesetzt wurden. Sie alle haben eine
Grundlage in Koran und Sunna, deswegen spielen sie auch in alien histo-
rischen Islamisierungsprozessen eine Rolle; man darf sich diese Vorgan-
ge aber nicht schematisch im Sinne einer strikten Abfolge vorstellen: Der
Islam gibt den Dschihadisten Werkzeuge in die Hand und die notwendige
Mentalitat, von ihnen Gebrauch zu machen, aber er enthalt nicht, wie ein
Kochbuch, eine Gebrauchsanleitung, die man mechanisch befolgen konn-
te.
Deswegen ist das Bild nicht einheitlich, kann es auch nicht sein, wenn
0"7
man bedenkt, um welch groBe Zeitraume und Gebiete es hier geht. Das
heiBt aber nicht, dass eine abstrahierende Gesamtdarstellung nicht mog-
lich oder nicht zulassig ware. Da die Grundkonstellation im Verhaltnis
von Muslimen zu Nichtmuslimen in den eroberten Landern schon aus
theologischen bzw. sakraljuristischen Griinden stets dieselbe war, ist es
wenig iiberraschend, dass auch die Wirkungen dieser Konstellation sich
uber Jahrhunderte und Kontinente hinweg glichen. Dass die Muslime die
Vorgaben des islamischen Rechts bemerkenswert geschmeidig und flexi-
bel umsetzten, heiBt keineswegs, dass diese Vorgaben keine Rolle gespielt
hatten.
Um die typischen Elemente der historischen Islamisierungsprozesse he-
rauszuarbeiten, beziehe ich mich im Folgenden auf die erste, die arabische
Dschihad- Welle, sofern nicht ausdriicklich etwas anderes erwahnt wird.
Alles, was dort aufgefuhrt wird, trifft auch auf die Islamisierung der von
den Turken eroberten Gebiete zu, wenn auch notwendig mit Modifikatio-
nen, insbesondere im Hinblick auf die Reihenfolge und Kombination der
einzelnen Instrumente. Wenn ich auf die osmanische Islamisierungspolitik
nicht vertieft eingehe, dann deshalb, weil ich Wiederholungen vermeiden
Bereits das Tempo der Islamisierung war von Land zu Land durchaus unterschiedlich. Wahrend im Irak
schon funfzig Jahre nach der Eroberung zwei Drittel der Bevolkerung muslimisch waren, waren es in Syrien
um 900, also nach uber zweihundert Jahren, erst die Halfte; um 1350 waren es neunzig Prozent. (Courbage/
Fargues, a.a.O., S. 8, 12, 14)
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 157
mochte. Den speziell an diesem Thema interessierten Leser verweise ich
aufdas Standardwerk von Speros Vryonis. 88
2.2.1. Konsolidierung durch Abschottung
Auch wenn - zahlreichen Quellen zufolge - bereits im Zuge der Erobe-
rung kleinere Teile der autochthonen Bevolkerung zum Islam konvertierten,
sei es aus Todesangst, sei es aus dem Wunsch, bei den Siegern zu sein:
Die iiberwaltigende Mehrheit blieb zunachst bei ihrem - christlichen, jii-
dischen oder zoroastrischen - Glauben. Die arabischen Muslime thronten
also zunachst als kleine, mancherorts sogar winzige Minderheit iiber „un-
glaubigen" Volkern, noch dazu Volkern, die als ehemalige Untertanen des
romisch-byzantinischen bzw. persischen Reiches den Arabern kulturell
iiberlegen waren. Der arabische Geschichtsschreiber Ibn Khaldun beschrieb
das Kulturniveau der Araber in fruhislamischer Zeit so:
„Die Araber waren ran, ungebildet und in den Kunsten des Schreibens
und Rechnens wenig bewandert; auch bedienten sie sich fur ihr Rechnungs-
wesen der Dienste von Christen, Juden undfreigelassenen Fremden. "
Der in einer solchen Konstellation zu erwartende Effekt ist, dass der po-
litisch herrschende, aber kulturell unterlegene Eroberer sich die Kultur des
Unterworfenen aneignet und in dessen Volk aufgeht; so, wie sich die Goten
in Spanien und die Franken in Gallien romanisierten, oder wie die Mongo-
len nach der Niederwerfung Chinas zu Chinesen mutierten.
Nichts dergleichen geschah nach den arabischen Eroberungen.
Wir hatten oben schon Gelegenheit, uns dariiber zu wundern, dass der
Koran die soziale Abgrenzung, ja Abschottung der muslimischen Umma
gegen Andersglaubige vorschreibt, und dass er die Chance auf friedliche
Missionierung, die in einem engen sozialen Kontakt ja auch steckt, allem
Anschein nach so gering achtet.
Wenn wir uns aber bewusst machen, dass die Muslime praktisch uber-
all auBerhalb ihres arabischen Kemlandes als Minderheit lebten, noch dazu
als nicht unbedingt beliebte Minderheit von Eroberem, dann erkennen wir,
Vryonis, a.a.O. Ich weise daraufhin, dass der turkische Dschihad nicht erst im 14./15. Jahrhundert unter
der Fuhrung der Osmanen begann, sondern bereits ab dem 11. Jahrhundert mit den Angriffen auf Kleinasien.
Notig ist dieser Hinweis deshalb, weil die brutale Islamisierungspolitik der vor-osmanischen Turkstamme
nicht unbedingt allgemein bekannt ist.
OQ m ••
Ibn Khaldun, zit. nach Courbage/F argues, a.a.O., S. 25, Ubersetzung von mir, M.K.-H..
158 IV. Der Dschihad in der Geschichte
dass die Abschottung die Voraussetzung dafur war, die eigene muslimische
Gruppe zu stabilisieren. Hatten sich die arabischen Muslime einfach unters
Volk gemischt, so ware es ihnen wahrscheinlich just so ergangen wie den
erwahnten Goten, Franken und Mongolen. Es ware zur kulturellen Assimi-
lation gekommen, und der Islam ware zunachst zur Privatangelegenheit der
einzelnen Muslime geworden, um schlieBlich als religionsgeschichtliches
Kuriosum - nicht richtig jiidisch, nicht richtig christlich - in Vergessenheit
zu geraten und heute ein Spezialgebiet mehr oder minder exzentrischer His-
toriker zu sein.
Eine zentrale Funktion kam in diesem Zusammenhang den Moscheen zu,
die als Zentren der islamischen Garnison injeder eroberten Stadt entstan-
den. Moscheen waren weitaus mehr als bloBe Bet- oder Gotteshauser. Sie
waren soziale Zentren, in denen die Muslime moralisch aufgerustet wurden,
indem ihnen taglich die Uberlegenheit des Islam, der Wille Allahs und die
GroBe ihrer Mission vor Augen gefuhrt wurden, wo politische Angelegen-
heiten besprochen wurden, und wo man unter sich war. 90
„Eine Moschee ist im Islam das Zentrumfiir Anbetung, Rechtsprechung,
Kr legs strategic und Verwaltung. (...) Der Prophet Mohammed machte den
Muslimen klar, dass eine Moschee nicht mit einer Synagoge oder Kirche zu
vergleichen ist. (...) Sie war wie das Weifie Haus, der Oberste Gerichtshof
und das Pentagon unter einem Dach. (...) Durch die ganze islamische Ge-
schichte hindurch kann man beobachten, dass alle Bewegungen des Dschi-
hads ihren Ausgangspunkt in einer Moschee hatten. " 91
Die Formation betender Muslime erinnert nicht etwa nur zufallig an
eine Schlachtreihe von Kriegern; die notwendige innere Verbindung von
Religion und Krieg, vom Koran hundertfach wiederholt, vom Propheten
tausendfach bekraftigt, wurde auf diese Weise fur jedermann sinnlich und
sinnfallig zum Ausdruck gebracht und erfahrbar gemacht. Auch wenn ich
damit meiner Argumentation ein wenig vorgreife, ermutige ich den Leser
ausdriicklich, Parallelen zur aktuellen Immigrations- und Integrationspro-
blematik zu ziehen. Es ist keineswegs ein anachronistischer Vergleich von
mittelalterlichen Apfeln mit modernen Birnen, wenn man feststellt, dass
die Selbstabschottung heutiger muslimischer Minderheiten, ihre prinzipi-
elle, weil zu einer Frage von Ehre, Moral und Identitat erhobene Assimi-
90 Bassam Tibi, Kreuzzug und Dschihad, a.a.O., S. 68 ff.
91 Mark A. Gabriel, Islam und Terrorismus, Grafelfing 2004, S.122; vgl. auch das Khomeini-Zitat oben
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 159
lationsverweigerung, und speziell auch die Errichtung von GroBmoscheen
als Sinnbildern von Macht wie als autarken Gemeindezentren den Mustern
folgen, die seit den friihesten Tagen des Islam typisch waren fur das Auftre-
ten von Muslimen in den von ihnen eroberten Landern. Die Kontinuitat von
Theologie, Sozialnormen und Mentalitat ist zu offenkundig, als dass man
Parallelen als bloB zufallig abtun konnte.
2.2.2. Demographische Expansion durch Migration
Nach den arabischen Eroberungen waren oft weite Landstriche verwiistet
und die einheimische Bevolkerung durch Ermordung oder Deportation de-
zimiert. Die Eroberer standen also nicht nur vor dem Problem, eine Min-
derheit zu sein, die iiber eine Mehrheit herrscht, sondern sie mussten den er-
oberten Raum auch sinnvoll nutzen. Mit der Ansiedlung von muslimischen
Arabern (oder auch mit derbloBen Duldung ihres Zustroms) losten sie beide
Probleme gleichzeitig.
Dabei hatte die Verschiebung des demographischen Gleichgewichts nicht
nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Komponente. Es kam
also zunachst nicht unbedingt darauf an, dass die Araber eine Mehrheit bil-
deten. Es geniigte, dass es ihnen — und normalerweise nur ihnen! - erlaubt
war, Waffen zu tragen. Dieser schlichte Umstand verschaffte ihnen auch als
einer Minderheit, so sie nur flachendeckend vertreten war, die Schlusselpo-
sition zur Kontrolle des Raumes. Er stellte sicher, dass die Muslime stets die
Partei waren, die das letzte Wort behielt.
Vielfach ging dadurch die Vertreibung der Einheimischen auch nach der
Eroberung weiter. Da viele der einwandernden Muslime Nomaden waren,
die schon traditionell vom Raub lebten, standen die Rechte der - theoretisch
- Schutzbefohlenen vielfach nur auf dem Papier. Das Klima der Unsicher-
heit und Anarchie, speziell bei den Bauern, trug das seine dazu bei, dass
viele ihre Heimat verlieBen, um Platz fur nachriickende Araber zu machen. 94
2.2.3. Die Dhimma - der „Schutzvertrag ff
Waren Abschottung und Migration noch Instrumente, die die Eroberer
auch ohne die Kooperation der Unterworfenen handhaben konnten, so war
Q9
Bat Ye' Or, a.a.O., S. 41-57; dasselbe gilt fur die turkischen Eroberungen in Kleinasien, vgl. Speros
Vryonis, a.a.O., S. 143-175
93 BatYe'Or, a.a.O., S. 61
94 ebd., S. 108-116
160 IV, Der Dschihad in der Geschichte
die Dhimma, also die vertragsrechtliche Ausgestaltung der Beziehungen
zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, das Mittel, mit dem die Spiel-
regeln so gesetzt wurden, dass konkurrierende Religionen iiber kurz oder
lang verschwinden mussten. Mit dem Schutzvertrag endete nicht etwa der
Dschihad - er trat vielmehr in eine neue und entscheidende Phase. Ziel der
Dhimma war nicht der Modus vivendi Jedenfalls nicht als Endzustand, son-
dern die Dinge kontrolliert in Bewegung zu bringen,
„bis die Verfuhrung aufgehort hat und der Glauben an Allah da ist" (Ko-
ran 2, 193).
Die Dhimma war ein Instrument des Dschihad. Wer heute von der „islami-
schen Toleranz" spricht und dies ausgerechnet mit der Existenz solcher Vertra-
ge begriindet, hat entweder den Islam nicht verstanden oder spekuliert auf die
infantile Leichtglaubigkeit eines harmoniebedurftigen westlichen Publikums.
Der rechtliche Status der Dhimmis variierte im Zeitverlauf und von Land
zu Land. Im Wesentlichen jedoch waren die Konditionen stets dieselben,
und sie lassen sich einigen zentralen, miteinander zusammenhangenden
Themen zuordnen:
- wirtschaftliche Auspliinderung
- Demiitigung und Diskriminierung
- Beherrschung des offentlichen Raumes
- Verbot der Kritik am Islam.
2.2.3.1 Auspliinderung
Den Dhimmis wurde die Dschizya - eine Kopfsteuer - und der Charadsch
auferlegt, eine Grundsteuer, die wesentlich hoher lag als der Zehnt, der auch
von muslimischen Grundbesitzern erhoben wurde. Beide Steuern sind, isla-
mischem Recht zufolge, der Preis dafur, dass die Dhimmis, die von Rechts
wegen Kriegsbeute der Muslime sind, wenigstens im Besitz ihres fruheren
Eigentums bleiben, nicht getotet werden, ihren Glauben weiter ausiiben
konnen, und dass die meisten von ihnen nicht versklavt werden.
(Die meisten. Denn viele Dhimmi-Vertrage verpflichteten die unterwor-
fenen Volker, einmalig oder regelmaBig Kontingente an Sklaven zu stel-
len. 95 Die osmanische Praxis der Knabenlese ist dabei nur ein besonders
prominentes Beispiel von schier unzahligen: Die christlichen Balkanvolker,
95
ebd., S. 116
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 161
speziell die Serben, wurden jahrhundertelang gezwungen, dem Sultan in
gewissen Abstanden eine bestimmte Anzahl von Knaben zu iiberlassen, die
ihren Familien entrissen und zwangsbekehrt wurden, um als fanatische Eli-
tekrieger im Janitscharen-Korps zu dienen, wo sie oftmals gegen genau die
Volker eingesetzt wurden, aus denen sie stammten. 96 )
Dabei waren die geforderten Steuern stets hoch genug, um als driickende
Last empfunden zu werden. Zeitweise waren sie sogar so ruinos hoch, dass
die Bauern sie nicht aufbringen konnten. Wer der Versklavung entgehen
wollte, hatte dann keine andere Wahl als die Flucht - ins Ausland oder in die
Stadte. Unter den Abbasidenkalifen waren zeitweise groBe Teile des Staats-
Q7
apparates mit der Jagd auf geflohene Bauern betraut.
Die Dhimmi-Volker galten dabei kollektiv als Steuerschuldner, und es
waren die eigenen - christlichen, jiidischen, zoroastrischen - geistlichen
Honoratioren, die dem islamischen Staat fur das Aufbringen der Steuer ver-
antwortlich waren.
Uberhaupt wuchsen diese geistlichen Notabein, da sie der einzige aner-
kannte Partner des Staates waren, in eine Machtposition hinein, die sie so
vor der islamischen Eroberung nicht innegehabt hatten - oblag doch ihnen
allein die Regelung der inneren Angelegenheiten ihrer Gemeinschaften, in
die sich der Staat normalerweise nicht einmischte. Entsprechend war die-
se „Autonomie M eine hochst zweischneidige Angelegenheit: Indem sie den
Notabein eine enorme Macht uber ihre Gemeinschaften ubertrug, korrum-
pierte sie sie und lieB als einzige Vertretung der unterworfenen Volker nur
solche Instanzen zu, deren Eigeninteressen sie darauf verwiesen, eher dem
Staat zu dienen als dem eigenen Volk. 98
2.2.3.2 Demiitigung und Diskriminierung
Jahrhundertelang - mancherorts bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein -
existierte in den meisten islamischen Landern das Ritual, dass Christen und
Juden bei Ablieferung ihrer Steuern den Kopf beugen mussten und vom
muslimischen Steuereintreiber einen Schlag auf den Hinterkopf bekamen.
Der Rechtsgelehrte Al-Adawi, der hier exemplarisch zitiert sei, beschreibt
den Ablauf, vor allem aber auch den Sinn dieses Verfahrens so:
96 ebd., S. 122-125; diese Methode wurde bereits in vorosmanischer Zeit angewandt, vgl. Speros Vryonis,
a.a.O., S. 240 ff.
97 BatYe'Or, a.a.O., S. 75-80
98
ebd., S. 134-136, S. 257-259
162 IV. Der Dschihad in der Geschichte
„ Der Dhimmi, ob Christ oder Jude, soil personlich ... zu dem mit der
Erhebung der Dschizya beauftragten Emir gehen. Dieser soil aufeinem
erhohten Sitz in der Form eines Thrones sitzen; der Dhimmi soil zu ihm
kommen y mit der Dschizya, die er in der Mitte der Handfldche halt, von wo
sie der Emir dann entgegennimmt, ... so, dass seine Hand oben unddiedes
Dhimmi unten ist. Dann versetzt ihm der Emir mit der Faust einen Schlag
ins Genick. Ein Mann soil neben dem Emir stehen und den Dhimmi an-
schliefiend barsch wegjagen. Danach treten ein Zweiter und ein Dritter vor,
und man soil sie in gleicher Weise behandeln, ebenso alle, die nachfolgen.
Jedermann ist zugelassen, dieses Schauspiel zu geniefien. — Man soil nie-
mandem erlauben, einen Dritten mit der Bezahlung der Dschizya in seinem
Namen zu beauftragen: Sie milssen personlich dieses Zeichen der Ernied-
rigung erdulden, denn vielleicht werden sie schliefilich an Allah undseinen
Propheten glauben und von diesem schmachvollen Joch befreit werden . " "
Es war dies nur ein Element eines ganzen Bundels von Bestimmungen,
das dazu bestimmt war, die Dhimmis zu jeder Stunde des Tages daran zu
erinnern, dass sie Menschen minderer Wurde und minderen Rechts waren:
Dhimmis durften sich gegen Ubergriffe von Muslimen nicht wehren. 100
Beleidigungen waren ohnehin an der Tagesordnung, sie galten geradezu als
ein Gewohnheitsrecht der Muslime, wahrend die Beleidigung eines Mus-
lims ein Verbrechen war. Auch Schlage, sogar von muslimischen Kindern,
hatten Christen und Juden klaglos zu dulden; sie mit Steinen zu bewerfen
war einbeliebtes Kinderspiel. 101 Selbst Notwehr war ihnen untersagt: Dhim-
mis waren verpflichtet, sich eher totschlagen zu lassen als die Hand gegen
1 no
einen Muslim zu erheben.
Dhimmis hatten sich Muslimen gegeniiber stets unterwiirfig zu verhalten.
Sie mussten Platz machen, wenn ihnen auf der StraBe ein Muslim entge-
genkam. 103 Sie durften keine Pferde oder Kamele reiten, hochstens Esel. 104
Mancherorts durften sie auch iiberhaupt nicht reiten, sondern hatten zu FuB
zu gehen, und dies mit minderwertigem oder gar keinem Schuhwerk. Wenn
sie aber wenigstens einen Esel reiten durften, dann hatten sie - auch als
99 Zit. n. ebd., S. 357, Hervorhebung von mir, M.K.-H. Auch Tamcke, a.a.O., S. 29, halt fest: „Demutigung
als Druckmittel zurAnnahme des Islam wurde zum erklarten Ziel dieser Texte" (der Dhimmi- Vertrage)
100 BatYe'Or, a.a.O., S. 87
101 ebd., S. 100
102 ebd., S. 87
103 ebd., S. 99
104
ebd.
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 163
105
Manner - nach Frauenart zu reiten. Dass sie keine Waffen tragen durften,
verstand sich von selbst.
Vielerorts war es auBerdem iiblich, dass sie bestimmte Orte, Stadte oder
Stadtteile nicht betreten durften, sondern auf ihre Viertel beschrankt blie-
ben. 106 Wer es, etwa als Jude, gar wagte, eine Moschee zu betreten, wurde
ohne weiteres gelyncht. Das Verbot, Moscheen zu betreten, ist zwar nir-
gendwo in der Scharia verankert und wird deshalb heute auch nicht mehr
praktiziert, gait aber bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein als Selbstver-
standlichkeit. Man sieht, dass das Gebot sozialer Abschottung, wie vom
Koran vorgezeichnet, mit groBer Konsequenz praktiziert wurde, bis hin zu
einem friihen System von Apartheid.
Es wurde streng darauf geachtet, dass sie sich nicht als Muslime aus-
i no
geben konnten, um die Vorschriften zu unterlaufen. Der gelbe Fleck als
Erkennungsmerkmal fur Juden ist wahrscheinlich eine muslimische Erfin-
••
dung. Im Ubrigen gab es sehr viele Varianten von Kleidervorschriften, de-
nen aber alien gemeinsam war, dass die Kleider der Dhimmis bestenfalls
unscheinbar sein durften, oft aber wurden ihnen auch besonders hassliche
und lacherlich machende Kleidungsstiicke aufgezwungen. 109 Der Sinn der
Vorschriften war namlich nicht nur, die Dhimmis als solche erkennbar zu
machen, sondern auch zu verhindern, dass ein Muslim einen Christen oder
Juden aufgrund von dessen Kleidung als sozial hohergestellt erlebte.
Und dabei sind dies nur die Praktiken, die von der Scharia gedeckt und
deshalb legal waren. Da aber das Zeugnis von Christen oder Juden ge-
gen Muslime vor Gericht nichts gait - auch dies entsprach dem islami-
schen Recht 110 -, blieb de facto jeglicher Ubergriffvon Muslimen gegen
Dhimmis mindestens so lange ungeahndet, wie sich kein muslimischer
Zeuge und vor allem kein machtiger muslimischer Protektor fand, der zu
Gunsten der Dhimmis einschritt. Dergleichen gab es bisweilen. 111 Aller-
dings riskierten muslimische Potentaten, die sich fur Christen oder Juden
einsetzten, Konflikte mit ihren eigenen Glaubensgenossen. Es gibt zahl-
reiche Beispiele fur politische Unruhen, die sich daran entziindeten, dass
105 ebd.
106 ebd., S. 100
107 ebd., S. 92
108 ebd., S. 100
109 ebd.
10 ebd., S. 84
111 vgl. fur Kleinasien Speros Vryonis, a.a.O., S. 211
164 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Dhimmis nicht mit der vom (muslimischen) Volk gewiinschten Harte un-
119
terdruckt wurden.
Auch die Zwangsbekehrung, von Koran und Scharia an sich verboten, ge-
110
horte von Beginn an zu den Mitteln, mit denen der Islam sich ausbreitete.
Wo kein Klager, dakein Richter. Allerdings betone ich nochmals, dass sie trotz
ihrer Haufigkeit die Ausnahme und nicht die Regel waren. Sie kamen haufig
genug vor, um einschuchternd zu wirken - und die Dhimmis nicht vergessen
zu lassen, dass sie dankbar dafiir zu sein hatten, wenn es nicht geschah -, aber
nicht so haufig, dass man in der Konversion von - langfristig - ganzen Vol-
kern in erster Linie das Ergebnis unmittelbarer Gewaltandrohung sehen diirfte.
2.2.3.3 Beherrschung des offentlichen Raumes
Auf die groBe Bedeutung von Moscheen fur die Islamisierung eroberter
Lander ist bereits hingewiesen worden. Sie waren aber nicht nur die oben
beschriebenen sozialen Zentren, sondern auch wesentlicher Teil einer Art
von architektonischem Dschihad.
Dhimmi-Vertrage beinhalteten praktisch iiberall detaillierte Bestimmun-
gen dariiber, in welchen Grenzen die Ausiibung der jeweiligen Religionen
von den Muslimen geduldet wurde. Vielfach hatten die Araber - spater die
Tiirken - bereits in der Eroberungsphase vollendete Tatsachen geschaffen,
indem sie vorhandene Kirchen und Synagogen kurzerhand niederbrannten, 114
nicht ohne sie vorher alles Wertvollen beraubt zu haben. Besonders konse-
quente Streiter auf dem Wege Allahs trieben noch die Mitglieder der dazuge-
horigen Gemeinden in die Gotteshauser, bevor sie sie anzundeten. 115
Christen und Juden durften von Muslimen zerstorte Gotteshauser nicht
wieder aufbauen, und solche, die die Muslime beschlagnahmt und zu Mo-
scheen umgewidmet hatten, wurden selbstredend nicht zuriickgegeben.
Aber auch diejenigen Kirchen und Synagogen, die die Eroberung iiberstan-
den hatten, durften nur instand gehalten, nicht aber ausgebaut werden, und
der Neubau von christlichen und judischen Gotteshausern war verboten
(und ist es in vielen islamischen Landern bis heute; selbst dort, wo man es
de jure darf, wird trickreich dafiir gesorgt, dass man es de facto nicht kann).
Auf diese Weise sorgten die Muslime dafiir, dass ihre eigenen Moscheen
1,2
113
1.4
Bat Ye' Or, a.a.O., S. 93; Speros Vryonis, a.a.O., S. 213; Courbage/F argues, S. 70
Bat Ye' Or, a.a.O., S. 94-97; Speros Vryonis, a.a.O., S. 177, 360
Bat Ye* Or, a.a.O, z.B. S. 47, 89; Speros Vryonis, a.a.O., S. 195 ff.
115 Bat Ye' Or, a.a.O.., S. 94
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 165
stets groBer, prachtiger und zentraler gelegen waren als die Kirchen und
Synagogen der „Unglaubigen M .
Damit aber nicht genug: Christen und Juden durften uberhaupt nichts
tun, was man als Werbung fur ihre Religion hatte auffassen konnen. Hinter
den Mauern von Kirchen und Synagogen durften sie ihre Religion ausiiben,
und auch dies nur, wenn dies so leise geschah, dass man von auBen nichts
davon merkte. 116 Beerdigungen hatten sogar in aller Stille stattzufinden; die
Friedhofe der „Unglaubigen ff hatten so unauffallig zu sein wie diese selbst,
und Muslime hatten keine Skrupel, solche Friedhofe bei Bedarf, oder auch
als TerrormaBnahme, einzuebnen. 117 Glockenlauten war - man mochte sa-
gen: selbstverstandlich - verboten.
Hier ging es nicht nur um die Abwehr etwaiger Bekehrungsversuche, es
ging auch nicht nur um die Demonstration von Dominanz (darum ging es
naturlich auch, aber dazu kommen wir noch). Die Beherrschung des offent-
lichen Raumes diente vor allem dazu, das Gemeinwesen als ein islamisches
zu definieren. Es ging nicht nur darum, klarzustellen, wer oben und wer
unten, sondern auch, was Zentrum und was Peripherie war. Ich erinnere
nochmals daran, dass die Muslime eine Minderheit waren, die von den Be-
herrschten als eine lastige Fremdherrschaft empfunden wurde: zwar oben,
aber eben zugleich Peripherie. Es zeugt von bemerkenswertem psychologi-
schem Instinkt, dass die Muslime genau dieses Empfinden unterminierten,
indem sie die Sphare des Offentlichen islamisch durchdrangen und dadurch
die Dhimmis dazu brachten, sich schon zu einer Zeit als AuBenseiter der
Gesellschaft - also als Minderheit - zu betrachten, als sie numerisch noch
die groBe Mehrheit stellten.
2.2.3 .4 Verbot von Kritik am Islam
Wir hatten schon bei der Korananalyse bemerkt, dass der Prophet Kritik am
Islam (erst recht naturlich Spott, ganz zu schweigen von dem Versuch, Mus-
lime zu bekehren) nicht anders denn als Angriff wertete, der eine gewalt-
same Antwort herausfordert und rechtfertigt, und so verwundert es kaum,
dass das strikte Verbot solcher „Ubergriffe ff iiberall im Dar al-Islam gang
und gabe war. Verbunden mit der systematischen Verweigerung von Rechts-
schutz war die Anschuldigung der Blasphemie (darunter fiel jegliche Kritik
l > 6 ebd., S. 93
117
ebd.
166 IV. Der Dschihad in der Geschichte
am Islam) sogar eine todliche Waffe, die von jedem Muslim gegenjeden
Christen oder Juden gefuhrt werden konnte — und in Landern wie Pakistan
bis heute wird. 118
Vor allem aber war sichergestellt, dass Muslime die Fahigkeit, am Islam
zu zweifeln, gar nicht erst entwickeln konnten, da sie mit Kritik normaler-
weise nie konfrontiert wurden. (Wenn aber ausnahmsweise doch, waren sie
daraufkonditioniert, sie sofort als „b6se", namlich als Angriffzuwerten. In
dieser Verwechslung der Begriffspaars „wahr/unwahr" mit dem Begriffs-
paar „gut/bose ff liegt iibrigens eine bemerkenswerte Parallele zur heutigen
im ersten Kapitel analysierten Political Correctness.)
Wir sind nicht erst beim Karikaturenstreit 2006 mit der Tatsache konfron-
tiert worden, dass viele Muslime dazu neigen, auf Kritik an ihrer Religion
mit Gewalt zu reagieren oder solche Gewaltanwendung zumindest gutzuhei-
Ben. Auf eine erste Erklarung fur diesen Sachverhalt sind wir bereits bei der
Korananalyse gestoBen. Dass der Koran Gewaltanwendung als angemessene
Reaktion auf Kritik, Spott und Bekehrungsversuche nicht nur erlaubt, son-
dern gebietet, ist aber nur eine notwendige, keine hinreichende Vorausset-
zung dafur, dass militante, gewalttatige Intoleranz selbst heute noch von so
vielen Muslimen gutgeheiBen wird, dass man sie dem System der kulturellen
Selbstverstandlichkeiten islamischer Gesellschaften zurechnen muss. Diese
Verankerung in der Kollektivmentalitat war vielmehr erst dadurch moglich,
dass die koranischen Normen sozial verwirklicht und als soziale Realitaten
jahrhundertelang praktisch eingeiibt wurden und erfahrbar waren.
2.2.4. Auf der Dhimmitude beruhende weitere Mechanismen
der Islamisierung
2.2.4.1 Nutzung der Ambivalenz des islamischen Rechts als
Instrument der Islamisierung
Wohlwollende Islamhistoriker verweisen gerne darauf, dass das islamische
Recht, speziell die Dhimmitude, 119 den Juden und Christen zwar keine Men-
118 Der WDR hat dieses Thema in seiner Dokumentation „Tod oder Exil - Religiose Fanatiker bedrohen
Christen in Pakistan" behandelt: http://ekklesia-nachrichten.com/das-weltweite-leid-der-christen-unterdru-
ckung-auch-in-europa+
1,9 Der Begriff „Dhimmitude" wurde von dem libanesischen christlich-maronitischen Politiker Bachir Ge-
mayel gepragt und bezeichnet das islamische System der Behandlung von Nichtmuslimen in ihrem Herr-
schaftsbereich, vgl. Bat Ye' Or, a.a.O., S. 26
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 167
schenrechte in unserem heutigen Sinne gewahrt habe, und dass auch die
islamische „Toleranz" des Mittelalters wenig mit dem zu tun hatte, was wir
heute unter „Toleranz" verstehen, namlich die Anerkennung der Legitimitdt
der Differenz, dass sie aber doch immerhin so etwas wie Rechtssicherheit
geboten habe, und dass dies mehr gewesen sei, als religiose Minderheiten
damals normalerweise zu erwarten hatten.
Es trifft zu, dass das islamische Recht, auch wenn es haufig missachtet
wurde, zumindest als Norm einer hemmungslosen Gewaltanwendung im
Wege stand, und das war immerhin mehr als nichts. Es war nur weitaus
weniger als „Rechtssicherheit".
Die Verweigerung sowohl effektiven Rechtsschutzes als auch effektiver
Verteidigungsmoglichkeiten war selbst Teil der Dhimmitude und fuhrte
dazu, dass die „Unglaubigen" in einem Zustand permanenter existenzieller
Verunsicherung leben mussten: Der nachste Beduineniiberfall, das nachs-
te Pogrom, die nachste Denunziation wegen angeblicher „Beleidigung des
Propheten", der nachste Streit mit einem muslimischen Nachbarn konnte
Ruin, Sklaverei oder Tod bedeuten, und das nicht nur fur die jeweils betrof-
fene Einzelperson, sondern auch fur deren Familie und Gemeinde.
Zugleich war es denkbar einfach, sich diesen Gefahren zu entziehen:
Man musste nur zum Islam iibertreten.
Der Ubertritt befreite einen zwar nicht, jedenfalls nicht sofort, von der
Dschizya - wenn es urns Geld ging, horte auch bei muslimischen Herr-
schern der Missionseifer auf 121 -, wohl aber versetzte er den Konvertiten
sofort in einen Zustand existenzieller Sicherheit. Konversion zum Islam
war gleichbedeutend mit einem gesellschaftlichen Avancement, das nicht
einfach von einem schlechteren zu einem besseren Postchen fuhrte, sondern
aus einem Dasein als gedemiitigter und getretener Helot heraus zu einer
Existenz als stolzer und tretender Herr.
(Erstaunlich ist nicht, dass unter diesen Umstanden manche schwach
wurden, erstaunlich ist, dass die christlichen Kirchen und judischen Ge-
meinden sich in etlichen Teilen Nordafrikas, des Nahen Ostens und Klein-
asiens, iiber viele Generationen und Jahrhunderte hinweg halten konnten
- wenn auch schrumpfend und mit Ach und Krach bis in unsere Tage hi-
nein. Wer allerdings hinsieht, wird feststellen, dass just in unseren Tagen
1 90
Jan van Ess in: Hans Kung/Jan van Ess, a.a.O., S. 156 ff.
191
vgl. Courbage/F argues, a.a.O., S. 16
168 IV. Der Dschihad in der Geschichte
die Muslime vollenden, was der Prophet begonnen hatte, und der agypti-
schen, nahostlichen und kleinasiatischen Christenheit endgiiltig den Garaus
machen, 122 nachdem sie den Juden bereits nach der Griindung des Staates
Israel keine andere Wahl gelassen hatten, als dorthin zu emigrieren. 123 )
Man sollte meinen, dass Konversionen, die unter solchen Umstanden zu-
stande gekommen waren, die muslimische Umma mit lauter grollenden und
murrenden Zwangsmuslimen gefullt und damit geschwacht hatten. Wahr-
scheinlich ware das auch so gewesen, wenn die Konversion buchstablich
unter unmittelbarer Todesandrohung erzwungen worden ware. In Fallen,
wo dies tatsachlich geschah, berichten die Quellen dementsprechend auch,
dass die Zwangsbekehrten spater (meist vergebens) versuchten, die Geneh-
migung zur Ruckkehr zu ihrem alten Glauben zu bekommen. 124
Die islamische Methode hingegen, den Dhimmis immerhin die Chance zu
lassen, bei ihrer Religion zu bleiben, fiihrte zu einem ganz anderen Ergebnis:
IOC
Martin Tamcke zitiert aus einem ostsyrischen (aramaischen) Ge-
sangsbuch des 13. Jh., exemplarisch ein Lied, in dem dem Konvertiten das
Schandliche und Verachtenswerte seines Schrittes und die Trauer der Zu-
riickbleibenden in bewegenden Worten vor Augen gehalten wird. Es scheint
plausibel: Wer solche Lieder von Kindesbeinen anjeden Sonntag gesungen
hatte, konnte den Ubertritt zum Islam nur unter auBersten Gewissensbissen
und tiefer Selbstverachtung vollziehen.
Indem die Muslime den Konvertiten ein Minimum an Handlungsspiel-
raum belieBen, und zwar bei einem Akt, der allem ins Gesicht schlug, was
diesen als gut und anstandig beigebracht worden war, nahmen sie ihnen
zugleich scheinbar das Recht, sich als Opfer von Unrecht und Gewalt zu
fuhlen. Der Ubertritt zum Islam musste - aus der Sicht der Konvertiten -
freiwillig, musste aus Uberzeugung geschehen sein, weil dies fur die Kon-
vertiten die einzige Moglichkeit darstellte, sich nicht als Schwachlinge und
als Verrater an ihrer Gemeinschaft, ja an Gott, zu fuhlen. Die oben beschrie-
Uber denje aktuellen Stand der Christenverfolgung in islamischen Landern kann man sich im Netz auf
den Seiten christlicher Hilfsorganisationen informieren, z.B. http://www.opendoors-de.org/, http://www.csi-
de.de, http://www.barnabasfund.org/, http://www.ead.de/arbeitskreise/religionsfreiheit,
Und wieder illustriert es islamische Vorstellungen von „Recht", dass fur die 1948 aus Israel geflohenen
Muslime mit groBter Selbstverstandlichkeit das Recht auf Ruckkehr gefordert wird, wahrend niemand auch
nur auf die Idee kame, den damals vertriebenen arabischen Juden ein Ruckkehrrecht zuzugestehen.
124 Bat Ye' Or, a.a.O., S. 97; Speros Vryonis berichtet von Fallen, in denen Zwangsbekehrte bei erster Gele-
genheit ihre neuen „Glaubensbriider" an die alten verrieten, um in deren Schutz das Christentum wieder
anzunehmen. Speros Vryonis, a.a.O., S. 177
125 Martin Tamcke, a.a.O., S. 33 ff.
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 169
bene Knabenlese der Osmanen mitsamt der damit verbundenen Gehirnwa-
sche war so gesehen nur die etwas radikalere und augenfalligere Variante
einer allgemein ublichen Islamisierungsmethode.
Wer es mxfdiese Weise wurde, wurde ideal und im Wortsinne „Muslim M
- „ein sich Unterwerfender":
Das waren - im Normalfall - Menschen, denen das Ruckgrat gebrochen
worden war; Menschen, die sich selbst nicht den kleinsten inneren Vorbe-
halt, nicht die geringste Reserve, nicht den leisesten Zweifel am Islam er-
lauben konnten, weil sie daran zerbrochen waren; Menschen, die diesen
psychischen Defekt durch Erziehung weitergaben.
Dapraktisch die gesamte Bevolkerung der islamischen Kemgebiete aus
Nachkommen von Christen, Juden und Zoroastriern besteht, die irgend-
wann ihren Glauben verrieten, konnte dieser psychische Defekt keine indi-
viduelle Neurose bleiben, die sich als solche nach wenigen Generationen
verloren hatte. Auch wenn ich kein Psychologe bin, drangt der Schluss sich
auf:
Die im kollektiven Unbewussten verankerte Erinnerung an Schwache
und Verrat und die daraus resultierende kollektive Selbstverachtung sind
der Nahrboden fur fanatische Intoleranz, fur die Unfahigkeit zu zweifeln
und fur die stets lockende Versuchung, die eigene Selbstachtung durch Ge-
walt gegen Andersglaubige - oder auch einfach nur durch Gewalt schlecht-
hin - zu stabilisieren.
Wir haben gesehen, wie sich der Islam durch eine zirkular strukturier-
te Theologie ideologisch und durch Gewaltandrohung sozial gegen Kritik
immunisierte. Die angebliche „Toleranz" - verbunden mit morderischem
Anpassungsdruck - entpuppt sich nun als das Mittel zur psychologischen
Selbstimmunisierung.
2.2.4.2 Versklavung und Deportation
Wie dargelegt, war Sklaverei eine Institution, die sich in der islamischen
Welt groBer Wertschatzung erfreute - anders als in Europa, wo sie im Mit-
1 f\
telalter eine soziookonomische Randerscheinung war; erst nach der Ent-
deckung Amerikas engagierten sich Europaer wieder im groBeren Stil im
Sklavenhandel, wobei sie als Zwischenhandler zwischen den arabischen
Lieferanten und den kolonialen Abnehmern dienten.
126 vgl. EgonFlaig, a.a.O., S. 152 ff.
170 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Ein Ruhmesblatt ist dies selbstverstandlich nicht. Worauf es im vor-
liegenden Zusammenhang aber ankommt, ist die Rolle der Sklaverei fur
das soziale Gesamtgefuge: In Europa war sie Vernachlassigenswert, in
islamischen Landern dagegen zentral. Versklavung war bekanntlich das
Los aller Christen und Juden, die gegen die islamische Eroberung Wi-
derstand leisteten, nicht unter den wenn auch zweifelhaften Schutz einer
Dhimma fielen oder ihre Dhimmipflichten nicht erfullten - sei es, dass sie
die immensen Steuern nicht aufbringen konnten, oder dass sie „uberfuhrt"
worden waren, eines jener „Verbrechen" begangen zu haben, mit denen
sie ihre Anspriiche als „Schutzbefohlene" verwirkten, sei es, dass ihreje-
weilige Gemeinschaft sich irgendetwas hatte zuschulden kommen lassen,
wo fur ihre Mitglieder in Kollektivhaft genommen wurden — , die Verskla-
vung war nicht nur ein Damoklesschwert, das als Drohung iiber jedem
Nichtmuslim hing, sie wurde sehr haufig tatsdchlich praktiziert, und eben
nur an Nichtmuslimen.
Verbunden war die Versklavung normalerweise mit der Deportation, und
zwar oft der Einwohnerschaft ganzer Dorfer, Stadte und Landschaften.
Ein besonders prominentes Beispiel unter unzahligen stellt Konstantinopel
dar, dessen Einwohner, sofern sie die Eroberung durch die Turken 1453
iiberlebt hatten, als Sklaven verkauft und in alle Winde zerstreut wurden,
um durch Neueinwanderer ersetzt zu werden. Es liegt auf der Hand, dass die
sozialen Netze, die die einheimischen Dhimmi-Volker zusammengehalten
hatten, auf diese Weise Knoten fur Knoten zerrissen wurden:
„Familien wurden auseinandergerissen, willkilrlich unter den Soldaten
verteilt bzw. aufSklavenmdrkten verkauft und in feme, unbekannte Lander
deportiert. Diese Gefangenen, deren Zahl durch den Dschihad immer wie-
der neu aufgefullt wurde, ging in dem kollektiven Gattungs be griff, Beute',
dem FaV der Muslime, auf Durch den Wegfall familiar er, religioser und so-
zialer Bindungen sowie durch Versklavung und Deportation isoliert, stellten
sie die Masse derfreigelassenen Sklaven, die zu Beginn der Eroberungen
die arabischen Militarlager fullten".
Diese Praktiken entsprechen exakt der juristischen Definition des Be-
griffs „V61kermord". 129 Da sie iiber Jahrhunderte hinweg immer wieder ge-
1 97 • • *•
Zahlreiche Beispiele bei Bat Ye' Or a.a.O.; eine tabellarische Ubersicht iiber verschiedene Arten von
Verwustungen, einschlieBlich Versklavungen, in Kleinasien findet sich bei Vryonis, a.a.O., S. 166 f.
128 Bat Ye'Or, a.a.O., S. 118
129 vgl. § 6 VStGB
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 171
ubt wurden und so gut wie kein Teil des Dar al-islam davon ausgenommen
blieb, trugen diese Volkermorde ganz erheblich zur Islamisierung bei.
War namlich schon die Alltagssituation der nichtversklavten Dhimmis so
unertraglich, dass viele deshalb zum Islam konvertierten, um wieviel mehr
muss dies auf die Lage des christlichen oder judischen Sklaven zutreffen,
dem nicht einmal theoretisch irgendwelche Rechte verblieben; der aus der
Gemeinschaft herausgerissen wurde, die ihm Schutz und Ruckhalt gegeben
hatte; und der genau wusste, dass er keine Chance hattejemals freigelassen
zu werden, wenn er nicht zum Islam konvertierte.
2.2.4.3 Erpresserischer Menschenraub
Allenfalls mochte er hoffen, dass seine Gemeinschaft, sofern es die noch
gab, ihn freikaufte. Deportation, Versklavung, Entfuhrung von Dhimmis
(vom einfachen Bauern bis zum Bischof) und ihre Verhaftung unter dubi-
osen Anklagen waren nicht nur Mittel, Sklaven zu gewinnen, sondern auch
Methoden, uber die vom islamischen Recht gedeckten Plunderungsmetho-
den hinaus von den Dhimmivolkem Geld zu erpressen. 130
Der standige fmanzielle Aderlass, dem die Dhimmi-Gemeinschaften
nicht zuletzt aufgrund dieser Praktiken ausgesetzt waren, trug seinen Teil
dazu bei, dass sie ihre soziale Funktion gegenseitiger auch wirtschaftli-
cher Unterstiitzung immer schwerer und schlieBlich gar nicht mehr erful-
len konnten. Und dies betraf nicht nur die Armenfursorge, die man nicht
mehr leisten konnte, weil die dafur notwendigen Mittel in die Taschen der
Muslime flossen (die davon dann ihrerseits Zakat, also Armensteuer, ent-
richteten - freilich nur zugunsten armer Muslime; wiederum ein starker An-
reiz, diesmal fur die Armen, zum Islam iiberzutreten). Es betraf vor allem
alles, was mit Bildung zusammenhing. Eine geistige Elite heranzuzuchten
und zu unterhalten, ist selbst heute noch teuer und war es damals erst recht.
Mit der Ausplunderung der Dhimmigemeinden zerstorten die Muslime auf
die Dauer auch die Grundlagen von deren Kultur. Je langer die islamische
vgl. Bat Ye' Or, a.a.O., z.B. S. 120 und S. 134; auch der Freikaufvon Europaern, die von Piraten ver-
schleppt worden waren, war fur Letztere (und fur die Lander, von denen aus sie operierten) eine lukrative
Einnahmequelle; zu einem Zeitpunkt Mitte des 17. Jhs. wurden in Nordafrika mindestens 40 000 christliche
Europaer zu diesem Zweck gefangen gehalten (vgl. Courbage/F argues, a.a.O., S. 40). Wer sich dariiber
wundert, dass gerade islamische Staaten (Iran, Libyen) heutzutage so gerne auf das Mittel des Menschenrau-
bes zuriickgreifen, um Konzessionen zu erpressen, kennt die islamische Geschichte nicht. Warum sollte man
dort Praktiken, die seit 1400 Jahren gang und gabe sind, und sogar als frommes Werk gelten, sofern „Un-
glaubige" davon betroffen sind, mit einem Mai als verwerflich empfinden?
131 vgl. Bat Ye' Or, a.a.O., S. 134
172 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Herrschaft andauerte, desto starker mussten die urspriinglich kulturell den
Muslimen weit uberlegenen Christen und Juden riickstandig und ungebildet
erscheinen - was wiederum dazu diente, die „kulturelle Uberlegenheit" des
Islam zu demonstrieren.
2.2.4.4 Demographische Expansion durch Vielweiberei und
Frauenraub
Der Koran erlaubt dem muslimischen Mann bekanntlich mehrere - gemaB
der Scharia: vier - Ehefrauen sowie den Verkehr mit beliebig vielen Skla-
vinnen. Die Scheidung ist gemaB der Scharia auBerordentlich einfach: Die
dreimal ausgesprochene VerstoBung geniigt.
Davon, dass die Ehe (den Mannern) im Islam heilig sei (oder es doch
wenigstens sein sollte), kann angesichts dieser Sachlage kaum die Rede
sein. Wie wir aber bereits bei der Analyse des Korans feststellen mussten,
bedeutet dies keineswegs, dass sie ein unwichtiges Thema ware. Die Ehe
ist, im Gegenteil, sogar eines der zentralen Themen der islamischen Ethik.
Interessant ist dabei, dass die Polygynie zwar missbilligt, aber nicht
verboten wird. Die Mehrzahl der islamischen Koranexegeten versteht die
einschlagigen Stellen als Empfehlung zugunsten der Einehe. Was auf den
ersten Blick inkonsequent zu sein scheint, entpuppt sich als ein Regel-Aus-
nahme-Verhaltnis, das auf die Bedurfnisse einer demographisch expandie-
renden Religionsgemeinschaft zugeschnitten ist:
Zum einen forderten die standigen Dschihad-Kriege einen so hohen Blut-
zoll, dass ein deutlicher Frauenuberschuss als wahrscheinlich zu gelten hat.
Wenn nicht eine erhebliche Anzahl von Araberinnen (spater Tiirkinnen) als
alte Jungfern enden sollten, ohne ihren Beitrag zur Vermehrung der Umma
geleistet zu haben, musste die Vielweiberei wenigstens als Moglichkeit zu-
gelassen sein.
Zum anderen liefen die islamischen Heiratsregeln nicht nur darauf hi-
naus, das eigene Gebarpotenzial auszuschopfen, sondern hinderten die
„Unglaubigen M daran, ihrerseits dasselbe zu tun. Die Polygynie absobierte
nicht nur den eigenen Frauenuberschuss, sondern trug ihren Teil dazu bei,
moglichst viele „unglaubige" Frauen zu Muttern von Muslimen zu machen.
1 ~K1
Und dies ist auch heute nicht bloB Theorie: Einer neueren Fatwa zufolge kann die VerstoBung auch per
SMS ausgesprochen werden - sage niemand, der Islam sei nicht auf der Hohe der Zeit.
Jahrhunderte spater verfiel Heinrich Himmler auf dieselbe Idee, als es gait, die deutschen Mannerverlu-
ste im Zweiten Weltkrieg zu kompensieren
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 173
Sie gingen somit nicht nur ihrer eigenen Gemeinschaft verloren, sondern
bereicherten auch die muslimische. Was doppelt zahlt. 134
Die Ehe mit einer Christin - Judinnen waren wegen des strikten jiidi-
schen Exogamieverbots kaum auf zivilem Wege zu bekommen - war nur
ein Weg der demographischen Expansion auf Kosten der christlichen Kir-
chen, allerdings einer der wichtigsten. Der andere war schlicht der Frau-
enraub. Courbage/Fargues stellen fur Kleinasien fest: „Ob als Freie oder
als Sklavinnen, christliche Frauen heirateten Tiirken. Da ihre Nachkommen
von rechts wegen Muslime waren, trugen sie dazu bei die Reihen des Islam
zu fullen. Die Auswirkungen von Massakern, Verschleppungen und Vertrei-
bungen [displacements] der christlichen Bevolkerung aus Anatolien waren
nie so bedeutend wie die von Mischehen." 135
Ware die Versklavung der „Unglaubigen" lediglich ein Mittel gewesen,
an Arbeitskrafte zu kommen - das war es natiirlich auch dann waren be-
vorzugt Manner versklavt worden. Auffallend haufig jedoch - denken wir
nur an das Judenmassaker des Propheten - wurden die Manner ermordet,
die Frauen und Kinder jedoch versklavt; und dort, wo sie Sklaven als Tri-
but verlangten, bevorzugten die Muslime wiederum sehr haufig Frauen und
Kinder 136 - eine Praferenz, die unter okonomischen Gesichtspunkten ganz
sinnlos gewesen ware. Betrachtet man sie jedoch als Teil des demographi-
schen Dschihad, dann gewinnt sie einen ganz klaren Sinn: Kinder konnte
man zu Muslimen umerziehen, Frauen konnten welche gebaren.
Diese Art von Dschihad ist iibrigens bis heute im Dar al-Islam nicht nur
gang und gabe, sie hat sich, wenn nicht alles tauscht, in den letzten Jahr-
zehnten sogar noch verstarkt - parallel zur Revitalisierung des politischen
Islam. Die Broschuren und Webseiten christlicher Hilfsorganisationen wim-
meln nur so von glaubwiirdigen Berichten wie dem folgenden von Christian
Solidarity International, den ich exemplarisch zitiere:
„ Die E hern der 15-jahrigen koptischen Christin Demiana Makram Hanna
sindvollig verzweifelt Islamisten entfuhrten ihre Tochter im Juli 2006. Als
Losegeld sollen sie umgerechnet 4500 Franken zahlen. (...)
Es ist ein Teil des „ Heiligen Krieges ,f der Islamisten inAgyptenjunge christ-
lich-koptische Frauen zu entfuhren. Sie werden vergewaltigt undgegen ihren
Willen zwangsverheiratet. Bis her hat der agyptische Staat die islamistischen
134 Eine empirische Beschreibung des entsprechenden Prozesses in Kleinasien liefert Vryonis, a.a.O., S. 227 ff.
1 ^S
Courbage/Fargues, a.a.O., S. 97
136
vgl. z.B. Bat Ye' Or, a.a.O., S. 117 f.
174 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Entfuhrer hdufig gedeckt und kein einziges dieser menschenverachtenden
Verbrechen aufgeklart. Das Schicksal von Demiana steht stellvertretendfur
viele andere entfuhrte christliche Frauen. Im Juli 2006 verschwindet die
15-jahrige Demiana aus El-Fayoum bei Kairo. Die Elternfragen wiederholt
nach dem Verbleib ihrer Tochter. Schliefilich behauptet die Polizei, Demiana
habe nach ihremfreiwilligen Islam-Ubertritt einen Muslim geheiratet. Doch
tatsachlich wurde Demiana von eben diesem Muslim, Muhammad AI-S aid
Zaky, entfiihrt. Im September meldet sich ein Verwandter des Entfuhrers
bei Demianas Eltern: Das Madchen befinde sich in der Ortschaft El-Mou-
katem. Falls sie Demiana wieder zuriickhaben wollten, miissten sie fur ihre
Tochter umgerechnet 4500 Franken Losegeld bezahlen. "
Demianas Eltern flehen die koptische Kirche von El-Moukatem um Hilfe
an. Unter grofiten Schwierigkeiten wird das geforderte Losegeld zusam-
mengetragen, dann begeben sich vier koptische Jugendarbeiter zu Al-Said
Zaky, um es auszuhandigen. Doch das Freilassungsangebot entpuppt sich
als Falle: Noch bevor sie den Entfuhrer zu Gesicht bekommen, werden die
vier von Angehorigen der internen Sicherheitspolizeifestgenommen.
Fine am 12. Oktober 2006 in Kairo abgehaltene Protestkundgebung mit
rund 10000 koptisch-christlichen Teilnehmern ist wirkungslos. Demiana
verbleibt in der Gewalt des Muslims Zaky, und auch die vier koptischen
Jugendarbeiter erhalten ihre Freiheit nicht zuriick.
Die meisten Angehorigen entfuhrter junger Frauen erstatten keine An-
zeige. Zum einen wissen sie, dass die Polizei kaum mithilft, solche Verbre-
chen aufzuklaren. Im Gegenteil: Wie bei Demiana Makram Hanna behin-
dern die Staatsorgane oft sogar die Aufklarungsbemuhungen und decken
die Tater. Fine Familie empfindet es als grofie Schande, wenn ihre Tochter
vergewaltigt wird. Aufierdem wird die Familie dadurch sozial ausgegrenzt.
Nicht zuletzt muss die Familie Repressalien seitens der Entfuhrer befurch-
ten, falls die Entfuhrung der Tochter offentlich bekannt wird.
Junge Christinnen werden entfiihrt, vergewaltigt, zum Ubertritt zum Is-
lam genotigt und schliefilich zwangsverheiratet. Durch diese Strategic der
Demiitigung und Fins chilchterung von Christen arbeiten die Entfuhrer und
ihre machtigen Geldgeber im Hintergrund aufdie vollstandige Islamisie-
rung des Landes hin. Denn auch alle aus einer solchen Ehe stammenden
Kinder miissen islamisch erzogen werden. Flucht aus Zwangsehen gelingt
nur selten. Am 3. Oktober 2006 entkam die 15-jahrige Chris tin Lawrance
Wagih Emil aus einem unter irdischen Versteck in Kairo. Doch welches
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 175
Schicksal erwartet die seit Juli 2006 gefangengehaltene 15-jdhrige Demia-
na Makram Hanna ? "
Es geht in diesem Buch darum zu zeigen, wie der Dschihad funktioniert,
und der hier verfolgte sozialwissenschaftliche Erklarungsansatz impliziert,
dass der Dschihad auch dann funktioniert, wenn vielen der beteiligten
Akteure gar nicht bewusst ist, dass sie Dschihad treiben. Wer islamische
Werte dadurch verinnerlicht hat, dass er in einer islamischen Gesellschaft
aufgewachsen und von ihr gepragt ist, muss kein Islamist und nicht einmal
besonders fromm sein, um zum Beispiel zu glauben, dass Christen Men-
schen minderen Rechts und die Vergewaltigung von Christinnen mithin ein
Kavaliersdelikt sei - zumal dann, wenn agyptische (oder tiirkische oder pa-
kistanische oder irakische) Polizeibeamte offenbar derselben Meinung sind.
Dasselbe gilt fur die sogenannten „Ehrenmorder", die es fur selbstver-
standlich halten, dass man die eigene Schwester oder Tochter toten darf,
wenn sie einen westlichen Lebenswandel fiihrt, der zwangslaufig Kontakt
mit fremden Mannern mit sich bringt - und ware er noch so harmlos. Die
„Familienehre ?f , die da geschutzt wird, bedeutet nichts anderes, als dass die
Frauen Eigentum ihrer Familie bzw. von deren Mannern, und das heiBt: Ei-
gentum der islamischen Umma sind, deren kleinste Einheit die Familie ist.
Der Islam hat die Vorstellung, Frauen seien Eigentum, selbstverstandlich
nicht erfunden, ebenso wie er den Typus des rauberischen Nomaden nicht
erfunden hat. Er ist aber die einzige Hochreligion, die solch archaische So-
zialnormen zur Grundlage ihrer Ethik gemacht und als geradezu heilsge-
schichtliche (weil dem Dschihad dienende) Notwendigkeit behandelt hat.
Fur den Islam in seiner Eigenschaft als Dschihadsystem spielen Frauen vor
allem insofern eine Rolle, als die Reproduktion und Vermehrung der is-
lamische Umma von ihnen abhangt. Unter diesem Gesichtspunkt kommt
es darauf an, die eigenen Frauen zu kontrollieren, die der „Unglaubigen ff
aber nach Moglichkeit ihrer jeweiligen Gemeinschaft zu entziehen. Ob
nichtmuslimische Frauen friedlich oder gewaltsam, also durch Heirat oder
Frauenraub erbeutet werden, spielt vom Standpunkt des demographischen
Dschihad keine Rolle.
1 'XI
Christian Solidarity International, Ist Demiana verloren?, veroffentlicht auf der Website http://www.csi-
de.de/
176 IV. Der Dschihad in der Geschichte
2.2.4.5 Abwerbung der Eliten
Wir haben oben schon den Sachverhalt gestreift, dass zwischen den musli-
mischen Herrschern und den Eliten der Dhimmi-Volker ein symbiotisches
Verhaltnis gegenseitiger Abhangigkeit bestand:
Fiir die Dhimmi-Eliten war der direkte Draht zum Herrscher oft die ein-
zige Moglichkeit, angesichts der rechtlichen Diskriminierung ihrer Glau-
bensbriider deren Interessen zu vertreten. Oft war der Kalif bzw. der ort-
liche Emir der Einzige, an den man in Fallen von Willkur und Gewalt mit
Aussicht auf Erfolg appellieren konnte, und man muss den muslimischen
Herrschern zugestehen, dass viele von ihnen Fairness walten lieBen und
ihre Macht tatsachlich zum Schutz der Dhimmis einsetzten. Wenn auch im
wohlverstandenen Eigeninteresse.
Da der Lowenanteil der Staatseinnahmen von Christen und Juden erwirt-
schaftet wurde, bedrohte die allgegenwartige Gewalt ihrer muslimischen
Untertanen gegen die Dhimmis direkt die Machtbasis der Herrscher. Deren
Interessen ware nichts so dienlich gewesen wie ein Gesetz, das den Ubertritt
zum Islam untersagt hatte. Der Missionseifer der Fiirsten hielt sich demge-
maB haufig in engen Grenzen - ihre Macht, sich iiber die Bedingungen der
Dhimmitude hinwegzusetzen, freilich auch. Es ist ausgesprochen instruk-
tiv zu sehen, dass selbst im neunzehnten Jahrhundert noch die auf Druck
westlicher GroBmachte verfugte rechtliche Gleichstellung von Christen und
Juden im Osmanischen Reich auf den erbitterten Widerstand des Staatsap-
parats, der Gelehrtenschaft, der islamischen Justiz und des Volkes stieB und
niemals — bis heute nicht - praktisch verwirklicht wurde, weil es schlechter-
dings undenkbar schien, einem „Unglaubigen M so etwas wie Gleichberech-
100
tigung zuzugestehen.
Instruktiv ist diese Episode deshalb, weil sie plastisch demonstriert, wie
sehr die zur Mentalitat - zur kulturellen Selbstverstandlichkeit - geronne-
nen Normen und Wertvorstellungen des Islam die Macht selbst des mach-
tigsten Herrschers begrenzten - und der Sultan war in seiner Eigenschaft als
Kalif immerhin nicht weniger als der legitime Nachfolger des Propheten.
Anders ausgedriickt: Der Islam ist starker als der machtigste Muslim!
An der Loyalitat der Dhimmi-Eliten gegeniiber den muslimischen Herr-
schern anderte dieser Umstand freilich nichts. Sie hatten ein ausgepragtes
eigenes Interesse daran, eine Staatsgewalt zu unterstutzen, die der letzte
138 vgl. Bat Ye' Or, a.a.O., S. 184-201
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 177
verbliebene Schutzwall ihrer Kirchen zu sein schien, kamen dadurch aber
vom Regen in die Traufe:
Mit den islamischen Eroberungen entstand zunachst eine ganz eigene
Form von Doppelherrschaft: Die politische und militarische Macht lag bei
den Muslimen, das kulturelle, administrative und technische Know-how war
Monopol der Dhimmis. Die Muslime schufen keinen neuen Staatsapparat -
so wenig wie andere Eroberer. Sie iibernahmen, was sie vorfanden, waren
aber zur Beherrschung des eroberten Gebietes auf christliche undjiidische
Spezialisten angewiesen, 139 etwa so, wie die kommunistischen Revolutionare
in der friihen Sowjetunion auf „burgerliche" Spezialisten angewiesen waren.
Ahnlich, wie die Kommunisten in der Bourgeoisie ihren natiirlichen
Feind sahen, mussten die Muslime in Christen und Juden ihren Feind sehen.
So hatte es der Prophet gelehrt, so hatten es seine Nachfolger bekraftigt, so
stand es im Koran. Es zu bezweifeln ware Haresie gewesen. So verwundert
es nicht, dass innerhalb weniger Jahrzehnte aus den Pramissen des Korans
die Konsequenzen der Scharia gezogen wurden und jenes engmaschige
System entstand, dessen voll entwickelte Ziige ich oben als Dhimmitude
beschrieben habe.
Fur die Muslime wie nachmals fur die Kommunisten stellte sich das Pro-
blem, auf das Wissen und die Fahigkeiten ihrer Feinde nicht verzichten zu
konnen, weil auf Arzte, auf Lehrer, auf Architekten, aufVerwaltungsfach-
leute nun einmal nicht verzichten kann, wer herrschen will. Und wie fur
die Kommunisten kam es fur die Muslime darauf an, die Feinde nach und
nach zu bekehren - oder ihr Wissen an die eigenen (Glaubens-)Genossen zu
transferieren. Beides geschah bis zu einem gewissen Grad.
Die Stellung der Dhimmi-Eliten war immer prekar gewesen. Der Herr-
scher, der ihnen zu viel Macht einraumte, riskierte den Konflikt mit seinen
Glaubensbriidern, die sich darauf berufen konnten, dass „Unglaubige" nach
islamischem Recht nicht liber Muslime herrschen durften und Gehorsam ge-
geniiber christlichen oder jiidischen Beamten als Demutigung und schweres
Unrecht empfanden. 140 Quer durch das Dar al-Islam und durch die Jahrhun-
derte kam es immer wieder zu dem Schauspiel, dass muslimische Herrscher
ihre christlichen und jiidischen Heifer spektakular in Ungnade fallen lieBen,
sei es aus religioser Uberzeugung, sei es aus opportunistischem Kalkiil. 141
139 ebd., S. 264 f.
140 ebd., S. 84
141 vgl. z.B. Courbage/Fargues, a.a.O., S. 19
178 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Je hoher ein Christ die Karriereleiter hinaufgestiegen war, desto groBer
wurde nicht nur die Fallhohe, sondern - wegen seines Glaubens - auch
die Wahrscheinlichkeit des Absturzes. Diese Gefahrenquelle durch Uber-
tritt zum Islam zu beseitigen muss eine Verlockung gewesen sein - sogar
noch mehr als fur den Glaubensbruder, der besagte Leiter gar nicht erst zu
erklimmen versucht hatte und nichts anderes kannte als die Existenz des
Gedemiitigten und Verachteten. Fur den, der sich aus dieser Existenz her-
aus- und heraufgearbeitet hatte, mag die Angst vor dem Absturz noch qua-
lender gewesen sein als die des durchschnittlichen Christen oder Juden vor
dem nachsten Pogrom.
Die Islamisierung der christlichen Eliten - die Juden hielten sich etwas
besser -, war ein Prozess, der zunachst nur stockend in Gang kam - noch
Jahrzehnte nach dem Beginn des Dschihad, bis in die Regierungszeit des
Kalifen Abd al-Malik hinein, wurde die Reichsverwaltung von christli-
chen Beamten in griechischer Sprache geleitet — , sich dann aber selbst ver-
starkte: Je mehr Spezialisten muslimischen Glaubens - meist konvertierte
Ex-Dhimmis bzw. deren Nachkommen - es gab, desto weniger waren die
Herrscher auf die verbleibenden Christen und Juden angewiesen und desto
mehr wuchs fur diese der Druck in Richtung auf {Conversion. 142 Auch auf
dieser Ebene wirkte also das islamische Recht unmittelbar in Richtung auf
Vernichtung der Dhimmi-Kulturen, diesmal durch Absaugung der Eliten. 143
2.3. Zur Dialektik historischer Islamisierungsprozesse
2.3.1. Selbstverstarkung
Uberhaupt zeichnen sich manche der hier beschriebenen Islamisierungs-
prozesse durch eine Tendenz zu teufelskreisartiger Selbstverstarkung aus:
So, wie die zunehmende Islamisierung der Eliten den Druck auf die dort
verbleibenden Dhimmis erhohte, so fiihrte die Islamisierung immer gro-
Berer Teile des Volkes dazu, dass muslimische Herrscher aus fiskalischen
Griinden gezwungen waren, die Steuerschraube fur die iibrigen anzuziehen
und dadurch den finanziellen Druck hin zur Konversion stetig zu erhohen; 144
sofern die Betroffenen es nicht, falls sie Bauern waren, vorzogen, in die
142 Bat Ye' Or, a.a.O.,S. 59-61
143 ebd., S. 265 f.
144 vgl. Courbage/Fargues, a.a.O., S. 23
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 179
Stadte zu fliehen und das flache Land nachdrangenden muslimischen No-
maden zu iiberlassen.
Zudem verringerte sich mit dem Anteil der Christen an der Gesamtbevol-
kerung die Notwendigkeit, auf ihre Interessen Rucksicht zu nehmen: Es ist
bezeichnend, dass die Drangsalierung von Nichtmuslimen - zumindest im
arabischen Raum - mit wachsendem Zeitabstand zur Eroberung tendenziell
eher zunahm. 145
2.3.2. Hemmende Momente
Auch der Dschihad unterliegt dem Gesetz der unbeabsichtigten Riickwir-
kungen: Zwar gelang es den Muslimen, innerhalb von, historisch betrachtet,
kurzen Zeitraumen die von ihnen eroberten Lander islamisch zu durchdrin-
gen und das Christentum in die Minderheit zu drangen; eine vollstandige
Islamisierung gelang jedoch nicht iiberall.
_ • •
Die Dschizya zwang zwar speziell arme Christen zum Ubertritt und Bau-
ern zur Landflucht; gerade dadurch tendierte das Christentum dazu, eine
Religion eher der Wohlhabenden und der Stadtbewohner zu sein; zudem
bewirkte der muslimische Konversionsdruck eine gewisse Auslese: Dieje-
nigen Christen, die dies auch nach Jahrhunderten der Unterdruckung noch
waren, stellten einen harten Kern dar, der in seiner Loyalitat der eigenen
Gemeinschaft gegeniiber kaum zu erschuttern war.
So kam es, dass sich der christliche Bevolkerungsanteil nach einer (regi-
onal unterschiedlich langen) Phase des Niedergangs vielerorts auf niedrigem
Niveau stabilisierte und sogar - etwa ab dem siebzehnten, vor allem aber im
neunzehnten Jahrhundert - in bescheidenem MaBe wieder anstieg, 146 wofur
just die genannten Faktoren des (relativen) materiellen Wohlstands, der Ur-
banitat und des gesteigerten Selbstbehauptungswillens verantwortlich sein
durften, freilich auch ein gewisses Erlahmen des islamischen Dschihadismus:
145 Courbage, ubrigens ein ausgesprochen islamfreundlicherAutor, derdiesen Sachverhalt unter anderem im
Zusammenhang mit der Islamisierung Nordafrikas (Courbage/Fargues, a.a.O., S.37) und der Mamelucken-
herrschaft in Agypten (ebd.,S.19) behandelt, fuhrt ihn ursachlich daraufzuriick, dass die Zersplitterung des
islamischen Herrschaftsgebietes in immer kleinere Einheiten deren innere Homogenisierung erzwungen
habe bzw. dass auBerer Druck (Kreuzfahrer, Mongolen) die Muslime zur Intoleranz gegen Christen genotigt
habe. Das ist durchaus diskutabel, setzt aberbereits voraus, dass die Muslime deutlich in der Mehrheit sind,
dass also bereits ein Islamisierungsprozess im Gang ist, der in dem auBeren Druck bzw. der politischen
Zersplitterung nur noch den ihn beschleunigenden und vollendenden Katalysator findet.
146 Waren im 11. Jahrhundert noch fast alle Bewohner Kleinasiens Christen verschiedener Konfessionen
gewesen, so hatte sich ihr Anteil rund funfhundert Jahre spater auf nur noch 8% reduziert, um bis 1831 auf
12% zu klettern (Courbage/Fargues, a.a.O., S. 105, 129). Ahnliche Entwicklungen lassen sich fur Syrien, den
Libanon, Palastina und Agypten nachweisen (ebd., S. 90).
180 IV. Der Dschihad in der Geschichte
Es ist bezeichnend, dass die Stabilisierung des orientalischen Christen-
tums in die Zeit nach dem Ende der osmanischen Expansion fallt. Bezeich-
nend ist freilich auch, dass sie nur so lange anhielt, wie der Islam in seinen
Kemgebieten als Herrschaftsreligion wie als Grundlage der gesellschaftli-
chen Ordnung unangefochten war. Das Osmanische Reich hatte sich in ei-
nem gewissen selbstgefalligen „Es ist erreicht" eingerichtet: Der offensive
Dschihad war nicht mehr moglich, der defensive noch nicht notig.
In der zweiten Halfte des neunzehnten, vor allem aber im zwanzigsten
Jahrhundert anderten sich die Bedingungen insofern, als die islamische
Welt zunehmend in Abhangigkeit von europaischen Machten geriet. Dies,
verbunden mit der beschleunigten demographischen Expansion nichtmusli-
mischer Bevolkerungsgruppen, wurde als Bedrohung empfunden und fiihr-
te prompt zur Wiederbelebung des Dschihad, wenn er auch ideologisch zum
Teil in modernistischer Sprache gerechtfertigt wurde.
Der zwischenzeitliche Anstieg des nichtmuslimischen Bevolkerungsan-
teils wurde in der Turkei mit den Massakern an und der Vertreibung von
Armeniern und Griechen beantwortet. In den arabischen Landern hat in
jiingerer Zeit massiver christenfeindlicher Terror, etwa in Agypten, Palas-
tina und dem Irak, verbunden mit der Option der Auswanderung, zu ei-
ner drastischen Schrumpfung des christlichen Bevolkerungsanteils gefuhrt
(die Juden waren bereits in der Zeit nach der israelischen Staatsgriindung
ausgewandert bzw. vertrieben worden). Zugleich kehrten die Muslime den
von Courbage/Fargues fur das Osmanische Reich beschriebenen demogra-
phischen Trend um: In der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts lagen ihre
Geburtenraten durchweg iiber denen der Christen.
2.4. Der Dschihad siegt sich zu Tode
Die Blutezeiten der klassischen islamischen Imperien - der Kalifate der
Umayyaden, der Abbasiden und der Osmanen - waren ihre Expansions-
phasen!
Das ist alles andere als eine Selbstverstandlichkeit, es ist sogar auBerst
verbluffend: Das Romische Reich erlebte seine Bliite, als die auBere Ex-
pansion aufgehort hatte, das chinesische immer dann, wenn es innerlich
konsolidiert war. Das scheint auch in der Natur der Sache zu liegen: Kriege
fressen Ressourcen, und Zivilisationen konnen nur bliihen, wenn ihre Res-
sourcen ihnen zur Verfugung stehen und nicht auf Schlachtfeldern vergeu-
det werden.
Politische Herrschaft als Voraussetzung der Islamisierung 181
Der Islam, bei dem die Blutephase die Zeit der Expansion war und das
Ende der Expansion mit dem Beginn des Niedergangs unmittelbar zusam-
menfiel, ist die unriihmliche Ausnahme von dieser Regel, und das hangt
damit zusammen, dass er im Kern ein Dschihadsystem ist:
Das Dschihadsystem funktioniert wie ein Fahrrad, das umfallen muss,
wenn niemand in die Pedale tritt: Idealiter werden „Unglaubige" politisch
unterworfen, dann wirtschaftlich ausgepresst; mit den Erlosen aus diesen
Praktiken wird der Fortgang des Dschihad finanziert, was zur Unterwerfung
neuer Dhimmi-Volker fuhrt, die wiederum ausgepliindert werden, um den
nachsten Dschihad-Feldzug zu finanzieren und so fort. Der Krieg ernahrt
den Krieg.
Der Dschihad beruhte also auf der Ausbeutung eines erheblichen Tei-
les der Bevolkerung, namlich der Dhimmis und der auBerhalb der Dar al-
Islam zu bekriegenden „Unglaubigen" durch die Muslime und funktionierte
deshalb nur, solange es genug Christen und Juden zum Ausbeuten gab. Da
dieses System mit wachsendem Erfolg, namlich fortschreitender Islamisie-
rung, seine eigenen Voraussetzungen im Inneren, namlich die Existenz von
Dhimmis, untergrub, konnte es nur durch Expansions- und Eroberungskrie-
ge aufrechterhalten werden. 147 Der Dschihad funktionierte wie eine Feuers-
brunst, die nur so lange weiterging, wie es brennbares Material gab. Oder
wie ein Mann, der stets den Ast absagt, auf dem er sitzt, und sich deshalb re-
gelmaBig nach neuen Sitzgelegenheiten umsehen muss. Wird dieser Kreis-
lauf von Eroberung, Zerstorung und neuer Eroberung unterbrochen, droht
die Implosion des Systems.
Deswegen folgte den Eroberungen der Araber und der Turken keine
Phase der Konsolidierung, in denen der Islam die Friedensdividende hatte
kassieren und die schopferischen Krafte der islamischen Zivilisation sich
hatten entfalten konnen.
Fur die Osmanen, die nicht erst mit der Eroberung Konstantinopels im
Jahre 1453 die Araber als Trager des Dschihad abgelost hatten, machte sich
die Geist- und Wissenschaftsfeindlicheit des Islam vom 16. Jahrhundert an,
zunachst schleichend, dann immer deutlicher storend bemerkbar in ihrer
Unfahigkeit, mit den Armeen Europas technisch Schritt zu halten. Bereits
die Eroberung Konstantinopels ware ohne die Arbeit ungarischer Kanonen-
147 Diese Dynamik war tatsachlich schon zu Lebzeiten des Propheten zu besichtigen, vgl. Ephraim Karsh,
a.a.O., S. 36
182 IV. Der Dschihad in der Geschichte
gieBer - also von europaischen Christen - nicht zu bewerkstelligen gewe-
sen. Wenn die technologische Riickstandigkeit der islamischen Welt im 15.
Jahrhundert noch keinen entscheidenden strategischen Nachteil darstellte,
so lag dies zum einen daran, dass Europas technologischer Vorsprung noch
nicht umfassend war; vor allem aber daran, dass man sich die Dienste von
Europaern, in diesem Falle die der KanonengieBer, kaufen konnte.
Die Quelle des hierfur erforderlichen Reichtums waren - neben den
Dhimmi-Gemeinschaften im Inneren - die enormen Monopolgewinne, die
die Muslime aus dem europaischen Asienhandel zogen. Die Europaer konn-
ten ihren Bedarf an Luxuswaren, speziell an Gewiirzen, namlich nur liber
tiirkische, persische und arabische Zwischenhandler decken, solange der di-
rekte Seeweg nach Indien und zur sudostasiatischen Inselwelt ihnen durch
die Muslime versperrt war.
Es war diese Situation, die die europaischen Christen zu den groBen
Entdeckungsreisen des 15. und 16. Jahrhunderts veranlasste. Christoph Ko-
lumbus entdeckte Amerika bekanntlich auf der Suche nach dem Seeweg
nach Indien - jenem Seeweg, den Vasco da Gama tatsachlich fand. Diese
Entdeckung war der entscheidende Meilenstein auf Europas Weg aus der
Abhangigkeit von der islamischen Welt. Zugleich legte sie schonungslos
offen, in welchem MaBe die islamische Zivilisation nicht von eigener Star-
ke und Kreativitat, sondern von der Abschopfung fremden Mehrprodukts
gelebt hatte.
Der Niedergang der islamischen Zivilisation im Vergleich zur westlichen
setzte sich bis zum heutigen Tage fort. Wenn wir heute den Islam als be-
drohliche, zumindest aber als bedeutende Macht wahrnehmen, so hat dies
nicht etwa damit zu tun, dass die von ihm gepragte Zivilisation heute kre-
ativer ware als fruher, sondern damit, dass es ihr gelungen ist, durch ihren
•■
Reichtum an 01 und Gas erneut eine Quelle fur marchenhafte Monopolge-
winne aufzutun.
V. Dschihad heute
Das Konzept des Dschihad, so viel sollte deutlich geworden sein, ist der
Schlussel zum Verstandnis des Islam, zumindest soweit es urn die Bezie-
hungen zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Gesellschaften
geht. Dabei hat sich gezeigt, dass die offentlich viel diskutierte Frage, ob
„Dschihad" „Heiliger Krieg" oder so etwas wie „Frommes Bemiihen" be-
•■
deutet, vor allem das Unverstandnis der westlichen Offentlichkeit gegen-
iiber einer Religion zum Ausdruck bringt, in deren Wertesystem Gewalt und
Frommigkeit keine Gegensatze darstellen.
Die Ablehnung von Gewalt als etwas „B6sem" ist der Dreh- und Angel-
punkt christlicher (und westlicher, d.h. sakularisiert christlicher) Ethik, und
die Ausnahmen vom Gewaltverbot (Staatsgewalt, Krieg, Notwehr etc.), die
es notwendigerweise geben muss, stellen zentrale und prinzipielle ethische
wie rechtliche Probleme dar. Man kann die Geschichte des Abendlandes
als eine Geschichte des (wenngleich nicht immer erfolgreichen) Versuchs
schreiben, Gewalt zu minimieren. Im Hinblick auf islamische Gesellschaf-
ten ware eine solche Perspektive absurd.
Aus islamischer Sicht ist Gewalt als solche moralisch neutral: Sie ist
nicht tabuisiert und als bose gebrandmarkt, sondern eine offenkundig gott-
gewollte Gegebenheit des Lebens. Wer wann gegen wen zu welchem Zweck
Gewalt anwenden darf, ist in Koran und Sunna entschieden und in der Scha-
ria zu einem ausgekliigelten Normensystem verdichtet worden, wobei die
Zulassigkeit der Gewaltanwendung soziale Rangunterschiede ebenso zum
Ausdruck bringt wie konstituiert:
Gewalt ist zulassig, wenn sie von Herren gegen Sklaven, Mannern gegen
Frauen, Vatern gegen Kinder und Muslimen gegen Nichtmuslime ausgeiibt
wird - naturlich nur unter jeweils spezifischen Voraussetzungen, dann aber
ohne weiteres und ohne dass es siindhaft ware.
Krieg und Gewalt, einschlieBlich Terrorismus, gelten als zwar legitime
und vielfach sogar unentbehrliche Mittel des Dschihad, sie sind aber ein-
gebettet in ein Normen- und Wertesystem, in dem auch scheinbar friedli-
che Methoden der Zerstorung nichtislamischer Gesellschaften ihren Platz
haben.
Jegliche „Anstrengung ff , die ein Muslim zur Verbreitung des Islam („auf
dem Wege Allahs ff ) unternimmt, ist Dschihad. Dies gilt es sowohl gegen
184 V. Dschihad heute
die zu betonen, die „Dschihad" mit „Heiliger Krieg" iibersetzen, was in
aktuellen Kontexten auf die Fehlubersetzung hinausliefe, dass „Dschihad"
stets „Terrorismus" bedeute und sonst nichts, wie auch gegen jene, die die
gewalttatigen Ziige des Islam herunterspielen mochten.
Wir haben gesehen, dass die sozialen Prozesse, die historisch zur Isla-
misierung ganzer Volker fuhrten, nur teilweise mit blanker Gewalt voran-
getrieben worden sind; nachdem die Muslime die politische Herrschaft erst
einmal - und in der Regel gewaltsam - errungen hatten, bedienten sie sich
vielmehr einer ^Combination, eines engmaschigen Netzes aus politischen,
sozialen, wirtschaftlichen, psychologischen und rechtlichen Faktoren, um
die unterworfenen Volker islamisch zu durchdringen.
Beeindruckend ist dabei die Flexibility, mit der die Muslime ihre vollige
oder doch weitgehende Treue zur Doktrin mit taktischer Anpassungsfahig-
keit verbanden. In concreto verlief die Islamisierung in unterschiedlichen
Landern sehr verschieden, aber die Elemente, aus denen sich die Islami-
sierungsstrategien jeweils zusammensetzten, stammten alle erkennbar aus
demselben Werkzeugkasten.
Ich werde im Folgenden zeigen, wie diese Werkzeuge, in einem modernen
Kontext eingesetzt, zur Islamisierung westlicher Gesellschaften fiihren. Wie
schon in der Vergangenheit ist der Dschihad nicht ausschlieBlich - und nicht
einmal uberwiegend - Sache prominenter, strategisch platzierter Akteure.
Der Islam ist ein dezentrales System: Jeder einzelne Muslim, der sich (etwa
als Immigrant in westlichen Landern) entsprechend islamischen Normen,
Werten, Traditionen und Mentalitaten verhalt, tragt zum Dschihad bei. Ob er
das subjektiv wiH 9 )& ob es ihm uberhaupt bewusst ist, ist dabei zweitrangig.
Mag der bewusst gefuhrte Dschihad auch verdienstvoller sein, so kalkuliert
der Islam, mit dem fur ihn charakteristischen realistischen Menschenbild,
den weniger frommen Muslim ebenso ein wie den gliihenden Fanatiker, und
stellt beide in den Dienst des Dschihad, wenn auch auf verschiedene Weisen.
Der Dschihad spielt sich deshalb auf zwei miteinander verschrankten
und wechselwirkenden Ebenen ab: Auf der Ebene bewussten zielgerichte-
ten Handelns begegnen wir den eigentlichen Dschihadisten, auf der All-
tagsebene der mal mehr, mal minder traditionsorientierten Lebensweise
von Muslimen, deren scheinbar unzusammenhangende private Handlungen
sich wie von selbst zu einer machtigen gesellschaftlichen Kraft verdichten,
die die nichtislamischen Gesellschaften unter Druck setzt. Der Islam ist ein
Dschihad-SjAS'tem, weil er beides notwendig hervorbringt.
Ein aufschlussreiches Interview 185
Beginnen wir die Analyse auf der erstgenannten Ebene, und hier mit
dem Selbstzeugnis eines modernen Dschihadstrategen, des Agypters Amr
Khaled:
1. Ein aufschlussreiches Interview
148
Amr Khaled gehort zu jenen islamischen Predigern, die sich darauf spe-
zialisiert haben, die Vereinbarkeit von Islam und Moderne zu verkunden,
und deren Grundbotschaft lautet, der Islam brauche sich keineswegs zu ver-
andern, um sich die Errungenschaften der Moderne anzueignen, es gelte ihn
lediglich zeitgemaB zu interpretieren. Seine Adressaten sind nicht nur, aber
vor allem Migranten in westlichen Landern, und dort vor allem Jugendliche.
Deren Bedarf an Orientierung liegt auf der Hand: Einerseits sind sie
von einem islamischen Wertesystem gepragt - das gilt selbst fur die, die in
vergleichsweise liberalen Elternhausern aufgewachsen sind -, andererseits
leben sie in einer westlichen Umgebung, d.h. in einer Gesellschaft, deren
eigenes Wertesystem mit dem islamischen unvereinbar ist.
Im Westen tendieren viele Analytiker zu der Auffassung, dass unter sol-
chen Umstanden eine Aufweichung oder auch Reform der islamischen Reli-
gion zu erwarten ist, soweit sie von Migranten praktiziert wird. Als Ergebnis
dieses Prozesses erwarten sie einen „Euro-Islam", also eine Interpretation
des islamischen Glaubens, die mit der sakularen westlichen Moderne ver-
einbar ist, als Kompromiss zwischen den Werten der Herkunftsgesellschaft
und denen des Westens.
Amr Khaled freilich, der vom Magazin TIME unter die zwanzig einfluss-
reichsten Intellektuellen der Welt gewahlt worden ist, erwartet, wie wir se-
hen werden, nichts dergleichen, und erst recht propagiert er es nicht. Seine
theologische Position ist orthodox sunnitisch: Der Koran ist buchstablich
das Wort Allahs, und zwar sein vollkommenes und letztes Wort, der Prophet
ein unkritisierbares Vorbild an menschlicher Vollkommenheit.
Wenn er trotzdem als Exponent eines modernen, zeitgemaBen und demo-
kratiekompatiblen Islam gilt, dann liegt das daran, dass er seinen Glaubens-
briidern Werte predigt wie „positive Integration", „gegenseitigen Respekt ff ,
Auch der noch prominentere Tariq Ramadan, den wir im 10. Abschnitt dieses Kapitels kennenlernen
werden, gehort zu diesem Typus, der Enkel von Hassan al-Banna, dem Griinder der Muslimbruderschaft. Als
solcher lasst er sich von seinen Glaubensbriidern auch feiern, wahrend er zugleich versichert, von dschihad-
istischem Gedankengut weit entfernt zu sein.
186 V. Dschihad heute
„friedliche Koexistenz ff und dergleichen mehr, und dass er Terrorismus, zu-
mindest gegen Europa, ablehnt. Das klingt verheiBungsvoll, hat aber einen
doppelten Boden:
Das Middle East Media Research Institute hat Ausziige aus einem In-
terview mit Amr Khaled ins Englische iibersetzt und veroffentlicht, das
am 10. Mai 2008 vom agyptischen Sender Dream 2 TV ausgestrahlt wur-
de. 149
Wenn ich im Folgenden gerade mf dieses Interview so ausfuhrlich einge-
he, dann aus zwei Griinden: Zum einen lasst sich anhand dieses Interviews
die ungebrochene Aktualitatjener kulturellen Selbstverstandlichkeiten auf-
zeigen, deren Existenz ich aufgrund der Korananalyse theoretisch postuliert
habe. Zum anderen mochte ich dem Leser ein Gespiir fur die Denkweise
moderner Dschihad- Strategen vermitteln. Es ist faszinierend zu sehen, wie
der Islam und die von ihm geforderte Mentalitat bei aller Flexibility der
Taktik im Kern doch immer dieselbe bleibt; wie sehr das, was ich theore-
tisch anhand der Korananalyse postuliert und empirisch-historisch im vori-
gen Kapitel nachgewiesen habe, ein Rezept darstellt, das - zumindest dem
Prinzip nach - auch im 21. Jahrhundert noch angewendet wird. Warum auch
nicht? Es war schlieBlich erfolgreich.
Interviewer: Wie beurteilen Sie die Lage des Islam in Europa?
Eine allgemein gehaltene, offene Frage; eine Einladung an den Inter-
viewten, nach eigenem Gutdiinken Schwerpunkte zu setzen, also uber
diejenigen Themen zu sprechen, die ihm wichtig sind. Naheliegend, zu-
mindest fur den westlichen Leser, scheint jetzt, dass er diese Frage unter
religios-moralischen Aspekten aufgreift, zumal er sonst ja oft und gerne
das Verhaltnis von Islam und Moderne thematisiert. Er konnte die Frage
auch soziookonomisch auffassen und liber die soziale Lage von Muslimen
in Europa sprechen, oder psychologisch uber ihr Befinden, oder religions-
politisch uber das Verhaltnis zu den christlichen Kirchen. Ich will damit nur
andeuten, wie viele Facetten das Thema hat, und dass es keineswegs in der
Natur der Sache liegt, sondern etwas iiber Amr Khaleds Weltbild aussagt,
wenn er die Frage als politische, d.h. als MacArfrage begreift:
Amr Khaled: Das Wichtigste ist, dass es 25 bis 30 Millionen Muslime in
Europa gibt. Dies hat eine Reihe von Implikationen.
1 AQ • * •
http://www.memn. org/bin/articles.cgi?Page=archives&Area=sd&ID=SP200308; deutsche Uberset-
zung von mir, desgleichen die Hervorhebungen im Text.
Ein aufschlussreiches Interview 187
Interviewer: Es gibt 25 bis 30 Millionen Muslime in Europa.
Amr Khaled: Die Muslime bekommen weiterhin Kinder, die Europder
nicht Das bedeutet, dass die Muslime in 20 Jahren eine Mehrheit stellen
werden, was einen aufierordentlichen Einfluss au/Entscheidungsprozesse
haben wird . Dies verdrgert andere Gruppen, und sie betrachten es als ge-
fahrlich. Dies sind die Feinde des Islam, das wissen wir genau.
Wohlgemerkt: Wir haben es hier nicht mit einem Niemand zu tun, son-
dern mit einem der einflussreichsten Kopfe der islamischen Welt. Er ist auch
keineswegs ein weltfremder, doktrinarer Religionsgelehrter. Amr Khaled ist
ein Mann, der im Leben steht. Er beherrscht die gesamte Klaviatur der Me-
dien einschlieBlich und insbesondere des Internets, begeistert ein Millio-
nenpublikum und gilt als Inbegriff eines gemafiigten Muslims.
Nach dessen Ansicht wird Europa innerhalb von zwanzig Jahren unter
die Herrschaft der Muslime geraten - was sonst soil denn damit gemeint
sein, wenn er von einer „Mehrheit ff spricht, deren Existenz „auBerordent-
lichen Einfluss auf Entscheidungsprozesse ff haben wird? Amr Khaleds Au-
Berungen enthalten gleich eine ganze Reihe von hochst aufschlussreichen
Aspekten:
Erstens: Zum „Feind des Islam" avanciert man bereits dadurch, dass man
eine solche Entwicklung nicht will. So etwas wie legitime Eigeninteressen
der autochthonen europaischen Volker gibt es nicht, jedenfalls nicht, soweit
sie sich gegen die Verbreitung des Islam richten. Die Sicht des medinensi-
schen Korans und ein weiterer Beleg fur die Kontinuitat der von ihm gehei-
ligten Mentalitat.
Zweitens: Eine demographische Mehrheit kann nur dann „auBerordent-
lichen Einfluss auf Entscheidungsprozesse" haben, wenn sie als politische
Einheit, also als solidarische Gruppe auftritt. (Sonst hatte ja auch die Mehr-
heit an Frauen, Rechtshandern oder Erwerbstatigen schon langst einen sol-
chen „auBerordentlichen Einfluss" haben mussen.) Amr Khaled glaubt, dass
die Muslime als Solidargemeinschaft zusammenstehen und sich nicht etwa
in dem Sinne integrieren werden, dass ihr soziales und politisches Profil
sich mitsamt den dazugehorigen Interessen dem der (Noch-)Mehrheitsge-
sellschaft angleicht; dass also eine arithmetische Mehrheit von Muslimen
gleichbedeutend mit ihrer Kollektivherrschaft ist.
Er vermutet das nicht nur, er kommt uberhaupt nicht auf die Idee, dass es
anders kommen konnte, auch nicht im Sinne einer Gefahr, der es aus seiner
Sicht vorzubeugen galte. Eine denkbar schlagende Demonstration dessen,
188 V. Dschihad heute
was ich als „kulturelle Selbstverstandlichkeit" bezeichne: Die Solidaritat
der Muslime in ihrem Verhaltnis zu Nichtmuslimen ist, wie ich gezeigt
habe, eine ethische Zentralnorm des Islam, und Amr Khaled unterstellt ohne
weiteres, dass auch seine Mitmuslime sich an dieser Norm orientieren. Es
handelt sich urn eine Pramisse, die ihm so selbstverstandlich ist, dass sie
keiner Begriindung bedarf. 150
Drittens: Wenn der Widerstand gegen eine Kollektivherrschaft der Mus-
lime gleichbedeutend mit der Feindschaft gegen den Islam ist, dann bedeu-
tet das im Umkehrschluss, dass die Gesamtheit der Muslime identisch ist
mit dem Islam, und ihre Herrschaft identisch mit seiner. Dies ist eine Be-
sonderheit islamischen Denkens und auBerhalb des Islam mitnichten eine
Selbstverstandlichkeit: Neunzig Prozent aller Franzosen sind Katholiken,
trotzdem wird niemand ernsthaft behaupten, Frankreich werde vom Katho-
lizismus beherrscht.
Viertens: Amr Khaleds Schatzung von zwanzig Jahren, die es dauern
wurde, bis die Muslime in der Mehrheit sind, scheint wiederum (aus seiner
Sicht) zu optimistisch zu sein. Legt man bloB den Geburteniiberschuss auf
der einen, das Geburtendefizit auf der anderen Seite zugrunde, so wurde
es eher vierzig bis sechzig Jahre dauern; dies aber nur unter der Voraus-
setzung, dass es nicht zu verstarkter muslimischer Masseneinwanderung
kommt; dass insbesondere die bereits hier lebenden Muslime ihren in der
Tat bereits jetzt spiirbar wachsenden Einfluss nicht dazu nutzen, das Tor
noch weiter zu offnen (z.B. durch EU-Beitritt der Tiirkei), als es ohnehin
schon off en steht.
Jedenfalls wurde ein wenn auch minoritarer muslimischer Stimmblock
bereits ausreichen, uberproportionalen Einfluss auszuiiben - im Sinne des
sprichwortlichen Zungleins an der Waage. 151
150 Zumindest wird sie offensichtlich als Normalfall unterstellt, solange es nicht konkrete Anhaltspunkte
dafur gibt, dass die muslimische Einheit in Auflosung begriffen sein konnte. Amr Khaled sieht solche Auf-
losungstendenzen offenbar nicht - anders als etwa die tiirkische Regierung, die ihr Moglichstes tut, um eine
Assimilation der hiesigen Muslime zu verhindern und damit der Auflosung ihrer Einheit entgegenzuwirken.
151 Im Mai 2009 wechselte die tiirkischstammige SPD-Abgeordnete im Berliner Abgeordnetenhaus, Canan
Bayram, zu den Griinen, und begriindete ihren Schritt unter anderem damit, dass die SPD sich nicht fur eine
Riicknahme der Verscharfung des Einwanderungsrechts „einsetzen wolle". („Wowereits Mehrheit im Parla-
ment brockelt", „Tagesspiegel" vom 5.5.2009) Die Mehrheit des rot-roten Senats geriet kurzzeitig in Gefahr.
Vermutlich ist dieser fur sich genommen nicht sehr bedeutsame Vorgang ein erster Vorgeschmack auf das,
was bevorsteht, wenn tiirkischstammige Politiker in groBerem Umfang die deutschen Parlamente bevolkern
und damit in einer Position sind, wo sie Regierungen tatsachlich stiirzen konnen. Wenn es einreiBt, dass sie
dort Politik auf der Basis ethnisch-religioser Interessen machen, dann istjede Partei undjede Regierung
erpressbar; einer muslimischen Mehrheit bedarf es dazu nicht.
Ein aufschlussreiches Interview 189
Funftens: In der gesamten Geschichte des Islam war die Islamisierung
vormals christlicher Gesellschaften, wie gezeigt, nicht ein Ergebnis fried-
licher Mission, sondern politischer Herrschaft der Muslime, die einen sich
selbst verstarkenden Prozess des Wachstums der muslimischen und der
Zersetzung und Auflosung der nichtmuslimischen Gemeinschaften in Gang
setzten. Man sollte getrost davon ausgehen, dass dieser historische Hinter-
grund einem Mann wie Amr Khaled gelaufig ist, und dass er deswegen die
Frage nach der Lage des Islam ganz selbstverstandlich als politische Frage
auffasst.
(...) Amr Khaled: Das Ziel der Feinde des Islam ist, 20 bis 30 Millionen
Muslime aus Europa zu vertreiben, oder sie in einer Weise zu provozieren,
die zu ihrer Vertreibung [banishment] fuhr en wird. Wenn sie bleiben, wird
das gefahrlich sein, also miissen sie gehen.
Eine erstaunliche Behauptung: Er kann ja nicht ernsthaft behaupten, es
gebe irgendeine einflussreiche Kraft in Europa, die auf die Vertreibung der
Muslime hinarbeite, allenfalls auf ihre Assimilation. Warum also behauptet
er es trotzdem?
Weil es die logische Konsequenz aus seiner Sicht der Dinge ist: Wenn die
Fortsetzung der bisherigen demographischen Entwicklung selbst ohne wei-
teren Zuzug zwangslaufig zur Herrschaft des Islam in Europa fuhrt, wie er ja
sagt, und wenn Assimilation daran schon deshalb nichts andern kann, weil
sie seines Erachtens nicht stattfinden wird, dann - aber nur dann! - ware eine
Massenvertreibung von Muslimen tatsachlich die einzige Option von Euro-
paern, die nicht unter eine muslimische Kollektivherrschaft fallen wollen.
Bemerkenswert die Selbstverstandlichkeit, mit der er eine Zuspitzung
vorwegnimmt, die noch gar nicht stattgefunden hat; nicht minder bemer-
kenswert, dass er denen, die die muslimische Prasenz in Europa fur „ge-
fahrlich" halten, mitnichten eine verzerrte Optik bescheinigt; und konse-
quent, dass er gar nicht erst erwagt, sie davon zu iiberzeugen, die weitere
Verbreitung des Islam sei ,,ungefahrlich", werde also keine einschneidenden
Veranderungen der europaischen Kultur bis hinein ins Alltagsleben mit sich
bringen.
Interviewer: Sie stellen eine sehr wichtige Behauptung auf- dass es ab-
sichtliche und durchdachte Provokationen mit dem Ziel gibt y die Muslime
aus ihrer gegenwartigen Heimat - Europa — zu vertreiben.
Amr Khaled: Ja. Als die beleidigenden Karikaturen zuerst erschienen,
war es seltsam zu sehen, dass der Knopf, auf den sie driicken, um die
190 V. Dschihad heute
Muslime [zu provozieren] — der Koran und der Prophet Mohammed, die
ihnen heilig sind — derselbe Knopf ist, der dem Westen heilig ist — die
Meinungsfreiheit. Was dem Westen heilig ist — die Meinungsfreiheit — ist
ihr Aquivalent zum Koran... Das ist ihnen heilig. Der Westen greift das,
was den Muslimen heilig ist, mit Mitteln an, die dem Westen selbst heilig
sind. (...)
Es stellt bereits einen „Angriff auf den Islam dar, wenn Meinungsfrei-
heit zur Islamkritik genutzt wird. Exakt diese Auffassung findet sich - wir
erinnern uns - implizit und explizit im Koran - auf den Khaled sich an
dieser Stelle aber gar nicht beruft. Wie die unterstellte Solidaritat der Mus-
lime, so ist auch die Unfahigkeit, Kritik anders denn als feindseligen Akt zu
interpretieren, eine kulturelle Selbstverstandlichkeit
Um die Muslime aus Europa zu vertreiben, brauchen die europaischen
Volker einen legitimierenden Vorwand, wie sie ihn in Bosnien hatten.
Schliefilich gehort Bosnien zu Europa, man kann also nicht sagen, das sei
weit hergeholt. Bosnien ist nicht weit.
Khaled ignoriert die Tatsache, dass der Bosnienkrieg durch NATO-Bom-
ben unter kraftiger Mithilfe jener europaischen Volker beendet wurde, de-
nen er unterstellt, sie hatten mit Serbien unter einer Decke gesteckt. Diese
Verdrehung historischer Zusammenhange entspricht dem Geschichtsver-
standnis, dessen Ursprung im Koran zu finden ist.
Daher ist es ihre Losung, die Provokation fortzusetzen und weiterhin
Dingezu tun, die die Muslime provozieren, die daraufmit Fehlern reagieren
wiirden, wie etwa Bombenanschlagen und anderen unublichen Antworten.
Bombenanschlage („bombings ff ) sind also nicht etwa Verbrechen, son-
dern „Fehler" und „unilblich" („unusual ff ). Aus dem Munde eines Mannes,
dessen tagliches Brot es ist, seine Glaubensbriider dariiber aufzuklaren, was
im Islam erlaubt bzw. verboten ist, konnen solche Vokabeln nur eines be-
deuten: Verboten, weil islamwidrig, ist Terrorismus nichtl Und dies ist nicht
etwa die Auffassung eines Extremisten.
Warum aber ist Terrorismus (und vermutlich auch StraBenkrawall und
andere „unubliche" Formen der Gewaltanwendung) ein taktischer „Fehler"?
Dann werden die Eur op der sagen: ,Was ist denn los? Was machen die
da? ' Und damit hatten sie den Vorwand fur das, was dann folgen wiirde. (...)
Offene Gewaltanwendung konnte dazu fiihren, dass die Europaer den
Islam (, Was ist denn los? Was machen die da?") als Feind identifizieren.
In einem solchen Fall wiirden sie womoglich versuchen, die Entwicklung
Ein aufschlussreiches Interview 191
aufzuhalten, die nach Amr Khaleds Auffassung sonst ganz von allein zur
Islamisierung Europas fiihren muss.
Terrorismus mag ein geeignetes Mittel sein, die „Unglaubigen" aus dem
„Haus des Islam" zu vertreiben, also ihnen etwa Interventionen im Irak und
in Afghanistan zu verleiden. Amr Khaleds Perspektive ist aber wesentlich
radikaler, und aus dieser Perspektive ist Terrorismus und uberhaupt offene
Gewaltanwendung in der Tat kontraproduktiv. Wer im Geiste schon ein isla-
misches Europa schaut, dem muss der „Antiimperialismus" etwa der Qaida
geradezu als Ausdruck schwachlicher Selbstbescheidung erscheinen. Was
ist schon die Vertreibung der Europaer aus dem Nahen und Mittleren Osten,
verglichen mit der Eroberung ihres eigenen Kontinents?
Fur Amr Khaled befindet sich die muslimische Umma in Europa offenbar
in einer kritischen Phase: Sie ist bereits so groB, dass es fur Strategen wie
ihn zum Problem wird, die Neigung ihrer Glaubensbriider zur gewaltsamen
Durchsetzung eigener Dominanzanspriiche zu zugeln, 152 aber noch zu klein,
um sie tatsachlich durchzusetzen.
Was ist die Losung? Wir miissen sehr realistisch undpositiv sein. Was
muss getan wer den? Notwendig ist dass die 30 Millionen Muslime die Ge-
sellschaft infiltrieren ...
Er sagt wirklich „infiltrieren" !
... und den Europaern und der westlichen Gesellschaft zeigen, wie res -
pektabel und erfolgreich sie sind. Das sind die Schliisselworter: Jch bin
respektabel und erfolgreich. '
Er sieht vollig realistisch, dass eine bloB numerische Mehrheit selbst
unter den Voraussetzungen einer Demokratie noch nicht zur politischen
Herrschaft iiber westliche Gesellschaften geniigt, erst recht nicht zu ihrer
islamischen Durchdringung. Diese Durchdringung - die qualitative Seite
der Islamisierung im Unterschied zur bloB numerischen - erfordert, dass
Muslime in sozialen Rollen wahrgenommen werden, die mit Prestige und
Dominanz verbunden sind („respektabel und erfolgreich' 1 ).
(...) Jeder sollte sagen: „Ich bin ein Botschafter fur den Islam", und sie
sollten alle in ganz Europa aktiv werden — in den Firmen, wo sie arbeiten, in
Sportvereinen, und uberall, wo sie bei den Europaern mitmischen konnen,
1 ^9
Die Hizb ut-Tahrir steht in GroBbritannien vor demselben Problem: vgl. Matthias Becker, Polizei und
Prevention. Wie GroBbritannien mit gewaltbereiten Islamisten umgeht. Deutschlandfunk „Hintergrund"
vom 23.8.2008, im Netz verfugbar unter: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/835240/
192 V. Dschihad heute
und wo sie ihnen ihre moralischen Werte und ihren Erfolg demonstrieren
konnen. Das wird den Plan [die Mus lime zu vertreiben, M.K.-H.J zunichte
machen, und die Mus lime werden in Europa bleiben. Wir brauchen wirklich
10 Jahre, damit die Muslime in Europa f est etabliert und erfolgreich sind.
Zehn Jahre - das ist die Zeitspanne, die nach Amr Khaleds Auffassung
noch erforderlich ist, urn den Prozess der Islamisierung Europas zwar nicht
abzuschlieBen, aber unumkehrbar zu machen. Man mag dariiber streiten, ob
er die Zeitspanne richtig einschatzt. Dass aber der Prozess der Islamisie-
rung bei Fortdauer der gegenwartigen Entwicklungen von einem bestimm-
ten Zeitpunkt an irreversibel sein wird, kann keinem Zweifel unterliegen.
Tatsache ist, dass es Millionen von Muslimen in Europa gibt, ihr Anteil
an der Bevolkerung sich kontinuierlich erhoht, „Integration ff im Sinne ei-
nes Aufgehens in der einheimischen Bevolkerung nicht stattfindet, und dass
deren Werte und Normen von den meisten Muslimen abgelehnt werden.
Was wir stattdessen erleben, ist die Verfestigung von Parallelgesellschaften,
fur die sowohl die ungebrochene Geltung islamischer Normen und Werte
charakteristisch ist als auch ihre Selbstdefinition als „Wir ?f -Gruppe, die sich
gegen die einheimische Mehrheitsgesellschaft abgrenzt.
Dass Einwanderer, die in groBeren Gruppen kommen, sich ihre eigene
Subkultur schaffen, ist dabei nicht an sich ungewohnlich; man beobachtet
dieses Phanomen, seit es iiberhaupt Migration gibt, man denke nur an die
„Chinatowns ff und „Little Italy s" amerikanischer GroBstadte. Ungewohn-
lich und ein Spezifikum islamischer Einwanderergesellschaften ist, dass
diese Parallelgesellschaften selbst nach drei Generationen noch existieren.
Im Normalfall emanzipieren sich spatestens die Enkel der ersten Ein-
wanderer von ihrem Herkunftsmilieu, akzeptieren die Aufnahmenation als
ihre eigene und suchen sich ihren individuellen Platz in der Gesellschaft.
Sozialer Aufstieg hangt normalerweise davon ab, dass man die Normen und
Werte der Gesellschaft akzeptiert; wer das nicht tut und an einer AuBensei-
teridentitat festhalt, verbleibt in der Unterschicht.
Will aber eine (wachsende) Minderheit weder Unterschicht bleiben
noch ihre Wertvorstellungen oder ihre interne Solidaritat aufgeben, so ist
sie darauf angewiesen, einen Zustand herbeizufuhren, in dem ihre eigenen
Normen und Werte, in diesem Fall also die islamischen, als legitim und
respektabel gelten, und in dem der, der sie vertritt, sich dadurch nicht zum
gesellschaftlichen AuBenseiter macht. Das wiederum hangt davon ab, dass
bekennende Muslime („wandelnde Propagandamaschinen n ) den Weg in
Ein aufschlussreiches Interview 193
Fuhrungspositionen finden; der Islam ware dann keine Unterschichtenreli-
gion mehr, sondern eine Option auch fur Angehorige der Mittel- und Ober-
schicht. Das ist der Hintergrund, aufdenAmrKhaledanspielt, wenner sagt,
Muslime miissten „respektabel und erfolgreich" sein.
Wenn dies geschieht, dann existieren zwei miteinander nicht zu vereinba-
rende Normen- und Wertesysteme mit gleichem Anspruch auf gesellschaft-
liche Legitimitat und Anerkennung nebeneinander: ein islamisches und ein
westliches. Es geht an dieser Stelle nicht darum, die Debatte dariiber auf-
zunehmen, ob der Islam im westlichen Sinne reformierbar ist oder nicht.
Meiner Ansicht nach ist er es nicht, aber darauf kommt es hier nicht an:
Natiirlich ist es denkbar, dass Muslime sich als Einzelpersonen in die
westliche Gesellschaft ohne Hintergedanken integrieren, der Preis dafiir
aber ware der, dass sie ihren Glauben nach MaBgabe westlicher Wertvor-
stellungen re-interpretieren. Als Option einer muslimischen Gemeinschaft,
die das auch bleibt, ist eine solche Re-Interpretation schwer vorstellbar. Und
dass Amr Khaled dergleichen weder anstrebt noch auch nur fur moglich
halt, durfte auf der Hand liegen. Warum sollte er auch? Der Islam, der nach
dem Willen westlicher Integrationspolitiker „anerkannt ?f , „respektiert ?f und
„integriert ff werden soil, istja nicht ein solcher hypothetischer reformierter,
sondern der real existierende orthodoxe, angeblich „gemaBigte" Islam. 153
Wird der orthodoxe sunnitische Islam als gleichberechtigt akzeptiert, so
lauft dies mindestens darauf hinaus, dass nach islamischen MaBstaben dar-
iiber bestimmt wird, was als hinreichender „Respekt" aufzufassen ist - und
was als „Provokation": Als solche miisste dannjede Kritik am Islam gelten,
insbesondere, wenn sie seine „Respektabilitat" in Zweifel zieht. Wie wir
gesehen haben, zahlt das Verbot jeglicher kritischer AuBerungen uber den
Islam seit den Tagen des Propheten zu den Standardinhalten von Dhimmi-
Vertragen; wobei es sich von selbst verstand, dass die islamische Kritik an
anderen Religionen schon deshalb nicht unterbunden werden konnte (und
kann), weil sie einen erheblichen Teil von Koran und Sunna ausmacht
153 Es scheint kaum noch einem aufzufallen, wie weit die geistige Kapitulation vor islamischen Denkpramis-
sen schon gediehen sein muss, wenn man Vertreter einer totalitaren Religion und Ideologic schon dann fur
„gemaBigt" halt, wenn sie darauf verzichten, Bomben zu legen; wiirde man denselben MaBstab auf inlandi-
sche nichtislamische Bewegungen anwenden, so miisste man die DKP als eine Partei „gemaBigter Kommu-
nisten", die NPD als eine solche „gemaBigter Nazis" wiirdigen und mit ihnen einen „Integrationsgipfel"
abhalten. Dann miissten sich auch einfuhlsame politische Kommentatoren finden, die davor warnen, die
„patriotischen Gefiihle" von NPD-Anhangern zu „verletzen" und sie unter „Generalverdacht" zu stellen,
weil das sonst „diskriminierend" ware. Man fragt sich auch, warum kein „Dialog" mit „gemaBigten Scien-
tologen" eingeleitet wird.
194 V. Dschihad heute
(wahrend Islamkritik naturgemaB nicht in der Bibel steht). Wie das Recht
auf Gewaltanwendung, so ist auch das Recht auf Kritik nach islamischer
Doktrin ein muslimisches Privileg. Eine Religion aber, die fur sich einen
Respekt einfordert, den sie alien anderen Religionen verweigern zu mussen
glaubt, erhebt dadurch bereits implizit den Anspruch auf soziale Dominanz.
An dieser Stelle wird die Doppelbodigkeit von Amr Khaleds „Gewalt-
verzicht ff sichtbar. Sie besteht nicht nur darin, dass er ihn rein taktisch ver-
steht; sondern er lebt sogar als Taktik davon, dass die Gewaltanwendung als
Drohung stets prasentbleibt: Keine „Provokationen" bitte (also keine Kritik
am Islam), weil die Muslime sonst zu „unublichen" MaBnahmen greifen
konnten, die selbstverstandlich zu bedauern und zu verurteilen waren, an
denen die „Unglaubigen" aber selber schuld waren. Diese Doppelbodig-
keit entspricht genau den koranischen Vorgaben: Muslime wenden niemals
Gewalt an, es sei denn als Reaktion auf einen Angriff. Als „Angriff gilt
aber bereits die bloBe Kritik am Islam und die Weigerung, sich ihm zu un-
terwerfen.
Eine solche Taktik des doppelten Bodens ist weitaus wirkungsvoller als
eine frontal gegen Europa gefuhrte Terrorkampagne: Drohen kann man mit
einem Biirgerkrieg ja nur so lange, wie man ihn nicht entfesselt hat. (Ganz
allgemein gilt in der Politik, dass der, der eine Drohung ausfuhren muss, in
eine schwachere Position gerat, als der, der es bei der bloBen Drohung be-
lassen kann.) Offene Gewalt, also Terrorismus, StraBenkampf, Biirgerkrieg,
wurde den Islam nicht nur als Feind wahrnehmbar machen, sondern ihn
auch sein Drohpotenzial kosten.
Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass eine solche „Koexistenz ff
(auch dies ein Lieblingswort Amr Khaleds) zweier einander ausschlieBen-
der Wertesysteme auf die Dauer moglich ist, und sei es nur aus dem banalen
Grund, dass der Beste nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bosen
Nachbarn nicht gefallt.
Wenn sich die gesellschaftlichen Spielregeln erst einmal verandert ha-
ben, und dies nicht durch Gesetze, sondern weil die Mehrheit es nicht mehr
wagt, von ihren Freiheitsrechten Gebrauch zu machen, dann gibt es kein
legales Mittel mehr, diesen Prozess umzukehren. Die Mehrheit kann immer
noch nichtmuslimisch sein, sie lebt faktisch unter der Herrschaft des Islam
und seiner Normen. Das ist die qualitative Islamisierung. Die Mechanis-
men, die bei dieser Umpolung heute eine Rolle spielen, unterscheiden sich
nicht im Prinzip, wohl aber in concreto von denen, die den oben behandel-
Strukturelle Schwachen liber aler Demokratien 195
ten historischen Islamisierungsprozessen zugrunde lagen, und werden uns
in den folgenden Abschnitten beschaftigen.
Zum anderen bedeutet „Koexistenz", „Anerkennung" und „Respekt",
dass alles zu unterbleiben hat, was den Zuzug weiterer Muslime - also die
quantitative Komponente von Islamisierung etwa durch Heiratsmigration -
eindammen konnte. 154 Man unterstellt, den inneren Frieden zu gefahrden,
wenn man den Wunschen der Herkunftslander (im Falle Deutschlands also
dem der Turkei nach Aufnahme in die EU) nicht Rechnung tragt. Von ei-
nem bestimmten Punkt an, der weit vor dem Erreichen der numerischen
Mehrheit der Muslime liegt, wird es politisch nicht mehr moglich sein,
Entscheidungen zu treffen, die den demographischen Trend (das Wachstum
des muslimischen im Verhaltnis zum nichtmuslimischen Bevolkerungsteil)
noch umkehren. Das ist dann der oben genannte Zeitpunkt, von dem ab der
Islamisierungsprozess irreversibel wird.
Amr Khaleds Sicht der Dinge basiert nicht auf irgendwelchen Illusionen,
sondern auf den Erfahrungen von 14 Jahrhunderten, in denen der Islam die
Schwachen nichtmuslimischer Gesellschaften auszunutzen gelernt hat.
Nehmen wir diese Schwachen nun genauer unter die Lupe.
2. Strukturelle Schwachen liberaler Demokratien
Der ehemalige Verfassungsrichter Ernst- Wolfgang Bockenforde schrieb
einmal: „Der freiheitliche, sakularisierte Staat lebt von Voraussetzungen,
die er selbst nicht garantieren kann." 155 Mehr noch: Er lebt von Vorausset-
zungen, die er nicht einmal zur Kenntnis nehmen darf!
Wie im ersten Kapitel verdeutlicht, basiert ethisches Verhalten auf wech-
selseitigen Solidaritatserwartungen, und dies bedeutet Verzicht auf die Ver-
folgung von Individualinteressen, Privatisierung der Kosten und Soziali-
sierung der Gewinne. Damit habe ich mich bewusst an eine Formulierung
angelehnt, deren sich normalerweise die Kritiker der Marktwirtschaft be-
dienen: Dass sie namlich auf der Privatisierung der Gewinne und der Sozi-
alisierung der Kosten beruhe.
154 Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass bereits eine nur geringfugige Erhohung des Nach-
zugsalters und der Anforderungen an die Sprachkenntnisse 2007 genugte, die turkische Offentlichkeit, die
Presse und die islamischen Verbande hierzulande in helle Aufregung zu versetzen, und zwar uber alle ideo-
logischen Grenzen hinweg.
155 Ernst-Wolfgang Bockenforde, Staat, Gesellschaft, Freiheit, Frankfurt 1976, S. 60
196 V. Dschihad heute
Nun ist die Marktwirtschaft keineswegs das einzige Beispiel eines ge-
sellschaftlichen Teilsystems, das auf Konkurrenzmechanismen beruht. Die
Konkurrenz von Parteien urn Wahlerstimmen, die Konkurrenz von wissen-
schaftlichen Hypothesen, erst recht die Konkurrenz von Sportlern und sogar
(wie ich in dem Exkurs liber das Christentum gezeigt habe) die Konkurrenz
von Kirchen leisten in ihrem jeweiligen Bereich dasselbe: Sie fiihren zur
Leistungssteigerung des jeweiligen Systems.
Dass diesen Konkurrenzmechanismen die Tendenz zur Selbstzerstorung
innewohnt, erschlieBt sich daraus, dass sie normalerweise durch zum Teil
hochkomplexe Regelwerke im Zaum gehalten werden miissen. In all diesen
Systemen kann sich potenziell jeder Akteur namlich dadurch Vorteile ver-
schaffen, dass er auf Methoden zuriickgreift - je nach Teilsystem: Wahlfal-
schung, Wirtschaftsspionage, {Corruption, Doping etc. - deren allgemeine
Duldung die Leistungsfahigkeit des Systems gerade zerstoren miisste.
Das, was wir als Verrechtlichung kennen und („Paragraphendschungel ff )
beklagen, ist nicht nur, aber auch nicht zuletzt der Versuch, die Einhaltung
bestimmter Regeln zu erzwingen, deren freiwillige Akzeptanz mithin im-
mer weniger als Selbstverstandlichkeit vorausgesetzt werden kann. Je mehr
die Bereitschaft zu ethischem Verhalten schwindet, desto starker muss ge-
setzgeberisches Handeln das schwindende Vertrauen in den Anstand des
Anderen substituieren.
Moderne Gesellschaften basieren also auf zwei einander widersprechen-
den Prinzipien gleichzeitig: Ihre Existenz und Stabilitdt, wie die aller ande-
ren Gesellschaften, wird durch Solidaritat aufrechterhalten, ihre Leistungs-
fahigkeit durch Konkurrenz.
Dieses Spannungsverhaltnis zwischen Solidaritat und Konkurrenz ist als
Gegenuberstellung von „Gemeinschaft" und „Gesellschaft" (F. Tonnies) 156
ein altes Thema der Soziologie, und speziell der deutschen Soziologie. Die
darin ausgedriickte Kritik an der Moderne hat durchaus ihre problematischen
Seiten, wenn zum Beispiel die angeblich edle Gemeinschaft gegen die schno-
de Gesellschaft ausgespielt wird, wie dies in der erstenHalfte des zwanzigsten
Jahrhunderts standiger Topos kulturpessimistischen Argumentierens war.
156 Ferdinand Tonnies, Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie, Darmstadt
2005
Dieser politische Missbrauch eines an sich wissenschaftlich vollig seriosen Kategorienpaars hat mit den
Boden dafur bereitet, dass die Nationalsozialisten gerade mit dem Begriff der „Volksgemeinschaft" uber
eine besonders zugkraftige Parole verfugten, vgl. z.B. Franz Janka, Die braune Gesellschaft. Ein Volk wird
formatiert, Stuttgart 1997
Strukturelle Schwachen liber aler Demokratien 197
Wer allerdings die Kritik an der Moderne nur deshalb zuriickweist, weil
sie politisch missbraucht werden kann, erlegt sich nicht nur selbst eine Er-
kenntnisblockade auf, sondern verbindet sich und anderen die Augen vor
den Gefahren, die der offenen modernen Gesellschaft drohen; Gefahren, an
denen sie umso sicherer scheitern wird, je uneinsichtiger sie sie ignoriert.
Der Widerspruch von Gemeinschaft und Gesellschaft weist eine struktu-
relle Parallele zu dem von Glaube und Religion auf:
Diese Parallele besteht darin, dass man den Widerspruch nicht nach einer
der beiden Seiten auflosen kann, ohne den Charakter des Gesamtsystems
dramatisch und in hochgradig nachteiliger Weise zu verandern.
Hatten wir oben festgestellt, dass eine rein protestantische, sola fide, also
allein durch den Glauben konstituierte Christenheit zur Auflosung tendieren
wiirde, eine rein katholische (durch eine monopolistische Institution kon-
stituierte) dagegen zur autoritaren Erstarrung, so konnen wir nun analog
festhalten, dass Konkurrenzmechanismen die Freiheit (und Leistungsfahig-
keit) der Gesellschaft, Solidaritat dagegen ihre Existenz gewahrleisten. Die
schiere Konkurrenz musste die Gesellschaft zerreiBen, eine alles durchdrin-
gende Solidaritat sie ersticken. Reine Konkurrenz hieBe: Anarchie. Reine
Solidaritat hieBe: Totalitarismus.
Halten wir nochmals fest: Menschliche Wir-Gruppen, wenn sie Bestand
haben sollen, sind Solidargemeinschaften. Ein moderner demokratischer
Rechtsstaat tut sich naturgemaB schwer damit, die Existenz solcher Ge-
meinschaften anzuerkennen oder gar zu schutzen. Zwar basiert auch die De-
mokratie auf einer Gemeinschaftsfiktion: Demokratie als kollektive Selbst-
bestimmung setzt die Existenz eines Kollektivs voraus. Demokratische
Staaten sind daher - zumindest ihrer Konzeption nach - Nationalstaaten.
Da ein Rechtsstaat aber an den Gleichheitsgrundsatz gebunden ist und
niemanden nur aufgrund seiner Zugehorigkeit zu dieser oder jener Gruppe
bevorzugen oder gar benachteiligen darf, hat er keine Moglichkeit, die em-
pirische soziologische Existenz der Solidargemeinschaft „Nation" zu uber-
priifen, und erst recht darf er sie nicht erzwingen. Stattdessen ist er auf eine
Rechtsfiktion verwiesen: Die Gesamtheit der Staatsbiirger ist Nation.
Es ist wichtig, diesen staatsrechtlichen, rein normativen Begriff von
„Nation" sorgfaltig zu unterscheiden von „Nation" als Beschreibung eines
empirischen, soziologischen bzw. sozialpsychologischen Sachverhalts. Der
demokratische Staat ist angewiesen auf eine empirische Nation, operiert
rechtlich aber mit einer fiktiven.
198 V, Dschihad heute
Dies ware auch dann bedenklich, wenn der Prozess der Individualisie-
rung die ganze Gesellschaft gleichmaBig trafe. Wenn Selbstentfaltungswer-
te an gesellschaftlicher Bedeutung die traditionellen Pflicht- und Akzep-
tanzwerte 158 mehr und mehr verdrangen, dann bedeutet dies einen Trend zu
sozialer Atomisierung und Entsolidarisierung. Ob die Gesellschaft auf die
Dauer in der Lage sein wird, der daraus resultierenden Probleme Herr zu
werden und funktionale Aquivalente fur die verblassenden traditionellen
Sozialnormen zu entwickeln, ware selbst dann eine offene Frage, wenn die
(in ihrer Eigenschaft als Solidargemeinschaften) geschwachten Nationen
des Westens es nicht mit der Herausforderung durch konkurrierende So-
lidargemeinschaften zu tun bekamen. So aber konnen Letztere zur politi-
schen Gefahr heranreifen.
Es ist eine Binsenweisheit, dass Solidaritat (bzw. die gemeinsame Be-
zugnahme auf gruppenkonstituierende Sozialnormen) und damit die Fahig-
keit zu kollektivem Handeln der damit ausgestatteten Gruppe gegeniiber
anderen eine Konfliktfahigkeit verleihen, die selbst erhebliche numerische
Unterlegenheit mehr als wettmachen kann. 159
Solange die Fahigkeit zu kollektivem Handeln darauf beruht, dass eine
Gruppe irgendeine Form von formalisierter Organisation aufweist, kann ein
demokratischer Staat sie rechtlich als handelndes Subjekt behandeln, das
er fur legal oder fur illegal erklaren, notfalls als verfassungsfeindliche oder
terroristische Organisation verbieten oder verfolgen kann; injedem Fall ist
es ihm erlaubt, ihre Existenz offiziell zur Kenntnis zu nehmen, ohne sich in
Widerspruch zu seiner eigenen Verfassung zu setzen.
Hat er es aber mit einer Gruppe zu tun, deren Handlungsfahigkeit und
Identitat als Gruppe auf einem ganz und gar informellen Netz wechselseiti-
ger Erwartungen basiert, die erfullt werden, weil sie als Sozialnormen kul-
turell verinnerlicht sind, dann ist die Zugehorigkeit zu einer solchen Gruppe
nicht etwas, das der Staat dem Einzelnen (wie bei der Bildung einer ter-
roristischen Vereinigung) als zielgerichtetes Handeln anrechnen und wozu
1 SR
vgl. z.B. Helmut Klages, Traditionsbruch als Herausforderung. Perspektiven der Wertewandelsgesell-
schaft, Frankfurt 1993
159 Was ubrigens der Grund dafiir ist, warum politische Herrschaft nicht etwa im Ausnahme- sondern im
Regelfall die Herrschaft Weniger iiber Viele ist, und warum selbst noch so unpopulare Diktatoren mit Unter-
driickungsapparaten auskommen, die um ein Vielfaches kleiner sind als die von ihnen beherrschten Volker.
Diese Apparate sind soziale Einheiten, die zu kollektivem Handeln imstande sind, wahrend die Gesellschaft
aus Einzelnen besteht, die normalerweise keinen Anlass haben zu unterstellen, der Mitmensch wiirde sich als
politisch solidarisch erweisen, und die sich wegen dieser Annahme - die dadurch zur sich selbst erfiillenden
wird - ebenfalls nicht solidarisch verhalten.
Strukturelle Schwdchen liber aler Demokratien 199
er sich verhalten durfte. Sofern er die Existenz der Gruppe iiberhaupt zur
Kenntnis nehmen darf, ist er zur Toleranz verpflichtet, weil alles andere eine
verfassungswidrige Diskriminierung darstellen wiirde.
Dies ist der Grund dafiir, dass der Islam im Westen nur dann und nur dort
bekampft wird, wo er als „Extremismus" oder „Terrorismus" auftritt. Alle an-
deren Islamisierungsprozesse, etwa die schleichende Durchsetzung des Kopf-
tuchs, muss der demokratische Rechtsstaat selbst dann als Wahrnehmung
individueller Freiheitsrechte akzeptieren, wenn durch sie ganz offensichtlich
die sozialen Erwartungen der islamischen Gemeinschaft erfullt, die Vorausset-
zungen fur die Wahrnehmung von Freiheitsrechten aber untergraben werden.
Ich betone an dieser Stelle nochmals, was ich im vorliegenden Zusam-
menhang unter einer Gruppe verstehe. Die Wiederholung durfte notwendig
sein, weil das Weltbild eines Sozialwissenschaftlers doch zu speziell ist, als
dass ich von vornherein unterstellen konnte, richtig verstanden zu werden.
Von einer Gruppe spreche ich nicht im Hinblick auf bloB objektiv abgrenz-
bare Personenkreise (z.B. Brillentrager, Griinaugige, Trager der Blutgruppe
A), sondern nur in Bezug auf Personenkreise, die sich durch ein System von
gruppenspezifischen wechselseitigen Verhaltenserwartungen, insbesondere
Solidaritatserwartungen auszeichnen. Es kommt nicht darauf an, dass diese
Erwartungen von jedem Einzelnen erfullt werden, sondern nur, dass ihre
Erfullung als Normalfall unterstellt werden kann. Zudem sind ausgereifte
soziale Systeme in sich differenziert: Daher kann es innerhalb ein und der-
selben Gruppe eine groBe Vielfalt an Rollenmodellen geben. Ein guter Mus-
lim, um bei diesem Beispiel zu bleiben, muss weder ein besonders frommer
noch ein politisch extremer Muslim sein. Zum Dschihad kann man in ganz
verschiedenen Funktionen beitragen.
Wir haben gesehen, dass der Islam ein soziales Regelwerk verbindlich
macht, das darauf ausgerichtet ist, die Muslime zu einer Solidargemein-
schaft zusammenzuschweiBen und zur Verdrangung aller anderen Reli-
gionen und der auf ihnen beruhenden Gesellschaften zu befahigen. „Isla-
misierung" bedeutet, auch Nichtmuslime zur Unterwerfung unter dieses
Regelwerk zu bewegen. Die Methoden, mit denen dies geschieht, sind meist
legal und konnen in einem liberalen Rechtsstaat nicht verboten werden. Sie
funktionieren, weil Muslime untereinander solidarisch sind, die nichtmusli-
mischen Mehrheitsgesellschaften aber nicht.
Da die Einhaltung der islamischen Normen nicht durch die Sanktions-
drohungen eines (noch) hypothetischen islamischen Staates, sondern durch
200 V. Dschihad heute
horizontale Vernetzung von Privaten auf der Alltagsebene erzwungen wird,
ist ein liberaler Staat, dessen konstitutionelles Selbstverstandnis ihm das
Eingreifen in das Alltagsleben Privater gerade verbietet, gegen Islamisie-
rung machtlos. Wenn der seinerzeitige deutsche Innenminister Wolfgang
Schauble bei jeder Gelegenheit scharfere Gesetze zur Bekampfung von (is-
lamischem) Terrorismus forderte, gleichzeitig aber davon sprach, der Islam
sei „in Deutschland angekommen", ja, er gehore zur deutschen Kultur, so
druckte sich darin weniger der menschenfreundliche, wenngleich etwas ein-
faltige Gedanke aus, dass man Muslime nicht in eine Generalhaftung fur die
von ihrer Religion ausgehende terroristische Gewalt nehmen diirfe, sondern
vor allem die Hilflosigkeit von Politikern, die eine Gefahr fur das eigene
Gemeinwesen bereits deshalb ignorieren milssen, weil ihnen zur ihrer Be-
kampfung die rechtlichen Mittel fehlen.
Wir haben uns schon im Kontext der Korananalyse dariiber gewundert,
dass eine so deutlich politische Religion wie der Islam scheinbar keine
Staatsi\\QoriQ entwickelt. Ich glaube, hinreichend demonstriert zu haben,
dass dieser Mangel bloB uns Europaern so erscheint, weil wir unter einer
Staatstheorie ein abstraktes Sy stem formaler Regeln verstehen, wahrend
der Islam die Legitimitat von Herrschaft materiell, namlich anhand des Kri-
••
teriums der tatsachlichen Ubereinstimmung des Herrschers mit den Forde-
rungen des Islam bestimmt.
Dies vorausgesetzt, ist der Islam aber mit jeder Staatsform kompatibel:
Mit der Monarchie, der sakularistischen Diktatur, naturlich der islamischen
Theokratie, mit totalitaren Einparteienregimen jeglicher Spielart wie mit
jeder anderen historischen oder kunftigen Staatsform. Selbstverstandlich
auch mit der Demokratie, ja sogar ganz besonders mit der Demokratie -
wenn auch nicht unbedingt mit dem ? was wir darunter verstehen!
Uns erscheint es ganz selbstverstandlich, dass Freiheit und Demokratie
zwei Seiten derselben Medaille sind. Was ware denn eine Demokratie
wert ohne Meinungs-, Presse-, Versammlungs-, Vereinigungs-, Religi-
ons-, Berufsfreiheit und so weiter? Demokratie scheint nichts weiter zu
sein als die Verlangerung des Gedankens individueller Freiheit ins Kol-
lektive hinein. Unter rein normativen Gesichtspunkten ist gegen diese
Herleitung auch nichts einzuwenden. Es ist leicht zu zeigen, dass Demo-
kratie ohne diese Freiheiten sinnlos ware, dass umgekehrt die Freiheit
dort am effektivsten gesichert ist, wo man den Herrscher legal auswech-
seln kann und darf.
Strukturelle Schwdchen liber aler Demokratien 20 1
Zugleich aber stehen Freiheit und Demokratie faktisch in einem Gegen-
satz zueinander, weil Freiheit die des Einzelnen ist. Wo die Freiheit des Ein-
zelnen beginnt, endet die Macht des demokratischen Kollektivs, und wo das
Kollektiv Regeln setzt, schrankt es die Freiheit des Einzelnen ein. Freiheit
und Demokratie stehen also in einer ahnlich unaufhebbaren dialektischen
Spannung wie Glaube und Religion, wie Konkurrenz und Solidaritat.
Ferner erscheint es uns selbstverstandlich, dass Gefahren fur die Freiheit
vor allem vom Staat ausgehen, dass jedenfalls Privatleute, sofern sie nicht
direkt kriminell handeln, nicht die Macht haben, die Freiheit ihrer Mitmen-
schen wesentlich einzuschranken. Diese Denkweise resultiert aus der histo-
rischen Erfahrung, dass das europaische Biirgertum die biirgerlichen Frei-
heiten gegen den absolutistischen Staat, zum Teil auch gegen die Kirche,
injedem Fall aber gegen hierarchisch organisierte Institutionen erkampfen
musste, die als solche von der Gesellschaft abgespalten waren.
Dass Gefahren fur die Freiheit aus der Gesellschaft selbst erwachsen
konnten, ohne dass der Rechtsstaat die Macht hatte, dem entgegenzuwirken,
ist den meisten Europaern so fremd, dass sie nicht einmal liber adaquate Be-
griffe zur Beschreibung dieses Sachverhalts verfugen - weswegen ich das
dafiir erforderliche soziologische Vokabular nicht als bekannt voraussetzen
kann, sondern ausfuhrlich erlautern muss.
Der Islam geht aus der Gesellschaft hervor. Eine islamische Gesellschaft
kann sich daher so etwas wie Wahlen durchaus leisten. Demokratie, wenn sie
nicht aus der Idee der personlichen Freiheit abgeleitet ist und sich an ihr mes-
sen lassen muss, sondem als Diktatur der Mehrheit aufgefasst wird, ist sogar
ein besonders effektives Mittel, den islamischen Charakter der Gesellschaft zu
stabilisieren. Ist die Gesellschaft namlich erst einmal von islamischen Wert-
vorstellungen durchdrungen, dann bedeutet „Demokratie ff , dass der Gesetz-
geber gezwungen ist, diesen Praferenzen seiner Wahler Rechnung zu tragen.
Dass von der Demokratisierung islamischer Lander regelmaBig Islamis-
ten profitieren, und dass sie regelmaBig zur Starkung und Aufwertung des
Islam und der Scharia fiihrt, ist kein Zufall und keine Momentaufnahme
zu Beginn des 21. Jahrhunderts, sondern liegt in der Natur der Sache und
wird von islamistischen Intellektuellen, etwa von Yusuf al-Qaradawi be-
wusst eingeplant. Florian Remien hat dessen Standpunkt pragnant wie folgt
zusammengefasst:
„Nicht der islamische Staat fiihrt die Menschen zum Islam und zum
Heil, sondern es soil genau umgekehrt sein, sodas s eine islamische Ge-
202 V. Dschihad heute
meinschaft zur Vollendung ihrer Reislamisierung einen explizit islamischen
Staat schafft. (...) Es muss deshalb zundchst das Terrain bereitet werden,
sodass die Reis lamisierung erfolgreich verlaufen kann, und der teste Weg
hierfur ist eine behutsame Strategie, nach der zunehmend Debatten besetzt
und beherrscht werden sollen, um die islamische Losung so in der gesell-
schaftlichen Mitte zu etablieren. " 160
Wer daher zum Beispiel glaubt, die tiirkischen Islamisten der AKP von
Ministerprasident Erdogan wurden der Demokratie bloB taktische Lippen-
dienste leisten, irgendwann aber die Maske fallen lassen, indem sie offizi-
ell eine Theokratie errichten, konnte sich tauschen: Der politische Islam
zielt auf die Transformation der Gesellschaft, nicht so sehr des Staates. Die
Theokratie wird es als Staatsform in der Tiirkei wahrscheinlich nie geben,
wohl aber als Alltagskultur. Die Freiheit, vom islamischen Regelwerk abzu-
weichen, wird dann mehr und mehr zur Fiktion werden, aber sie wird nicht
— oder nur hilfsweise - durch den Staat zerstort: Die Scharia wird mithilfe
hochst demokratischer Verfahren immer weiter vervollkommnet und der
Staat immer mehr zu einem islamischen - ohne dass es irgendeinen Punkt
gabe, von dem an man sagen konnte, nun sei er aber keine Demokratie
mehr.
Da der Islam wesentlich ein soziales Regelwerk ist, das auf der systema-
tischen sozialen Ausgrenzung und Unterdriickung von Nichtmuslimen (und
auf der sozialen Disziplinierung „schlechter ff Muslime) basiert, kommt er
im Grunde auch ganz ohne Staat aus - wir hatten gesehen, dass die Ver-
nichtung der Dhimmi-Gemeinden dort besonders ziigig vonstatten ging, wo
die Staatsgewalt besonders schwach war. Des Staates bedarf es dabei nur
sekundar, weil die Gesellschaft die Hauptarbeit bereits leistet und lediglich
darauf angewiesen ist, vom Staat nicht gestort zu werden.
Die Demokratie leistet dem Islam aber nicht nur unschatzbare Dienste,
wenn es darum geht, den islamischen Charakter einer bereits mehrheitlich
muslimischen Gesellschaft zu stabilisieren: Auch die Islamisierung einer
noch nicht muslimischen Gesellschaft ist am leichtesten in einem Staats-
wesen zu bewerkstelligen, auf dessen Politik koordiniert handelnde Private
von unten Einfluss nehmen konnen, also eine Demokratie; und der sich in
das Alltagsleben seiner Burger nicht einmischt, also ein liberaler Rechts-
160 Florian Remien, Muslime in Europa: Westlicher Staat und islamische Identitat. Untersuchung zu Ansat-
zen von Yusuf al-Qaradawi, Tariq Ramadan und Charles Taylor (Bonner Islamwissenschaftliche Hefte,
Heft 3) Schenefeld 2007, S. 44 f.
Die Rolle von Gewaltandrohungen 203
Staat. Wie der Islam konkret dessen Schwachen fiir seine Zwecke ausnutzt,
darum geht es in den folgenden Abschnitten.
3. Die Rolle von Gewaltandrohungen
Ich habe oben geschrieben, dass die Methoden der Islamisierung meist legal
sind, urn anzudeuten, dass es einen kleinen, aber fur den Dschihad und seine
Effektivitat unerlasslichen Rest an Illegalitat geben muss.
Als am 7. Juli 2005 Bomben in der Londoner U-Bahn explodierten,
beeilten sich die islamischen Wiirdentrager auf der Insel zwar, sich vom
Terrorismus zu distanzieren. Zugleich aber begann in muslimischen (und
nichtmuslimischen linken) Medien die iibliche Debatte, ob „der Westen",
hier also GroBbritannien, nicht durch seine eigene Politik, insbesondere den
Irakkrieg, den Terror heraufbeschworen habe. Die Episode ist bezeichnend
fiir das Spiel mit verteilten Rollen, das zwischen personlich friedlichen,
gemaBigten Muslimen einerseits und den von ihnen angeblich verurteilten
Extremisten und Terroristen andererseits gespielt wird.
Es ist ja nicht etwa so, dass jeder Muslim ein Terrorist oder sonst ein
Gewalttater ware, oder auch nur damit sympathisieren wurde; es gibt solche
Sympathisanten, und es gibt sie in schwindelerregend hoher Anzahl, aber
sie stellen immer noch eine Minderheit sowohl der im Westen lebenden
Muslime wie der anderthalb Milliarden Muslime weltweit dar. Die Metho-
de, „Furcht in den Herzen der Unglaubigen zu saen", lebt von wenigen,
dafur umso spektakulareren Gewalttaten und -drohungen: die Todes-Fatwa
gegen Salman Rushdie gehort dazu, die Ermordung Theo van Goghs, die
Ermordung von Nonnen nach der Regensburger Papst-Rede, die Angriffe
auf skandinavische Botschaften im Anschluss an die Veroffentlichung von
Mohammed-Karikaturen in Danemark.
Es kommt nicht darauf an, wie viele Muslime sich von solchen Gewalt-
taten ausdriicklich distanzieren - es sind wenige, und deren Distanzierun-
gen klingen ziemlich lauwarm, aber darauf kommt es, wie gesagt, nicht an,
sondern dass der Islam als soziales System mit einem hohen Mafi an Zuver-
lassigkeit solche Gewalttater hervorbringt, indem er die dafur erforderliche
Mentalitat zur gesellschaftlichen Norm erhebt. Entsprechend vorhersagbar
ist, dass Europaer, sofern sie Konflikte vermeiden wollen, dazu neigen wer-
den, islamischen Wunschen entgegenzukommen.
204 V. Dschihad heute
Dabei ist die hohe Gewaltbereitschaft von Muslimen ein Zug, der sich nicht
nur in Terrorismus, nicht nur in Todesfatwas, nicht nur in Pogromen gegen
„Unglaubige" zeigt. Sie zeigt sich auch nicht nur in religiosen und politischen
Zusammenhangen, sondern gehort zum Alltagswissen jedes europaischen
GroBstadtbewohners, der sein Verhalten dementsprechend an dieser Erwar-
tung ausrichtet. Dass die Aufforderung, elementarste Normen zivilisierten Zu-
sammenlebens einzuhalten, todliche Konsequenzen haben kann, wenn man
sie an turkische oder arabische Jugendliche richtet, dariiber machen sich im
Stillen sogar diejenigen keine Illusionen, die offentlich gerne vor dem „Gene-
ralverdacht ?f warnen, unter den man Muslime keinesfalls stellen diirfe.
Wenn eine Drohung schon nicht mehr ausgesprochen werden muss, um
Wirkung zu zeigen, dann ist der Rechtsstaat machtlos, weil er niemanden
dingfest machen kann, den er der rechtswidrigen Notigung bezichtigen
konnte; und das Verhalten von Nichtmuslimen, die vor der latenten und an-
tizipierten muslimischen Gewaltandrohung zuruckweichen, kann schlecht
verboten werden.
Wenn die islamische Gemeinschaft als Ganze in dem Ruf unkalkulierba-
rer Gewalttatigkeit steht, so ist dies aber nicht ein Ergebnis islamfeindlicher
Propaganda, die die Taten Einzelner iiberbewertete, sondern die Schluss-
folgerung, zu der jeder kommen muss, der die Nachrichten wenigstens der
letzten zwanzig Jahre aus aller Welt, seine Erfahrungen mit muslimischen
Migrantengruppen und sein (beim Normalbiirger meist luckenhaftes, aber
nicht unbedingt falsches) Hintergrundwissen liber den Islam zusammen-
fugt. Besonders entlarvend ist aber die Beobachtung derjenigen - meist
linken oder liberalen - Fraktionen der veroffentlichten Meinung, die unab-
lassig die angebliche Friedfertigkeit des Islams betonen, zugleich aber mit
muslimischer Gewalttatigkeit ganz offensichtlich rechnen, durch ihr eige-
nes Verhalten also demonstrieren, dass sie das, was sie sagen, nicht glauben.
Lassen wir offen, worauf diese Schizophrenie - die Gewalttatigkeit einer
Personengruppe zugleich abzustreiten und beim eigenen Handeln einzukal-
kulieren - beruht: ob es sich um den Versuch handelt, kognitive Disso-
nanzen zu vermeiden, die unweigerlich die Folge waren, wenn man sich
bewusst machte, dass zwei Komponenten des eigenen Weltbildes miteinan-
der unvereinbar sind; oder um den - ideologisch motivierten und daher gar
nicht so unbewussten - Wunsch, die westliche Gesellschaft zu zerstoren.
Vielen Muslimen jedenfalls ist aufgefallen, in welchem MaBe die Dro-
hung mit Gewaltanwendung Erfolg verspricht. Man muss keineswegs ein
Die Rolle von Gewaltandrohungen 205
intelligenter Dschihad-Stratege wie Amr Khaled sein, um zu bemerken,
dass die Entschlossenheit der europaischen Staaten, ihr Gewaltmonopol zu
wahren, im Schwinden begriffen ist. Dass man in europaischen Landern
auch fur schwere Vergehen oft nur milde und manchmal gar nicht bestraft
wird, weiB im Grundejeder halbstarke Intensivtater. 161
Immer deutlicher wird auch, dass die Polizei in Migrantenvierteln macht-
los ist. In Stadtteilen wie Berlin-Kreuzberg fiihrt der Versuch, einen Tiir-
ken oder Araber festzunehmen, nicht selten zu Massenauflaufen von deren
Landsleuten. Die Polizei ist dann oft mehr mit der Eigensicherung als
mit der Erfullung ihres Auftrages beschaftigt. Dabei sind diese Falle noch
harmlos im Vergleich zu den StraBenschlachten, die Ende 2005 wochenlang
Frankreich in Atem hielten, und die dadurch ausgelost worden waren, dass
die Polizei lediglich ihre Pflicht getan hatte.
Wir wissen nicht, wie haufig die Falle sind, in denen die Polizei vor der
Wahrnehmung ihrer gesetzlichen Aufgaben zuriickschreckt, um solchen ge-
fahrlichen Situationen zu entgehen. Es ware aber unrealistisch zu glauben,
dass es nicht vorkame, zumal wenn man sich an Falle wie den Duisburger
Flaggenskandal erinnert, 163 als die Polizei wahrend einer Palastinenserde-
monstration gewaltsam in eine Privatwohnung einbrach, um die dort auf-
gehangten, von auBen sichtbaren israelischen Flaggen zu entfernen. Der
Polizeisprecher gab anderentags offen zu, dass dies zur Beschwichtigung
gewaltbereiter Demonstranten geschehen sei, die Anstalten machten, eine
StraBenschlacht zu entfesseln. Die Duisburger Polizei war sogar stolz auf
diesen gelungenen Beitrag zur „De-Eskalation ff und verstand offenbar ganz
ehrlich die offentliche Emporung nicht.
Naturlich fiihrt nicht jede Polizeiaktion in muslimischen Vierteln zwangs-
laufig zu Mobkrawallen im groBen Stil. Aber das Wissen, dass es realistisch
betrachtet dazu kommen kann, begleitet jeden Polizeikommandeur, und ist
ein Gesichtspunkt, den er dort, wo er Ermessensspielraum hat, nicht nur be-
161 Selbstverstandlich wissen es auch die nichtmuslimischen halbstarken Intensivtater, aber die machen nur
zwanzig Prozent der genannten Personengruppe aus -jedenfalls in denjenigen Stadten, in denen solche
Daten, wie in Berlin, iiberhaupt erhoben und nicht aus Griinden der Political Correctness ignoriert werden.
Zur Lage in Berlin vgl. Roman Reusch, Migration und Kriminalitat. Rechtstatsachliche und kriminologische
Aspekte und Losungsansatze fur eine erfolgreiche Integration, Vortrag vor der Hanns-Seidel-Stiftung,
09.12.2007, http://www.hss.de/downloads/071207VortragReusch.pdf
1 A9
Kristian Frigelj, Unter Feinden, in: welt-online, 28.7.2008, http://www.welt.de/welt_print/artic
Ie2255315/Unter-Feinden.html
163 vgl. Duisburg: Zentralrat der Juden wirft Polizei Parteinahme vor, in: Der Westen vom 13.1.2009, http://
www. derwesten.de/nachrichten/nrz/2009/l/12/news-104436297/detail. html
206 V. Dschihad heute
riicksichtigen darfi sondern beriicksichtigen muss. Auch hier ist es die bloBe
Drohung mit Gewalt, die ins Erwartungskalkiil nichtmuslimischer Akteure
(hier also der Polizei) einflieBt und ihrem Verhalten die Richtung weist.
Wenn der Staat unter solchen Umstanden die Politik verfolgt, mehr Mi-
granten - speziell mit tiirkischem oder arabischem Hintergrund - in die Po-
lizei aufzunehmen, 164 weil solche Beamte sich besser in die Mentalitat von
muslimischen Migranten einfuhlen konnten, dann bedeutet das dreierlei:
Erstens dass man der Polizei und ihrem angeblich mangelnden Einfuh-
lungsvermogen die Schuld daran zuweist, dass die Angehorigen ganz be-
stimmter Ethnien iiberdurchschnittlich haufig mit dem Gesetz in Konflikt ge-
raten. Mit anderen Worten: Der Staat hat Gesetzestreue nicht etwa zu fordern
und durchzusetzen, sondern muss Vorleistungen bringen, um Muslime zur
Rechtstreue zu rnotivieren, ja einzuladen. Dass ein Staat, der sich auf diese
Weise seiner Autoritat begibt, als solche auch nicht anerkannt wird, schon gar
nicht von Muslimen, denen von Kindesbeinen an ein ausgesprochen autorita-
res Weltbild beigebracht wird, sollte sich von selbst verstehen. Ebenso kann
es niemanden verwundern, dass diese Rucksichtnahme von den dadurch Be-
giinstigten nicht als maBlos iibertrieben wahrgenommen, sondern, nachdem
sie einmal eingeiibt ist, als selbstverstandliches Recht eingefordert wird.
Zweitens lernen die Betroffenen, dass der Staat erpressbar ist und Gewalt
belohnt, nicht etwa bestraft.
Drittens lernen sie, dass man durch Gewaltanwendung den Staat zwingen
kann, sich der muslimischen - wie nannte es Amr Khaled? - Infiltration zu
offnen.
4. Jugendgewalt
Leider ist die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen islamischer
Religion und Migrantenkriminalitat geben konnte, bisher kaum Gegenstand
wissenschaftlicher Forschung gewesen. Die Kriminalitat von Muslimen -
speziell von muslimischen Jugendlichen — wird als solche allenfalls dort
■•
thematisiert, wo sie terroristischer Natur ist, und geht im Ubrigen in den
Themenkomplexen ,,Jugendkriminalitat" und „Migration ff unter. Freilich
enthalten auch solche Studien bisweilen aufschlussreiches Material:
164 So zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen: Landtag NRW, „Ohne Wenn und Aber". Abgeordnete wollen mehr
Migranten fur den Polizeidienst qualifizieren, in: Landtag intern, 37. Jahrgang, Ausgabe 10 vom 27.9.2006, S. 13
Jugendgewalt 207
Unter Leitung des Kriminologen Christian Pfeiffer erschien im Friih-
jahr 2009 die Studie „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Tater
von Gewalt", 16 in der Tater- und Opfererfahrungen von Schulern der
neunten Klasse erforscht wurden, und in der der ethnische Hintergrund
der Befragten nicht anhand der Staatsangehorigkeit, sondern anhand der
Nationalist bzw. des Geburtsortes der Eltern ermittelt wurde. Die Daten
wurden dann nach zum Teil nationeniibergreifenden Herkunftsregionen
aufgeschlusselt. 166 Fiir unser Thema ist dieser Zugriff zwar unzureichend,
weil man aus der Herkunftsregion nicht immer auf die ethnische bzw.
religiose Zugehorigkeit der befragten Person schlieBen kann. Fiir Mig-
ranten aus den Herkunftsregionen ,,Arabien/Nordafrika" und „Turkei"
lasst sichjedoch im Normalfall unterstellen, dass sie Muslime sind, und
bei den Herkunftsregionen „Afrika" bzw. „ehemaliges Jugoslawien/Al-
banien ff kann zumindest von einem betrachtlichen Anteil an Muslimen
ausgegangen werden. 167
Ich werde zeigen, dass meine Sekundaranalyse von Pfeiffers Studie trotz
der methodischen Unzulanglichkeit eines solch pragmatischen Vorgehens,
deren ich mir selbstverstandlich bewusst bin, zu aussagekraftigen Ergebnis-
senfuhrt. 168
Die Studie ergab unter anderem,
dass Gewaltdelikte rund dreieinhalb mal hdufiger von Nichtdeutschen an
Deutschen begangen werden als umgekehrt, 169
dass ein herausragend hoher Anteil an den nichtdeutschen Gewalttatern
auf die Gruppe der Turken 170 entfallt, 171
165 Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. [im Folgenden abgekiirzt: KFN] (Hg.), Jugend-
liche in Deutschland als Opfer und Tater von Gewalt, Hannover 2009
166 Es handelt sich um die Regionen Turkei, Arabien/Nordafrika, ehem. Jugoslawien/Albanien, Siideuropa,
Osteuropa, Afrika, Asien, Nordamerika, Siidamerika, Nord-/Westeuropa, ehem. Sowjetunion, Polen, Italien.
167 Im Falle der Migranten "jugoslawischer" Herkunft ergibt sich dies nicht zuletzt aus der hohen Anzahl an
bosnischen und kosovarischen Fliichtlingen, die in den neunziger Jahren immigriert sind.
168 Ich fasse hier die Ergebnisse in geraffter Form zusammen. Den Leser, der sie im Detail nachvollziehen
mochte, verweise ich auf den entsprechenden Artikel in meinem Blog: http://www.korrektheiten.
com/2009/03/25/islam-und-kriminalitaet/
169 10,4% gegen 36,2 % aller Gewalttaten, vgl. ebd. S. 45
1 "7A
Damit sind, entsprechend dem Untersuchungsdesign der Studie, Personen mit turkischem Migrationshin-
tergrund gemeint, ungeachtet ihrer Staatsangehorigkeit; Entsprechendes gilt fiir die iibrigen Nationalitatsbe-
zeichnungen, soweit ich mich auf Pfeiffers Studie beziehe.
6,0 % der Stichprobe, aber 23,8 % der Gewalttater; zum Vergleich die Werte der Deutschen: 73,0 % der
Stichprobe, 54,5 % der Gewalttater.
208 V. Dschihad heute
- dass bei sexueller Gewalt der Anteil turkischer Tater urn mehr als das
Doppelte, der von „Jugoslawen" urn genau das Doppelte iiber dem je-
weiligen Anteil an der Stichprobe liegt. (Die Bedeutung sexueller Gewalt
wird im folgenden Abschnitt vertieft erortert.)
Interessante Befunde ergeben sich auch beim Thema „Gewalt in der
Schule ff :
Wahrend das Risiko eines Migranten, monatlich mehrfach zum Opfer von
Gewalt zu werden, vom Migrantenanteil an der Klasse praktisch unabhangig
ist, steigt es fur Deutsche bei wachsendem Migrantenanteil signifikant an.
Interessant ist die ethnische Zusammensetzung von Tatern bzw. Opfern
in der Schule:
„ Schliefilich belegen die ... dargestellten Ergebnisse einen Zusammen-
hang zwischen dem Migrations hintergrund und der Opferwerdung in der
Schule. Am hdufigsten berichten Schiller aus Nordamerika darilber, dass
ihnen andere Schiller Gewalt angetan haben. Besonders niedrige Quoten
werden dagegen von den Befragten aus der Turkei, dem ehemaligen Jugo-
slawien, aus arabischen und nordafrikanischen und sildamerikanischen
Herkunftslandern berichtet Tilrkische Jugendliche berichten darilber hin-
aus auch am seltensten ilber Mobbing durch andere Schiller. Da diese Ju-
gendlichen auch durch hohe Tdterraten gekennzeichnet sind..., ist zu ver-
muten, dass die niedrigen Opferraten dadurch zustande kommen, dass sie
bei anderen Jugendlichen als gewalttdtig gelten und bekannt ist, dass sie bei
verbalen oder korperlichen Attacken nicht selten massiv zuriickschlagen." 174
Kombiniert man diese Information mit der, dass das Opferrisiko fur
Deutsche, nicht aber fur Migranten, umso hoher liegt, je geringer ihr Anteil
an der Klasse ist, so drangt sich der Schluss auf, dass diejenigen Migranten-
gruppen, die ein besonders geringes Opferrisiko haben, dies nicht nur ihrer
hohen Gewaltbereitschaft verdanken, sondern auch ihrer Gruppensolidari-
tat. Auffallend ist, dass drei der vier genannten Gruppen ganz oder teilweise
aus Muslimen bestehen.
Bei der Analyse der allgemeinen (nicht schulspezifischen) Kriminalitat,
und zwar der Zusammenhange zwischen Deliktstypen und Migrationshin-
tergrund (aus der Taterperspektive) kommt Pfeiffer zu folgendem Befund:
172 KFN, a.a.O., S. 43
173 ebd. S. 63
174 ebd. S. 62; auch die einschlagigen Tabellen befinden sich auf dieser Seite
Jugendgewalt 209
„Betrachtet man die herkunftsspezifischen Tdterraten [Anteil der Tater
an alien Befragten der jeweiligen Gruppe, M.K.-H.] fur die einzelnen De-
likte, so fdllt auf dass junge Tiirken die niedrigste Ladendiebstahls quote
aufweisen, bei den Raubtaten aber an dritter Stelle stehen. Offenbar geht es
ihnen bei dieser gewaltsamen Wegnahme von Gegenstanden haufig eher um
die Demonstration von Durchsetzungsstdrke und nur in zweiter Linie um
1 1^
das Diebstahls element der Tat.
Pfeiffers Studie enthalt an dieser Stelle ein starkes statistisches Indiz da-
fur, dass ein - vielfach wahrgenommenes, aber bisher empirisch nicht be-
legtes - Phanomen speziell dort auftritt, wo der lokale Anteil von Muslimen
an der Bevolkerung eine gewisse Schwelle uberschreitet: namlich die Sorte
von Gewaltandrohung und Gewaltkriminalitat, die ganz offensichtlich nicht
ein verwerfliches Mittel zu einem auch fur Einheimische nachvollziehbaren
Zweck ist, sondern Selbstzweck zu sein scheint. Selbst dort, wo - wie beim
„Abziehen" von Kleidung, Geld oder Handys - die Habgier auf den ersten
Blick eine Rolle zu spielen scheint, entpuppt sich die Freude an der Ernied-
rigung des Bestohlenen oder Geschlagenen haufig als das Haupt- oder doch
ein wichtiges Nebenmotiv der Tater.
Hier geht es nicht einfach um Gewalt schlechthin, sondern um sadisti-
sche Gewaltanwendung, das heifit an einer Form von Gewaltanwendung,
die der Demonstration von Macht dientl
Pfeiffers Studie deutet daraufhin, dass eine ganz bestimmte Art von Ge-
sellschaft, namlich die muslimischen Parallelgesellschaften, regelmaBig
einen Charaktertypus hervorbringt, der gerade zu dieser Art von Gewalt-
anwendung neigt.
Bei der Frage nach den Ursachen fur Gewalttatigkeit und deren unter-
schiedliches Niveau in verschiedenen Migrantengruppen stellt Pfeiffer fest:
„Eine bedeutende Urs ache fur die bei Migrantenjugendlichen starker
verbreitete Gewalttatigkeit liegt in den ... Gewalt legitimierenden Mann-
lichkeitsnormen. Hierbei handelt es sich um normative Orientierungen bzw.
Wertorientierungen, deren kultureller Ursprung in historisch gewachsenen,
sozialgeogr aphis chen Bedingungen bestimmter Herkunfts lander von Mig-
ranten liegt. Insbesondere bei der inner familiar en Sozialisation von Jungen
wird daraufgeachtet, dass sie auf den Erhalt ihrer Ehre bedacht sind und
diese ohne Zogern (auch unter Anwendung von Gewalt) verteidigen. Diese
175 ebd. S. 70, Hervorhebung von mir, M. K.-H.
210
V. Dschihad heute
Normen werden ihrerseits selbst iiber die Anwendung von Gewalt in der
Erziehung vermittelt, sodass in den Familien mit starken Mdnnlichkeitsnor-
men tendenziell auch ein hohes Gewaltausmafi herrscht. "
Die Geltung gewaltlegitimierender Mannlichkeitsnormen wurde gemes-
1 77
sen an der Zustimmung zu folgenden Aussagen: „Einem Mann als Fa-
milienvater miissen Frau und Kinder gehorchen
Wenn eine Frau ihren
Mann betriigt, darf der Mann sie schlagen", „Ein Mann sollte bereit sein,
Frau und Kinder mit Gewalt zu verteidigen", „Ein Mann, der nicht be-
reit ist, sich gegen B eleidigungen zur Wehr zu setzen, ist ein Schwachling",
„ Der Mann ist das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls auch mit
Gewalt durchsetzen", „Mannern sollte es erlaubt sein, Schusswaffen zu
besitzen, um ihre Familie und ihr Eigentum zu schutzen", „Ein richtiger
Mann ist bereit zuzuschlagen, wenn jemand schlecht iiber seine Familie
redet", „Ein richtiger Mann ist stark und beschiitzt seine Familie" m
Der quantitative empirische Befimd fallt demgemaB wenig iiberraschend
aus. Setzt man die Rate der Zustimmung zu gewaltlegitimierenden Mann-
lichkeitsnormen unter den befragten Jungen in Beziehung zu ihrer Her-
kunft 179 und ordnet die Herkunftslander nach dem MaB der Zustimmung, so
erhalt man dieses Bild:
Arabien/Nordafrika
Turkei
ehem. Jugoslawien/Albanien
Sudeuropa
Osteuropa
ehem. Sowjetunion
Polen
Italien
Nordamerika
Sudamerika
Asien
Afrtka
Nord-/Westeuropa
Deutschland
10
15
20
25
30
176
177
ebd. S. 71
Die Befragten sollten Zustimmung bzw. Ablehnung mit Zahlen von 1 („stimmt nicht") bis 4 („stimmt genau")
zum Ausdruck bringen. Als Zustimmung zum Gesamtkomplex der gewaltlegitimierenden Mannlichkeitsnormen
gait ein Durchschnitt groBer als 3,0. Die Zustimmung zu einzelnen Statements geniigte also keineswegs.
178
179
ebd., FuBn. 32, S. 71
gemaB Daten ebd. S. 72
Jugendgewalt 211
Also drei deutlich unterscheidbare Gruppen: An der Spitze drei durch-
weg oder teilweise muslimische Migrantengruppen mit Zustimmungsraten
von 20-25%; dann mit weitem Abstand eine Mittelgruppe mit Raten von
8-13%, katholisch bzw. orthodox (nur Nordamerika ist ein kleiner Ausrei-
Ber), schlieBlich eine Gruppe mit Raten von 4,9-6,6%, mit einem hohen
1 80
Anteil von Protestanten, Buddhisten, Konfuzianern und Animisten. Es
besteht offenkundig ein Zusammenhang zwischen Religionszugehorigkeit
und der Bejahung gewaltlegitimierender Mdnnlichkeitsnormen, und diese
1 O 1
Bejahung ist bei weitem am ausgepragtesten beiMuslimen!
Pfeiffer nennt innerfamiliare Gewalt als Ursache fur gewalttatiges Ver-
halten von Jugendlichen und als Mittel zur Vermittlung von gewaltlegiti-
mierenden Mannlichkeitsnormen und untersucht das AusmaB der Miss-
handlung der befragten Kinder und Jugendlichen. Wieder liegen die Turkei,
Arabien/Nordafrika und das ehemalige Jugoslawien an der Spitze, zum Teil
gemeinsam mit Afrika. Auch bei der Behandlung von Kindern und Jugend-
lichen bewahrt sich die Faustregel: je muslimischer, desto gewalttatiger:
Kindesmisshandlung (Prozent der Befragten, die angaben, in ihrer Kind-
heit misshandelt worden zu sein):
Afrika
Turkei
Arabien/Nordafrika
ehem. Jugoslawien
Asien
Italien
Osteuropa
ehem. Sowjetunion
Polen
Nord-A/Vesteuropa
Sudeuropa
Sudamerika
Nordamerika
Deutschland
5 10 15 20
1 RO
Ich vermute, dass das Bild (insbesondere bei den religios gemischten Herkunftsregionen „Asien" und „ehem.
Jugoslawien/Albanien" noch deutlicher wiirde, wenn man direkt nach der Religionszugehorigkeit gefragt hatte.
181 Nur Pfeiffer tut so, als hatte er es nicht bemerkt und versteckt den auf der Hand liegenden Befund in
Formulierungen wie „Wertorientierungen, deren kultureller Ursprung in historisch gewachsenen, sozialgeo-
graphischen Bedingungen bestimmter Herkunftslander von Migranten liegt".
212 V. Dschihad heute
Misshandlung von Jugendlichen:
Turkei
ehem. Jugoslawien
Arabien/Nordafrika
Italian
Afrika
Asien
Pol en
ehem. Sowjetunion
Osteuropa
Nord-A/Vesteuropa
SCideuropa
Sudamerika
Nordamerika
Deutschland
2 4 6 8 10 12
Pfeiffers Theorie, wonach es einen Zusammenhang zwischen familiarer
Gewalt und der Bejahung gewaltlegitimierender Mannlichkeitsnormen ei-
nerseits, zwischen diesen Normen und Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen
andererseits gibt, ist damit bestatigt (wissenschaftstechnisch: nicht falsifi-
ziert) worden.
Dasselbe gilt freilich fur meine Hypothese, dass es einen Zusammen-
hang zwischen alien drei Faktoren und der islamischen Kultur gibt: Alle
drei Tabellen illustrieren die Tendenz: je islamischer, desto gewalttatiger; je
1 80
christlicher, desto weniger gewalttatig.
Pfeiffer zieht es vor, den Zusammenhang zwischen „Migrationshinter-
grund ?f schlechthin und Kriminalitat zu beleuchten und gelangt 183 zu dem
Ergebnis, „dass sich ein Migrations hintergrund per se bei Einbezug der
vermittelnden Variablen (erlebte Elterngewalt, Zustimmung zu Gewalt le-
gitimierenden Mannlichkeitsnormen, Besuch einer Haupt- oder Forder-
schule, Inanspruchnahme staatlicher Leistungen) nicht mehr signifikant
182 Pfeiffer thematisiert den eventuellen Zusammenhang von Religionszugehorigkeit und Kriminalitat, wie
gesagt, nicht, obwohl seine eigenen Daten einen solchen Zusammenhang nahelegen. Selbst ohne Einbezie-
hung des Faktors „Religion" aber hatten mindestens die krassen Unterschiede im Kriminalitatsprofil von
Migranten unterschiedlicher geographischer Herkunft nach einer Erklarung verlangt - ganz unabhangig
davon, ob man diese Erklarung nun im Bereich der Religion suchen will oder nicht.
183 bei seinem Erklarungsmodell fur Mehrfachtaterschaft, ebd., S. 85
Jugendgewalt 213
erhohend auf die Wahrscheinlichkeit der Mehrfachtdterschaft auswirkt.
Der in bivariaten Analysen noch sehr deutliche Zusammenhang zwischen
Migration und Gewalttdterschaft ist also in iiberwiegendem Mafie durch
die Bedingungen vermittelt, unter denen Migranten aufwachsen und
leben." 1 * 4
Indem er nur auf den Migrationshintergrund als solchen abhebt, bleiben
die kulturellen und religiosen Besonderheiten verschiedener Migranten-
gruppen von vornherein ausgeblendet.
Von den vier Faktoren, die Pfeiffer als entscheidend fur die Mehrfach-
taterschaft auffuhrt, haben wir zwei, namlich die elterliche Gewalt und die
Zustimmung zu gewaltlegitimierenden Mannlichkeitsnormen, als typisches
Kennzeichen muslimischer Migrantenmilieus nachweisen konnen. Wie
steht es mit den beiden anderen?
Abhangigkeit von Sozialleistungen:
Arabien/Nordafrika
Afrika
Turkei
Jugoslawien/Albanien
ehem. Sowjetunion
Nordamerika
Asien
Italien
Sudeuropa
Polen
Osteuropa
Sudamerika
Nord-AA/esteuropa
Deutschland
5 10 15 20 25 30 35 40 45
Wieder einmal die schon vertraute Spitzengruppe, diesmal erganzt um Afrika
184 ebd., S. 85 f.
214 V. Dschihad heute
Besuch von Haupt- oder Forderschulen:
185
Libanon
ehem. Jugoslawien/Albanien
Turkei Pi
Irak I
Marokko
Griechenland
Italien
Portugal
ehem. SU
USA
Spanien
G8
Frankreich
Poien
Rumanien
Niederiande
Afghanistan
6sterreich
Deutschland
Iran
Vietnam
10 20 30 40 50 60 70 80
Und auch hier finden wir das einschlagige Muster. 186
Aus alldem ergibt sich selbstverstandlich noch kein Beweis, dass gera-
de der Islam die entscheidende Ursache dafiir ist, dass das kriminalitats-
begiinstigende Syndrom aus den vier genannten Faktoren unter muslimi-
schen Migrantengruppen so deutlich hervortritt. Theoretisch konnte dieser
Umstand auch auf ganz anderen Faktoren basieren oder reiner Zufall sein.
Setzen wir jedoch das hier empirische beobachtete Verhalten muslimischer
Jugendlicher in Beziehung zu dem, was wir uber das System der kulturellen
Selbstverstandlichkeiten wissen, so ist die Vermutung eines kausalen Zu-
sammenhangs praktisch unabweisbar:
Erinnern wir uns an die Analyse des Korans und der ihm zugrunde lie-
genden impliziten Normen, Werte und Aussagen; halten wir uns nochmals
vor Augen, dass diese das Grundgeriist der islamischen Kultur darstellen,
185 nach Herkunftslandern; merkwiirdigerweise nicht nach Herkunftsregionen wie in den anderen Tabellen;
eine Erklarung dafiir liefern die Autoren leider nicht.
Zwei AusreiBer gibt es: Die Werte von Afghanen und Iranern liegen im Bereich derer von Deutschen und
Osterreichern. Man muss dazu wissen, dass Immigranten iranischer bzw. afghanischer Herkunft sehr haufig
aus politischen Griinden nach Deutschland geflohen sind, konkret aus Gegnerschaft zur Herrschaft von Isla-
misten: der Theokratie im Iran und der Taliban in Afghanistan. Angehorige intellektueller Eliten mit einer
gewissen kritischen Distanz zum Islam diirften daher unter Muslimen iranischer und afghanischer Herkunft
uberreprasentiert sein.
Jugendgewalt 215
und dass in Gesellschaften, die auf ihnen beruhen, zumindest der Theorie
nach unter anderem folgende Normen und Werte gelten miissten:
- Die Fahigkeit, anderen Gewalt anzutun, gilt als Beweis fur moralische
Uberlegenheit.
- Gewaltanwendung hat demgemaB hohen Prestigewert.
- Sofern der Gegner kein Muslim ist, sind Muslime zur Gruppensolidaritat
verpflichtet.
- Nichtmuslimen gegeniiber ist Gewalt als Machtdemonstration nicht nur
erlaubt, sondern geboten.
- Frauen und ihre Sexualitat miissen von Mannern kontrolliert werden.
- Frauen, die sich nicht der Kontrolle unterwerfen, sind Freiwild: Die eige-
nen sind zu ziichtigen, die fremden diirfen vergewaltigt werden.
- Selbstkritik ist Schwache, Kritik ist Siinde, wer logisch argumentiert, ist
ein Haretiker, oder kurz: Bildung ist unislamisch.
- Nichtmuslime diirfen ohne weiteres beraubt werden, und es ist nicht un-
moralisch, ohne Gegenleistung von den Fruchten ihrer Arbeit zu leben.
Wir haben des Weiteren festgestellt, dass dieses zunachst rein theore-
tisch postulierte islamische Einstellungssyndrom empirisch exakt mit dem
Verhalten korrespondiert, das muslimische speziell gegeniiber nichtmus-
limischen Gesellschaften in der gesamten islamischen Geschichte gezeigt
haben.
Ich spreche von einem „Syndrom", um deutlich zu machen, dass wir es
nicht mit einzelnen Werten und Normen zu tun haben, die sozusagen nur
zufallig in islamischen Gesellschaften gleichzeitig auftreten, sondem dass
sie miteinander zusammenhangen. In den Analysen des Korans und der his-
torischen Islamisierungsprozesse habe ich gezeigt, dass der gemeinsame
Fluchtpunkt dieser Normen und Werte der Gedanke des Dschihad, also der
Zerstorung nichtislamischer Religionen und hierzu aller nichtmuslimischen
Gesellschaften ist.
Vergleichen wir nun jeden einzelnen der genannten Punkte mit den
Ergebnissen von Pfeiffers Studie zur Jugendkriminalitat, und lesen diese
Studie unter diesem Gesichtspunkt, dann erkennen wir, dass genau dieses
216 V. Dschihad heute
Syndrom als handlungsleitendes Normensystem unter Jugendlichen mit is-
lamischem Hintergrund in Deutschland wirksam ist*
5. Sexuelle Gewalt
Kehren wir zuriick zu den gewaltlegitimierenden Mannlichkeitsnormen,
die von Muslimen offenkundig so viel entschiedener bejaht werden als von
Nichtmuslimen, und betrachten hier vor allem diejenigen Statements, bei
denen es urn das Verhaltnis von Mannern zu Frauen geht:
„Einem Mann als Familienvater miissen Frau und Kinder gehorchen."
„ Der Mann ist das Oberhaupt der Familie unddarfsich notfalls auch mit
Gewalt durchsetzen."
„ Wenn eine Frau ihren Mann betriigt, darfder Mann sie schlagen. "
, f Ein Mann sollte bereitsein, Frau und Kinder mit Gewalt zu vert eidigen. "
„Ein richtiger Mann ist bereit zuzuschlagen, wennjemandschlechtiiber
seine Familie redet. "
„Ein richtiger Mann ist stark und beschiitzt seine Familie. "
Vier Motive spielen also im Verhaltnis des Mannes zur Frau eine wesent-
liche Rolle: Die Frau ist Gegenstand von
- Schutz- und Fursorgepflichten des Mannes,
- Besitzanspriichen,
- Gehorsamsforderungen,
- Ehrbegriffen.
Wie ich schon bei der Analyse des Korans angemerkt habe, handelt es
sich hierbei um ein in vielen Kulturen, nicht nur der islamischen, tradiertes
Rollenverstandnis. Spezifisch islamisch sind die Intensitat und die weite
Verbreitung dieses Machismo, sowie die Hartnackigkeit, mit der muslimi-
sche Gemeinschaften auch dann an ihm festhalten, wenn sie in der westli-
chen Diaspora leben, also mit modernen Lebenswelten und ihrem starker
partnerschaftlich orientierten Geschlechterverhaltnis konfrontiert sind.
Der Grund fur diese islamische Besonderheit, auch dies ist deutlich ge-
worden, ist darin zu suchen, dass gerade dieser Themenkreis im Koran be-
sonders ausfuhrlich behandelt wird; dass er in einem funktionalen Zusam-
* Kurz vor Erscheinen dieses Buches veroffentlichte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter Leitung von
Christian Pfeifer eine neue Studie unter dem Titel „Religion, Integration und Delinquenz junger Menschen in Deutschland",
die sich explizit mit dem Zusammenhang von Religiositat und Kriminalitat befasst. Diese Studie, die fur das vorliegende Werk
nicht mehr beriicksichtigt werden konnte, bestatigt das Ergebnis der hier vorgelegten Analyse, dass zwischen islamischer
Religiositat und der Neigung zu Gewaltkriminalitat bei Jugendlichen ein Zusammenhang besteht.
Sexuelle Gewalt 217
menhang zu der zentralen koranischen Norm des Dschihad steht; und dass
er deshalb starker als in anderen Kulturen religios aufgeladen ist.
Der muslimische Mann, der seine Frau als Eigentum betrachtet und be-
handelt, der sie kontrolliert und gegebenenfalls auch schlagt und sogar totet,
handelt damit nicht nur im eigenen Interesse, sondern zugleich als Agent
der islamischen Umma, die dieses Verhalten billigt, fordert, deckt und un-
terstiitzt, weil die Frau, die das Eigentum ihres Mannes ist, damit zugleich
im Dienste der Gemeinschaft steht. Der Mann, gleichsam Stellvertreter Al-
lahs auf Erden, sorgt dafiir, dass die Frau gar nicht erst auf die Idee kommt,
sie konne womoglich sich selbst gehoren.
Muslimische Frauen, die den fur sie geltenden Verhaltenskodex beach-
•■
ten - Verschleierung, moglichst weitgehender Ruckzug aus der Offentlich-
keit, strikte Vermeidung jeder „kompromittierenden ff Situation — , zeigen
dadurch nicht nur ihre eigene Unterwerfung unter die Gebote des Islam an,
sondern denunzieren auch diejenigen ihrer Geschlechtsgenossinnen, die
dies nicht tun, als Feindinnen Allahs, deren Bestrafung mithin ein religioses
Gebot ist und von jedem muslimischen Mann vollzogen werden kann.
Pakistan ist nur ein in unseren Augen besonders libel beleumdetes, aber
keineswegs das einzige Beispiel fur ein islamisches Land, in dessen Ge-
fangnissen Tausende von Frauen sitzen, deren einziges Vergehen darin be-
steht, vergewaltigt worden zu sein! ni Wir haben es hier wieder einmal mit
jener Doppelbodigkeit des islamischen Rechts zu tun, die uns schon im
Zusammenhang mit der Rechtsstellung der Dhimmis aufgefallen ist, und
bei der eine offiziell geltende Rechtsnorm ihre eigene Umgehung bereits
enthalt:
Selbstverstandlich ist Vergewaltigung auch nach islamischem Recht un-
tersagt, aber die Frau, die behauptet, vergewaltigt worden zu sein, muss
vier (!) Augenzeugen (!) beibringen, die bestatigen, dass sie den Geschlechts-
verkehr nicht freiwillig vollzogen hat - eine Regelung, die den Nachweis
einer Notzucht bis zur Unmoglichkeit erschwert, durch die aber die Anzeige
einer Vergewaltigung sich in eine Selbstbezichtigung verwandelt:
Eine Frau, die behauptet, vergewaltigt worden zu sein, gibt damit den
Geschlechtsverkehr als solchen zu. Kann sie nicht beweisen, dass sie ge-
zwungen wurde, gilt er als von ihr gewollt, sie selbst also des Ehebruchs
1 R7
„Menschenrechtsorganisationen schatzen, dass die Mehrheit der 7000 weiblichen Haftlinge in pakistani-
schen Gefangnissen wegen ,Ehebruch' hinter Gittern sind." Dorothea Hahn, Das Leid der Frau: Ein Bestsel-
ler, in: taz, 24.1.2006
218 V. Dschihad heute
bzw. des nichtehelichen Geschlechtsverkehrs fur schuldig. Anders ausge-
driickt: Vergewaltigte Frauen genieBen de facto keinerlei Rechtsschutz. 188
Die Drohung mit Vergewaltigung schwebt unter solchen Umstanden wie
ein Damoklesschwert uber alien muslimischen Frauen, und sie konnen die-
ses Risiko nur durch strenge Beachtung des islamischen Verhaltenskodexes
halbwegs im Zaum halten. Dies gilt keineswegs nur fur Lander, in denen
das islamische Recht offiziell angewendet wird. Da die Normen religios be-
griindet sind, beeinflussen sie als Wertmuster das Verhalten sehr vieler Mus-
lime, einschlieBlich Polizeibeamten, die sich selbst in angeblich sakularen
Staaten schon einmal weigern, Anzeigen wegen Vergewaltigung uberhaupt
zu bearbeiten. Sie gelten selbst in Landern wie Frankreich.
Die Welt ist erst mit den Krawallen 2005 darauf aufmerksam geworden,
dass die Banlieues franzosischer Stadte Zonen sind, in denen der Staat fak-
tisch nicht mehr existiert, und in denen das Gesetz der franzosischen Repu-
blik kaum mehr als eine Fiktion ist. Dabei hatte man schon vorher wissen
konnen, ja miissen, dass die iiberwiegend muslimischen Bewohner dieser
Vorstadte sich langst ihr eigenes Gesetz geschaffen haben und mit brutaler
Gewalt fur seine Einhaltung sorgen:
Im Jahre 2002 erschien der Erlebnisbericht „Dans l'enfer des
tournantes ?f189 („Tournante" ist ein Slangausdruck fur eine Gruppenverge-
waltigung), verfasst von der damals 29-jahrigen algerischstammigen Sami-
ra Bellil, die seit Ende der achtziger Jahre Dutzende Male in ihrer Nachbar-
schaft von muslimischen Jugendbanden vergewaltigt worden war.
Das ,,Time"-Magazin schreibt dazu:
„ Manner in der Banlieue konnen durchaus den Lebensstil anderer fran-
zosischer Jugendlicher ubernehmen — Popmusik, schnelle Autos und Por-
nographie — aber sie ubernehmen auch haufig die traditionellen Vorurteile
ihrer eingewanderten Eltern, wenn es um Frauen geht: Ein Nachbarmad-
chen, das raucht, Make-up benutzt oder sich attraktiv kleidet, ist eine Hure.
Bellils Angreifer hatten es aufsie abgesehen, weil sie sich kleidete, wie es
ihr gefiel, Umgang mit Mannern pflegte undgerne tanzte — aufierdem hatte
sie eine Romanze mit einem anderen Teenager begonnen. Aufgrundder Tat-
sache, dass an den meisten Vergewaltigungen Personen beteiligt sind, die
dem Opfer bekannt sind, geniigt oft schon Einschiichterung, um sicherzu-
Hasan Mahmud, How Sharia Law Punishes Raped Women, in: FrontPageMagazine.com,
17. 11.2008, http://frontpagemagazine.com/readArticle. aspx?ARTID=33098
Samira Bellil, Dans l'enfer des tournantes, Paris 2003
Sexuelle Gewalt 219
stellen, dass niemals Anzeige erstattet wird. , Opfer wissen, dass die Polizei
sie nicht schiitzen wird', sagt Bellil, ,und sowohl sie als auch ihre Familien
werden bedroht, wenn sie sprechen. '
Das Trauma der Uberfalle wurde durch die Reaktion von Bellils F ami-
lie, Freunden und Nachbarn noch verschlimmert, die sagten, sie hatte die
Uber griff e durch ihren eigenen , locker en LebenswandeV heraufbeschwo-
ren. ,Dein Ruf ist wichtig in den Sozialbausiedlungen' , schreibt Bellil, ,er
folgtDir uber all hin. Bin Madchen kann als Flittchen oder Schlampe selbst
dann gebrandmarkt werden, wenn es gar nichts Unrechtes getan hat. "' 190
Und man muss hinzufugen, dass ein Madchen, das einmal vergewaltigt
worden ist, immer wieder und ohne Unrechtsbewusstsein des Taters verge-
waltigt werden darf. Was bei der Vergewaltigung verletzt wird, ist ja nicht
das Personlichkeitsrecht, die Autonomie und die korperliche Unversehrtheit
des Opfers - wie wir „Unglaubigen" den Unrechtsgehalt einer Vergewalti-
gung definieren wurden — , sondern das Besitzrecht von dessen Familie, also
das Recht auf die Jungfraulichkeit der Tochter, die Familienehre. Beide sind
mit der ersten Vergewaltigung ohnehin zerstort, und auf ihre Verletzung
kommt es dann nicht mehr an.
Christopher Caldwell schreibt: „ Unter dem Einfluss des Islam, hat sich
ein reaktionarer Machismo nicht nur als Tatsache, sondern als herrschende
Ideologic etabliert. In einem ausfuhrlichen investigativen Artikel uber die
Sozialbausiedlungen von Lyon zitiert die Figaro-Journalistin Marie-Estelle
Pech einen Lehrer an einer offentlichen Schule mit den Worten: ,Einjunges
Madchen, das die Lehren des Islam respektiert, kann nicht neben Jungs
sitzen. ' Diese Trennung von Jungen und Madchen hat sich laut Hugues
Lagrange vom Nationalen Zentrumfur Sozialwissenschaftliche Studien auf
viele andere Aspekte des Lebens ausgedehnt. Pechs Gesprachspartner sag-
ten ihr, dass ein Madchen, das ein Kleid oder andere schicke westliche Klei-
dung tragi, ,darum bittet'. Und oft kriegt sie es auch. Die alarmierendsten
Geschichten in Pechs Untersuchung betrafen die tournantes, Gruppenver-
gewaltigungen. Madchen, denen, aus welchem Grund auch immer, der Va-
ter oder Bruderfehlt, der sie beschiitzen kann, werden von ihren Freunden
an andere Bandenmitglieder ausgeliehen. " 191
190 Crumley, Bruce/Smith, Adam, Sisters in Hell, in: tine.com, 24.1 1.2002, http://www.time. com/time/euro
pe/magazine/2002/1202/crime/bellil.htm, Ubersetzung von mir, M.K-H.
191 Christopher Caldwell, Allah mode, France's Islam Problem, in: Weekly Standard, 15.7.2002, http://www.
weeklystandard.com/Content/Public/Articles/000/000/001/435tebxi. asp ?pg=l, Ubersetzung von mir, M.K.-H.
220 V. Dschihad heute
Was kann ein Madchen, das in einem solchen Viertel groB wird und
von solchen Fallen hort — denn natiirlich sprechen sie sich herum, und seit
dem Aufkommen der Fotohandys werden Bilder dieser Verbrechen auch
ins Internet gestellt -, anders tun, als sich dem islamischen Verhaltensko-
dex anzupassen? Was kann eine Familie, die in einer solchen Gegend ihre
Tochter groBzieht, anderes tun als dieser Tochter die islamischen Normen
einzubleuen?
Diese Zustande in den franzosischen Vorstadten illustrieren besonders
anschaulich einige Charakteristika des Islam als eines sozialen Systems:
Dieses System ist nicht darauf angewiesen, dass die Muslime besonders
glaubig sind: Man beachte das Verhalten der Familie, die keineswegs be-
sonders fromm ist, aber trotzdem die Tochter und ihr unislamisches Ver-
halten fur die an ihr veriibten Verbrechen verantwortlich macht. Auch die
Tater sollten wir uns nicht als idealistisch gesinnte Streiter fur Allah vor-
stellen (obwohl einige es moglicherweise sogar sind), sondern als genau
das, was sie zu sein scheinen. Trotzdem leben sie ganz offenbar nicht in der
Vorstellung, gesellschaftliche Normen ubertreten zu haben, und halten sich
mitnichten fur Verbrecher.
In der Tat haben sie die islamischen Normen auch nicht verletzt, jeden-
falls nicht ihrem Sinn und Zweck nach, und sie werden in dieser Sichtweise
von einer (Parallel-)Gesellschaft bestatigt, die die Opfer zu Tatern erklart.
Hier wird auf besonders grausame Art deutlich, wie dieses Recht funktio-
niert, das nicht etwa den Menschen schutzt, sondern Allah und die angeb-
lich von ihm errichtete Ordnung. Wer diese Ordnung missachtet, ist nach
islamischer Auffassung automatisch im Unrecht!
Diese Logik ist der Grund dafiir, warum es uns so erscheint, als wiirden
Muslime standig Opfer und Tater verwechseln: beim hier genannten Bei-
spiel der Vergewaltigung ist dies genauso der Fall wie bei „Ehrenmorden ff ,
bei Terroranschlagen gegen den Westen, speziell gegen Israel, bei der Er-
mordung von Islamkritikern usw. Die Nichtbeachtung von Verschleierungs-
geboten, die Griindung eines nichtmuslimischen Staates (namlich Israels)
im Dar al-Islam, iiberhaupt die taglich erfahrbare Uberlegenheit der westli-
chen Zivilisation, erst recht die angebliche Beleidigung des Islam, kurzum:
alles was islamischen Ordnungsprinzipien zuwiderlauft, gilt als strafwiirdi-
ges Unrecht, und jeder Muslim ist grundsatzlich berechtigt, zum Teil auch
verpflichtet, die „ Strafe " in die eigene Hand zu nehmen. Ein Ehrenmord,
eine Vergewaltigung, ein Bombenanschlag, ein Meuchelmord konnen
Sexuelle Gewalt 221
durchaus Mittel sein, die Verletzung der gottlichen Ordnung zu siihnen und
das gottliche Recht wiederherzustellen, und dies selbst dann, wenn die An-
wendung dieser Mittel im Einzelfall ihrerseits gegen islamisches Recht ver-
stoBt. Ob das so ist, konnen dann notfalls die Gelehrten klaren, aber aufier
Frage steht, dass die unverschleierte Frau, die westliche GroBmacht, der
Islamkritiker als Primary erursacher der an ihnen veriibten „Vergeltung" zu
gelten haben, die Mittel dieser Vergeltung dagegen schlimmstenfalls - wenn
iiberhaupt - als missbilligenswerter Ubereifer bei der Verfolgung an sich
begriiBenswerter Ziele.
Fiir uns ist es gewiss gewohnungsbediirftig, dass ein Rechtssystem Ge-
walttaten legitimieren kann, die in unseren Augen Verbrechen sind. Dies
rechtfertigt aber nicht die Naivitat zu glauben, an dieser Tater-Opfer-Um-
kehr mit Argumenten, mit Appellen an die Menschlichkeit, mit „Dialog",
mit Propaganda etwas andern zu konnen.
Aufgrund der im Westen weit verbreiteten Unfahigkeit, den religiosen Ur-
sprung sozialer Wertvorstellungen - auch der eigenen - zu durchschauen, ver-
stehen viele Menschen nicht, dass die islamische Definition von Recht - als
einer ewigen gottlichen Rechtsordnung - und demgemaB auch die von „Un-
recht ,f eine prinzipiell andere ist als die westliche, und dass sie wegen ihrer
religiosen Grundierung auch nicht zur Disposition stehen kann. Wie im ersten
Kapitel ausgefuhrt: Westliches Recht ist reflexives Recht, islamisches nicht.
Das soziale System „Islam" also nicht darauf angewiesen, dass eine
Mehrheit der Muslime besonders fromm ist; die allgemeine Akzeptanz isla-
mischer Sozialnormen geniigt vollkommen. Die Gewaltandrohung, mit der
die Akzeptanz der Normen erzwungen wird, muss wiederum nicht von einer
Mehrheit der Muslime ausgehen:
Die Logik, die der systematischen Vergewaltigung angeblicher „Schlam-
pen" zugrunde liegt, ist dieselbe, die auch fur den Terrorismus gilt: Der
Droh- und Einschuchterungseffekt tritt bereits dann ein, wenn relativ wenige
Gewalttaten, begangen von relativ wenigen Tatern, bekannt werden. Dazu
ist keineswegs erforderlich, dass alle, oder auch nur eine Mehrheit der mus-
limischen jungen Manner, Terroristen oder Vergewaltiger werden. (Ebenso,
wie es nicht erforderlich ist, dass alle, oder auch nur die meistenpotenziellen
auch tatsdchliche Opfer werden.) Der gewiinschte Effekt, die Handlungen
der potenziellen Opfer in eine bestimmte, namlich eine islamkonforme Rich-
tung zu drangen, tritt auch dann ein, wenn die Drohung nur von wenigen
Gewalttatern ausgeht und nur an wenigen Opfern ein Exempel statuiert wird.
222 V. Dschihad heute
1st es dann aber zulassig, „den Islam' 1 fur die Handlungen dieser Ge-
walttater haftbar zu machen? Ja, das ist in der Tat zulassig, und ich mochte
an diesem Beispiel noch einmal den Unterschied zwischen einer Gruppe
von Personen und einem sozialen System verdeutlichen. Es gibt namlich ei-
nen Unterschied zwischen einer x-beliebigen, von irgendwem begangenen
Vergewaltigung und einer, die im Kontext einer islamischen Parallelgesell-
schaft begangen wird, so wie es auch einen Unterschied zwischen einem
terroristischen Anschlag und einer ziellosen Form von Gewalt, etwa einem
Amoklauf, gibt.
Dieser Unterschied besteht im Mitteilungscharakter der Gewalt. Die
genannten Formen islamischer Gewalt enthalten eine Botschaft „an Alle":
Haltet Euch an die Gebote des Islam, dann geschieht Euch nichts! Diese
Botschaft wird auch dann verstanden, wenn der Tater subjektiv vielleicht
gar keine ausgepragt religiose Motivation hatte, sondern lediglich seine
Mordlust bzw. seine sadistische Sexualitat befriedigen wollte. Sie wird ver-
standen, weil die islamischen Normen, aus denen die Tater die Legitimati-
on fur ihre Taten ableiten, und der soziale Kontext, in dem diese Normen
gelten, allgemein bekannt sind. Muss man westlichen Medien noch Propa-
gandavideos zuspielen, damit sie nach Terroranschlagen wissen, wie sie die
Absichten der Tater zu deuten haben, so eriibrigt sich dies in islamischen
Gesellschaften. Wenn Intellektuellen in Algerien die Kehle durchgeschnit-
ten wird, wenn im Irak Polizeischuler in die Luft gesprengt werden, wenn
Madchen in den Banlieues vergewaltigt werden, dann wissen potenzielle
Opfer, dass sie sich durch demonstrative Unterwerfung unter das islamische
Normensystem - und nur dadurch! - schiitzen konnen.
Dieses Normensystem legitimiert die in seinem Namen veriibte Gewalt
und verleiht ihr einen kommunizierbaren Sinn; zugleich stellt es sicher,
dass wirksame Opposition gegen diese Gewalt nicht aus der islamischen
Gesellschaft selbst hervorgehen kann: Dass Muslime sich gewalttatigen
Minderheiten aus den eigenen Reihen unterwerfen, hat nichts mit Charak-
terschwache oder Feigheit zu tun, sondern damit, dass die Gewalttater nur
dann in ihre Schranken gewiesen werden konnten, wenn die Mehrheit derer,
die selber nicht gewalttatig sind, sich gegen die Minderheit solidarisieren
wurde. Solidaritat entsteht aber nicht von selbst und normalerweise auch
nicht durch einen einfachen Willensakt. Wie ich im ersten Kapitel gezeigt
habe, ist Solidaritat auf die Existenz einer solidaritatsstiftenden Struktur in
Gestalt eines als allgemein anerkannt unterstellbaren Normen- und Wer-
Sexuelle Gewalt 223
tesystems angewiesen. Im Falle muslimischer Gesellschaften wiirde diese
Funktion dem Islam zufallen: demselben Islam, der die Gewalt der Min-
derheit legitimiert! Es liegt auf der Hand, dass er nicht gleichzeitig diese
Gewalt legitimieren und eine hypthetische zivilgesellschaftliche Solidaritat
gegen sie stiften kann.
Der Islam ist ein starkes solidaritatsstiftendes System. Wenn dieses
System ausgerechnet gegen Terroristen, Ehrenmorder, Vergewaltiger und
uberhaupt gegen religios legitimierte Gewalttater keine Solidaritat zustande
bringt, dann ware bereits dieser Sachverhalt allein ein zwingendes Argu-
ment fur die These, dass das System von besagten Gewalttatern nicht etwa
„missbraucht ff wird, wie der politisch korrekte Terminus immer noch lautet,
sondern dass die scheinbar anarchische, in Wahrheit aber einer inneren Lo-
gik folgende Gewalt zum System gehort.
Noch etwas lernen wir aus dem Schicksal der bedauernswerten Samira
und ihrer Leidensgenossinnen: dass derRiickzug des Staates aus seiner Ord-
nungsfunktion in islamischen Gesellschaften nicht etwa zur Regellosigkeit
fuhrt. Was Europaern als Anarchie erscheinen mag, also als willkurliche,
unberechenbare und unkontrollierte Gewaltanwendung, folgt in Wahrheit
sehr wohl bestimmten Regeln, namlich den islamischen. Die franzosischen
- aber weiB Gott nicht nur die franzosischen - Vorstadte sindfailed states
im Kleinen, also Mikrokosmen, in denen genau wie zuvor in Afghanistan
oder Somalia die Zerstorung staatlicher Strukturen die Errichtung islami-
scher Ordnungen nach sich zieht.
Man kann es nicht oft genug und nicht deutlich genug sagen (und vor
allem kann man die Implikationen gar nicht grimdlich genug durchdenken):
Der Islam ist nicht einfach eine Religion im engeren Sinne des Wortes. Er
ist zugleich ein weltliches Ordnungssystem, das aufeinenSta^im Sinne ei-
nes zentralisierten Machtapparates nicht zwingend angewiesen ist; dies des-
halb, weil er ein Rechtssystem ist, das die (auch innerislamische) Anwen-
dung von Gewalt regelt, und das heiBt: unter bestimmten Voraussetzungen
legitimiert. Weil das so ist, bringt er eine Ordnung hervor, die wir vielleicht
als grausam, aber keinesfalls als Nicht-Ov&xmng verurteilen konnen.
Im Gegensatz dazu ist das Christentum, gerade wegen seines eigenen
pazifistischen Charakters, auf die Institution „Staat ?f angewiesen, auf deren
Existenz in Gestalt des Romischen Reiches es sich in seiner formativen Pe-
riode auch verlassen konnte. Indem es zudem den Schwerpunkt seiner Ethik
auf die Liebe, das heiBt das GvX-sein, nicht auf das Gut-handeln legt, also
224 V. Dschihad heute
auf den innermenschlichen, nicht den zwischenmenschlichen Bereich, lasst
es bereits vom Ansatz her der Gesellschaft ein hohes MaB an autonomer
Gestaltung ihrer eigenen Ordnung. Die Kirche als eine von der Gesellschaft
getrennte Organisation war zu keinem Zeitpunkt, auch nicht auf dem Ho-
hepunkt ihrer politischen Macht imstande, die Gesellschaft religios so zu
durchdringen - und so mit Religiositat zu durchdringen -, wie der Islam
dies gerade deswegen konnte, weil er weder einer Kirche noch eines Staates
bedurfte. Der Islam ist ein Ordnungssystem, das injedes vorgefundene Va-
kuum eindringt; das iiberall dort voranschreitet, wo andere Systeme sich zu-
riickziehen, und das dort, wo seine Anhanger in groBerer Anzahl leben, die
Kraft hat, eine amorphe, entstrukturierte Gesellschaft zu re-organisieren.
Islamkritiker, die glauben, angesichts der drohenden Islamisierung west-
licher Gesellschaften Entwarnung geben zu konnen, weil Muslime „ruck-
standig" seien, beweisen lediglich, dass sie den von ihnen kritisierten Is-
lam nicht begriffen haben. Angesichts der Erfahrungen von fast anderthalb
Jahrtausenden Dschihadgeschichte zeugt es von straflichem Leichtsinn, den
Islam allein seiner geistigen Riickstandigkeit wegen zu unterschatzen.
Es steht namlich nirgendwo geschrieben, dass Freiheit, geistige Bildung,
Kreativitat, Demokratie, Individualismus usw. die Konflikt- und Uberle-
bensfahigkeit einer Gesellschaft sichern; es gibt sogar deutliche Anzeichen,
dass das Gegenteil der Fall ist. Die Gefahr, dass die offene Gesellschaft
von den von ihr selbst hervorgebrachten Zentrifugalkraften zerrissen wird,
ist heute realer denn je, und der Islam dringt jetzt bereits als alternatives
Ordnungssystem in diejenigen immer groBer werdenden Nischen vor, in
denen die westliche Gesellschaft es nicht mehr vermag, stabile Strukturen
wechselseitiger Erwartungen zu sichern.
Gewiss basiert der Islam als soziales System aufder Anwendung simpler
Regeln; insofern funktioniert er umso besser, je weniger seine Anhanger
bereit und in der Lage sind, diese Regeln zu hinterfragen. Eine islamische
Ordnung ist also auf geistige Bildung nicht angewiesen, sondern wird
durch sie eher gefahrdet. (Es spricht einiges dafur, dass die in der Tat be-
eindruckenden Erfolge der iranischen Bildungsoffensive 192 im Anschluss an
die Revolution die unmittelbare Ursache fur die Legitimitatskrise des Regi-
mes und fur den dramatischen Verfall der iranischen Geburtenraten sind. )
1 Q9
vgl. z.B. Sabine Allafi, Bitteres Erbe. Frauenleben im Iran heute, Frankfurt/M. 2001, S. 83
„Spengler", Sex, Drugs and Islam in: Asia Times, 24.2.2009, http://www.atimes.com/atimes/Middle
East/KB24Ak02.html
Sexuelle Gewalt 225
Komplexitat erhoht die Leistungsfdhigkeit eines Systems, hier also der
westlichen Gesellschaft, aber nicht ihre Stabilitat. Daher kann der Islam
sich am Ende durchaus als der lachende Erbe einer westlichen Zivilisation
herausstellen, die von ihrer Eigendynamik zerrissen wurde.
Die innerislamische sexuelle Gewalt gegen muslimische Frauen findet
ihre Kehrseite darin, dass muslimische Manner das Verhalten auch nicht-
muslimischer Frauen nach denselben MaBstaben und unter denselben Ge-
sichtspunkten beurteilen wie dasjenige von Musliminnen.
Das hat zunachst mit den kulturellen Selbstverstandlichkeiten zu tun:
Wer Religion nicht, wie die meisten Europaer, als einen gleichsam exter-
ritorialen Bezirk des Lebens erlebt, sondern von Kindesbeinen an erfahrt,
dass Religion mit ihren Werten die Gesellschaft nach auBen abgrenzt, also
das Wir vom Sie unterscheidet, und nach innen strukturiert, um das Wir zu
stabilisieren und das Sie zu bekampfen, der misst auch andere Religionen
und andere Gesellschaften nach dem MaBstab, der ihm von seiner eigenen
Religion vorgegeben ist.
Dann sind nichtmuslimische Frauen nicht etwa Menschen, die sich selbst
gehoren und sich dadurch von ihren muslimischen Schwestern unterschei-
den. Vielmehr sind sie Eigentum ihrer jeweiligen Gemeinschaft. Christin-
nen gehoren also den Christen, Judinnen den Juden usw., und das heiBt zu-
nachst: deren Mannern. Dieser Gedanke bedeutet dreierlei:
Zum einen impliziert er, dass nichtmuslimische Frauen, die weder ih-
rer Familie noch einem Ehemann gehoren, ganz wie Musliminnen bei
vergleichbarem Verhalten so etwas wie herrenloses Gut sind, um dessen
Rechte es ungefahr so bestellt ist wie um die von streunenden Katzen; zum
anderen, dass man die Fremdgruppe dadurch bekampfen kann, dass man
sich ihrer Frauen bemachtigt; zum Dritten, dass die betroffene Gruppe von
einem gewissen Punkt an zu einer Art Selbst-Islamisierung gezwungen wer-
den kann, indem sie zwar (noch) nicht den Islam ubernimmt, wohl aber
dessen Verhaltenskodizes.
Bestiirzend und selbst fur Islamkritiker immer wieder verbliiffend ist
die Haufigkeit und Selbstverstandlichkeit, mit der in der islamischen Welt
sexuelle Gewalt gegen Frauen gerechtfertigt wird, und dies durchaus in
religiosen bzw. religios legitimierten politischen Zusammenhangen, und
zwar ohne dass die betreffenden Personen zu „Unglaubigen ff erklart wur-
den. Man wird auch weder namhafte muslimische Wurdentrager noch wut-
schaumende Massen von muslimischen Demonstranten finden, die es als
226 V. Dschihad heute
blasphemisch empfanden, wenn der Islam von seinen eigenen Imamen mit
sadistischer Sexualitat in Verbindung gebracht wird. 194
Sie konnen allerdings als Islamgelehrte bzw. -prediger auch nichts Ge-
genteiliges lehren: Dass Frauen selber dafur verantwortlich sind, Manner
nicht sexuell zu reizen, und dass sie sich zu diesem Zweck weitgehend zu
bedecken haben, ergibt sich, wie im entsprechenden Kapitel gezeigt, aus
dem Koran und steht deshalb nicht zur Disposition.
Dabei ist ausdriicklich von alien Frauen die Rede, auch von den west-
lichen. Wenn ich oben die Bedeutung von sexueller Gewalt muslimischer
Manner gegen Musliminnen - also den innerislamischen Aspekt - thema-
tisiert habe, so nur, um meine Argumentation ubersichtlicher zu strukturie-
ren. Es ist aber leider unmoglich, das Problem als ein rein innerislamisches
abzutun, das die Mehrheitsgesellschaft nichts anginge.
Bei den meisten bisher vorliegenden kriminologischen Untersuchungen
stoBt man auf dasselbe Problem, dem wir schon bei der Jugendkriminalitats-
studie von Christian Pfeiffer begegnet sind: Ein denkbarer Zusammenhang
zwischen der Religionszugehorigkeit von Gewaltverbrechern und ihren Ta-
ten wird nicht in Betracht gezogen, und nur selten reichen die Daten we-
nigstens fur eine Sekundaranalyse aus. 195 Auch ist ein solcher Zusammen-
hang bisher nie Gegenstand einer landeriibergreifenden Studie gewesen. Es
gibt allerdings Daten aus einzelnen Landern, die zumindest die Vermutung
nahelegen, dass zwischen der Zugehorigkeit zur islamischen Religion und
der Neigung zu sexueller Gewalt ein kausaler Zusammenhang besteht. 196
Wesentlich besser informiert als liber den quantitativen Aspekt sind wir
uber die Einstellung junger Sexualstraftater mit muslimischem Hintergrund
Und so wunderte man sich allenfalls in Europa und Amerika, nicht aber in Agypten, als die Kairoer
Anwaltin Najla Al-Iman (andere Schreibweise: Nagla al-Imam) vorschlug, die systematische Vergewalti-
gung israelischer Frauen zur gleichsam offiziellen Strategic der Palastinenser zu machen, und dies um, ganz
im oben beschriebenen Sinne, Wohlverhalten zu erzwingen: „Leave the land and we won't rape you". Vgl.
http://www.memritv.org/clip/en/1903.htm;
195 Allein die Tatsache, dass offenbar niemand sich zutraut, die Vermutung eines solchen Zusammenhangs
mit wissenschaftlichen Mitteln zu entkraften, spricht allerdings fur sich.
196 Im Falle der oben zitierten Pfeiffer-Studie konnten wir immerhin den Zusammenhang zwischen turki-
scher (und „ex-jugoslawischer") Nationalist und iiberproportional haufiger Taterschaft bei der Vergewalti-
gung von Schulerinnen feststellen, wahrend der Anteil anderer muslimischer Migrantengruppen an Sexual-
delikten nicht angegeben wurde. - In den Jahren 2006 bis (April) 2009 wurden samtliche Vergewaltigungen
in Oslo von Migranten meist kurdischer oder arabischer Herkunft begangen. Aftenposten vom 16.4.2009,
http://www.aftenposten.no/nyheter/iriks/article3028203.ece - In Schweden belief sich im Jahr 2005 gemaB
„Aftonbladet" der Anteil von Immigranten an der Gesamtzahl der Vergewaltiger aufrund45 Prozent. Afton-
bladet, 8.11.2005 - Vergewaltigungen in Danemark werden signifikant haufiger von Immigranten began-
gen. Sie sind auch iiberreprasentiert gegeniiber Danen in der gleichen wirtschaftlichen und sozialen Situati-
on. http://www.cphpost.dk/news/l-latest-news/28210.html
Sexuelle Gewalt 227
zu nichtmuslimischen Frauen, weil sie im Zuge von Strafverfahren akten-
kundig wird. Der Berliner Oberstaatsanwalt Roman Reusch, jahrelang er-
folgreicher Leiter der Abteilung „Intensivtater" bei der Berliner Staatsan-
waltschaft, schreibt:
, y Mddchen undjunge Frauen, die dies en Tdtern im wahrsten Sinne des
Wortes in die Hdnde fallen, miissen immer auch damit rechnen, Opfersexu-
eller Ubergriffe zu werden, meist einhergehend mit wiisten Bes chimp fungen
wie Deutsche Schlampe', Deutsche Hure' etc. Gerade solche Taten sind
haufig von einer Anmafiung und Menschenverachtung seitens der Tater ge-
pragt, die ihre Wurzeln meist im national-religiosen Uberlegenheitswahn
muslimischer Jungkrimineller haben, welcher sich gerade gegenuber ,un-
gldubigen ' Frauen und Mddchen in besonders abstofiender Weise aufiert.
Die diesen Taten zugrunde liegende Einstellung kommt auch darin beson-
ders deutlich zum Ausdruck, dass der grofite Vorwurf der einem muslimi-
schen Mddchen gemacht werden kann, der ist, sie benehme sich wie eine
Deutsche. " 197
Unrechtsbewusstsein ist schon deshalb nicht zu erwarten, weil diese Ein-
stellung im Koran niedergelegt ist und von heutigen Predigern bekraftigt
wird. Wie iiberall im Islam ist das soziale Normensystem nicht nur ein Mit-
tel, das interne soziale Leben zu organisieren, sondern tragt zugleich zur
Zerstorung nichtislamischer Fremdgruppen bei:
Bereits Ausdriicke wie „deutsche Schlampe" zeigen an, dass es nicht ein-
fach um Machismo und Frauenverachtung geht, sondern um ethnisch moti-
vierte Aggression. Dazu passt, um noch einmal Oberstaatsanwalt Reusch zu
zitieren, dass (nicht nur bei Sexualdelikten, sondern bei Gewaltkriminalitat
allgemein)
„ injiingerer Zeit ausgesprochen deutschfeindliche - wie ubrigens auch
antijudische — Ubergriffe zunehmen. " 198
Wer so handelt, nimmt die von ihm vergewaltigten Frauen als zur Beute
bestimmten Besitz der Gegengruppe wahr. Hier, wie so haufig im Islam,
gilt: Er ist keineswegs die einzige Religion, deren Anhanger zu solchen Ta-
ten fahig sind. Er ist aber die einzige Religion, die solche Taten religios
legitimiert! Der Gemeinplatz, alle Religionen wollten letztlich dasselbe, ig-
noriert die Besonderheiten des Islam:
1Q7
Roman Reusch: Migration und Kriminalitat, a.a.O. S. 9 f.
198 ebd., S. 10
228 V. Dschihad heute
Der Prophet Mohammed war der einzige Religions stifter, der Frauen
ganz selbstverstandlich als Kriegsbeute genommen und seinem Harem ein-
verleibt hat, und der Koran erlaubt ausdriicklich, auch verheiratete Frauen
zu Sklavinnen und Konkubinen zu machen. Von einer prinzipiellen sozialen
Missbilligung der Vergewaltigung von Nichtmusliminnen kann deshalb in
islamischen Gesellschaften (und Parallelgesellschaften) umso weniger die
Rede sein, je starker deren religiose Ausrichtung ist.
Psychologisch gesehen handelt es sich um eine archaische Form ethni-
scher Kriegfuhrung, deren urspriingliches Motiv die Vernichtung der Re-
produktionsfahigkeit der Feindgruppe war, und genau in diesem Sinn wen-
den Islamisten sie heute in Landern wie Agypten, Pakistan und der Turkei
gegen christliche Minderheiten an.
In den westlichen Landern, wo eine geschandete Frau nicht gezwungen
ist, ihren Peiniger zu heiraten, um ihre verlorene Ehre wiederherzustellen,
wo die Vergewaltigung also kein geeignetes Mittel darstellt, sie zur Austra-
gung muslimischer Kinder zu zwingen, und wo die einheimischen Volker
selber an der Vernichtung ihrer eigenen Reproduktionsfahigkeit arbeiten,
entfaltet diese Spielart des Dschihad freilich keine unmittelbare Wirkung
mehr. Umso bemerkenswerter ist der ungeheure ethnische Kollektivhass,
der allem Anschein nach solche kriminellen Akte befeuert.
6. Die Mikrogeographie des Dschihad
Dabei sind diejenigen, die am Ende tatsachlich zu Vergewaltigem werden, of-
fensichtlich nur die sprichwortliche Spitze des Eisberges. Muslimische Verge-
waltiger stellen, wie muslimische Terroristen, nur eine winzig kleine Minder-
heit dar. Das andert aber nichts an der Omniprasenz von Drohungen, von denen
man letztlich nie genau weiB, wie ernst sie im Einzelfall zu nehmen sind. 199
In Berlin sind nach den Beobachtungen von Oberstaatsanwalt Reusch
Gewalttater am starksten in ihren Heimatbezirken aktiv, also in Bezirken
mit ungewohnlich hohem muslimischem Bevolkerungsanteil; die genann-
ten Drohungen werden also in umso starkerem MaBe auch nichtmuslimi-
199 Ohne dass ich eine einschlagige Umfrage zitieren konnte, halte ich es fur wahrscheinlich, dass viele
deutsche Madchen undjunge Frauen den Satz „Ich fick dich, du deutsche Schlampe" schon des Ofteren zu
horen bekommen haben - zumindest haben schon mehrere Frauen mir unabhangig voneinander von solchen
Erlebnissen erzahlt.
Die Mikrogeographie des Dschihad 229
sche Frauen zur Anpassung zwingen, je groBer der muslimische Bevolke-
rungsanteil in einem gegebenen Wohnumfeld ausfallt. Anpassung heiBt in
diesem Zusammenhang, dass Frauen sich aus der offentlichen Sphare zu-
riickziehen bzw. sie nur in mannlicher Begleitung betreten (und dann mit
Kopftuch bzw. gleichwertigen Formen von Bedeckung).
Freilich verzogern sich Anpassungsprozesse, weil und solange den
Einheimischen noch die Option des Wegzugs offensteht. 200 Hier liegt ein
Teufelskreis, also ein sich selbst verstarkender Prozess vor, bei dem wach-
sender Zuzug von Migranten (nicht immer, aber meistens aus islamischen
Landern) zum beschleunigten Wegzug von Einheimischen fuhrt, sodass
nacheinander in den Metropolen erst Hauser, dann StraBen, dann ganze
Stadtteile islamisiert werden.
Sofern dieser Prozess sich fortsetzt, und bei der Analyse der quanti-
tativen Aspekte der Islamisierung werden wir feststellen, dass er sich
fortsetzen wird, werden zunachst die einheimischen Unterschichten dem
Anpassungszwang ausgesetzt sein, also sozial Schwache, deren Wegzugs-
optionen sich in dem MaBe verringern, wie die preisgunstigen nichtmusli-
mischen Viertel knapp werden.
Islamisierungsprozesse haben also eine ethnogeographische Kompo-
nente: Ich erinnere nochmals daran, dass sie historisch stets von einer Ge-
meinschaft von Muslimen ausgingen, die eine Minderheit in den von ihnen
eroberten Landern darstellte; ferner daran, dass die Beherrschung des offent-
lichen Raumes ein wichtiges Mittel war, die Macht der Umma zu demons-
trieren und die unterworfenen Volker bereits psychologisch zu entwaffnen.
Das Einfordern von Unterwiirfigkeitsgesten diente und dient nicht nur der
Befriedigung individueller Geltungsbedurfnisse - auch wenn dies jeweils das
personliche Motiv sein mag sondern erfullt vor allem die soziale Funktion,
den Herrenstatus der Muslime fur sie ebenso zur erfahrbaren Realitat zu ma-
chen wie fur die „Unglaubigen" ihren Status als Menschen zweiter Klasse.
Da Muslime heute nicht uber das Gewaltmonopol verfugen - das liegt
immer noch beim Staat, einem Staat, der noch nicht von ihnen kontrol-
200 Gemeint ist hier die Anpassung nicht nur von Frauen, sondern von Nichtmuslimen allgemein, an die vom
Islam gepragten Erwartungen muslimischer Migranten.
Vorboten der bevorstehenden Anpassungsprozesse an den freundlich sogenannten „sozialen Brennpunk-
ten" sind die dort lebenden deutschen Jugendlichen. Wer ihnen zuhort, wird vielfach feststellen, dass sie ihre
deutsche Mutter sprac he mit turkischem Akzent sprechen. Man sagt nicht mehr „Ich" und auch nicht „Icke"
(in Berlin) - man sagt „Osch". Aus Pfeiffers Studie haben wir gelernt, dass es misslich ist, als deutscher
Jugendlicher aufzufallen.
230 V. Dschihad heute
liert wird wie es einst nach erfolgreichem Eroberungskrieg der Fall war,
kommt es fur den Dschihad darauf an, dass Muslime jeweils die lokalen
Mehrheitsverhaltnisse zu eigenen Gunsten andern. Die standige latente Ge-
waltandrohung geniigt bereits, urn die Einheimischen, die nicht auf ein sie
schutzendes Netzwerk einer Wir-Gruppe zuriickgreifen konnen, zur Flucht
zu notigen und dadurch die Voraussetzungen fur weiteren Zuzug von Mus-
limen zu schaffen.
Dabei bevorzugen muslimische Immigranten diejenigen Orte, an denen
sich bereits Migranten derselben Nationalist, idealerweise sogar derselben
Familie, derselben Stadt oder derselben Nachbarschaft niedergelassen ha-
ben. 202 Das heiBt, dass auch unter diesem Gesichtspunkt die Migration ein
sich selbst verstarkender Prozess ist, und dass die neu Hinzugezogenen bei
ihrer Ankunft die Solidarstrukturen als lokale Strukturen bereits vorfinden,
die die Einheimischen schon deshalb nicht haben, weil es sie, die Struk-
turen, gerade in GroBstadten normalerweise nicht gibt und sie erst durch
Immigration und nur fur die (muslimischen) Immigranten nachtraglich ins
GroBstadtleben eingepflanzt werden. Auf diese Weise wird das vielzitierte
anatolische Dorf bis nach Berlin (oder Koln oder Paris oder Briissel) hinein
verlangert. 203 Wir werden uns noch damit beschaftigen, was dies fur die
angestrebte Integration bedeuten muss; an dieser Stelle jedoch, wo es um
die Mikrogeographie des Dschihad geht, geniigt der Hinweis, dass die Ein-
heimischen bereits zu einem Zeitpunkt marginalisiert werden, wo sie auch
lokal durchaus noch die Mehrheit stellen, einfach, weil sie im Gegensatz zu
den hereinstromenden Muslimen isolierte Einzelne sind.
Man beachte, wie das System der vom Islam gepragten kulturellen
Selbstverstandlichkeiten - die Solidaritat der Muslime, die Abneigung ge-
gen engen Kontakt mit „Unglaubigen", das Verbot, sich ihnen zu unterwer-
fen, ihre Abqualifizierung als Menschen zweiter Klasse, die Rolle der Frau
als Besitz des Mannes bzw. der Familie - wie von allein, und ohne dass
es eines zentralen Kommandos oder besonderer Frommigkeit bedurfte, im
groBen MaBstab ein Verhalten hervorbringt, das zur Verdrangung bzw. Un-
terdriickung nichtmuslimischer Bevolkerungsgruppen fuhren muss.
909
Esther Ben-David, Europe's Shifting Immigration Dynamic, in: Middle East Quarterly, Spring 2009,
http://www.meforum.Org/2107/europe-shifting-immigration-dynamic
203 vgl. Neda Kelek, Die Tiirkei und wir, in: Info-Radio, Zwolfzweiundzwanzig vom 13.12.2008, Aufzeich-
nung verfugbar unter: http://www.inforadio.de/static/dyn2sta_article/517/299517_article.shtml
Die Bedeutung von Moscheebauten 231
7. Die Bedeutung von Moscheebauten
Es ist kein Zufall, dass es wiederum die Moscheen sind, deren Errichtung
fur Muslime so besonders wichtig ist, und dies nicht nur deshalb, weil sie
einen Platz zum Beten brauchen. Wie nahezu alles im Islam, so dient auch
die Errichtung von Moscheen nicht nur einem im engeren Sinne religiosen
Zweck und befriedigt nicht nur die religiosen Bedurfnisse der Muslime,
sondern hat zugleich einen sozialen und politischen Aspekt und dient der
Ausbreitung des Islam. Wenn Moscheebauprojekte in Angriff genommen
werden - und zu jedem gegebenen Zeitpunkt sind in Europa Hunderte da-
von in Bau — , fallen die iippigen Dimensionen dieser Gebaude auf. Warum
das so ist und was das zu bedeuten hat, dazu einige Anmerkungen:
Erstens: Moscheen sind nicht einfach Bethauser, 204 und selbst das Wort
„Gotteshaus", worunter Christen einen Ort verstehen, der sozusagen „nicht
von dieser Welt" ist, beschreibt die Funktion einer Moschee bestenfalls un-
zureichend, weil der Islam in vieler Hinsicht sehr wohl von dieser Welt ist.
Moscheen sind Gemeindezentren, die, so weit irgend moglich, alle sozialen
Knotenpunkte enthalten:
Nicht nur die Koranschule, auch der Kindergarten, moglichst auch das
Einkaufszentrum, die Arztpraxis, der Friseursalon werden in das Ensemble
integriert, sofern es halbwegs finanzierbar ist. Es geht darum, das Leben
der muslimischen Gemeinschaft so weit wie moglich von dem der „Un-
glaubigen" abzukoppeln, um es deren womoglich verderblichem Einfluss
zu entziehen, ganz im Sinne des koranischen Auftrags, sich unter den „Un-
glaubigen" keine Freunde zu suchen.
Zweitens: Die enormen Kosten solcher Gebaude werden normalerweise
nur zum geringeren Teil von den hierzulande lebenden Muslimen aufge-
bracht. Geldgeber sind zumeist auslandische religiose Stiftungen, die auf
diesem Wege einen direkten Einfluss auf die hiesigen Muslime ausiiben.
Nichts spricht dafiir, dass dieser Einfluss im Sinne demokratischer und
emanzipatorischer Werte ausgeiibt wird. Ein besonderer Fall, der gerade in
Deutschland eine Rolle spielt, ist der tiirkische DITIB, der direkt von der
Regierung in Ankara kontrolliert wird.
Drittens: Viele Moscheen verfugen liber ein Minarett, und dass dieses
nicht etwas Unwichtiges ist, erschlieBt sich aus den teils heftigen Kontro-
204 Ursula Spuler-Stegemann, Die 101 wichtigsten Fragen: Islam, Miinchen 2007, S. 74
232 V. Dschihad heute
versen, die die Bauherren mit den Bauaufsichtsbehorden beziiglich Art und
Hohe der Minarette ausfechten. Dabei ist ein Minarett ganz funktionslos
- ungefahr wie ein Kirchturm ohne Glocke -, solange nicht ein Muezzin
von dort aus zum Gebet ruft. Lange Zeit gab es in Deutschland keine einzi-
ge Moschee mit einem Muezzin, und die Funktionare der islamischen Ver-
bande versicherten immer wieder, die Einfuhrung des Gebetsrufes sei mit
Rucksicht auf die nichtmuslimische Mehrheit auch nicht geplant. Bereits
der Bau der Minarette hatte geniigen miissen, diese Versicherungen als nicht
emstzunehmende Beschwichtigunsversuche zu entlarven, und inzwischen
gibt es - in Rendsburg - auch die erste Moschee, von deren Minarett zum
Gebet gerufen wird. Man kann sicher sein, dass weitere folgen werden.
Viertens: Wer das nicht so schlimm findet, vielleicht weil er Atheist ist
und sich von Gebetsrufen nicht mehr belastigt fuhlt als vom Glockenlauten,
sollte gleichwohl nicht den buchstablich in Stein gemeiBelten Herrschafts-
anspruch iibersehen, der mit dieser Architektur zum Ausdruck gebracht
wird. In einer Gesellschaft wie unserer, die den Sinn fur die Macht des
„nur" Symbolischen verloren hat, vergisst man leicht, dass andere Kulturen,
und gewiss die islamische, sich stets bewusst gewesen sind, dass Symbole
Wirklichkeiten nicht nur ausdrucken, sondern auch schaffen.
Moscheen, noch dazu solche von so reprasentativen AusmaBen und in
solcher Anzahl, unterstreichen einen Anspruch: Dieses Land ist ein islami-
sches Land!
Dass die deutschen Muslime den „Tag der offenen Moschee ?f ausge-
rechnet am 3. Oktober, also dem Nationalfeiertag, begehen, symbolisiert
also nicht etwa eine Eindeutschung des Islam, sondern die Islamisierung
Deutschlands. Eine Eindeutschung wurde just jene Assimilation bedeuten,
die der tiirkische Ministerprasident Erdogan „ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit ff nannte.
Es ist dabei aus der Sicht der einheimischen Mehrheit nicht erheblich,
ob Europa nach islamischem Recht bereits voll zum Dar al-Islam gehort,
oder ob sich die sakraljuristische Theorie durchsetzt, wonach Europa sich
als „Haus der Mission' 1 bzw. „Haus des Bekenntnisses ?f in einem Zwischen-
stadium befinde, das nicht mehr ganz Dar al-Harb und noch nicht ganz Dar
al-Islam sei, in dem man sich aber als Muslim durchaus aufhalten durfe,
und zwar zum Zwecke der Verbreitung des Islam. An sich ist es Muslimen
durch die Scharia untersagt, sich dauerhaft in einem Land niederzulassen,
das nicht unter islamischer Herrschaft steht - und die Existenz einer sol-
Die Bedeutung von Moscheebauten 233
chen Norm sollte allein schon nachdenklich stimmen. Der Islam halt sich
- und zwar nach seinen Se/fofceugnissen, hier einer Rechtsnorm - in einer
nichtislamischen Gesellschaft/wr nicht iiberlebensfahig, sofern die politi-
sche Macht nicht bei Muslimen liegt. Die Konstruktion „Haus der Mission"
stellt nicht etwa einen Bruch mit der klassischen Theorie dar, sondern deren
Modernisierung. Dass eine solche Modernisierung moglich ist, zeigt, dass
im sakralen Recht ebenso wie in der politischen Theorie des Islam dessen
eigene Verbreitung der oberste MaBstab fur Gut und Bose, fur erlaubt und
unerlaubt ist.
Die ungeheuren Energien und Geldmittel, die in den Moscheebau inves-
tiert werden, sind ein hinreichendes Indiz fur die strategische Bedeutung,
die gerade diesem Instrument der Islamisierung beigemessen wird. Politi-
ker, die davon sprechen, dass „der Islam in Deutschland angekommen" sei
(Schauble), wohlmeinende Zeitgenossen, die glauben, man konne „Briicken
bauen", indem man wahrheitswidrig behauptet, der Islam sei Teil der euro-
paischen Kultur, verkennen zweierlei:
Zum einen die tiefe Pragung der muslimischen Mentalitat durch die
Normen des islamischen Rechts. (Dass Rechtsnormen Mentalitaten nicht
nur zum Ausdruck bringen, sondern auch mitpragen, ist wiederum keine
islamische Besonderheit, sondern auch in anderen Kulturkreisen selbstver-
standlich. Eine Besonderheit allerdings ist die islamspezifische unaufhebba-
re Verbindung des Rechts mit der Religion. Dieser Sachverhalt lieBe selbst
dann eine sehr tiefe Pragung vermuten, wenn man liber keine empirischen
Daten verfugte, die diese Vermutung stiitzen.) Wenn der Islam in Deutsch-
land „angekommen" ist, so gehoren nach islamischem Verstandnis dadurch
eben nicht Muslime jetzt zur deutschen Gesellschaft, sondern Deutschland
zur islamischen Welt! Der friihere Bundesinnenminister Schauble hat diesen
Anspruch hochoffiziell anerkannt - vielleicht ohne es zu wissen. Das Zuge-
standnis von „Gleichberechtigung ff 5 das in solche Formulierungen gekleidet
wird, gilt nicht den Muslimen als Burgern: Deren Gleichberechtigung mit
anderen Auslandem oder, sofern sie deutsche Staatsbiirger sind, mit ethni-
schen Deutschen, stand ja nie in Frage. Die Gleichberechtigung soil viel-
mehr dem Islam gewahrt werden.
Dabei wird auch von Muslimen kein Zweifel daran gelassen, dass der
Islam jedenfalls von frommen Muslimen nicht als Privatsache behandelt
werden kann, sondern Anspruch auf umfassende Geltung in alien Lebens-
bereichen erhebt, auch in Recht und Politik.
234 V. Dschihad heute
Gleichberechtigung des Islam bedeutet nicht, dass Moscheevereine mit
den christlichen Kirchen, sondern dass die Scharia mit dem Grundgesetz
gleichberechtigt ist! Dies ist die Implikation der These, dass der „Islam in
Deutschland angekommen" sei, und dabei ist es durchaus irrelevant, ob
Wolfgang Schauble oder andere Politiker diesen Sachverhalt subjektiv an-
erkennen oder nicht. Wer A sagt, muss auch B sagen, und man kann die
Gleichberechtigung des Islam nicht anerkennen, ohne der offentlichen Ar-
tikulation seiner Glaubensinhalte einschliefilich seiner ethischen Normen
denselben Anspruch auf gesellschaftliche Legitimitat einzuraumen wie
jeder verfassungskonformen anderen Religion oder Weltanschauung. Der
Unterschied ist nur, dass eine Lehre, die die Trennung von Religion und
Politik nicht kennt, die Religionsfreiheit ablehnt, die Menschheit in (mus-
limische) Herren und („unglaubige") Knechte teilt und Gewalt gegen An-
dersglaubige legitimiert, zwar hochpolitisch, aber in keiner Weise verfas-
sungskonform ist.
Zum anderen wird eine hofliche Geschichtsklitterung (der Islam als Teil
der europaischen Kultur, die dem Islam so unendlich viel verdanke), die
politisch korrekten Sonntagsrednem so leicht von der Zunge geht, von Mus-
limen ohne weiteres fur bare Munze genommen. Es ist fur die meisten - und
in jedem Fall fur die frommen - Muslime buchstablich un-denkbar, dass
eine so deutlich iiberlegene Kultur wie die westliche nicht auf islamischen
Wurzeln basieren soil.
Wir haben es hier mit der durchschlagenden Wirkung jenes Verstandnis-
ses von „Geschichte" zu tun, dessen Ursprung im mekkanischen Koran wir
bereits analysiert haben, und dessen aktuellen Auspragungen wir uns jetzt
zuwenden:
8. Die Manipulation von Geschichtsbildern
Viele, wenn nicht die meisten Muslime sind durchaus aufrichtig davon
iiberzeugt, dass Europa seine heutige Stellung allein dem Islam verdanke,
und sie glauben dies nicht, weil historische Fakten dafiir sprachen. Natur-
lich lasst sich zur Not - und auf der Basis einer entsprechenden Ideologie
- auch ein solches Geschichtsbild mit Fakten stiitzen, aber die islamische
Kultur ist nicht auf sie angewiesen, um ihr Selbstbild zu untermauern.
Fur die Selbstdefinition einer Wir-Gruppe spielt die Geschichte etwa die-
selbe Rolle wie das Gedachtnis fur die Identitat einer Einzelperson. Erst die
Die Manipulation von Geschichtsbildern 235
Erinnerung (und verbunden damit die Erwartung einer Zukunft) ermoglicht
dem Einzelnen die Selbstwahrnehmung als Person. Womoglich noch be-
deutender ist diese historische Dimension fur die Selbstwahrnehmung von
Gruppen.
An der Selbstbeschreibung einer GroBgruppe, einer Nation etwa, wirken
im Prinzip alle ihre Mitglieder mit, und das Material fur diese Beschreibung
liefert die Geschichte. Erst das Wissen, dass eine Nation in der Vergangen-
heit existiert hat, indem ihre Mitglieder sich als Teile einer Nation verhalten
haben, liefert dem Einzelnen einen hinreichenden Grund fur die Annahme,
dies werde auch in Zukunft so sein, und fur die Bereitschaft, sich selbst -
nicht nur, aber eben auch - als Teil der Nation zu sehen.
Dabei liefert die Geschichte aber nicht nur den Beweis fur die schiere
Existenz der Nation, sondern auch die Bausteine, auf die diese zuriickgreift,
wenn es um die Definition ihrer leitenden Werte, ihres Verhaltnisses zu
anderen Nationen, ihrer Ziele, ihrer Traditionen, kurz: ihrer Identitat geht.
Und zu dieser Identitat gehort stets auch eine Idee davon, wer der Nation
zugehort bzw. zugehoren kann und wer nicht, also die Definition nicht nur
ihrer geographischen, sondern auch ihrer sozialen AuBengrenzen.
Geschichtsbilder sind gemeinsam diskursiv verfertigte Konstruktionen
von (historischer) Wirklichkeit und als solche einem Prozess stetiger Re-
Konstruktion unterworfen. Auch hier bietet sich die Analogie zur Identitat
des Individuums an; die Existenz einer Biographie verburgt dem Einzel-
nen, dass er immer noch derselbe ist, der er vor zehn, zwanzig oder funfzig
Jahren war. Da der Inhalt der Biographie, namlich die Erinnerung daran,
sich stetig andert - manches fallt durch Vergessen weg, manches wird re-
interpretiert, manches taucht plotzlich wieder auf ist der sich erinnernde
Mensch zwarjederzeit Derselbe, aber nie der Gleiche wie zu irgendeinem
Zeitpunkt zuvor oder danach.
Kollektive Identitat ist kaum weniger variabel als individuelle. Wie plas-
tisch sie ist, mag man ermessen, wenn man etwa die Selbstbeschreibung
des heutigen deutschen Volkes mit der der funfziger Jahre vergleicht (von
den DreiBigern ganz zu schweigen). Damit ist zugleich gesagt, dass ideo-
logisch motivierte Manipulationsversuche erfolgversprechend, zumindest
aber nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt sind.
Wenn man der europaischen Kultur, und damit auch der Kultur jedes
einzelnen europaischen Landes, islamische Wurzeln zuschreibt, die sie
nicht hat, und dies oft genug offentlich wiederholt, womoglich noch mit
236 V. Dschihad heute
Unterstiitzung wissenschaftlicher Fakultaten, dann wird die Beweislast dem
aufgebiirdet, der es wagt, solchen gesellschaftlich etablierten „Wahrheiten"
zu widersprechen.
Die Unvereinbarkeit von westlicher und islamischer Kultur zu behaupten
wird bereits vor der vollstandigen Islamisierung der Gesellschaft zum Prob-
lem, wenn die Vorstellung von der islamischen Toleranz, die (dem populari-
sierten Geschichtsbild zufolge) in friiheren Zeiten geherrscht haben soil, ins
System der kulturellen Selbstverstandlichkeiten eingedrungen ist und nur
noch stichwortartig aufgerufen werden muss, wahrend die Gegenposition
einer so ausfuhrlichen Begriindung bedarf, wie sie in Gestalt dieses Buchs
vorliegt. Wenn ein Geschichtsbild erst einmal auf Stichworter reduziert
werden kann, deren bloBe Nennung ganze Assoziations- und Argumentati-
onsketten in Gang setzt, die gar nicht mehr ausgesprochen werden miissen,
dann hat es sich gesellschaftlich durchgesetzt.
Beispiele fur solche Stichworter sind zum Beispiel „ Auschwitz", Sre-
brenica", „Hunnenrede", „Bastillesturm", „Hiroshima", „Vietnam", „Drei-
Bigjahriger Krieg" usw. Solche gleichsam zu Ikonen verdichteten Ge-
schichtsbilder stellen die fixen Eckpunkte dessen dar, was die Gesellschaft
als ihre Geschichte auffasst, und fast alle sind in hohem MaBe ideologisch
aufgeladen.
In Orwells Roman ,,1984" lautet einer der Grundsatze der regierenden
totalitaren Partei: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zu-
kunft." Damit ist gemeint, dass die Macht uber die Gesellschaft bei dem
liegt, der ihr Geschichtsbild - und das heifit: ihre Selbstdefinition - kontrol-
liert. Dass es in den Demokratien des Westens keine organisierte diktatori-
sche Partei gibt, die die Vergangenheit manipuliert, bedeutet durchaus nicht,
dass diese nicht manipuliert wurde. Vielmehr arbeiten (nicht nur, aber auch)
islamische Eliten zielstrebig und erfolgreich an der Popularisierung ihrer
eigenen Geschichtsikonen:
Lassen Sie uns ein kleines Assoziationsspiel spielen, und versetzen Sie
sich zu diesem Zweck im Geiste ins Westjordanland: Wenn ich Sie fragte,
was Ihnen zu dem Ortsnamen „Dschenin" einfallt, so lautete die Antwort
vermutlich: „Massaker". Es war die palastinensische Propaganda, die im
April 2002 die Legende vom „Massaker von Dschenin" in die Welt setzte.
Und obwohl diese Luge langst restlos widerlegt ist, 205 wird sie von islami-
vgl. z.B. Phyllis Chesler, Der neue Antisemitismus, Hamburg/Berlin 2004, S. 137 ff.
Die Manipulation von Geschichtsbildern 237
sehen Propagandisten und deren linken Verbiindeten bei Bedarf wiederholt,
aber eben nicht als Argumentationskette, sondern als Stichwort.
Dabei konnen die Vorurteile, die von interessierter Seite propagandis-
tisch ausgebeutet werden, durchaus jiingeren Datums sein, und sie miissen
sich nicht einmal gegen eine Fremdgruppe richten. Wie ich im ersten Ka-
pitel gezeigt habe, ist Autoaggression - also die Feindseligkeit gegen die
Gruppe, der man selbst angehort, in praktisch alien westlichen Landern ein
Kennzeichen linker Ideologie. Mit der kulturellen Hegemonie der Linken
ist die Vorstellung Allgemeingut geworden, die eigene Gruppe - das eigene
Volk, die eigene Religionsgemeinschaft, der eigene Kulturkreis, die eigene
Rasse - neige in besonderem MaBe zur Gewalt gegen Fremde, die man
mithin in Schutz nehmen miisse.
So kommt es zum Beispiel, dass noch heute im offentlich-rechtlichen
Rundfunk die Formulierung „Brandanschlag von Ludwigshafen" verwen-
det und damit eine Legende verbreitet wird, die noch absurder ist als die
vom „Massaker von Dschenin".
Zur Erinnerung: Im Februar 2008 brannte in Ludwigshafen ein aus-
schlieBlich von Tiirken bewohnter Altbau nieder, wobei neun Menschen
den Tod fanden. Im Anschluss daran wurden die Dinge in den tiirkischen
Medien beider Lander so dargestellt, als habe es sich um einen Brandan-
schlag von Rechtsextremisten gehandelt. Nach einigen Tagen stand zwei-
felsfrei fest, dass es keine Brandstiftung gegeben hatte. Nichtsdestoweniger
war im Hessischen Rundfunk und im Deutschlandfunk noch Monate spater
vom „Brandanschlag von Ludwigshafen' 1 die Rede, und die „Integrations-
beauftragte" der Bundesregierung fuhr am Jahrestag des Brandes in die
Tiirkei, um einen Kranz niederzulegen, ganz so, als habe Deutschland sich
irgendetwas zuschulden kommen lassen.
Was hier zu beobachten ist, ist weitaus mehr als die werbepsychologische
Binsenweisheit, dass auch Unwahrheiten, haufig genug wiederholt, sich zu-
mindest als Eindruck im Unterbewusstsein der Konsumenten festsetzen.
Es ist auch deutlich gravierender als die Bereitschaft, die mittelalterliche
Geschichte durch eine islamische oder islamophile Brille zu betrachten. Im
Hinblick auf das Mittelalter ist der Laie auf die Arbeit des Historikers an-
gewiesen, sodass politisch motivierte Legendenbildung zwar diesem vorzu-
werfen ist, nicht aberjenem.
Hier aber werden Legenden akzeptiert, die in offensichtlichem Wider-
spruch zum aktuellen Zeitgeschehen stehen, die aber durch Wiederholung
238 V. Dschihad heute
und ikonische Verdichtung gute Aussichten haben, zum Geschichtsbild
kiinftiger Generationen zu werden. Legenden, deren Basis der Glaube an
die moralische Minderwertigkeit nichtmuslimischer Volker ist.
Eben dies ist, wie wir gesehen haben, die Kernannahme islamischer Ethik
wie des islamischen Geschichtsbildes, beides im Koran niedergelegt und
dadurch fur Muslime praktisch unanfechtbar. Wenn der durchschnittliche
Burger islamischen Glaubens bereit ist, solche Legenden zu akzeptieren,
die selbst einer oberflachlichen Priifung nicht standhalten, so stempelt ihn
das durchaus nicht zum zynischen Lugner und auch nicht zum Dummkopf.
Es zeigt vielmehr, dass er in einer Ideologie befangen ist, aufgrund deren
praktisch jede Erzahlung, die geeignet ist, die Schlechtigkeit der „Unglau-
bigen ff zu illustrieren, seine subjektiven Plausibilitatsfilter ohne weiteres
passiert - dass er also befangen ist in der Ideologie des Korans und speziell
ihrem Verhaltnis zu Wahrheit und Geschichte.
Westliche Funktionseliten aber, die solche Geschichtslegenden akzeptie-
ren, zeigen dadurch, dass auch sie diese zentralen Bausteinejener Ideologie
verinnerlicht haben.
Es wird interessant sein zu sehen, was aus der jungsten Kreation der isla-
mischen Ideologiefabrik wird, namlich der Denkfigur, die Migranten hatten
Deutschland aufgebaut, wobei der Zusammenhang normalerweise nahelegt,
dass nicht irgendwelche, sondern vor allem turkische Migranten gemeint
sind: offenkundig eine Geschichtsklitterung, die gleichwohl vom tiirkischen
Ministerprasidenten Erdogan seinen hiesigen Landsleuten eingeredet, 206
von deutschen Politikern gerne aufgegriffen und von jedem Turken, den
man danach fragt, geglaubt wird.
Sie kniipft bruchlos an die mit viel Aufwand verbreiteten Legenden an,
wonach die Zuwanderung von im Durchschnitt wenig gebildeten, wenig
qualifizierten, beruflich wenig erfolgreichen, dafur aber uberdurchschnitt-
lich haufig zur Kriminalitat neigenden und von Sozialleistungen abhan-
gigen Migranten aus der Turkei zum Wohlstand Deutschlands wesentlich
beigetragen habe.
Vielleicht hat man irgendwann einmal aufrichtig geglaubt, mit solchen
Versicherungen den Migranten zu einem Gefiihl der Zugehorigkeit zu ver-
helfen und sie zu einer starkeren Hinwendung zur einheimischen Gesell-
„Recep Tayyip Erdogan, „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit", Rede in der Koln-
Arena, in: Siiddeutsche Zeitung vom 13.2.2008, http://www.sueddeutsche.de/politik/85/432834/text/10/
Die Manipulation von Geschichtsbildern 239
schaft und ihren Werten zu veranlassen. Heute jedoch, wo diese Illusion
- wenn es denn eine war - sich langst als solche herausgestellt hat, heute
ist die Rede von den Zuwanderern, denen Deutschland so viel verdanke,
gar nicht anders denn als Strategie zu verstehen, mit der durch standige
Wiederholung von Unwahrheiten ein kunftiges islamisches Geschichtsbild
aufgebaut wird.
Erinnern wir uns daran, dass bereits die mittelalterliche islamische Kultur
von Errungenschaften und Erkenntnissen der - heidnischen wie christlichen
-Antike lebte, die ihr von iiberwiegend christlichen und judischenUberset-
zern vermittelt worden war. Erinnern wir uns daran, dass dieser Sachverhalt
heute nur noch spezialisierten Historikern gelaufig ist, weil Muslime erfolg-
reich verbreitet haben, die mittelalterliche arabischsprachige Geisteskultur
sei eine Errungenschaft „des Islam" gewesen (der mit ihrem Verschwinden
demgemaB auch nichts zu tun haben kann), und machen wir uns klar, wie
grimdlich in den islamischen Landern die Erinnerung an die vorislamischen
Kulturen vernichtet und die Volker, die diese Kulturen getragen hatten, ge-
demiitigt, unterjocht, ausgepresst und schlieBlich ausgeloscht wurden:
Die Kopten, deren Sprache jahrtausendelang diejenige Agyptens gewe-
sen war und deren Schicksal ich schon oben andeutungsweise geschildert
habe; die Aramaer (syrisch-orthodoxe Christen), die heute auf wenige tau-
send Kopfe zusammengeschmolzen sind und trotzdem vom tiirkischen Staat
weiter drangsaliert werden; 207 die kleinasiatischen Griechen, von deren Kul-
tur schon die altesten Sagen des Abendlandes kunden, welche Kultur aber
nach sechshundert Jahren tiirkischer Herrschaft so gut wie verschwunden
ist (und die Griechenpogrome, die 1955 - Neunzehnhundertfunfundfunf-
zig! - in Istanbul stattfanden, 208 waren nur der letzte Sargnagel). Dass das
armenische Volk noch existiert, hat es allein der tiirkischen Niederlage im
Ersten Weltkrieg zu verdanken. All dies hindert den tiirkischen Minister-
prasidenten Erdogan nicht daran, seinen jubelnden Anhangern zu erklaren,
„der tiirkische Mensch" habe stets Liebe und Frieden verbreitet. 209
Zugleich mit diesen Volkern wurde auch die Erinnerung an sie und ihre
Leistungen dem Vergessen iiberantwortet. Als die Taliban 2001 die weltbe-
907
Die jungsten Vorgange um das Kloster Mor Gabriel sind nur der neueste Abschnitt dieser Entwicklung,
vgl. z.B. Amalia van Gent, Streit um das Land des Klosters Mor Gabriel in der Turkei, in: Neue Ziircher
Zeitung vom 20.12.2008
Speros Vryonis: The Mechanism of Catastrophe: The Turkish Pogrom of September 6-7, 1955, and the
Destruction of the Greek Community of Istanbul; New York
209 Erdogan, a.a.O.
240 V. Dschihad heute
riihmten Buddhastatuen sprengten, hagelte es Proteste, aber nur aus dem
Westen. Aus demselben Westen, in dem es zum guten Ton gehort zu versi-
chern, die Barbarei der Taliban habe selbstredend nichts mit dem Islam zu
tun, wo man es aber versaumte, sich zu fragen, warum die gesamte islami-
sche Welt zu diesem Akt der Barbarei schwieg.
Sie schwieg, weil die Sprengung der uralten Buddhastatuen in spekta-
kularer Weise genau die islamische Einstellung zu nichtislamischen Reli-
gionen und Kulturen zum Ausdruck brachte: dass sie namlich wertlos sind.
Wenn man sich dies vor Augen halt, dann versteht man, dass diejenigen,
die angeblich „Deutschland aufgebaut" haben, in dieser Behauptung un-
moglich die Unwahrheit sehen konnen, die sie tatsachlich ist. Vielmehr fugt
sie sich nahtlos ins islamische Weltbild ein und wird, da sie von den deut-
schen Funktionseliten nicht angefochten, sondern bestatigt wird, zum Teil
eines Geschichtsbildes, das in funfzig Jahren an Schulen in Deutschland
gelehrt werden und etwa folgenden Inhalt haben wird:
„Nachdem Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hatte undrestlos
in Triimmern lag, riefen die Deutschen tilrkische Menschen ins Land, die
Liebe, Frieden und das Licht des Islam verbreiteten. Sie bauten das Land
wieder auf und iibers etzten die Werke grofier islamischer Denker, z.B. Goe-
thes und Schillers, vom Tiirkischen ins Deutsche. Dankbar traten die Deut-
schen zum Islam iiber. Solchermafien erleuchtet, gelang ihnen die Erfindung
des Schwarzpulvers, des Buchdrucks, des Telefons und des Automobils."
Heute mag dies noch Satire sein, aber es spricht viel dafur, dass diese
Satire eines Tages Wirklichkeit wird.
9. Integration
Kaum ein anderer politischer Begriff hat in den letzten Jahren einen so dra-
matischen Bedeutungszuwachs erfahren wie der der „Integration ff , wobei in
der Regel die Integration von Immigranten in die deutsche Gesellschaft ge-
meint ist. Der Gegenbegriff zu „Integration ff lautet „Parallelgesellschaft ?f
und bezeichnet ein Phanomen, das vor allem bei muslimischen Einwan-
derergruppen zu beobachten ist - und wer der Argumentation bis hierher
gefolgt ist, wird dies kaum iiberraschend finden.
~) 1 A
Es kann hier nicht darum gehen, die integrationspolitischen Bemuhungen aller westlichen Lander zu
beschreiben; ich beschranke mich darauf, die damit verbundenen Fragen am Beispiel Deutschlands darzu-
stellen.
Integration 241
integration" setzt bereits dem Begriff nach voraus, dass die Gesellschaft,
die das Fremde zu integrieren gedenkt, ein defmierbares, sinnvoll zusammen-
hangendes, eben „integeres" Ganzes darstellt; dass sie einenBegriffvonihrer
eigenen Ganzheit hat; dass es iiber diesen Begriff einen Konsens gibt; und
dass auch auf Seiten der zu Integrierenden der Wille besteht, sich dem durch
diesen Begriff definierten Ganzen anzuschlieBen, also sich tax integrieren.
Im ersten Kapitel wurde gezeigt, dass menschliche Gesellschaft auf der
Existenz eines Systems einander ausschlieBender Solidargemeinschaften
basiert. Dabei kann keine dieser Gemeinschaften alle erforderlichen So-
lidarities struktur en in sich vereinigen; die Familie und die Nation, um nur
diese beiden zu nennen, konnen einander nicht ersetzen. Auch konnen sie
zusammen nicht die im Einzelnen weniger belastbaren, aber in ihrer Ge-
samtheit dicht verwobenen Solidarstrukturen aus Nachbarschaft, Freund-
schaft, Kollegialitat etc. ersetzen.
Gesellschaft als solche ist freilich keine Solidargemeinschaft. Gesell-
schaft, wertneutral beschrieben, scheint zunachst nicht mehr zu sein als ein
System wechselseitiger Verhaltenserwartungen; zur Gesellschaft in diesem
allerelementarsten Sinne gehort Jeder, der Adressat solcher Erwartungen
ist. Dabei mussen diese Erwartungen keineswegs positiv sein: Die Erwar-
tung, dass sich jemand womoglich nicht nach den gesellschaftlichen Nor-
men richtet, ist auch eine Erwartung.
Trotzdem gibt es auch auf der Ebene der Gesamtgesellschaft so etwas
wie eine Solidargemeinschaft; man nennt sie freilich nicht „Gesellschaft",
sondern „Volk", und in betont politischen Zusammenhangen „Nation ?f . Dies
ist nicht etwa eine normative Setzung, sondern ein empirischer Befund: Die
Existenz eines Volkes bzw. einer Nation ist zumindest in Europa die Grund-
lage der politischen Ordnung(en).
Bereits der enge historische Zusammenhang zwischen der modernen
Idee des Nationalstaats und der Franzosischen Revolution legt nahe, dass
Demokratie und Nationalstaatlichkeit zumindest in Europa zusammenge-
horen; dass der Demos der Demokratie und die Nation des Nationalstaates
ein und dasselbe sind.
Das hat auch seine innere Logik, wenn man bedenkt, dass das Spiel mit
wechselnden Mehrheiten, das eine Demokratie ausmacht, nur funktioniert,
wenn nicht ein Teil der Staatsbiirgerschaft von vornherein in der Minderheit
ist und sich als Gruppe versteht, die bestimmte Sonderrechte beansprucht,
womoglich sogar beanspruchen muss. Die Nation muss als Gegebenheit
242 V. Dschihad heute
vorausgesetzt werden, urn das politische Wechselspiel der Demokratie zu
ermoglichen. Demokratie als kollektive Selbstbestimmung setzt ein Kol-
lektiv voraus, eben die Nation, und verliert ihre Legitimitat, wenn es Sub-
Kollektive gibt, die von sich sagen konnen, das Mehrheitsprinzip verletze
ihr Recht auf Selbstbestimmung. Genau das ist der Fall bei Minderheiten,
die sich als Gruppen definieren und die als solche bewusst stabilisiert wer-
den. Demokratie setzt eben einen Demos voraus: ein Volk, nicht mehrere!
Die Existenz von Nationen gehort zu den kulturellen Selbstverstand-
lichkeiten europaischer Gesellschaften; dass es so etwas wie eine deutsche,
franzosische, polnische usw. Nation gibt; dass sie aus Burgern besteht, nicht
etwa aus Gruppen, Standen oder sonstigen Kollektiven; dass man in eine
solche Nation im Regelfall hineingeboren wird und nur im Ausnahmefall
ihr beitritt; dass die Nation, und nur sie, souveran im eigenen Land ist; dass
die Nation ein Solidar verb and ist (und deshalb etwa Sozialstaatlichkeit nur
im nationalen Rahmen organisierbar ist) - das sind zwar teils unbewusste,
dafiir aber desto weiter verbreitete Pramissen politischen Denkens; eben
genau das, was ich „kulturelle Selbstverstandlichkeiten" nenne.
Es ist in jungerer Zeit Mode geworden, im Zuge einer sich liberal dun-
kenden Gesellschaftsauffassung (und eines vulgarkonstruktivistischen
Wirklichkeitsverstandnisses, vgl. Kap. 1. 3.), Begriffe wie „Volk" oder Ra-
tion", aber auch „Geschlecht ff , iiberhaupt alle nicht selbstgewahlten Identi-
taten, als bloBe „Konstruktionen ff zu behandeln und zu suggerieren, damit
seien sie bar jeder empirischen Realitat. Tatsachlich aber verdichten sich in
solchen Begriffen soziale Solidaritatserwartungen, die als solche mindes-
tens insofern hochst real sind, als ihre Geltung allgemein unterstellt wird
und deshalb das Handeln von Menschen motiviert.
Einer Ideologie, die solche sozialen Erwartungen, sofern sie die Freiheit
des Einzelnen beschranken, als prinzipiell illegitim ansieht (es sei denn,
der einzelne Betroffene hatte sie explizitbejaht), muss es bequem sein, den
Konstruktcharakter hervorzuheben, der dies en Begriffen ebenso innewohnt
wie jeglichem anderen Begriff, und sich auf diese Weise vor der Frage zu
driicken, warum es zum Beispiel Solidaritatserwartungen gibt, die in Be-
griffe wie „Nation ,f gefasst werden, und was sie fur die Aufrechterhaltung,
Stabilisierung und Pazifizierung der Gesellschaft leisten.
Noch freilich hat diese Ideologie sich nicht durchgesetzt, auch wenn
ein erheblicher Teil der westlichen Funktionseliten in ihr befangen zu sein
scheint. Noch ist das traditionelle Verstandnis von „Nation ?f und daher
Integration 243
auch von ^Integration' 1 vorherrschend. Das wachsende Gewicht „liberaler"
Ideologie lasst sich aber daran ablesen, dass dieses traditionelle Verstand-
nis in offiziellen und seriosen Zusammenhangen nur noch verdruckst und
verklausuliert und in liberalem Jargon artikuliert werden kann, und dies
selbst dann, wenn die Politik sich anscheinend noch von ihm leiten lasst.
So entsteht ein Zwielicht aus Unaufrichtigkeit und Unentschlossenheit, aus
Angstlichkeit und Political Correctness, in dem Begriffe wie integration",
„Identitat", „Nation", „Gesellschaft", „Kultur", „Toleranz" kaum mehr sein
konnen als Worthiilsen. Im Folgenden werde ich zeigen, wie findige mus-
limische Strategen diese Worthiilsen mit Inhalten fiillen, die den meisten
Menschen hochst merkwurdig vorkommen diirften.
Die Mehrheit der Deutschen versteht unter ^Integration" mit einer gewis-
sen Selbstverstandlichkeit, dass Einwanderer, z.B. aus der Turkei, und ihre
Kinder in die deutsche Nation aufgenommen werden: Wenn sie den deut-
schen Pass annehmen, wechseln sie ihre Nationalist und werden Deutsche.
Das betrifft weniger den privaten Lebensstil: Um Deutscher zu sein,
muss man weder Schweinshaxen essen noch samstags den Rasen mahen
oder vor seinem Haus Gartenzwerge aufstellen, jedenfalls erwartet das nie-
mand, und die meisten Deutschen praktizieren es selbst nicht. Wohl aber
betrifft es das, was dem offentlichen Raum zuzurechnen ist: dass man die
deutsche Sprache spricht, dass man die demokratische Rechtsordnung und
die ihr zugrunde liegenden Wertentscheidungen akzeptiert, und zwar ein-
schlieBlich der religiosen Toleranz, der Gleichberechtigung von Mann und
Frau, des Verzichts auf private Gewaltanwendung. Vor allem aber: dass man
die deutsche Nation als seine eigene annimmt!
Dass man unter integration" freilich auch etwas ganz anderes verstehen
kann, namlich etwas, das mit den islamischen Abschottungsgeboten durch-
aus vereinbar ist, demonstrierte der tiirkische Ministerprasident Recep
Tayyip Erdogan, als er im Fruhjahr 2008 Deutschland besuchte, kurz nach
der Brandkatastrophe von Ludwigshafen, aus der die tiirkische Regierung
umgehend politisch Kapital zu schlagen versuchte. Er brachte seine Auffas-
sung damals auf die Formel:
911
„Ja zur Integration — nein zur Assimilation! "
••
Es lohnt sich, die damaligen AuBerungen Erdogans genauer unter die
Lupe zu nehmen, weil sie deutlich machen, wie sehr Einheimische und
9 1 i
zit. n. Hans Monath, Es ist unser gemeinsames Land, in: Tagesspiegel vom 9.2.2008
244 V. Dschihad heute
tiirkische Migranten in verschiedenen geistigen Bezugssystemen zu Hause
sind und welche Folgen dieser Umstand fur die integration" haben muss.
Erdogan, und das macht seine AuBerungen ebenso bedeutsam wie bri-
sant, ist nicht irgendein Politiker, sondern gewahlter Reprasentant des Hei-
matlandes der groBten muslimischen Zuwanderergruppe in Deutschland,
und deren Zustimmung zu seiner Auffas sung von integration" schlug sich
in frenetischem Beifall zu seiner Rede in der Koln-Arena ebenso nieder
wie in der fast vollstandigen Abwesenheit jeder offentlichen Kritik. Man
kann seine Ansichten daher keinesfalls als bloBe Privatmeinung oder als
Wunschdenken abtun.
Als Erdogan damals sagte, die Deutsch-Tiirken sollten ihre tiirkische
*7 1
Identitat bewahren und sich „ mit ihren Werten integrieren " , da sagte er
damit zugleich, welche Identitat 213 sie nicht annehmen - eine deutsche nam-
lich - und welche Werte sie nicht akzeptieren sollten - die der deutschen
Gesellschaft. Sogar dort, wo er seine Landsleute aufrief, die deutsche Spra-
che zu erlernen, verkniipfte er diesen Appell mit der Forderung nach turki-
schen Schulen und Universitaten in Deutschland, denn ein Deutsch-Tiirke
musse „zuerst die eigene Sprache beherrschen, bevor er die zweite, also
Deutsch, erlernen kann. "
Deutsch als ZwezYsprache ! Es geht also mitnichten um Traditionspflege
etwa nach Art der Hugenotten, die bis heute ihr franzosisches Erbe hoch-
halten, ansonsten aber stets preuBische, spater deutsche Patrioten waren 5
sondern es geht um die bewusste, sogar institutionalisierte Ablehnung des
Deutschen als Muttersprache, und zwar in alle Zukunft, untermauert durch
den an die Bundeskanzlerin gerichteten denkwurdigen Satz:
„ Wenn Sie versuchen, daszu verhindern, dann machen Sie einen Fehler. " 215
Ein Satz, den man kaum anders denn als Drohung verstehen kann.
Erdogan versteht also unter ^Integration' 1 die Stabilisierung der deutsch-
tiirkischen Minderheit als Gesellschaft in der Gesellschaft, als Nation in der
Nation, als Staat im Staate. Und die integration" besteht lediglich darin,
dass es sich um einen Staat eben im Staate handeln soil.
FAZ, 09.2.8, „Unser gemeinsames Land"
Auf die Fragwurdigkeit des Begriffs „Identitat" in Verbindung mit dem der Nationalist gehe ich weiter
unten ein. Hier iibernehme ich der Einfachheit halber Erdogans Begrifflichkeit.
2,4 ebd.
215 ebd.
Integration 245
Stellen wir uns, urn Erdogans Verhalten angemessen zu wiirdigen, einen
Moment lang vor, der armenische Ministerprasident wiirde auf Staatsbe-
such in die Turkei reisen, in Istanbul eine Massenversammlung mit zwan-
zigtausend tiirkischen Armeniern abhalten und diese auffordern, sich auf
keinen Fall an die turkische Gesellschaft zu assimilieren, weil Assimilation
ein „ Verbrechen gegen die Menschlichkeit" sei. Der sofortige Abbruch der
diplomatischen Beziehungen ware noch die geringste Folge.
Das turkische Verstandnis von Nation und Nationalstaatlichkeit basiert
namlich auf der Vorstellung der vollstandigen ethnischen, kulturellen,
sprachlichen und religiosen Homogenitat der Nation! Von der Toleranz
der Turkei gegeniiber Minderheiten konnen etwa Kurden und Armenier
ein Lied singen. Die Forderung nach Minderheitenrechten stellt nach tiir-
kischem Verstandnis einen Anschlag auf die Einheit der Nation dar und gilt
als staatsfeindlicher Akt. (Dass Erdogans islamistische Partei mit Rucksicht
auf die EU, d.h. aus taktischen Griinden, das Prinzip etwas flexibler hand-
habt als ihre kemalistischen Vorganger, bedeutetkeineswegs, dass sie es zur
Disposition stellen wiirde.)
Wenn der Regierungschef eines solchen Landes an Deutschland eine For-
derung stellt, die er, ware sie an ihn selbst gerichtet, als Kriegserklarung auf-
fassen wiirde, so ist dies - zumindest der Absicht nach - ein feindseliger Akt,
der darauf abzielt, Deutschland politisch zu schwachen, und zwar im Inte-
resse sowohl des Islam im Allgemeinen als auch der Turkei im Besonderen:
Kurzfristig geht es offenkundig darum, die Deutsch-Tiirken als Fiinfte
Kolonne aufzubauen, die den EU-Beitritt der Turkei unterstiitzt: In einem
politischen System, in dem die Linke und die Rechte sich normalerweise
an der Macht ablosen, wie dies fur praktisch alle westlichen Demokratien
zutrifft, wachst einer Wahlergruppe, die sichjenseits des Links-Rechts-Ge-
gensatzes iiber ethnische Gruppenidentitat definiert, die Rolle eines Ziing-
leins an der Waage zu, sofern sie es schafft, sich als nahezu geschlossener
Stimmblock zu etablieren; eine solche Gruppe verfugt kraft ihrer strate-
gischen Position iiber einen Einfluss, der ihr zahlenmaBiges Gewicht bei
weitem iibertrifft. Orientiert sich eine solche „Schiedsrichter ?f -Gruppe an
den politischen Vorgaben eines fremden Staates, so ist eine verstarkte Ab-
hangigkeit Deutschlands von dessen Interessen die zwangslaufige Folge.
Es ist also ein grundlegender Unterschied, ob man Individuen als gleich-
berechtigt behandelt oder ein Kollektiv; ob man Individuen integriert oder
eine Gruppel
246 V. Dschihad heute
Die Gleichbehandlung und Integration eines Kollektivs bedeutet, dass
dessen Wertvorstellungen, Sozialnormen, Geschichtsbilder und Vorurteile
denselben Anspruch auf politische und gesellschaftliche Legitimitat haben
wie die der Mehrheitsgesellschaft. Im Falle eines islamischen Kollektivs
bedeutet es also dessen problematische Einstellung zu den Rechten der
Frau, die Neigung zu autoritarer Erziehung, Antisemitismus, Christenhass,
Intoleranz, Gruppennarzissmus und Gewaltkult. Die Konsequenz dieses
Anspruches wird, wie oben schon dargelegt, die Gleichberechtigung von
Scharia und Grundgesetz sein. Wohin schlieBlich die „Gleichberechtigung"
zweier Kollektive fiihrt , von denen das eine der Gewaltanwendung seiner
Mitglieder gegen die Mitglieder der Gegengruppe Vorschub leistet, umge-
kehrt aber nicht, ist unschwer zu erahnen.
Erdogan ist mindestens ebensosehr Islamist, wie er Nationalist ist. Sein
Auftreten ist geradezu ein Musterbeispiel fur das, was ich „National-Isla-
mismus" genannt habe (siehe zweites Kapitel), also fur die Konvergenz von
nationalistischer und islamistischer Ideologie:
Die islamische Ethik baut auf dem Postulat muslimischer Solidaritat auf.
Das heiBt keineswegs, dass man als Muslim mit alien muslimischen Vol-
kern gleichermafien solidarisch sein musste; das Hemd darf einem durchaus
naher sein als der Rock. Es bedeutet aber, dass die Loyalitat von Muslimen
solchen GroBgruppen wie Nationen, Volkern, Stammen etc. nur dann und
nur so weit gelten darf, wie diese Gruppen muslimisch sind, und das heiBt
mindestens: wie sie politisch von Muslimen kontrolliert werden. Soweit
dies der Fall ist, kollidieren Islamismus und Nationalismus nicht mitein-
ander. Die Solidaritat innerhalb der engeren Gruppe, also zum Beispiel der
tiirkischen Nation, erleichtert die Abgrenzung von und gegebenenfalls den
Kampf gegen Fremdgruppen. Sofern diese Fremdgruppen nichtmuslimisch
sind, wird diese Abgrenzung und dieser Kampf automatisch zum Dschihad,
und in diesen Dschihad werden auf dem Umweg des Nationalismus (oder
des Tribalismus oder anderer Formen von GroBgruppensolidaritat) auch
solche Muslime einbezogen, die personlich weniger religios und am Dschi-
had nicht interessiert sind.
Nationalismus ist fur islamische Gesellschaften also dann eine akzepta-
ble Ideologie, wenn die Nation eine Teilmenge der islamischen Umma ist.
Das europaische Konzept dagegen, Nationen unabhangig von der Religion
ihrer Mitglieder zu definieren, wurde zwar in der islamischen Welt rezipiert
und war zeitweise sogar dominant. Mit fortschreitender Dauer der Rezep-
Integration 247
tion wurde dieser Nationalismus aber immer starker islamisch eingefarbt -
und das heiBt: an die in muslimischen Gesellschaften geltenden kulturellen
Selbstverstandlichkeiten angepasst -, bis er zur Waffe des Dschihad taugte.
Wenn Erdogan also das Aufgehen der tiirkischen Minderheit in der deut-
schen Nation um jeden Preis verhindern will, dann geht es nicht einfach,
und wahrscheinlich nicht einmal in erster Linie, um die Durchsetzung tiirki-
scher Staateinteressen. Es geht um die Durchsetzung des islamischen Gesell-
schaftsmodells, und zwar zu Lasten der sakularen europaischen Zivilisation.
Solche Strategien sind realistisch, weil sie auf die Mentalitat von Musli-
men zugeschnitten sind: Sich einer nichtislamischen Nation anzuschlieBen
gilt als derart unsittlich, dass die meisten eingebiirgerten Turken Wert auf
die Feststellung legen, sie seien - ungeachtet ihrer Staatsangehorigkeit -
keine Deutschen.
Es ist bezeichnend, wie haufig im Zusammenhang mit dem Beitritt von
Muslimen zur deutschen Nation das Wort von der „Identitat" fallt, die man
verlieren, zumindest aber verbiegen wurde, wenn man sich einfach als
Deutscher bezeichnete. Seine Identitat verlieren bedeutet aber: ein anderer
Mensch werden. Fur Millionen von Europaern, die im Laufe der letzten
zweihundert Jahre ausgewandert sind (z.B. nach Amerika), war der Wechsel
der Staatsangehorigkeit sicherlich auch ein bedeutender Schritt, der immer-
hin von einer politischen Solidargemeinschaft in eine andere fuhrte und den
Einzelnen damit in einen anderen sozialen (Erwartungs-)Kontext stellte; der
aber, und das ist entscheidend, die Integritat der Personlichkeit, das Selbst,
eben die Identitat, iiberhaupt nicht betraf.
Wenn Muslime daher die Zugehorigkeit zu einer politischen Solidarge-
meinschaft - einer Nation - zur Identitdtsfrage erheben, dann driickt sich
darin eine ganz bestimmte, eine spezifisch muslimische Auffassung des
Verhaltnisses von Individuum zu Kollektiv aus: Wir hatten gesehen, dass
das Christentum vom Individuum und seiner Hinwendung zu Gott ausgeht
und gewissermaBen erst im zweiten Schritt den Glauben in Gestalt eines
sozialen Systems als Religion objektiviert; dass andererseits der Islam von
9 1 f,
Selbst eine profilierte Islamkritikerin wie Seyran Ates, fiirwahr keine Nationalistin und schon gar keine
Islamistin, sondern eine engagierte Demokratin, bringt es nicht fertig, „sich selbst eine Deutsche zu nennen"
sondern zieht es vor, sich als „Deutschlanderin" zu definieren. Wurde sie sich „Deutsche" nennen, so hieBe
das „Nicht-Turkin". „Deutschlander" dagegen ist das Wort fur Turken in Deutschland. Seyran Ates, Der
Multikulti-Irrtum - Wie wir in Deutschland besser zusammenleben konnen, Berlin 2007; eine kritische
Analyse ihres Ansatzes habe ich im Internet veroffentlicht unter: http://www.korrektheiten.com/2008/05/17/
seyran-ates-der-multikulti-irrtum/
248 V. Dschihad heute
vornherein als soziales System konzipiert ist. Der Einzelne zahlt in einem
solchen Zusammenhang als Teil der Gemeinschaft, nicht als Individuum.
Wenn man ein solches Menschen- und Gesellschaftsbild hat, und nur dann,
ist der Wechsel der Nationalist, sofern er mehr als ein auBerer Rechtsakt sein
soil, tatsachlich eine Beeintrachtigung der personlichen Integritat. Wir brau-
chen uns also keineswegs zu wundern, dass Erdogan bejubelt wurde fiir seinen
Satz, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eher miissen
wir uns uber die Naivitat wundern, mit der hierzulande viele Menschen, ein-
schlieBlich der verantwortlichen Politiker, diese Mentalitat ignorieren und da-
von ausgehen, der Wechsel der Staatsangehorigkeit mache aus Turken Deut-
sche (wenigstens auf lange Sicht), und starke ihr Gefiihl der Zugehorigkeit
zur deutschen Nation. Und erschreckend ist die Leichtfertigkeit, mit der man
uber die Implikationen des Begriffs „Identitat" hinweggeht und eine Gruppe
von untereinander solidarischen Immigranten in eine Gesellschaft von Einhei-
mischen pflanzt, die sich bewusst abgewohnt haben, das eigene Volk als Soli-
dargemeinschaft zu betrachten. Es fallt schwer, ein solches MaB an Einfalt fiir
glaubwiirdig zu halten, speziell bei Politikern, deren Beruf es schlieBlich ist,
mit organisierten Gruppen von Menschen umzugehen, und die schon deshalb
wissen miissten, dass eine solidarische Gruppe sich gegen eine unsolidarische
bloBe Menge von Menschen stets durchsetzen wird.
Schwer zu verstehen ist auch, wie es Menschen geben kann, die glauben, es
sei integrationsfordemd, wenn das deutsche Volk seine eigene Kollektividen-
titat (im Sinne seiner Eigenschaft als Wir-Gruppe) als Peinlichkeit behandelt.
(Wobei es sich nicht einfach um ein deutsches Phanomen handelt, auch
wenn viele Deutsche das glauben: Vergleichbares ist in alien westlichen
Landern zu beobachten; der Selbsthass westlicher Volker nimmt allmahlich
skurrile Zuge an, und diejunge Deutsche, die von Seyran Ates mit dem Satz
zitiert wird, nun habe sie Kultur, weil sie einen kurdischen Freund habe, 217
findet ihre Entsprechung in der von Robert Spencer zitiertenjungen Amerika-
nerin, die weiBe Menschen grundsatzlich fur geborene Bosewichter halt. 218 )
Es kann niemanden emsthaft wundern, dass Menschen, die die Zuge-
horigkeit zu einer Gemeinschaft mit ausgepragtem Wir-Gruppen-Bewusst-
sein gewohnt sind, es ausgesprochen unattraktiv finden, sich Volkern an-
zuschlieBen, in denen es als offentliche Tugend gilt, das eigene Volk und
217 Seyran Ates, a.a.O., S.15
9 R
' Robert Spencer, Religion of Peace?: Why Christianity Is and Islam Isn't, Washington D.C. 2007, S. 2
Integration 249
dessen Leistungen schlechtzureden und Patriotismus als voraufklarerischen
Aberglauben abzutun. 219 Doch selbst wenn die Volker Europas ihre Wir-
Gruppen-Identitaten starker herauskehren wiirden, miisste man allein auf-
grund ihres nichtislamischen Charakters bezweifeln, dass Muslime in gro-
Berer Zahl sich mit ihnen identifizieren konnten.
Was man sich unter integration" vorzustellen hat, wenn sie nicht als
Integration von gleichberechtigten Bilrgern zu verstehen ist, sondern als
Integration einer Gruppe, und zwar einer muslimischen Gruppe, sei schlieB-
lich anhand eines Forderungskataloges 220 demon striert, den die Tiirkische
Gemeinde Deutschland (TGD) am 1. Marz 2008, kurz nach dem denkwur-
digen Besuch Erdogans veroffentlicht hat.
Manch einer wird jetzt fragen, ob ich der TGD damit nicht zu viel Ehre
erweise. SchlieBlich gilt sie selbst bei den Griinen - und das will furwahr et-
was heiBen - als eine Organisation, deren Vereinszweck das Jammern sei 221
••
und im Ubrigen als typische Lobby-Organisation, die nicht zuletzt darauf
aus sei, ihre eigene Unentbehrlichkeit zu beweisen. AuBerdem sei sie doch
gerade keine im engeren Sinne islamistische Vereinigung, sondern folge ei-
ner eher nationalistischen Agenda.
Genau dieses Letztere ist aber der springende Punkt: Zu zeigen, dass
Islamisten Dschihad treiben, ware trivial. Ich dagegen behaupte, dass auch
Anhanger scheinbar sakularer Ideologien aufgrund ihrer islamisch geprag-
ten Mentalitat Ziele verfolgen, deren Verwirklichung die Islamisierung
nichtislamischer Lander voranbringt. Wenn sich dies tatsachlich so verhalt,
dann miisste sich dieser Zusammenhang auch in den Selbstzeugnissen von
muslimischen Organisationen mit sdkularem, zumindest aber nicht ausge-
pragt religiosem, Selbstverstandnis nachweisen lassen.
Ich werde mit Blick auf die TGD zeigen, dass islamisch-dschihadistische
Denkmuster unter einer dunnen Tiinche aus ,,Sakularitat" nach wie vor wirk-
sam sind, und damit weiteres Mai belegen, wie irrefuhrend es ist, „radikal zwi-
schen Islam und Islamismus unterscheiden ?f zu wollen, oder Nationalismus
und Islamismus analytisch als Gegensatze aufzufassen statt als Erganzungen.
010
Und es ist bezeichnend, dass der einzige Lebensbereich, in dem muslimische Immigranten mit einer
deutschen Identitat zumindest liebaugeln, ausgerechnet - FuBball ist! Es scheint mir plausibel, dass dies
damit zusammenhangt, dass FuBball der einzige Lebensbereich ist, in dem deutscher Nationalismus gesell-
schaftlich akzeptiert ist.
Tiirkische Gemeinde Deutschland, Nach den Brandanschlagen muss es eine Neuausrichtung der Politik
geben, http://www.tgd. de/index.php?name=News&file=article&sid=787
99 1
vgl. Mechthild Kiipper, Ein Fest des Jammertiirkentums, in: faz.net vom 26.3.2009
250 V. Dschihad heute
Vielmehr illustriert die Analyse meine These von der Verankerung des
politischen Islam im System der kulturellen Selbstverstandlichkeiten. Es
handelt sich also nicht urn eine Ideologie, die man sich bewusst aneignet,
von der man sich mithin auch durch einen bloBen Willensakt wieder abwen-
den konnte, sondern urn eine ideologische Vorpragung, die dem eigentli-
chen politischen Denken vorausgeht und ihm die Richtung weist.
„NACH DEN BRANDANSCHLAGEN MUSS ES EINE NEUAUSRICH-
TUNG DER POLITIK GEBEN
Nach einer Reihe von Brandanschlagen, brachte der Vorsitzende der
Tiirkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Kenan Kolat, die ernsthaften
Sorgen der turkeistammigen Bewohner/innen Deutschlands zum Ausdruck
und verlangte eine Neuausrichtung der Integrationspolitik.
Kolat stellte folgende Grundsatzefiir einen neuen Ansatz in der Integra-
tionspolitik vor:
1. Die Sicherheitskrafte mils sen intensiver vorbeugend tatig werden.
Die Sicherheitskrafte in der Bundesrepublik miissen ihre vorbeugende
Tatigkeit intensivieren. Zur Starkung des Vertrauens der turkeistammigen
Bevolkerung muss die Zusammenarbeit der Sicherheitskrafte mit Organi-
sationen der tiirkischstammigen Community ausgebaut werden. In diesem
Zusammenhang miissen mehr Menschen mit Migrations hintergrund ausge-
bildet und eine 10-%-Einstellungs quote umgehend eingefiihrt werden.
2. Es muss gegenseitiges Vertrauen hergestellt werden.
Die Fuhrungspersonlichkeiten der deutschen und der turkischstammi-
gen Gesellschaft miissen ihre Beziehungen intensivieren und Zeichen fur ein
friedliches Zusammenleben gemeinsam setzen. Der von Menschen mit Mi-
grations hintergrund fur diese Gesellschaft geleistete und zu leistende Bei-
trag muss hervorgehoben werden. Um diesen Beitrag zu steigern, miissen
offentliche Institutionen die notwendige Unterstiitzung leisten.
3. Anstelle einer sog. Integration miissen gleiche Rechte und Partizipati-
on im Vordergrund stehen.
Wo es keine Partizipation gibt,fiihlen sich die Menschen ausgegrenzt. Wenn
das System die Menschen nicht einbezieht, nehmen diese das System nicht an.
Deshalb ist die politische Partizipation von herausragender Bedeutung.
In diesem Kontext sind den Menschen mit Migrations hintergrund das kom-
munale Wahlrecht und die Mehrstaatigkeit unbedingt zu gewahren. Kultu-
relle Partizipation wirddie Menschen in dieLage ver setzen, ihre kulturellen
Werte in eine positive Richtung weiterzuentwickeln. In diesem Zusammen-
Integration 251
hang ist es notwendig, dass die tiirkische Sprache an den Schulen gelehrt
und Tiirkisch als 2. Fremdsprache bis zum Abitur angeboten wird; es muss
aufjegliches Sprachverbot an Schulen verzichtet werden. Auch ist Islam-
Unterricht an Schulen Teil der kulturellen Partizipation.
Bildungspartizipation ist unverzichtbar. Leider lasst der Bildungserfolg
tiirkischstammiger Kinder und Jugendlicher viel zu wiinschen iibrig. Das
hat verschiedene Ursachen. Das Bildungssystem in seiner heutigen Form
verhindert den Bildungserfolg von Kindern mit Migrations hintergrund.
Auch die Partizipation am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist in den letz-
ten Jahren riicklaufig. Die Tiirkische Gemeinde in Deutschlandfordert eine
10-%-Quote am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.
4. Es muss ein politischer Ehrenkodex verabschiedet werden.
Es muss Schluss sein mit der Instrumentalisierung von Migrant/innen
in Wahlkampfen. Um dies zu gewahrleisten, sollten alle Parteien und Or-
ganisationen sich aufeinen „politischen Ehrenkodex" einigen und diesen
abzeichnen. Verstofie dagegen miissen offentlich gemacht werden.
5. Programme zur Bekampfung von Rassismus miissen weiterentwickelt
werden.
Die offentlich geforderten Programme zur Bekampfung von Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit miissen ausgeweitet, ihre Resultate offentlich
diskutiert werden. Dariiberhinaus miissen die Migrantenorganisationen in
die Konzeption aktiv eingebunden werden und an Schulen interkulturelles
Leben als Pflichtfach eingefiihrt sowie internationale Austauschpro gramme
zum gegenseitigen Kennenlernen entwickelt werden. "
Der Text beginnt bereits mit einer Unwahrheit, namlich mit der Behaup-
999
tung, es habe „eine Reihe von Brandanschlagen" gegeben. Wir haben es
hier mit derselben Auf fas sung von „Wirklichkeit" zu tun, die uns bereits im
999
Die taz schrieb am 1.3.2008 unter dem Titel „Turkische Medien schuren Angst" auch iiber die Pressekon-
ferenz der TGD: „Die Fast-Entwarnung aus Ludwigshafen hat nichts bewirkt. Dort hatte am Donnerstag-
nachmittag die Staatsanwaltschaft verkimdet, dass der verheerende Brand, bei dem neun Deutschtiirkinnen
starben, wahrscheinlich nicht absichtlich gelegt worden sei. Dennoch lud am Freitag die Tiirkische Gemein-
de in Deutschland (TGD) zur Pressekonferenz. Der Titel der Veranstaltung: „Nach den Brandanschlagen
muss es eine Neuausrichtung der Politik geben." (...) Seit Ludwigshafen habe es 17 Brande in Hausern ge-
geben, die von Tiirken bewohnt werden, sagte der Vorsitzende der TGD, Kenan Kolat, und zahlte die Orte
und Daten der Brande auf. (...) Allerdings raumte der TGD-Vorsitzende selbst umgehend ein, dass es bun-
desweit taglich rund 500 Brande gebe - und nur eines der von ihm genannten 17 Feuer gehe nachweislich
auf Brandstiftung mit rassistischem Hintergrund zuriick. Dies war der Anschlag im hessischen Dautphetal
bei Marburg, bei dem niemand verletzt wurde." Bleibt nachzutragen, dass bei dieser von unbekannten Tatern
unter hochst seltsamen Begleitumstanden veriibten Brandstiftung am 19.2.2008 in Dautphetal bei Marburg
ein rechtsradikaler Hintergrund zwar vermutet, aber nicht bewiesen wurde.
252 V. Dschihad heute
Koran begegnet ist. Diese Technik, einem Geschehen den islamisch korrek-
ten Dreh zu geben und sich damit die Deutungshoheit zu sichern, habe ich
oben im Abschnitt iiber Geschichtsbilder schon beschrieben. Diese Unfa-
higkeit zur Akzeptanz bestimmter Tatsachen ist fur Muslime eine kulturelle
Selbstverstandlichkeit und ihnen selbst daher normalerweise nicht bewusst.
Insofern handelt es sich nicht urn eine Luge im Sinne einer aktiven und be-
wussten Tat, sondern um Luge im Sinne einer ideologischen Struktur! Der
Hinweis auf die angeblichen Brandanschlage dient nicht etwa als Argument
fur die Richtigkeit der eigenen Forderungen, sondern dazu, sich als „Opfer"
zu stilisieren (dessen Forderungen abzulehnen mithin unmoralisch ware).
All das funktioniert natiirlich nur gegeniiber einer Gesellschaft, die den von
Muslimen beanspruchten Opferstatus nicht hinterfragt.
„Zur Stdrkung des Vertrauens der tiirkeistammigen Bevolkerung [in die
Sicherheitskrdfte] ... "
Wenn man einen Deutschen fragt, ob er „ Vertrauen" in die Polizei hat,
bedeutet das: Glauben Sie, dass die Polizei sich an Recht und Gesetz halt?
Eine Frage, die dem im westlichen Kulturkreis iiblichen formalen Rechts-
verstandnis entspricht und von den meisten Deutschen bejaht wird.
Ein islamisches Rechtsverstandnis dagegen fasst Recht primar nicht als
(formale) Gesetzlichkeit auf, sondern als (materielle) Gerechtigkeit, wel-
che Gerechtigkeit - da von Allah gewollt - darin besteht, dass Muslime
herrschen und Nichtmuslime beherrscht werden. Wenn man sich dies nicht
bewusst macht, kann man nicht verstehen, warum die deutsche Polizei bei
„Deutschlandern" kaum Vertrauen genieBt, und zwar ungeachtet des ausge-
klugelten Normensy stems, dem sie folgt; die tiirkische dagegen, die offen-
kundig die Menschenrechte systematisch missachtet, sehr wohl.
Die meisten Muslime konnen kein Vertrauen in das deutsche Recht und
die deutsche Polizei haben, weil sie - und diese Annahme gehort zu den
kulturellen Selbstverstandlichkeiten - davon ausgehen, dass die Mensch-
heit in einander feindliche Kollektive geteilt und Recht per se ein Mittel ist,
mit dem ein Kollektiv das andere niederhalt. Dasselbe gilt fur den dieses
Recht durchsetzenden Staatsapparat, der nicht von Muslimen kontrolliert
wird, diesen mithin feind sein muss. Wenn also Turken, oder iiberhaupt
Muslime, haufiger zum Gegenstand polizeilicher MaBnahmen werden als
Einheimische, dann liegt dies aus ihrer Sicht keineswegs an dem - erwie-
senermaBen, siehe oben - hoheren Kriminalitatspegel in diesen Bevolke-
rungsgruppen, sondern an der Feindseligkeit der deutschen Polizei. Es ist
Integration 253
nicht etwa ein vorwerfbares Versaumnis, sondern die notwendige Folge
dieses Weltbildes, dass die TGD keinen Vorschlag macht, wie man spezi-
ell tiirkische Jugendliche von der schiefen Bahn abhalten konnte, sondern
fordert:
„... muss die Zusammenarbeit der Sicherheitskrdfte mit Organisationen
der tilrkischstdmmigen Community ausgebaut werden. "
Die deutsche Polizei soil mit diesen Organisationen zusammenarbeiten
- nicht umgekehrt! Sie soil den Wiinschen dieser Organisationen Rechnung
tragen - im Gegenzug dafilr erntet sie dann vielleicht „Vertrauen" bei der
tiirkischstammigen Bevolkerung.
Im Klartext heiBt das: Die Tiirkische Gemeinde in Deutschland und ver-
gleichbare Verbande sollen in die Arbeit der Polizei hineinreden diirfen.
Machen wir uns klar, dass dieses Privileg keiner Gewerkschaft, keiner Kir-
che, keiner Partei oder sonstigen Organisation zugestanden wird. Grundlage
und Rechtfertigung dieser Forderung ist lediglich die Tatsache, dass Tiir-
ken - nicht aber Gewerkschafter oder Kirchganger - unter den Kriminellen
iiberreprasentiert sind.
Dies entspricht dem klassischen Muster dschihadistischer Arbeitstei-
lung: Die einen Muslime verursachen das Problem, die anderen bieten sich
als Losung an. Das Prinzip „Gebt uns Macht, dann schutzen wir Euch vor
unseren marodierenden Glaubensbriidern" sicherte schon die Loyalitat der
Dhimmis zu Kalifen, Emiren und Sultanen gegen rauberische Beduinen.
Offenbar soil es heute die deutsche Polizei den Wiinschen tiirkischer Ver-
bande offnen, die „ihre" Kriminellen besser unter Kontrolle zu bringen
versprechen und auf diese Weise ganz nebenbei, sozusagen unabsichtlich,
Einblick in und Einfluss auf den Staatsapparat gewinnen.
„In diesem Zusammenhang milssen mehr Menschen mit Migrations hin-
tergrund ausgebildet und eine 10-%-Einstellungs quote umgehend einge-
fuhrt werden/'
Es geniigt nicht, dass die Tiir geoffnet wird („Zusammenarbeit ?f ), man
will sicherheitshalber den FuB darin haben. Die Forderung bedeutet auBer-
dem, dass die Polizei gegebenenfalls besser qualifizierte deutsche Bewerber
ablehnen soil, damit die Quote erfiillt wird - also eine Vorzugsbehandlung
der Migranten und eine Diskriminierung der Einheimischen.
Beachtenswert ist die Hohe der Forderung: 10 Prozent ist mehr als dop-
pelt so viel, wie dem Anteil Tiirkischstammiger an der Bevolkerung ent-
spricht (und aus dem Kontext - „tiirkeistammige Bevolkerung", „tiirkische
254 V. Dschihad heute
Community ff - ergibt sich j a, dass hier entgegen dem Wortlaut eine Turken-
quote gemeint ist, nicht eine Migrantenquote).
Wie wurde das in der Praxis aussehen? Diese Quotenpolizisten wiirden
sich in Vierteln mit entsprechender ethnischer Zusammensetzung konzentrie-
ren (anderswo braucht man sie ja nicht) und dort die Mehrheit stellen, mithin
auf den Polizeirevieren den Ton angeben, ungefahr so, wie es die muslimi-
schen Jugendlichen in den Klassenzimmern und auf den StraBen einschlagi-
ger Stadtteile bereits tun. Die Besetzung sozialer Raume geht auch hier Hand
in Hand mit der geographischer Raume, und sie funktioniert mit demselben
Mittel der Schwerpunktbildung. Im Falle der Polizei liefe es auf die Schaf-
fung eines tiirkischen Korps innerhalb des deutschen Polizeiapparates hinaus.
„Die Fuhrungspersonlichkeiten der deutschen und der turkischstammi-
gen Gesellschaft miissen ihre Beziehungen intensivieren. "
Wir haben also zwei Gesellschaften, eine deutsche und eine tiirkische,
und beide haben ,,Fuhrungspersonlichkeiten". Herr Kolat sieht sich auf Au-
genhohe mit der Bundeskanzlerin.
Hier ist wieder einmal nicht von Integration die Rede, sondern davon,
dass die Beziehungen zwischen Deutschen und „Deutschlandern" denen
zwischen Staaten ahneln sollen, und zwar zwischen gleichberechtigten
Staaten. Wir erkennen darin nicht nur die Ideologie, Menschen nur im Kol-
lektiv wahrzunehmen (eine Ideologie, die iibrigens auch dem osmanischen
Millet-System zugrunde lag, Turken daher besonders naheliegen durfte),
sondern auch den oben beschriebenen Versuch, die Selbstdefinition des
Gemeinwesens zu manipulieren: Kein Nationalstaat, sondern ein Staat, der
beiden „Gesellschaften ?f gehort.
„Der von Menschen mit Migrations hintergrund fur diese Gesellschaft
geleistete ... Beitrag muss hervorgehoben werden."
Es geht darum, Legenden der Art „Die Turken haben unser Land aufge-
baut" unters Volk zu streuen, ganz im Sinne von Amr Khaleds oben zitierter
Forderung, Muslime miissten demonstrieren, wie „respektabel und erfolg-
reich sie sind". Und wenn sie das nun einmal nicht sind, sollen die Einhei-
mischen wenigstens glauben, sie seien es, und diese Behauptung moglichst
noch selber verbreiten.
Immerhin ist auch vom „zu leistenden Beitrag" die Rede. Man ist also der
Meinung, man hatte einen Beitrag zu leisten. Und wie soil das geschehen?
„ Um diesen Beitrag zu steigern, miissen offentliche Institutionen die not-
wendige Unterstiitzung leisten. "
Integration 255
Der „Beitrag" hangt davon ab, dass der Staat Steuergelder investiert.
„Ans telle einer sog. Integration../'
Es gibt zwei Sorten von Integration: eine bloB „sogenannte", also die von
den Deutschen favorisierte Aufnahme von bisherigen Tiirken in die deut-
sche Nation, und eine, die im Unterschied dazu die richtige bzw. uberhaupt
keine ist, namlich die von der TGD vorgeschlagene.
„... miissen gleiche Rechte undPartizipation im Vordergrund stehen. Wo
es keine Partizipation gibt, fiihlen sich die Menschen ausgegrenzt. "
Wohlgemerkt: Hier ist von Mc/^-Staatsbiirgern die Rede, nicht etwa von
Deutschen tiirkischer Herkunft, denn die haben ja, gleiche Rechte wie alle
andern Staatsburger auch - und es wird auch niemandem schwer gemacht,
die deutsche Staatsangehorigkeit zu erwerben. Dass Mc/^- Staatsburger
nicht die gleichen politischen Rechte haben wie Staatsburger, ist keine
„Ausgrenzung ?f , sondern eine Selbstverstandlichkeit, und zwar iiberall auf
dem Globus. Und ganz gewiss in der Turkei.
„ Wenn das System die Menschen nicht einbezieht, nehmen diese das Sys-
tem nicht an. "
Mit diesem „System" ist offenbar das politische und gesellschaftliche
System der Bundesrepublik Deutschland gemeint. Was soil das bedeuten,
dass „die Menschen das System nicht annehmen ?f ? Kriminalitat, Gewalt,
Terrorismus?
Die Gewalttatigkeit der eigenen Glaubensbriider auch dort einzuplanen,
wo sie selbst nach islamischen MaBstaben illegal ist, aus der Angst der „Un-
glaubigen" vor eben dieser Gewalttatigkeit aber Vorteil zu ziehen, gehort
zu den klassischen Strategemen von Dschihadisten und ist vierzehnhundert
Jahre lang erprobt worden.
„ Deshalb ist die politische Partizipation von herausragender Bedeu-
tung. In diesem Kontext sind den Menschen mit Migrations hintergrund
das kommunale Wahlrecht und die Mehrstaatigkeit unbedingt zu gewah-
ren. "
Das Ziel deutscher Integrationspolitik ist, so vielen hier lebenden Mig-
ranten wie moglich die deutsche Staatsangehorigkeit zu gewahren - aber
als ausschlieBliche, nicht als eine von mehreren. Dem liegt der Gedanke zu-
grunde, dass die Rechte eines deutschen Staatsbiirgers nur derjenige haben
soil, dessen politische Loyalitat Deutschland gilt, nicht aber der Turkei oder
der tiirkischen Gemeinschaft in Deutschland, auch nicht der Umma und erst
recht nicht dem Dschihad.
256 V. Dschihad heute
Fur viele Muslime - und gerade fur die turkischstammigen unter ihnen, ist
es aber, wie gezeigt, undenkbar, sich als „deutsch" zu verstehen. Die Forderung
nach „Mehrstaatigkeit" fur Menschen, die sich aufdie Stirn schreiben, dass
sie niemals die deutsche Nation als ihre eigene annehmen werden, bedeutet im
Klartext: Die Republik soil anerkennen, dass Muslime ein Recht auf Illoyalitat
haben. Diese Forderung entspricht exakt der islamrechtlichen Auffassung der
Loyalitatspflichten von Muslimen gegeniiber nichtislamischen Gemeinwesen
- namlich dass es solche Pflichten nicht gibt. Mit den Prinzipien, auf denen
demokratische Nationalstaaten beruhen, ist sie unvereinbar.
„ Kultur elle Partizipation wird die Menschen in die Lage versetzen, ihre
kulturellen Werte in eine positive Richtung weiterzuentwickeln. "
Ihre kulturellen Werte. Es geht also nicht etwa um einen wie auch immer
gearteten Austausch kultureller Werte. Vor allem geht es nicht darum, sich
die kulturellen Werte Deutschlands bzw. des Westens anzueignen. Was hat
es zu bedeuten, wenn unter dem Leitthema „Kulturelle Partizipation" - zu
Deutsch: Teilhabe - gerade nicht die Teilhabe an der westlichen Kultur pro-
pagiert wird? Ist das nicht ein grotesker Widerspruch?
Keineswegs. Es bedeutet lediglich, dass nicht die Muslime an der deut-
schen Kultur teilhaben sollen, sondern die Deutschen an der muslimischen .
Vollig widerspruchsfrei, vollig logisch und absolut im Einklang mit isla-
misch fundierten kulturellen Selbstverstandlichkeiten. Wobei wir die Werte,
die hier als „kulturelle" umschrieben werden, getrost als religiose betrach-
ten diirfen. Natiirlich gibt es in unterschiedlichen islamischen Landern un-
terschiedliche Kulturen, aber die Werte, um die es geht, sind die islami-
schen, und die unterscheiden sich nicht im Grundsatz, allenfalls im Detail.
(Da ist es auch nur folgerichtig, wenn es ein paar Zeilen spater, aber im
selben gedanklichen Kontext heiBt: „Auch ist Islam-Unterricht an Schulen
Teil der kulturellen Partizipation. ")
Damit ist auch klar, welcher Gedanke hinter der scheinbar so wolkigen
Formulierung von der „positiven Richtung ff steht, in die diese „kulturel-
len Werte ... weiterzuentwickeln" sind: Die „kulturellen Werte ff sind die
islamischen, die „Weiterentwicklung ff ist deren Verbreitung, die „positive
Richtung" ist die in die deutsche Gesellschaft hinein, und die „kulturelle
Partizipation" heiBt, dass die Deutschen dies gutheiBen. Was hier - gar nicht
einmal verdeckt - gefordert wird, ist die Islamisierung Deutschlands.
Man versucht nicht einmal, die deutsche Gesellschaft davon zu uber-
zeugen, dass sie daran ein Interesse haben soil - es wird ganz einfach vo-
Integration 257
rausgesetzt, wiederum aufgrund kultureller Selbstverstandlichkeiten, dass
jedermann ein Interesse haben muss, mit islamischer Religion und Kultur
begliickt zu werden. Genau dies horen Muslime ubrigens heraus, wenn
deutsche Politiker die Floskel von der „kulturellen Bereicherung" verwen-
den, die Deutschland angeblich der Masseneinwanderung von Muslimen
verdanke. Insofern sollte man ihnen keinen Vorwurf daraus machen, dass
sie subjektiv ganz aufrichtig davon iiberzeugt sind, den Deutschen - und
uberhaupt den Europaern - mit der Islamisierung etwas Gutes zu tun. Deren
gewahlte Reprasentanten behaupten schlieBlich nichts anderes.
„In diesem Zusammenhang ist es notwendig, dass die tiirkische Sprache an
den Schulen gelehrt und Turkisch als 2. Fremdsprache bis zumAbitur angebo-
ten wird; es muss aufjegliches Sprachverbot an Schulen verzichtet werden. "
Deutlicher kann man kaum ausdrucken, dass es nicht nur um die Er-
haltung kultureller Werte geht, sondern um die Erhaltung der tiirkischen
Gemeinschaft als eine von der deutschen Gesellschaft getrennte und ihr kor-
porativ gegeniiberstehende Gruppe. Zugleich geht es darum, die Selbstdefi-
nition der deutschen Gesellschaft im Sinne einer multikulturellen, mindes-
tens aber binationalen, zu festigen, und dies nicht auf der Ebene politischer
Programme und Verlautbarungen: Wie immer in der Geschichte der Islami-
sierung geht es darum, die gewiinschte Veranderung im Selbstverstandnis
einer Gesellschaft zur alltaglich erfahrbaren Wirklichkeit zu machen - und
was ware alltaglicher als die Umgangssprache?
Da Islamisierung nur zum geringsten Teil auf der Konversion von eth-
nisch deutschen ehemaligen Christen (oder Agnostikern oder Atheisten)
basiert, stellt das Selbstverstandnis der Nation als „deutsch" ihrer Islami-
sierung praktisch uniiberwindliche Hindernisse in den Weg. Sie muss sich,
um islamisierbar zu sein, als mindestens zum Teil „turkisch" definieren,
zumindest aber nicht als deutsch.
„Leider lasst der Bildungserfolg tiirkischstammiger Kinder undJugend-
licher viel zu wilnschen iibrig. Das hat verschiedene Ursachen. "
„Verschiedene Ursachen" - ein Ansatz zur Selbstkritik? Nicht doch:
„Das Bildungssystem in seiner heutigen Form verhindert den Bildungs-
erfolg von Kindern mit Migrationshintergrund. "
Hier vereinen sich zwei Ideologien in Harmonie: Die linke, wonach
am Misserfolg nicht derjenige schuld ist, der ihn hat, sondern „die Gesell-
schaft ff . Und die islamische, wonach an Misserfolgen von Muslimen nie-
mals sie selbst schuld sind, sondern die „Unglaubigen ?f . Da die Anhanger
258 V. Dschihad heute
beider Ideologien einander bestarken, werden wir weder von den einen noch
von den anderenjemals eine plausible Begriindung dafiir horen, warum aus-
gerechnet das kostenlos jedermann offenstehende deutsche Bildungssystem
„den Bildungserfolg von Kindern mit Migrationshintergrund verhindert".
„Auch die Partizipation am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist in den
letzten Jahren riickldufig. Die Tiirkische Gemeinde in Deutschlandfordert
eine 10-%-Quote am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt/'
Wieder diese ominose Zehn-Prozent-Quote! Turkischstammige Jugend-
liche haben es in der Tat schwer, auf dem Arbeitsmarkt FuB zu fassen, was
aber iiberwiegend diejenigen betrifft, die keinen oder nur einen schlech-
ten Schulabschluss vorweisen konnen. Die TGD geht offenbar davon aus,
dass dies auch in Zukunft so sein wird, schlagt jedenfalls nichts vor, was
diesem misslichen Zustand abhelfen konnte. Stattdessen sollen Arbeitgeber
gezwungen werden, unzureichend qualifiziertes Personal einzustellen und
Tiirken allein aufgrund ihrer Nationalist ohne bzw. gegen unzureichende
Gegenleistung zu alimentieren. Die Ideologie die hinter solchen Forderun-
gen steht, ist uns mittlerweile vertraut: Sie lautet, dass es nicht unmoralisch
ist, wenn Muslime die „Unglaubigen" schropfen. Unmoralisch ist lediglich,
wenn Jene sich dagegen wehren.
„Es muss Schluss sein mit der Instrumentalisierung von Migrant/innen
in Wahlkdmpfen. Um dies zu gewdhrleisten sollten alle Parteien und Or-
ganisationen sich auf einen ,politischen Ehrenkodex' einigen und diesen
abzeichnen. Verstofie dagegen milssen offentlich gemacht werden. "
Migranten, gemeint sind: Muslime, speziell Tiirken, durfen nicht kriti-
siert werden. Wer es doch tut, wird an den Pranger gestellt. Die deutschen
Parteien haben auf die Meinungsfreiheit zu verzichten. Ungewohnlich,
selbst fur Lobbyisten, ist die Dreistigkeit und Offenheit, mit der dies ge-
fordert wird. Wie wir gesehen haben, stammt dieses Kritikverbot aus dem
klassischen Katalog der Dhimmitude.
„Die offentlich geforderten Programme zur Bekdmpfung von Rassismus
und Fremdenfeindlichkeit milssen ausgeweitet, ihre Resultate offentlich dis-
kutiert werden. Daruberhinaus milssen die Migrantenorganisationen in die
Konzeption aktiv eingebunden werden... "
Wieder geht es, wie beim Eindringen in den Polizeiapparat, darum, Ein-
fluss auf staatliches Handeln zu gewinnen, diesmal aber mit dem Ziel, die
Meinungsfreiheit einzuschranken und die weltanschauliche Neutralitat des
Staates zu verletzen.
Integration 259
Eines muss namlich deutlich gesagt werden: Die Selbstverstandlichkeit,
mit der die deutsche Offentlichkeit hinnimmt, dass ihr Staat, seinem Selbst-
verstandnis nach immer noch ein demokratischer Rechtsstaat, solche Dinge
wie den „Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" regierungs-
amtlich zu Staatszielen erhebt, zeugt von einer gefahrlichen Erosion demo-
kratischen Biirgersinnes:
Demokratische Konzeptionen von Politik beruhen stets auf der Idee,
dass das Volk den Staat kontrolliert, nicht etwa umgekehrt. Dass es dem
Staat deshalb grundsatzlich verboten ist, in die politische Willensbildung
des Volkes einzugreifen. Die Bekampfung von Meinungen und die Vertei-
lung moralischer Zensuren von Staats wegen ist mit einem demokratischen
Staatsverstandnis daher schlechterdings unvereinbar.
Der einzige Rechtstitel, unter dem dergleichen iiberhaupt in Betracht
kommen kann, ist im deutschen Verfassungsrecht die Konzeption der
„wehrhaften Demokratie", also der Gedanke, dass der Staat den Missbrauch
von Biirgerrechten unterbinden darf. „Missbrauch" ist derjenige Gebrauch
von Biirgerrechten, der dem Kampf gegen die verfassungsmaBige Ordnung
dient, die die Burgerrechte selbst gewahrleistet. Unter Berufung auf dieses
Konzept darf der Staat weitreichende Eingriffe in die Burgerrechte vorneh-
men (Organisationsverbote, Versammlungsverbote, Publikationsverbote,
sogar die Verwirkung von Grundrechten konnen dazu zahlen), muss sich
dann aber auch der verfassungsrechtlichen Kontrolle unterwerfen.
Nichts von alldem gilt fur den vielzitierten „Kampf gegen Rassismus und
Fremdenfeindlichkeit' 1 . Dieser Kampf gilt namlich nicht bestimmten Hand-
lungen, sondern bloBen Meinungen. Er dient nicht dem Schutz der verfas-
sungsmaBigen Ordnung, sondern der Interessen bestimmter Minderheiten. Er
entzieht sich der rechtlichen Kontrolle, indem er zwar objektives Verfassungs-
recht, nicht aber subjektive Anspriiche verletzt, und so von dem Grundsatz
profitiert, dass es keinen Richter geben kann, wo es an einem Klager fehlt.
Wenn aber die staatliche Autoritat missbraucht wird, um bestimmte Mei-
nungen als „bose" abzustempeln; wenn der Staat sich in verfassungsverhoh-
nender Weise buchstablich als Kirche, ja als Religionsstifter betatigt, kann
es nicht ausbleiben, dass Privatleute sich aufgerufen fuhlen, das „B6se" im
Wege der Selbstjustiz zu bekampfen. Der Staat entzieht sich der rechtlichen
Kontrolle, indem er Eingriffe in Burgerrechte nicht mehr selbst vornimmt,
sondern die politisch motivierte Kriminalitat privater Akteure bei deren
Kampf gegen das vermeintlich Bose stillschweigend duldet.
260 V. Dschihad heute
Je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto weniger erinnert ein sol-
dier Staat noch an eine westliche, und desto mehr ahnelt er einer „gelenkten
Demokratie" russischen Typs.
Dass ein solches Staatswesen fur ehrgeizige Dschihadstrategen ein hoch-
interessantes Ubernahmeobjekt darstellt, liegt schon deshalb auf der Hand,
weil diese „gelenkte Demokratie" auf einem materiellen statt formalen
Rechtsbegriff basiert und damit islamischen Vorstellungen vom Wesen des
Rechts ebenso entgegenkommt wie mit seiner Politik, die an sich verbotene
Gewaltanwendung Dritter als Mittel der Einschuchterung Andersdenkender
mindestens billigend in Kauf zu nehmen, ohne sich dafur haftbar machen
zu lassen. Die Forderung nach Ausweitung der einschlagigen Programme
und nach Beteiligung islamischer Verbande bedeutet, dass diese Verbande
entscheidenden Einfluss darauf nehmen wollen, was in Deutschland noch
gesagt werden kann und was nicht.
Was fordert die TGD? Erstens Geld. Zweitens Nicht-Integration. Drittens
eine Vorzugsbehandlung von Turken. Viertens die Gleichberechtigung tiir-
kischer Organisationen mit deutschen Behorden. Fiinftens Zugriff auf die
deutsche Polizei, iiberhaupt auf den deutschen Staat. Sechstens das Recht,
die Grenzen der Meinungsfreiheit von Deutschen zu definieren. Siebtens
das Recht auf Illoyalitat gegeniiber der Bundesrepublik. Achtens die Isla-
misierung Deutschlands.
Was bietet sie? Nichts. AuBer der Aussicht, dass ihre Mitglieder „das
System annehmen" - zu Deutsch: Sich nicht der Qaida anschlieBen und
nicht unsere Stadte anziinden sofern diese Forderungen erfiillt werden.
Man bietet den Deutschen an, sich durch Unterwerfung von islamischer
Gewalt freizukaufen. Kurz: Dhimmis zu werden.
10. Euro-Islam?
Bei der Debatte uber die Integration von Muslimen in die westlichen Ge-
sellschaften fallt haufig das Schlagwort „Euro-Islam ?f als Umschreibung fur
eine Art und Weise, den Islam aufzufassen und zu leben, die die Muslime
nicht von vornherein zu AuBenseitern in den europaischen Gesellschaften
macht. Die Ansichten dariiber, wie ein solcher Islam beschaffen sein sollte,
gehen allerdings weit auseinander.
Wer uber einen Euro-Islam nachdenkt, kommt nicht umhin, zunachst das
Terrain zu erkunden: Wie ist es um das Religionsverstandnis jener west-
Euro-Islam? 261
lichen Gesellschaften eigentlich bestellt, mit denen der Islam kompatibel
sein (bzw. gemacht werden) soil? Welchen Stellenwert hat die Religion im
heutigen Europa, und was fur eine Art von Religion gilt als unbedenklich
bzw. integrierbar?
10.1. Synkretismus als Kern westlicher Religiositat
Wir haben schon gesehen, dass das Christentum aufgrund seiner Geschichte
dazu in der Lage war, sich aus der Politik, aber auch aus der Wissenschaft
und anderen nichtreligiosen gesellschaftlichen Teilsystemen zuriickzuzie-
hen. Aus der Bibel lassen sich deshalb weder politische noch wissenschaft-
liche Argumente ableiten, sie wiirdenjedenfalls in solch weltlichen Zusam-
menhangen nicht akzeptiert werden.
Theoretisch ist es moglich, die religiose Neutralitat des Staates mit ei-
ner starken Orientierung der Gesellschaft an religios fundierten Normen zu
vereinbaren. Faktisch aber sind wir in Europa mit einer Entchristlichung
konfrontiert, deren AusmaB noch vor funfzig Jahren schlechterdings unvor-
stellbar gewesen ware, und dies nicht nur in Osteuropa, wo man dies mit
der jahrzehntelang betriebenen atheistischen Propaganda kommunistischer
Machthaber erklaren konnte, sondern auch im Westen:
Ob man die Tolerierung, Legalisierung, bisweilen sogar Propagierung
von Dingen wie Abtreibung, Ehebruch, Pornographie, Prostitution oder of-
fentlicher Zurschaustellung von Homosexualitat nun als Befreiung begrii-
Ben mochte oder nicht: Sie zeigen an, dass das tradierte, am Christentum
orientierte gesellschaftliche Normensystem in Auflosung begriffen ist. Die
Individualisierung und Subj ektivierung des Glaubens auf Kosten seiner so-
zialen, seiner objektiven und institutionellen Komponente ist so weit fort-
geschritten, dass selbst vielen jener Menschen, die sich noch als Christen
verstehen (und das ist in manchen europaischen Landern inzwischen eine
Minderheit), der Gedanke fremd ist, dass etwa das Trinitatsdogma zum
Kern christlichen Glaubens gehoren, oder dass iiberhaupt das Christentum
Wahrheiten verkunden konnte, wo andere Religionen moglicherweise im
Irrtum sind.
Uberspitzt konnte man sagen, das Zentraldogma heutiger europaischer
Christen sei nicht mehr die Trinitat oder die Inkarnation (= Menschwerdung
Gottes in Christus), sondern die Gleichwertigkeit aller Religionen. Wer heu-
te offentlich sagen wollte, der Islam oder irgendeine andere Religion sei
eine Irrlehre, wurde sich in weiten Teilen unserer Gesellschaft unmoglich
262 V. Dschihad heute
machen - auch, ja sogar besonders, in kirchennahen Kreisen. Dabei ist diese
Behauptung unabweisbar die notwendige Kehrseite des Glaubens an die
jeweils eigene Religion, hier also das Christentum. Wer alle Religionen fur
gleichwertig erklart, gibt implizit den Wahrheitsanspruch der eigenen auf.
Hans Kungs Motto „Kein Weltfriede ohne Religionsfriede", das ich
im zweiten Kapitel schon einmal kritisiert habe, weil es die politischen
Probleme, die im Zusammenhang mit dem Islam auftreten, zu Problemen
der Religion schlechthin erklart, schiebt der Religion als solcher, genau-
er: dem jeweils exklusiven Wahrheitsanspruch der einzelnen Religionen,
die Schuld am Unfrieden in der Welt zu. Abgesehen davon, dass der Po-
litikwissenschaftler liber derart apodiktisch formulierte Patentrezepte fur
den Weltfrieden den Kopf schutteln mochte, lauft Kungs Diagnose in der
Praxis darauf hinaus, eigene Glaubensartikel dort abzuschwachen oder gar
zu andern, wo sie in den Augen Andersglaubiger irgendwie anstoBig sein
konnten.
Dabei wird ganz nebenbei zmpolitisches Projekt, namlich der Weltfrie-
de, zum MaBstab fur die Giiltigkeit theologischer Aussagen gemacht. Unter
solchen Pramissen muss es niemanden wundern, wenn christliche Gemein-
den mit muslimischen den Geburtstag Mohammeds feiern. Die Ablehnung
von dessen Lehre ist fur Christen zwar theologisch zwingend, aber wenn
der „Religionsfriede" und dessen vermeintliche Voraussetzungenjeden an-
deren Gesichtspunkt verdrangen, d.h. unter politischen Vorgaben, scheint
derlei theologische Inkonsequenz nachrangig zu sein.
••
Weite Teile der Offentlichkeit, auch viele Christen (und nicht etwa nur
die Protestanten unter ihnen) hangen einem Religionsverstandnis an, wo-
nach „alle Religionen dasselbe wollen ?f - namlich Liebe und Frieden - und
die Unterschiede zwischen ihnen die mehr folkloristische Drapierung die-
ses „gemeinsamen ?f Kerns darstellten. Eine solche Gemeinsamkeit lasst
sich nicht anders fingieren als dadurch, dass man all diejenigen Wesensziige
der eigenen Religion, durch die diese sich von anderen unterscheidet, zum
nebensachlichen Beiwerk erklart und die verschiedenen Religionen gleich-
sam nur als unterschiedliche Benutzeroberflachen fur ein und dasselbe
„Weltethos ?f auffasst. Ubrig bleibt eine banalisierte und infantile „Theolo-
gie", die sich im Wesentlichen auf ein „Seid nett zueinander! ?f beschrankt,
und die ihrer Plattheit wegen kaum jemandem wird mehr sein konnen als
223 Hans Kung, Projekt Weltethos, Munchen 1990, S. 13
Euro-Islam? 263
ein dekoratives Accessoire des eigenen Lebens - ungefahr so bedeutsam
wie der BlumenstrauB auf dem Tisch und kaum dauerhafter.
Wahrscheinlich ist es denen, die so denken, kaum bewusst, aber diese
Reduzierung derje eigenen Theologie auf ein global anschlussfahiges Mi-
nimum, auf ein „Weltethos", das einer Gottheit oder uberhaupt eines iiber-
natiirlichen Bezuges im Grunde nicht mehr bedarf, ist der vorletzte Schritt
vor der Abschaffung von Religion uberhaupt.
Ob man ein solches Projekt fur etwas Gutes halt, ist zweifellos eine Fra-
ge des religiosen bzw. weltanschaulichen Standortes. Atheisten, aber auch
manche liberalen Theologen mogen sie bejahen. Allerdings enthalt diese
Bejahung einige Pramissen und zieht die Verwirklichung eines solchen Pro-
jektes einige Konsequenzen nach sich, die wir uns bewusst machen sollten,
bevor wir zu der Frage iibergehen, ob man erwarten kann oder befurworten
sollte, dass der Islam sich einem solchen Religionsverstandnis anpasst:
Im ersten Kapitel waren wir unter anderem der Frage nachgegangen, wie
es kommt, dass Menschen sich ethisch verhalten, obwohl dies normaler-
weise fur sie als Individuen von Nachteil ist. Wir waren zu dem vorlaufigen
Ergebnis gelangt, dass die wahrnehmbare Existenz stabiler Solidargemein-
schaften geniigt, deren Mitglieder zu ihrerseits solidarischem Verhalten zu
veranlassen, was wiederum das Vertrauen aller anderen in die Existenz der
Solidargemeinschaft starkt, weswegen sie sich solidarisch verhalten, was
wiederum... und so weiter. Es handelt sich um so etwas wie einen positiven
Teufelskreis, ein standig rotierendes Rad.
Bedenkt man aber nun, dass es trotzdem fur jeden Einzelnen individuell
vorteilhafter ist, sich unsolidarisch zu verhalten, so muss man erwarten, dass
Einzelne dies auch immer wieder tun - wie es ja auch tatsachlich der Fall
ist - und dadurch das Vertrauen aller Anderen erschuttern. Um es als physi-
kalische Metapher zu formulieren: Das rotierende Rad verliert standig an ki-
netischer Energie, es bedarf einer zusatzlich antreibenden Kraft. Diese Kraft
ist die verinnerlichte Ethik, deren Ursprung in der Religion liegt. Es ist nicht
erforderlich, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft die religiosen Pramissen
teilen, aufdenen diejeweils gesellschaftlich akzeptierte Ethik basiert. Erfor-
derlich ist, dass die MaBstabe fur gutes und boses Verhalten im System der
kulturellen Selbstverstandlichkeiten verankert sind und bleiben. Dass sie also
nicht verdrangt werden von einer spezifischen und im Prinzip unwiderlegba-
ren Form rationalen Kalkiils, das jeden Einzelnen veranlassen wird, ethische
Erwagungen iiber Bord zu werfen, sob aid es ihm vorteilhafter erscheint.
264 V. Dschihad heute
Die Auflosung menschlicher Gesellschaft als eines zivilisierten Ge-
meinwesens beruht nicht weniger als ihre Aufrechterhaltung auf sich selbst
verstarkenden Prozessen. Ethisches Verhalten aus bloBer Gewohnheit und
ohne Bezug zum Glauben - das mag als gesellschaftlich vorherrschende
Disposition ein paar Generationen lang gutgehen. Es geht, genauer gesagt,
so lange gut, wie das Vertrauen in das regelkonforme Verhalten Anderer
nicht ernsthaft erschuttert wird. Wird es aber erschuttert, dann gibt es nach
Abschaffimg Gottes keinen Grund mehr, das Gute deshalb zu tun, weil es
das Gute ist. Es gibt keinen Grund, es iiberhaupt noch zu tun. Eine gottlose
Gesellschaft ist eine, die den Eindruck von Zivilisiertheit nur so lange ver-
mittelt, wie ihre Solidaritatsstrukturen nicht ernsthaft auf die Probe gestellt
werden. Dass eine solche Gesellschaft eine ernsthafte Krise iiberstehen
wurde, muss als unwahrscheinlich gelten.
Ein Weltethos, also die gemeinsame Bezugnahme unterschiedlicher Re-
ligionen auf einen synkretistischen Kern, kann nur befurworten, wer zwei
Pramissen bejaht, die Viele fur selbstverstandlich halten, die aber in Wahr-
heit in hohem MaBe ideologisch aufgeladen sind.
Die eine lautet, alle Religionen wollten im Grunde dasselbe. Wenn da-
mit nur gemeint ware, dass alle Religionen versuchen, auf Grundfragen der
menschlichen Existenz eine Antwort zu geben: D'accord. Wenn man aber
diesen Satz, wie es meist geschieht, so gebraucht, als waren diese Antwor-
ten dieselben, so diirfte allein die Korananalyse gezeigt haben, dass diese
Behauptung haltlos ist.
Die zweite ideologische Pramisse wird uns in letzter Zeit in kampagnen-
artiger Form nahegebracht - ich denke hierbei an Bestseller wie Richard
Dawkins' „Der Gotteswahn" 224 oder die massive offentliche Werbung fur
Atheismus. Sie besagt im GroBen und Ganzen, dass Religionen prinzipiell
intolerant und gewalttatig seien, und dass ihre Abschaffung zum Weltfrie-
den fiihren werde. Theoretisch ist diese zweite Pramisse zwar unvereinbar
mit der ersten (Wenn alle Religionen dasselbe wollen, woher sollte dann
die Intoleranz kommen?), praktisch aber liefern sie einander erganzende
ideologische Rechtfertigungen fur ein und dasselbe Projekt.
Dabei lasst sich diese zweite Pramisse bereits unter Riickgriff auf ele-
mentare Geschichtskenntnisse widerlegen: Die totalitaren Systeme des
zwanzigsten Jahrhunderts - Kommunismus und Nationalsozialismus -
994
Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 2007
Euro-Islam ? 2 65
haben mehr Menschen getotet als alle Religionen der Weltgeschichte
zusammen.
Diese totalitaren Systeme aber tauchten genau in dem Moment auf, wo
das Christentum durch die spektakularen Erfolge von Aufklarung und Wis-
senschaft in seiner gesellschaftlichen Verbindlichkeit und Deutungsmacht
erstmals ernsthaft erschiittert war, und sie erhoben von Anfang an den An-
spruch, das Christentum als ein das Leben des Einzelnen transzendierendes
sinnstiftendes System, sprich: als Religion, abzulosen.
Der Versuch, Gott aus der Gesellschaft zu verbannen, kann also gelin-
gen, nicht aber der Versuch, die Frage zu verbannen, auf die Gott die Ant-
wort war, namlich die Sinnfrage. Der Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts
ist der denkbar starkste empirische Beleg dafur, dass der Platz, den Gott
verlasst, nach seinem Abgang nicht etwa leer bleibt, sondern sehr schnell
wieder gefullt wird, und sei es mit einem totalitaren Wahnsystem. Die emp-
findlichste Achillesferse des Atheismus ist die Tatsache, dass er als die linke
Ideologie, die er ist, die Herrschaft Gottes ebenso abschaffen will wie jede
andere Herrschaft; dass er nie begriffen hat, wie sehr Herrschaft - und ganz
gewiss diese! - den Bediirfnissen der „Beherrschten ?f entspringt; und dass er
deshalb stets aufs Neue iiberrascht sein muss, wie schnell der Totalitarismus
von gottverlassenen Gesellschaften Besitz ergreift.
Wenn man bedenkt, wie sehr offenbar gerade religion&feindliche Ideo-
logien dazu tendieren, selber zur Religion zu werden, dann erscheint der
Synkretismus als erstklassiger Kandidat fur einen kunftigen Religionsersatz.
Zumindest ein wesentliches Kriterium erfullt er bereits, namlich die Bezug-
nahme auf eine eigenstandige Definition von Gut und Bose. „B6se" ist dem-
nach jede Religion, die ihre theologische Integritat behalt und sich weigert,
in einem „Weltethos ff aufzugehen. Betroffen von der rapide um sich greifen-
den Intoleranz gegeniiber jeder einigermaBen emstgenommenen Religion
sind sogenannte christliche Fundamentalisten, einschlieBlich des Papstes.
99^ • •••••• ••
Betroffen ist aber auch der Staat Israel, weil und soweit er auf seiner judischen Identitat beharrt. Uber-
haupt haben die Juden alle Aussichten, in der sich abzeichnenden neuen synkretistischen Weltreligion die
Rolle des Teufels einzunehmen: Eine Religion wie die judische, deren Grundgedanke der Bund des Volkes
mit Gott ist, und der eine Entgrenzung und Einschmelzung schon deshalb nicht moglich ist, weil diese auf
einen Autogenozid hinausliefe, eine solche Religion muss fur den Synkretismus ein ebenso existenzielles
Argernis darstellen wie schon zuvor fur das Christentum und den Islam. Die Juden werden also die Ideolo-
gen des Synkretismus in derselben Weise enttauschen, wie sie schon den Propheten Mohammed und den
Reformator Martin Luther enttauscht haben (vgl. Kap. Ill), und sie werden damit tiber kurz oder lang das
Verdikt des „Fundamentalismus" auf sich ziehen.
266 V. Dschihad heute
10.2. Euro-Islam I: Modernisierung des Islam
Auch wenn es selten offen ausgesprochen wird: Im Grunde bedeutet die an
Muslime gerichtete Forderung nach einem ,,gemaBigten" und „modernen"
Euro-Islam, dass sie den Islam ebenso entkernen sollen, wie das Christen-
tum bereits entkernt wurde. Da Letzteres durch seine theologische Verfla-
••
chung aufgehort hat, Sand im Getriebe der Moderne zu sein, miisste Ahnli-
ches doch auch dem Islam moglich sein.
Freilich werden die fundamentalen Unterschiede zwischen Christentum
und Islam dabei dramatisch unterschatzt: Das Christentum hat noch einige
bedeutende Inhalte, die selbst in einem „Weltethos" Platz fanden, etwa die
Bergpredigt, iiberhaupt seine Tendenz zu Inklusion (damit aber auch zur
Entgrenzung) , Selbstkritik und Toleranz (damit aber auch zur Infragestel-
lung, letztlich Abschaffung der eigenen Glaubensgrundlagen). Es ist inso-
fern kein Zufall, dass der Synkretismus eine in westlichen Gesellschaften
von Christen favorisierte Idee ist. Von Christen, die nicht merken, wie sehr
dieses „Weltethos" eine Art Christentum ohne Christus ist, und wie wenig
es der iibrigen Welt zusagt.
Wahrend darin noch geniigend Christentum verbliebe, dass dessen theo-
logische Entkemung wenigstens nicht Jedem gleich aufden ersten Blick
auffiele, ist der Islam, wie gezeigt, bereits in seinem Originalzustand von
beklagenswerter theologischer Durre. Subtrahierte man dann noch die strik-
te Unterscheidung von Glaubigen und Unglaubigen, speziell die sittliche
Minderwertigkeit der Letzteren, die ihnen zugedachte Strafe Allahs und den
Dschihad, also wesentliche Inhalte des Korans heraus, dannbliebe nicht viel.
Es kann daher auch wenig uberraschen, dass die sogenannte Ankaraer
Schule von islamischen Reformtheologen, die in etwa dieses Konzept einer
Modernisierung des Islam verfolgen, bei ihren Bemuhungen auf genau die-
se Probleme stoBt:
„Eine sehr inter essante Tagung, die deutlich rnachte, wie weit muslimi-
sche Professoren inzwischen mit der Korankritik gehen. Immer wieder frag-
ten im Zuschauerraum reichlich vertretenejunge Frauen mit Kopftuchern,
was denn vom Glauben noch bliebe, wenn zum Beispiel bestritten wiirde y
dass der Koran, so wie wir ihn heute haben, Buchstabefur Buchstabe Got-
tes Wortsei. L.)" 226
Arno Widmann, Ankaraer Schule: Der Staat als Glaubensbringer, in: Frankfurter Rundschau, 9.6.2008,
http ://w ww. fr-online.de/in_un d_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt= 134743 8
Euro-Islam? 267
Arno Widmann in der ^Frankfurter Rundschau", weiB Gott keinem is-
lamfeindlichen Blatt, fahrt fort:
„Aber wen reprdsentiert die Ankaraer Schule? Es handelt sich urn eine
Handvoll bis ein Dutzend Professoren, von denen viele inzwischen die Tur-
kei verlassen haben undsich in den USA, in Europa Regierungen als Mittler
zu den Muslimen ihrer Lander anbieten. Ihr Gewicht in der aktuellen inner-
muslimischen Debatte um den Islam ist nicht sonderlich grofi. Es bedarf
schon einer grofien Phantasie sich vorzustellen, dass alle Sunniten, also
nicht nur die Hanafiten der Tiirkei, sondern auch Malikiten, Hanbaliten,
Schafiiten und die saudischen Wahhabiten in dem t was in Ankara gelehrt
wird, den wahren Islam und nicht dessen Verrat erkennen werden. Warum
997
sollen nun gar Schiiten, Aleviten den Professoren aus Ankara folgen?"
Zweifellos wird es Muslime geben, die diesen Weg gehen wollen und
werden: namlich diejenigen, die die Wertentscheidungen der modernen li-
beralen Gesellschaft bereits verinnerlicht haben - d.h. diejenigen, die schon
integriert sindl - und deswegen bereit sind, ihren Glauben deren Vorga-
ben anzupassen und unterzuordnen - so wie es viele europaische Christen
bereits getan haben. Von einem bereits verinnerlichten Liberalismus fuhrt
also durchaus ein Weg zu einem so verstandenen „Euro-Islam"; vom Islam
selbst aber nicht.
10.3. Euro-Islam II: Islamisierung der Moderne
Mit dieser Einschatzung befinde ich mich in der illustren Gesellschaft isla-
mischer bzw. islamistischer Intellektueller, die allerdings ihrerseits uneins
sind: Die groBe Mehrheit lehnt - mit aus ihrer Sicht guten Argumenten - al-
les ab, was nach einer Verwestlichung des Islam aussieht, auch den Begriff
des Euro-Islam, und erst recht das, wofur er steht.
Es gibt allerdings Ausnahmen. Eine interessante und vor allem prominen-
te unter diesen Ausnahmen ist Tariq Ramadan, einer der klugsten, aber auch
umstrittensten Kopfe des Islam in Europa. Zwar ist auch er der Auffassung,
dass eine Reform des Islam notig sei, wenn er in Europa eine Zukunft haben
soil, und er kritisiert vehement die verkrampfte Angstlichkeit muslimischer
Traditionalisten gegeniiber Veranderungen, aber seine Vorstellungen von
„radikaler Reform' 1 - dies der Titel seines jungsten Buches - haben nicht
227 ebd.
~ Tariq Ramadan, Radikale Reform. Die Botschaft des Islam fur die moderne Gesellschaft, Miinchen 2009
268 V. Dschihad heute
einmal entfernt Ahnlichkeit mit denen etwa der Ankaraer Schule. Er selbst
bestreitet es, aber seine Ideen laufen darauf hinaus, dass der Islam sich die
Moderne buchstablich zu eigen macht, also auf die Islamisierung westlicher
Gesellschaften.
Angstlich und defensiv sei die Haltung von im Westen lebenden Muslimen
insofern, als sie versuchten, sich inmitten der sie umgebenden westlichen Ge-
sellschaft islamische Inseln zu schaffen, etwa durch eine hochst rigide Aus-
legung islamischer Nonnen. Dabei gingen nicht alle Muslime so weit wie
die Anhanger salafistischer Gruppen, die nichts anderes als den koranischen
Text in seiner allerengsten buchstablichen Auslegung gelten lieBen und sich
im Ubrigen auf die sklavische Nachahmung des prophetischen Vorbilds be-
schrankten. Dennoch folgten Muslime im Westen bei der Interpretation des
Islam oft dem Prinzip „Je rigider, desto islamischer"; auf diesem Wege werde
die Religion nicht aus sich selbst heraus begriffen, sondern als Vehikel der
eigenen kulturellen Profilierung missbraucht. Selbst dort aber, wo Muslime
die Integritat ihres Glaubens in einer Weise zu verteidigen suchten, die vom
islamischen Standpunkt nicht zu beanstanden sei, beschrankten sie sich oft
darauf, eine in Wahrheit westliche Lebensweise durch minimale Anpassung
an den Buchstaben des islamischen Rechts ein wenig zu islamisieren:
„Man passt sich dem globalen System an, indem man Schutzbereiche
schafft, in denen islamische Ethik bewahrt wird. Das Beispiel der musli-
mischen intellektuellen Leistungen im Wirtschaftsbereich ist in dieser Hin-
sicht aufierst aufschlussreich. Man macht eine Bestandsaufnahme des ka-
pitalistischen Systems, dann passt man sich an, indem man in Bank- und
Finanzangelegenheiten Techniken entwickelt, die muslimische Firmen oder
Einzelpersonen schiitzen und manche Transaktionen ,islamischer f machen.
Derweil scheint man sich nicht daruber klarzu sein, dass man es mitsolchen
Reformen zur Anpassung an das derzeitige System versaumt, den Kern des
Systems, seine Ziele und vor allem die Konsequenzen zu hinterfragen. Das
Gegenteil ist der Fall, da die Anpassung an ein solches System einer Billi-
gung seiner Existenz oder seiner Vorherrschaft oder beidem gleichkommt.
Mit anderen Worten wird die Vorherrschaft des kapitalistischen Systems
genau dann bestatigt, wenn man darin Mittel zum Schutz der islamischen
Ethik (d.h. ,Schutzbereiche f islamischer Transaktionen) findet. Anpassung
bedeutet nicht - oder nicht notwendigerweise — ein Infragestellen, Kritisie-
ren oder Herausfordern. Das sind die der auf Anpassung ausgerichteten
Reform inharenten Grenzen und Widersprilche, die den zeitgenossischen
Euro-Islam? 269
Reformgedanken der letzten Jahrzehnte geprdgt haben. (...) Sollten wir uns
lediglich aufeine Ethik berufen, um uns den Erfordernissen einer sich wan-
delnden Welt anzupassen. oder sollten wir uns, auf einer tiefer en E bene, auf
eine Ethik berufen mit dem Anspruch, die Welt zu dndern, gerade weil diese
Ethik der en Rechtmafiigkeit infrage stellt?" 229
Ramadan empfiehlt den Islam unmissverstandlich als Alternative zur west-
lichen Gesellschaft! Dies sei Allen ins Stammbuch geschrieben, die seinen in
der Tat originellen und undogmatischen mit einem westlich-sakularen Ansatz
verwechseln und den revolutionaren Gehalt seiner Thesen unterschatzen.
Gewiss legt Tariq Ramadan es darauf an, missverstanden zu werden: Er
kleidet seine Kritik an der westlichen Gesellschaft in eine Sprache, die vor
allem der politischen Linken vertraut ist, wenn er etwa das „kapitalistische
System", die „Ausbeutung ?f der Natur und der Dritten Welt, „Diskrimi-
nierung ff und „Rassismus ?f anprangert. Gleichzeitig verwendet er das Wort
„Dschihad ff ausschlieBlich im Sinne individueller Vertiefung des Islam,
nicht etwa seiner gesellschaftlichen Verbreitung, und er streitet sogar ab,
dass diese Verbreitung durch den Islam geboten oder auch nur erlaubt sei. 230
Fast mochte man bedauern, dass Ramadan seine kuhne und kreative Re-
Interpretation des Dschihad-Konzepts durch so plumpe Tauschungsmano-
ver verschleiert, aber der Erfolg - namlich dass groBe Teile der westlichen
Offentlichkeit sich tauschen lass en - gibt ihm in gewisser Weise recht.
Nicht, dass Ramadan auf die Islamisierung Europas hinarbeitet, soil hier
gezeigt werden, sondern wie er das tut: Seine Gesellschaftskritik ist im
Wesentlichen eine Kritik an der ungeziigelten Eigendynamik gesellschaft-
licher Teilsysteme. Dass es in der Politik stets um Macht geht, in der Wirt-
schaft stets um Profit, im Mediensystem um Auflage und Quote um jeden
Preis (und sei es um den kultureller Barbarisierung und journalistischer
Desinformation), kurz: dass gesellschaftliche Teilsysteme ohne Riicksicht
auf „hohere" Guter ihrer Eigenlogik folgen - das ist zwar die Voraussetzung
fur das rasante Voranschreiten westlicher Gesellschaften, und es ist zugleich
die notwendige gesellschaftliche Kehrseite individueller Freiheit; dennoch
muss man all dies keineswegs positiv bewerten, und es gehort sogar zu den
Standardinhalten politischer Sonntagsreden, hohere ethische MaBstabe und
ebd. S. 48 f., Hervorhebungen im Original
vgl. Tariq Ramadan, Muslimsein in Europa, Koln 2001, S. 180, FuBnote 164
231 Zu diesem Thema sei verwiesen auf Ralph Ghadban, Tariq Ramadan und die Islamisierung Europas,
Berlin 2006
270 V. Dschihad heute
mehr gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein von Politikern, Mana-
gern, Journalisten und Kulturschaffenden zu fordern. Tariq Ramadan un-
terscheidet sich von besagten Sonntagsrednem dadurch, dass er sich nicht
darauf beschrankt, wohlklingende, aber folgenlose Kritik zu uben, sondern
iiber eine Losung fur die von ihm kritisierten Probleme zu verfugen glaubt.
Seine Kritik greift ein weit verbreitetes Unbehagen am Selbstlauf der Mo-
derne auf. Eine Gesellschaft wie unsere, die sogar unsere Beziehung zu Gott
an ein darauf spezialisiertes Teilsystem (das in den Kirchen institutionell
verkorpert ist) delegiert hat, kann vieles leisten, aber sie kann die Frage nach
dem Sinn nicht beantworten. Der Islam, der keinen Bereich der Gesellschaft
von seiner religiosen Sinngebung ausnimmt, hat gerade deswegen ausge-
sprochen totalitare Ziige, aber es kann durchaus sein, dass er aus demselben
Grund religiose Bedurfnisse zu befriedigen vermag, die im etablierten Chris-
tentum, sofern es sich an die liberate Gesellschaft anpasst, zu kurz kommen.
Die von Ramadan anvisierte Modernisierung des Islam soil ihn in die
Lage versetzen, als sinnstiftendes und zentrales Normen- und Wertesystem
einer modernen Gesellschaft zu fungieren. Da geniigt „Reform" im Sinne
bloB defensives nachholender Anpassung nicht, es bedarf der strukturellen
Verzahnung traditioneller islamischer Gelehrsamkeit mit den Erkenntnis-
sen moderner Wissenschaft. DemgemaB fordert Ramadan die systematische
und auf Dauer gestellte Beteiligung muslimischer Wissenschaftler an den
fiqh 232 -Riiten, die jene Fatwas erstellen, an denen viele Muslime in Europa
ihr Leben ausrichten:
„... ein kohdrentes Denken mit dem Ziel, die heutige Welt zu reformie-
ren, muss zur Bildung eines dynamischen fiqh fiihren, der den Zeitfaktor,
die intellektuellen und sozialen Dynamiken sowie die dialektischen Span-
nungen zwischen hoheren Zielen, allgemeingultigen Prinzipien und histo-
rischen Vorbildern beriicksichtigt. Die normativen Kategorien eines sol-
chen fiqh diirfen nicht erstarren aus Angst vor wissenschaftlichen, sozialen
und menschlichen Komplexitaten, die ihm entgleiten. Es gilt, die hoheren
Ziele und Zwecke des Rechts und der Jurisprudenz im Zusammenhang mit
menschlichen und sozialen Angelegenheiten ... darzulegen; es muss ein
ethisches Grundgerilst ges chaff en werden, um die Etappen der Bewaltigung
und Transformation festzulegen, d.h. ein vorausblickender und vorauspla-
nender fiqh, und zwar ausgehend vom derzeitigen wissenschaftlichen Er-
Der B e griff „fiqh" bezeichnet das System der islamischen Normen juristischer Natur.
Euro-Islam? 271
kenntnis stand, der einbezogen und benutzt wird (und nicht gefurchtet und
auf Ab stand gehalten bis hin zur Isolation und Anp as sung). Nur ,Kontext-
gelehrte', d.h. Natur- und Humanwis sens chaf tier sind in der Lage, solch
eine glob ale, kontr oilier te und zuversichtliche ... Sicht der Wissenschaften,
Ges ells chaf ten und der Weltzu erreichen. (...)
Es ist dringend geboten, paritdtische, egalitare und spezialisierte For-
schungs- und Fatwa-Ausschilsse zu bilden. (...) Dabei wiirde es sich nicht
um reine Beratungen handeln, sondern um Zusammenarbeit aufAugenhohe,
um uns im Namen der hoheren Ziele die Moglichkeit zu schaffen, die Wirk-
lichkeit in ihrer Komplexitdt zu erf ass en und sie positiv zu verdndern . " 233
Die Begriffe („Zeitfaktor fr , „dynamisch n , „Etappen n , „vorausbli-
ckend ,f , „vorausplanend ,f ) zeigen an, dass es um die Erreichung eines Ziels
geht: Die//gA-Rate, die fur die europaischen Muslime definieren, was „is-
lamisch" ist, und sie dadurch wie von selbst zu koordiniertem Handeln be-
fahigen, sollen als Denkfabriken und als Hebel zur „ Transformation" der
Gesellschaft im islamischen Sinne dienen.
Wir haben es hier mit einer Form von Islamismus zu tun, die weit ent-
fernt ist von Ideen wie dem „Kalifatsstaat ?f und den dazu passenden terroris-
tischen Methoden; mit einem Islamismus, dessen Strategien unverstandlich
bleiben bzw. harmlos anmuten miissen, wenn man sie im Rahmen eines auf
westliche statt auf islamische Gesellschaften zugeschnittenen Kategorien-
systems analysiert.
Wer sich etwa an dem Nachweis versuchen wollte, Ramadans Ziele und
Strategien seien „undemokratisch ?f oder „extremistisch ff , verbliebe im Rah-
men eines Denkens, das auf der Unterscheidung von Politik und Religion,
von Religion und Kultur, von Staat und Gesellschaft aufbaut, indem es die
Akzeptanz der demokratischen Staatsform zum Kriterium fur die Unter-
scheidung zwischen „gemaBigten" und „radikalen ?f Muslimen macht. Fur
den Islam sind solche Unterscheidungen irrelevant.
Was Ramadan vorschwebt, gleicht eher dem Konzept der tiirkischen
AKP, iibertragen auf westeuropaische Bedingungen. Wie schon ausgefuhrt,
lasst der dortige Islamismus die Strukturen des demokratischen National-
staates auBerlich intakt; die Islamisierung (im Falle der Turkei: Re-Islami-
sierung) erfolgt aus der Gesellschaft heraus, nicht durch den Staat.
Ramadan, Radikale Reform, a.a.O., S. 170 f., Hervorhebungen von mir, M.K.-H.
weswegen die AKP eine so „liberal" anmutende Politik macht: Sie nimmt tatsachlich staatliche Eingriffe
zuriick; namlich solche Eingriffe, die der Bandigung des Islam und seiner totalitaren Tendenzen dienen.
272 V. Dschihad heute
Wer an dieser Stelle einwenden mochte, dass viele von Ramadans Forde-
rungen progressiv, liberal und westlich anmuten, beispielsweise (aber nicht
nur) im Hinblick auf die Gleichstellung der Frau, und dass eine Islamisie-
rung unter solchen Voraussetzungen doch durchaus akzeptabel, zumindest
aber nicht illegitim sei, iibersieht zweierlei:
Zum einen, dass Tariq Ramadan im Kern nicht konkrete Inhalte, sondern
einen bestimmten modus operandi propagiert: Wenn etwa die von ihm ge-
forderten wissenschaftlich hochkaratig besetzten//gA-Rate zu dem Ergeb-
nis kommen, dass es mit der Gleichberechtigung der Frau im Islam eben
doch nicht so weit her ist wie von Herrn Ramadan postuliert, und dass zu
den „hoheren Zielen und Zwecken des Rechts und der Jurisprudent eben
doch die Verbreitung des Islam gehort - anders als von ihm behauptet und,
wie wir gesehen haben, mitsamt der Diskriminierung der „Unglaubigen" als
zwingende Konsequenz aus dem Koran - dann kann Tariq Ramadan seine
Hande in Unschuld waschen und uns versichern, er habe keineswegs taqiya
treiben, sondern bloB seine personliche Rechtsauffassung kundtun wollen,
die aber - leider, leider - von den /zgA-Gelehrten nicht geteilt werde.
Zum anderen sind Ramadans Forderungen keine bloBen Theorien im
luftleeren Raum; sie haben vielmehr in der andauernden qualitativen und
quantitativen Islamisierung Europas einen Tatsachenhintergrund, ohne den
sie ganz unverstandlich waren. Ich erinnere nochmals an die zu Beginn die-
ses Kapitels V entwickelte Unterscheidung der zwei miteinander wechsel-
wirkenden Dschihad-Ebenen: der strategischen Ebene, auf der Dschiha-
disten wie eben Tariq Ramadan operieren, und der Alltagsebene „der mal
mehr, mal minder traditionsorientierten Lebensweise von Muslimen, deren
scheinbar unzusammenhangende private Handlungen sich wie von selbst
zu einer machtigen gesellschaftlichen Kraft verdichten, die die nichtislami-
schen Gesellschaften unter Druck setzt. Der Islam ist ein Dschihad-System,
weil er beides notwendig hervorbringt. ff Das Verhalten von Muslimen im
Alltag aber richtet sich weniger nach den programmatischen Erklarungen
Tariq Ramadans, sondern nach einer jahrhundertelang verinnerlichtenMen-
talitat. Das weiB Ramadan, und darauf kann er sich verlassen. Es kostet ihn
nichts, sich als „Liberaler ff zu profilieren.
••
Ubrigens geht er ganz selbstverstandlich davon aus, dass sich die in Euro-
pa lebenden Muslime nicht in dem Sinne integrieren werden, dass sie die eu-
ropaischen Volker als ihre eigenen oder denjeweiligenNationalstaat als pri-
maren Bezugspunkt ihrer politischen Loyalitat ansehen wiirden. Ramadans
Euro-Islam? 273
Auffassung der Scharia besagt zwar, dass Muslime, die nach Europa einwan-
dern, erstrecht solche, die diejeweilige Staatsbiirgerschaft annehmen, damit
einen Vertrag mit den nichtmuslimischen Gemeinwesen geschlossen hatten,
und dass dieser Vertrag sie zur Befolgung der Gesetze verpflichte.
Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr: Eine sakulare oder liberale
Begriindung von Demokratie ist dies keineswegs, und die westlichen Staa-
ten werden auch weiterhin als Staaten der „Unglaubigen" betrachtet. Ra-
madan betont ausdriicklich, dass die Loyalitatspflicht unter anderem dort
endet, wo Muslime als Soldaten gegen muslimische Lander kampfen miiss-
ten. Indem er sich zur Rechtfertigung dieser Klausel auf die Gewissens-
freiheit beruft und auf das Recht der Kriegsdienstverweigerung, das es etwa
in Deutschland gibt, verwischt er zielstrebig, worum es im Kern geht: nicht
um den Gewissensvorbehalt des Pazifisten, der nicht toten kann, sondern
um den des Muslims, dessen Loyalitdt gegeniiber der Nation dort endet,
wo die gegeniiber der islamischen Umma beginnt! Die innermuslimische
Solidaritat erweist sich auch hier als derjenige Wert, hinter dem alle anderen
zuriickzustehen haben. Die Loyalitat gegeniiber den westlichen Nationen
und Staaten ist keineswegs erste (muslimische) Burgerpflicht, und die Be-
reitschaft zur Befolgung von Gesetzen ist nicht gleichbedeutend mit der
Bereitschaft, als Burger unter „Gemeinwohr das Wohl des Gerneinwesens,
hier also der Nation, zu verstehen und im politischen Raum dessen Interes-
sen zu verfolgen. Wenn Ramadan vom „Gemeinwohr spricht, meint er, wie
^ (\
alle muslimischen Denker, das Wohl der islamischen Umma. Der Islam
stellt schlechterdings keine Kategorien bereit, die es erlauben wiirden, ir-
gendetwas anderes darunter zu verstehen.
Dem steht selbstredend nicht entgegen, dass man die Rechte wahrnimmt,
die Muslimen in Europa eingeraumt werden, speziell die Rechte aus der
Staatsburgerschaft. Loyalitat gegeniiber den Gesetzen europaischer Staaten
vertragt sich in dieser Sicht durchaus mit einem Engagement, das darauf
abzielt, politische Macht zu erringen, um Gesetze und politische Machtver-
haltnisse so zu andern, dass sie einer Islamisierung der Gesellschaft Vor-
schub leisten, insbesondere organisierten politischen Widerstand gegen die
schleichende Islamisierung von unten unmoglich machen.
Ramadan, Muslimsein in Europa, S. 216 f.: Er begrundet dies explizit mit dem im Koran verankerten
Verbot, Muslime zu toten. Hochstens fur den Fall, dass der Herrscher eines muslimischen Landes sich vollig
unzweideutig ins Unrecht gesetzt hat, lasst er zumindest die Moglichkeit einer Ausnahme zu.
236 Ghadban, a.a.O., S. 136
274 V. Dschihad heute
Tariq Ramadans strategische Uberlegungen setzen dort an, wo die von
Amr Khaled aufhoren: Fordert dieser relativ pauschal und unbestimmt,
Muslime miissten „respektabel und erfolgreich" sein, urn die westlichen
Gesellschaften zu dominieren, so fiillt Ramadan die Leerstelle mit einer
analytisch untermauerten Strategie zur Ausnutzung der Schwachen und
Krisen der liberalen westlichen Gesellschaften, zur Ubernahme der Mei-
nungsfuhrerschaft, zur Gewinnung einer strategischen Schlusselposition
und zur Transformation unserer Gesellschaft.
11. Der demographische Dschihad
Bis hierher haben wir Islamisierungsprozesse wesentlich unter qualitativen
Gesichtspunkten betrachtet, wenn wir auch mit einer gewissen Selbstver-
standlichkeit unterstellt haben, dass sie auch eine quantitative, eine demo-
graphische Komponente haben, ohne die der Islam nicht als das Dschihad-
system funktionieren konnte, als das er uns entgegentritt:
Die Dominanz des Religiosen in alien Spharen der Gesellschaft, die Ge-
walt gegen Frauen und Andersglaubige, die Geistfeindlichkeit, der Grup-
pennarzissmus muslimischer Gesellschaften miissten zwarjede nichtmusli-
mische Gesellschaft mit muslimischer Minderheit vor erhebliche Probleme
stellen. Konnte man aber davon ausgehen, dass das zahlenmaBige Krafte-
verhaltnis zwischen beiden Gruppen langfristig stabil bleibt, so ware zu
erwarten, dass sich auf die Dauer ein Modus Vivendi einpendelte, der fur
ein liberales Gemeinwesen zwar seine problematischen Seiten hatte, nach
menschlichem Ermessen aber nicht in eine Islamisierung der Gesellschaft
miinden musste.
Tatsachlich kann davon aber nicht die Rede sein: Die Migration von
Muslimen nach Europa geht nunmehr in ihr sechstes (mancherorts siebtes)
Jahrzehnt, und weder der vor langer Zeit verfugte Stopp der Anwerbung
von Arbeitskraften noch die Verscharfung von Asylbestimmungen noch die
verstarkte Kontrolle der EU-AuBengrenzen hat daran Grundlegendes an-
dern konnen. Immigranten, die jetzt kommen, werden zumeist im Wege der
Heirat von denen nach Europa geholt, die schon hier sind.
Bemuhungen, die Heiratsmigration zu erschweren, werden zwar unter-
nommen; man denke an die Verscharfung des Einwanderungsrechts 2006
in Deutschland. Einem liberalen Staat aber miissen solche MaBnahmen, die
Der demographische Dschihad 275
notwendig Komponenten von Freiheitsbeschrankung und Diskriminierung
beinhalten, selbst dann wesensfremd sein, wenn sie im Einzelfall verfas-
sungsrechtlich nicht zu beanstanden sind.
Dieser nahezu ungebremste Zustrom muslimischer Migranten, kom-
biniert mit der dramatischen Diskrepanz im Fortpflanzungsverhalten von
Muslimen und Nichtmuslimen bzw. Einheimischen erzeugt eine demogra-
phische Dynamik, die wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert dazu
fuhren wird, dass die nichtmuslimischen Einheimischen in ihren vormals
eigenen Landern in die Minderheit gedrangt werden. 237
Das Berlin-Institut fur Bevolkerung und Entwicklung hat Anfang
2009 unter dem Titel „Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration
in Deutschland" einen Bericht vorgelegt, der ungeachtet seines opti-
mistischen Titels einen kritischen Blick auf die bisherigen Ergebnisse
der sogenannten „Integrations"-Politik wirft und zugleich, fast neben-
bei, einen Einblick in die demographische Lage der Nation gewahrt.
Das Institut bediente sich des Mikrozensus 2005 als Datenbasis, bei dem
erstmals nicht nur die Staatsangehorigkeit, sondern auch der Migrationshin-
tergrund der Befragten ermittelt wurde.
In Deutschland leben - Stand: 2005 - rund 4,25 Millionen Muslime. 241
Von diesen sind 2,812 Millionen, also ziemlich genau zwei Drittel Turken.
Um die demographische Dynamik der einzelnen Gruppen einschatzen zu
konnen, betrachten wir zunachst verschiedene Indikatoren einzeln:
Die vielfach geauBerte Erwartung, das Gebarverhalten der Muslime sowohl im Westen als auch in ihren
Herkunftslandern werde sich in absehbarer dem westlicher Volker annahern, entbehrt der empirischen
Grundlage. Detailliert kritisiert habe ich diese Theorie in meiner Rezension von: Youssef Courbage/Emma-
nuel Todd, Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verandern, Mun-
chen 2008; diese Rezension ist im Netz verfiigbar unter http://www.korrektheiten.com/texte/todd-courbage
9"?R
Berlin-Institut fur Bevolkerung und Entwicklung, Ungenutzte Potenziale. Zur Lage der Integration in
Deutschland, Berlin 2009, im Netz verfiigbar unter: http://www.berlin-institut.org/studien/ungenutzte-po
tenziale.html; soweit nicht ausdriicklich anders vermerkt, beruht dieser Abschnitt aufDaten aus dieser Stu-
die.
239 Fiir meine Zwecke ist es freilich (wie schon oben bei der Kriminalitatsstudie von Christian Pfeiffer)
hochst argerlich, dass die Religionszugehorigkeit wieder einmal nicht abgefragt wurde.
240 Diese Schatzung basiert auf der Annahme, dass 100% der turkischstammigen Migranten Muslime sind,
80% der Herkunftsgruppe „Naher Osten", 80% der Herkunftsgruppe „Afrika", 40% der Gruppe „ehemaliges
Jugoslawien", 20% der Gruppe „Ferner Osten", zu dem die Verfasser der Studie auch Afghanistan rechnen.
Begriindet habe ich diese Schatzungen hier: http://www.korrektheiten.com/texte/demographie
276
V. Dschihad heute
Anteil der Familien an den Haushalten j eder Gruppe in Prozent:
furkei
Naher Osten
Jugoslawien
Sudeuropa
Ferner Osten
Aussiedler
Afrika
sonst. EU
*-f"-
Einheimische
■MBt^^^^^^Va^M«*^^^H
■ -i-: m y
K?i
10
20
30
40
50
60
70
Erkennbar ist, dass die turkische als die starkste muslimische Gruppe
die Lebensform „Familie" mit weitem Abstand am deutlichsten von alien
Gruppen bevorzugt 5 wahrend die Einheimischen und die EU-Biirger (ohne
Siideuropaer) 5 wiederum mit weitem Abstand, dies am wenigsten tun, wah-
rend die anderen eine religios und kulturell heterogene Mittelgruppe bilden.
Anteil der Familien mit 4 und mehr Kindern (an Familien insgesamt) in
Prozent:
Naher Osten
Afrika
Turkei
Jugoslawien
Ferner Osten
Aussiedler
Sudeuropa
Einheimische
sonst. EU
4
6
8
10
12
14
16
Hier wird der Zusammenhang zwischen Kinderreichtum und Religions-
zugehorigkeit offenkundig: Auf den ersten drei Platzen liegen die Gruppen
Der demographische Dschihad
277
mit Muslimanteilen von achtzig Prozent und dariiber, dann kommen die
Gruppen mit immer noch hohen Anteilen, dann - und mit weitem Abstand
- die ausschlieBlich nichtmuslimischen.
DemgemaB wenig iiberraschend ist das Ergebnis, wenn man nach dem
Anteil der unter Fiinfzehnjahrigen an der jeweiligen Gruppe fragt (Angaben
in Prozent):
Naher Osten
■ : ■ .
"..'. '...■'
■■^^■h^^^HB^^^hm
: ■;..;■ ■,£.. '.- --" '-. -,.-.■: v.'- -.:
- •
1
51 W 'n"
Turkei
■m.A
M^H^I HBH^B^B^IBHH^Bi
Afrika
Ferner Osten
Jugoslawien H
Sudeuropa
Aussiedler
: 5
sonst. EU
Einheimische I
I^HllHBWHIHn^WnHHHH
10
15
20
25
30
35
Entsprechendes gilt fur das Medianalter (nicht zu verwechseln mit dem
Durchschnittsalter: Der Median teilt eine Gruppe in zwei gleich groBe Half-
ten, die eine j linger als das Medianalter, die andere alter):
Turkei
Naher Osten
Afrika
Ferner Osten
Jugoslawien |
\ -* «■'*■'.' - '■ ' ■ V ..
rum. *is, .. .awftixru
Sudeuropa
sonst. EU
Aussiedler
•■■-:.-'-,.-.:
Einheimische
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fK
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10
15
20
25
30
35
40
45
50
278 V. Dschihad heute
Bereits diese wenigen, aber zentralen Kennziffern lassen ein rasches
Wachstum der muslimischen Bevolkerung Deutschlands erwarten, sowie
eine Schrumpfimg der nichtmuslimischen.
Es kann hier nicht darum gehen, mit dem Anspruch auf Exaktheit die
kommende Entwicklung vorherzusagen. Dazu fehlen mir nicht nur die Da-
ten, sondern - als Nicht-Demograph - auch die methodische Kompetenz.
Ich beschranke mich darauf, den kommenden demographischen Wandel der
Grofienordnung nach zu prognostizieren.
Fiir die Vorhersage des Wachstums der muslimischen Population be-
schranke ich mich auf die Analyse von deren tilrkischem Teil und nehme
der Einfachheit halber an, dass man die dabei gewonnenen Zahlen auf die
gesamte muslimische Bevolkerung Deutschlands iibertragen kann.
Tiirkische Frauen in Deutschland bringen im Laufe ihres Lebens zwi-
schen 2,5 und 3 Kindern zur Welt, 242 ethnische deutsche 1,2. 38 Prozent
aller Ehen von Turken in Deutschland werden mit einem Partner aus der
Turkei geschlossen.
Diese erkennbare Praferenz fur Ehepartner aus dem Herkunftsland - dem
eigenen oder dem der Eltern oder GroBeltern - beruht vielfach auf der Erwar-
tung, dass solche Partner nicht durch das Leben in einer westlichen Gesellschaft
„verdorben ?f und durch deren Werte korrumpiert seien. Das Heiratsverhalten
hiesiger Turken dokumentiert somit die bei ihnen weit verbreitete Ablehnung
der Werte der deutschen Gesellschaft und ihre Entschlossenheit zur Nicht-Inte-
gration. Eine Tendenz zur Veranderung dieser Disposition ist nicht erkennbar,
damit aber auch keine Tendenz zur Verringerung der Heiratsmigration.
Dies bedeutet, dass zu jedem hier geborenen tiirkischen Kind statis-
tisch 0,38 Ehepartner zu rechnen sind, die es im Laufe seines Lebens nach
Deutschland holt, bei 2,5 Kindern also 0,95 Heiratsmigranten. Unter diesen
Voraussetzungen ist jede neue Generation von Turken 72,5% zahlreicher als
die vorhergehende, wahrend jede neue Generation von ethnischen Deut-
schen im Vergleich zur Eltemgeneration 40 Prozent kleiner ist.
241 Fiir dieses Vorgehen spricht, dass diese Gruppe allein bereits zwei Drittel des muslimischen Bevolke-
rungsanteils ausmacht, dass also alles, was man iiber sie sagen kann, a priori auf zwei Drittel der hiesigen
Muslime zutrifft; es hat sich gezeigt, dass die GroBenordnungen auch fiir andere muslimische Migranten-
gruppen gelten, vgl. http://www.korrektheiten.com/texte/demographie
Auch zur Begriindung dieser Schatzung, die wiederum auf der Studie des Berlin-Instituts basiert, verwei-
se ich auf meinen Blogartikel: http://www.korrektheiten.com/texte/demographie
243 2,5+0,95=3,45. Teilt man diese Zahl durch 2, weil in diesem Zusammenhang nur die Madchen zahlen, so
verhalt sich die Anzahl der Madchen in der Tochtergeneration zu der der Muttergeneration wie 1,725 zu 1.
Der demographische Dschihad 279
Betrachten wir die Altersgruppe derjenigen, die im Jahre 2005 unter
achtzehn Jahre alt waren:
Von diesen waren
(1) Deutsche ohne Migrationshintergrund: 10001960, davon 4875280
Madchen. 244
(2) Muslime: 1420500, davon 681 000 Madchen
(3) Nichtmuslimische Migranten: 2593630, davon 1252720 Madchen
Der Einfachheit halber (also urn mir Bandwurmbegriffe zu ersparen)
nenne ich die drei Gruppen: Einheimische, Muslime, Sonstige.
Betragt bei den Minderjahrigen des Jahres 2005 das Zahlenverhaltnis
zwischen Einheimischen und Muslimen noch ca. 7:1, so belauft es sich in
der Generation von deren Kindern nur noch aufknapp 2,5:1, namlich rund
2,93 Mio. zu 1,174 Mio. Madchen. Anders ausgedriickt: In der Generation,
deren erste Angehorige jetzt schon geboren sind, werden auf funf Einheimi-
sche zwei Muslime und zwei nichtmuslimische Migranten kommen. In der
darauffolgenden Generation werden die ethnischen Deutschen eine Minder-
heit darstellen. 245
Wohlgemerkt: Ich operiere hier keineswegs mit Annahmen, die das
Wachstum der muslimischen Bevolkerungsgruppe iibertreiben wiirden. Im
Gegenteil: In der obigen Berechnung wird angenommen:
- dass deutsche und muslimische Frauen bei der Geburt ihrer Kinder das-
selbe Durchschnittsalter haben (was nicht der Fall ist: Turkinnen werden
in deutlich jungeren Jahren Mutter),
- dass netto keine Deutschen emigrieren,
- dass die Geburtenrate von Musliminnen tatsachlich bei 2,5 liegt und
nicht etwabei 3.
244 Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2005
245 Die zahlenmaBig beachtliche Gruppe der nichtmuslimischen Migranten bleibt hierbei auBer Betracht. Ob
die Angehorigen dieser Gruppen im Hinblick auf Kultur, Werte, Normen und politische Loyalitat Deutsche
werden oder in Anbetracht einer heterogenen multikulturellen Gesellschaft davon Abstand nehmen, musste
theoretisch furjede Gruppe einzeln, mit hohem Unsicherheitsfaktor und entsprechend geringem Erkenntnis-
gewinn analysiert werden. Da aber die Einheimischen in der hier betrachteten Kindergeneration nur noch
eine knappe Mehrheit stellen werden, ist ein Zerfall der Gesamtgesellschaft in verschiedene ethnische Grup-
pen m.E. weitaus wahrscheinlicher als die Integration von (auch nichtmuslimischen) Einwanderern in die
Kultur einer dahinschmelzenden deutschen Mehrheit.
246 „In dem Alter, in dem die Halfte der deutschen Frauen heiratet, hat die Halfte der tiirkischen schon zwei
Kinder geboren." Ute Schonpflug/Bernhard Nauck, Familien in verschiedenen Kulturen, Stuttgart 1997, S.
183
280 V. Dschihad heute
Auch wenn es aus dem Text bereits hervorgegangen ist, betone ich si-
cherheitshalber noch einmal: Dieses Krafteverhaltnis von zwei zu eins be-
zieht sich nicht auf die Gesamtbevolkerung, sondern auf eine Generation,
namlich die Generation der Kinder der im Jahr 2005 Minderjahrigen. Konn-
te man davon ausgehen, dass die niedrigen Geburtenraten der Deutschen
einen bloB voriibergehenden Einbruch, die hohen Geburten- und Zuwande-
rungsraten der Muslime eine bloB voriibergehende Ausbeulung nach oben
darstellten, so miisste man sich dariiber keine Sorgen machen. Tatsachlich
aber entsprechen alle drei Raten langfristig stabilen Trends.
Das Reproduktionsverhalten und die Einwanderungspolitik der Deut-
schen liefe selbst dann auf einen schleichenden Autogenozid hinaus, wenn
niemand bereitstiinde, das Land zu ubernehmen. So aber geht es in Deutsch-
land wie in den meisten anderen (west-)europaischen Landern nicht mehr
um die Frage, ob die einheimischen Nationen in Zukunft aus mehr oder aus
weniger Menschen bestehen, sondern ob sie iiberhaupt existieren sollen.
Wer die lachenden Erben der verloschenden Volker Europas sein werden,
sollte nach der vorliegenden Analyse nicht zweifelhaft sein. Eine Politik,
die diesen Trend noch umkehren konnte, wird nicht verfolgt und nicht ein-
mal glaubwiirdig vorgetauscht:
Auch wenn die Mehrheitsverhaltnisse bezogen auf die Gesamtbevolke-
rung nicht schon in zwanzig Jahren kippen, sondern „erst" in der zweiten
Jahrhunderthalfte, bedeutet dies durchaus nicht, dass sich nicht auch kurz-
fristig gravierende politische Auswirkungen der ungleichgewichtigen Be-
volkerungsdynamik bemerkbar machen wiirden:
Was den politischen Einfluss angeht, so habe ich schon dargelegt, dass
einer Bevolkerungsgruppe, die bei Wahlen en bloc abstimmt und dabei das
Links-Rechts- Schema ignoriert, an dem sich die ubrige Gesellschaft ori-
entiert, eine Schiedsrichterfunktion zufallen muss. Die Muslime, und spe-
ziell die Gruppe der Tiirkischstammigen unter ihnen, konnen bereits bei
einem Anteil von wenigen Prozent an der Wahlerschaft zu Konigsmachem
in Deutschland werden. 248 Dass dies bisher nicht geschehen ist, liegt daran,
dass gerade die Tiirken zogern, sich um die deutsche Staatsangehorigkeit zu
vgl. z.B. Herwig Birg, Die demographische Zeitenwende, Miinchen 2001
„Schon 2002 hatte die Konrad- Adenauer- Stiftung in einer internen Studie analysiert, Stoiber sei letztlich
an den Tiirken gescheitert: ,Bd einem besseren Abschneiden der Union in dieser Gruppe hatte sie starkste
Partei werden konnen.',, Robin Alexander, Union ist bei turkischen Einwanderern chancenlos, in: Die Welt,
17.3.2009, Im Netz verfugbar unter http://www.welt.de/politik/article3393682/Union-ist-bei-tuerkischen-
Einwanderern-chancenlos.html
Der demographische Dschihad 281
bemiihen, obwohl sie sowohl von Vertretern der turkischen Regierung als
auch von Organisationen wie Milli Goriis energisch dazu aufgefordert wer-
den. Die Abneigung dagegen, von wem auch immer als Deutscher betrach-
tet zu werden, ist offenkundig starker als die Bereitschaft, gleichsam als
Rammbock zu fungieren, der der Turkei das Tor zur Europaischen Union
aufstoBt. Ware dies anders, so wiirden tiirkischstammige deutsche Burger
nicht, wie bisher, rund ein Prozent der Wahlerschaft ausmachen, sondern
ungefahr drei. Bei Tendenz zu steilem Anstieg.
Bisher kamen die Stimmen muslimischer Migranten vor allem den linken
Parteien, speziell den Sozialdemokraten zugute, 249 und es besteht Anlass zu
der Vermutung, dass die weitere Einwanderung wie auch Einbiirgerung von
Muslimen vor allem deshalb gerade von diesen Parteien gefordert wird,
weil das Anwachsen einer iiberproportional von Sozialleistungen abhan-
gigen Unterschicht gerade diejenigen Parteien begiinstigen muss, die den
OCA
Ausbau des Sozialstaats propagieren.
Das bedeutet aber nicht, dass die Unionsparteien diese Wahlergruppe a
priori abschreiben wiirden. Die Union jedenfalls richtet sich allem Anschein
nach auf eine Zukunft ein, in der es wesentlich mehr muslimische Wahler
gibt, und bemiiht sich um ein betont islamfreundliches Image, zumal die
islamische Religion konservativ-autoritare Wertmuster begiinstigt. Viele
tiirkischstammige Wahler, die hierzulande die Sozialdemokraten wahlen,
wiirden sich in der Turkei fur die islamistische AKP entscheiden. 251 Fur die
Union muss es eine Versuchung sein, diese Wahlergruppe zu erschlieBen.
Schwer erkennbar ist allerdings, wie sie eine solche Politik verfolgen und
gleichzeitig ihren Kurs fortsetzen will, konservative, speziell christliche und
patriotische Werte den vermeintlichen Geboten der programmatischen Mo-
dernisierung zu opfern.
Diesen Zusammenhang gilt es zu beachten, wenn der Wolfgang Schauble
sagt, der Islam sei „in Deutschland angekommen ?f ; wenn der nordrhein-
westfalische Integrationsminister beklagt, es wiirden zu wenige Tiirken ein-
gebiirgert; wenn ein bayerischer Ministerprasident sagt, die CSU miisse sich
249 ebd.
Fur GroBbritannien wurde der Nachweis, dass die Politik der Masseneinwanderung von der Labour
Party tatsachlich aus parteipolitischem Kalkiil forciert wurde, durch die Enthullungen des ehemaligen Re-
gierungsberaters Andrew Neather erbracht: Simon Walters, , Dishonest' Blair and Straw accused over secret
plan for multicultural UK, Mail online, 25.10.2009, http://www.dailymail.co.uk/news/article-1222769/Dis
honest-Blair-Straw-accused-secret-plan-multicultural-UK.html
Alexander, a.a.O.
282 V. Dschihad heute
auch fur Muslime offnen; wenn der niedersachsische Landesvorsitzende der
CDU sagt, man diirfe iiber tiirkische Migranten nicht in einer „ausgrenzen-
den ff Sprache sprechen, da die Tiirken ein „stolze und starke Nation" seien;
eine Formulierung iibrigens, die gerade in ihrer Widerspriichlichkeit verra-
terisch ist: Wenn man turkischstammige Migranten nicht „ausgrenzen" will,
darf man sie nicht a priori der „turkischen Nation" zurechnen - sie sollen
doch Deutsche werden. Oder etwa nicht?
Offenbar stellt sich die Union darauf ein, dass erstens die tiirkische Wah-
lergruppe standig anwachst, und dass sie zweitens genau dies auch bleibt:
eine tiirkische Wahlergruppe. Das Gerede von der ^Integration" wird damit
Lugen gestraft - jedenfalls wenn man unter Integration mehr versteht als
die Selbstverstandlichkeit, dass auch Muslime das Verbot von Terrorismus
akzeptieren.
Es bedarf keiner prophetischen Begabung um vorauszusehen, dass der
Widerstand der Unionsparteien gegen die EU- Mitgliedschaft der Turkei in
dem MaBe schwinden wird, wie die tiirkische Wahlerschaft in Deutschland
wachst, und kein Wahler sollte sich wundern, wenn er am Ende feststellt,
dass man ihn in diesem Punkt zynisch hinters Licht gefiihrt hat.
Der politische Bereich ist aber nicht der Einzige, in dem das rasche und
auf die jiingeren Generationen konzentrierte Wachstum des muslimischen
Bevolkerungsanteils schon kurzfristig zu dessen Ubergewicht fuhren wird.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die Auswirkungen dieses Vorgangs
sich nicht gleichmaBig iiber die Gesellschaft verteilen, sondern sich von
bestimmten sozialen Zentren - also bestimmten Generationen, Schichten,
Regionen/Stadtvierteln etc. - wellenformig in der Gesellschaft ausbreiten.
Einheimische Angehorige der oben analysierten Altersgruppe werden es
in alien erdenklichen sozialen Situationen mit einer im Vergleich zu heute
deutlich erhohten Anzahl von muslimischen Mitschulern, Nachbarn, Kolle-
gen, Konkurrenten, Wahlern zu tun bekommen, allerdings in den Schulen
mehr als in den Universitaten, in Stadten mehr als auf dem Land, auf dem
Arbeitsmarkt fur Geringqualifizierte starker als auf dem fur Wissenschaft-
ler. Die Islamisierung der Gesellschaft geht von GroBstadten, Unterschich-
ten und jungen Generationen aus, aber sie ist kein Phanomen, dass sich
auf Dauer auf diese Zentren beschranken lieBe. Mit zunehmender Anzahl
von Muslimen steht auch Personal fur die Durchdringung anderer sozialer
Raume bereit.
VI. Zusammenfassung: Wie der Dschihad
funktioniert
Niemand, der mit der Materie vertraut ist, und schon gar kein Muslim, wird
abstreiten, dass der Islam ein System ist, dass fur alle Bereiche des privaten
und gesellschaftlichen Lebens gleichermaBen verbindlich ist. Im Gegenteil
pflegen Muslime mit einem gewissen Stolz auf gerade dieses Charakteristi-
kum ihrer Religion zu verweisen, und so viel wird man ihnen zugestehen
mussen: Wenn es in der islamischen Welt bisher nicht zu Glaubenskrisen
des AusmaBes gekommen ist, wie wir sie im Westen (aber auch in Landern
wie Japan) kennen, und wenn es in islamischen Gesellschaften so gut wie
keine Atheisten gibt, so hat dies damit zu tun, dass man den Islam nicht
abschaffen kann, ohne den Zusammenbruch der Gesellschaft zu riskieren.
Daraus ergibt sich freilich, dass die Rolle der Religion im Gesamtgefuge
islamischer Gesellschaften eine andere ist als im Westen, und dass Verglei-
che, die auf der Pramisse basieren, alle Religionen seien im Grunde gleich,
notwendig in die Irre fuhren. Der Islam setzt den Menschen nicht nur in
Beziehung zum Jenseits und definiert, was Gut und Bose ist - das tun an-
dere Religionen auch er definiert auch, was im legalen Sinne Recht und
Unrecht, im politischen Sinne legitim und illegitim, im empirischen Sinne
wahr und unwahr ist.
Indem der Islam die von ihm dominierten Gesellschaften in dieser Breite
und Tiefe durchdringt, pragt er notwendig auch das System der kulturellen
Selbstverstandlichkeiten, d.h. die Vor-Annahmen liber Wahrheit, Gerech-
tigkeit, Moral, Ethik, Logik, Gewalt, Geschichte und Gesellschaft - also
jene Pramissen, die im Sozialisierungsprozess verinnerlicht werden und
dem eigentlich politischen Denken vorausgehen. Diese Vorannahmen
verdichten sich zu einer in islamischen Gesellschaften sozial erwiinsch-
ten Mentalitat. Selbstverstandlich sind nicht alle Muslime gleichermaBen
fromm, undjeder - auchjede ethnische Gruppe innerhalb der Umma -
weicht in der einen oder anderen Richtung von einem gedachten islami-
schen Idealtypus ab. Die islamischen Normen, Werte und Wahrheitsdefmi-
tionen konnen von jedem Einzelnen starker oder schwacher und in dieser
oder jener Weise verinnerlicht werden; sie aber iiberhaupt nicht zu verin-
nerlichen wiirde eines geradezu heroischen MaBes an Verachtung fur die
284 VI Zusammenfassung: Wie der Dschihadfunktioniert
Normen der Gesellschaft insgesamt bedurfen und bleibt deshalb notwendig
die Sache einiger Weniger.
Der Islam pragt das System der kulturellen Selbstverstandlichkeiten auf
eine sehr spezifische Art und Weise, die wenig mit dem zu tun hat, was das
Abendland unter Wahrheit, Gerechtigkeit, Moral usw. versteht. Muslimi-
sche Gesellschaften leben nicht nur in einer anderen Wirklichkeit als west-
liche - weil ihre Wahrheitskriterien andere sind sie folgen auch einer von
der jiidisch-christlichen grundsatzlich unterschiedenen Ethik und Moral:
Der Islam ist zwar universalistisch in dem Sinne, dass er Giiltigkeit fur
alle Menschen beansprucht, aber nicht in dem Sinne, dass alle Menschen,
und zwar unabhangig von ihrer Religionszugehorigkeit, gleiche - zivile
und politische - Rechte hatten. Der Islam lehnt eine universalistische Ethik
prinzipiell abl Insbesondere ist es mit islamischem Denken schlechterdings
unvereinbar, zwischen Glaubigen und „Unglaubigen" eine Reziprozitat von
Rechten und Pflichten zu postulieren.
Vielmehr beruht seine gesamte Gesellschaftsauffassung auf der Teilung
der Menschheit in zwei scharf voneinander geschiedene Gruppen und lasst
keinen Zweifel daran, dass die Gruppe der „Unglaubigen" liber kurz oder
lang zu verschwinden hat. „Gut" im ethisch-moralischen Sinne ist, was der
Ausbreitung des Islam dient, „bose" ist, was sie behindert.
Dieses Prinzip wird schon im Koran in Dutzenden, in der Scharia in Tau-
senden von Einzelnormen konkretisiert und vertieft. In ihrer Gesamtheit
laufen sie darauf hinaus, den „Unglaubigen" den Status von Menschen min-
deren Rechts aufzuzwingen und diesen Status zur taglich erlebten Realitat
zu machen, bis sie sich unter dem so erzeugten Leidensdruck bekehren.
Unter diesen Umstanden kann es auch keine Heiligung des menschli-
chen Lebens geben, zumindest nicht, soweit sie die Ausbreitung des Islam
behindert: Geheiligt wird nicht das Leben des Muslims; dessen Leben ist
bloB Mittel zum Zweck. Dass er es in den Dienst Allahs und seiner musli-
mischen Umma stellt, ist eine Selbstverstandlichkeit, das hochste Verdienst
aber, das ein Muslim erwerben kann, ist das Selbstopfer im Kampf fur den
Islam. Dass das Leben des „Unglaubigen ?f erst recht alles andere als heilig
ist - wie auch seine Wurde, sein Recht und sein Eigentum alles andere als
unantastbar sind — , versteht sich von selbst.
Das judisch-christliche Ethos der Selbstkritik und der Verwerfung der
Selbstgerechtigkeit hat in einer solchen Religion naturgemaB keinen Platz,
gilt vielmehr als verachtenswerte, auszunutzende Schwache.
VI. Zusammenfassung: Wie der Dschihadfunktioniert 285
Die islamische Ethik ist in diesen drei entscheidenden Punkten - der
Particular it at sozialer Normen, der Wiedereinfuhrung des Menschenop-
fers, dem Appell an den Gruppennarzissmus - nicht einfach anders als die
christlich-jiidische, sondern deren Gegenteil! Was im judisch-christlichen
Kontext als hose gilt, gilt hier als gut, soweit es die Ausbreitung des Islam
fordert.
Charakteristisch fur den Islam ist die durch Allahs Wort beglaubigte Ga-
rantie der Belohnung fur „gutes", das heiBt islam- und vor allem dschihad-
konformes Verhalten. Ein Begriff wie „Erbsiinde ?f , iiberhaupt der Gedanke
der Verstrickung des Menschen in die Sunde ware in einem islamischen
Kontext grotesk. Der Islam sagt sehr genau, was der Mensch tun soil, und
verspricht ihm zur Belohnung ein sehr diesseitig wirkendes und hochgra-
dig sinnliches Paradies. Zusatzlich freilich winken dem Muslim, der die
Unglaubigen bekampft, schon auf Erden Belohnungen, insbesondere das
Anrecht auf Beute.
Die systematische Entwertung und Entrechtung der „Unglaubigen"
wirkt dabei effektiv als gottlicher Freibrief, ihnen gegeniiber dem inneren
Schweinehund freien Lauf zu lassen. Was immer ein Muslim den „Unglau-
bigen" antut - es kann, selbst wenn es gegen islamisches Recht verstoBt,
niemals so verwerflich sein wie die Tatsache, dass die Letzteren iiberhaupt
in ihrem „Unglauben" verharren; sodass sie „selbst schuld ff sind, wenn sie
zu Opfern islamischer Ubergriffe werden. Die Verbindung von sofortiger
Belohnung mit dem guten Gewissen dessen, der Gott auf seiner Seite weiB
und nicht einmal den Tod zu furchten braucht, wirkte und wirkt als nahezu
unwiderstehlicher Anreiz zu aggressivem Verhalten gegeniiber den „Un-
glaubigen", und selbst ein StraBenraub erlangt auf diesem Wege noch eine
sakrale Weihe.
Gewalt hat in diesem System eine strukturierende Funktion: Das Recht
und die Fahigkeit zur Gewaltanwendung unterscheidet nicht nur den Herrn
vom Knecht (Allah von den Menschen, den Mann von der Frau, die Musli-
me von den Dhimmis), sie unterscheidet auch zwischen wahr und unwahr.
Die Fahigkeit zu schlagen, zu treten und zu toten erfullt im Islam dieselbe
Funktion wie der materielle Reichtum im Calvinismus: Sie zeigt, dass man
Gott auf seiner Seite hat. Und wer Allah auf seiner Seite hat, braucht nicht
zu argumentieren. Die Sozialisierung des Einzelnen in dieses Gewaltsystem
hinein erfolgt durch Familien, in denen die Despotie des Vaters grundsatz-
lich nicht angefochten wird.
286 VI. Zusammenfassung: Wie der Dschihadfunktioniert
Es ist trotzdem nicht etwa so, dass alle (oder auch die meisten) Muslime
gewalttatig waren - daraufkommt es auch gar nicht an. Es geniigt, dass isla-
mische Gesellschaften stets geniigend Menschen hervorbringen, die gegen
die „Unglaubigen" gewalttatig werden, urn diese unter Druck zu setzen. Die
Gewalt kann von Reiterkriegern ausgehen oder von Terroristen, von Stra-
Benraubern oder Vergewaltigem, von Randalierern oder von Politikern, die
mit Atombomben drohen: Charakteristisch ist stets
- der Mitteilungscharakter der Gewalt: Man kann ihr entgehen, wenn man
sich islamischen Normen fugt,
- die Allgegenwart der Drohung mit einer Gewalt, die vergleichsweise sel-
ten manifest wird, aber das Verhalten der potenziell Betroffenen pragt,
- die Akzeptanz dieser Gewaltandrohung und -anwendung, sofern sie sich
gegen „Unglaubige" oder abweichend sich verhaltende Muslime richtet,
bei anderen Muslimen; erst das Wissen um die stillschweigende soziale
Billigung macht die Gewalt zu einer jederzeit verfugbaren Option.
Diese Orientierung an der sozialen Billigung ist zugleich der Grund, wa-
rum der Islam ungeachtet seiner strukturellen Anarchie kollektives Handeln
von Muslimen ermoglicht. Es gibt keine Kirche, keine zentralisierte Hierarchie,
keine formalen Kriterien fiir politische Legitimitat - jedenfalls keine unaban-
derlichen - und trotzdem ein offensichtlich hohes MaB an kollektiver Konflikt-
fahigkeit. Grund dafiir ist, dass die Solidaritat von Muslimen gegeniiber nicht-
muslimischen Kollektivakteuren als Sozialnorm so tief verinnerlicht ist, dass
jeder Muslim, der mit Nichtmuslimen in Konflikt gerat, die Solidaritat seiner
Glaubensbriider, mindestens aber ihre stillschweigende Billigung, als Normal-
fall unterstellen kann. Dass unter solchen Umstanden auch das MaB an Kon-
fliktbereitschaft bei Muslimen hoher ist als bei „Unglaubigen ?f , versteht sich.
Das Erfolgsgeheimnis des Dschihad ist die horizontale Vernetzung: Kol-
lektives Handeln muss nicht primar durch darauf spezialisierte Apparate
koordiniert werden. Solche gibt es zwar in Gestalt von Staaten, Armeen,
Terrororganisationen usw., aber diese stellen gleichsam nur die Knoten in
einem Netz dar. Es ist dieses Netz, das die Koordination leistet, nicht die
innerhalb dieses Netzes auch vorkommenden Hierarchien.
Wer also in einem verschworungstheoretischen Sinne nach dem groBen
Strippenzieher sucht, wird enttauscht werden. Der Islam hat dergleichen
nicht notig, weil die Strippen schon vor eintausendvierhundert Jahren vom
VI Zusammenfassung: Wie der Dschihadfunktioniert 287
Propheten Mohammed - Muslime glauben freilich: von Allah selbst - ge-
zogen worden sind.
So kommt es, dass die Initiative zum Dschihad, verstanden im umfas-
senden Sinne des Kampfes sowohl gegen fremde Religionen, gegen fremde
Religionsgerneinschaften, gegen deren Anhanger und gegen die Volker, die
diese Anhanger stellen, vonjedem Punkt des Netzes ausgehen kann; dass
diese Initiative das Mittel der Wahl furjeden muslimischen Akteur ist, der
sich politische Gefolgschaft sichern will; dass es deswegen niemanden gibt,
der die Macht hatte, den Dschihad zu beenden: Wenn ein Akteur den Dschi-
had beendet, wird er einfach abgelost von einem anderen Volk, einer ande-
ren Organisation, einem anderen Staat oder sonst einem anderen Akteur, der
den Kampf fortsetzt.
Naturlich wechselt die Intensitat des Dschihad: Bisweilen gleicht er einer
Feuersbrunst, dann wieder verteilt er sich auf viele kleine Brandherde, aber
er endet niemals. Der Islam ist strukturellfriedensunfahig.
Allein dieses postmodern anmutende, in der islamischen Welt freilich
seit der Zeit des Propheten praktizierte Modell horizontal vernetzter sozia-
ler Koordination sollte Grund genug sein, den Islam nicht zu unterschatzen
-jedenfalls fur eine Gesellschaft, die ihre eigenen Strukturen - Familie,
Nation, Kirche, Staat - immer mehr verfliissigt bzw. nivelliert, ohne funk-
tionale Aquivalente an ihre Stelle zu setzen, und die deswegen quantitativ
schrumpft und qualitativ an Zivilisiertheit in dem MaBe einbiiBt, in dem die
Zonen der Anarchie wachsen.
Die Anarchie ist nur ein Ubergangszustand. Eine Gesellschaft, die ihre
eigenen solidaritatsstiftenden Strukturen zerstort und mit den daraus resul-
tierenden Problemen immer weniger fertig wird, ist reif fur die Islamisie-
rung. Es ist keineswegs Zufall, sondern Notwendigkeit, dass der Islam in
seiner Eigenschaft als Gesellschaftssystem iiberall dort an Boden gewinnt
(Irak, Afghanistan, Somalia, aber auch in amerikanischen Schwarzengettos
und franzosischen Banlieues), wo die Gesellschaft in die Anarchie abzu-
gleiten droht. Die von ihm gepragten Mentalitats- und Sozial strukturen ver-
setzen den Islam nicht nur in die Lage, Chaos zu verbreiten, sondern dieses
Chaos in eine neue, eben islamische Ordnung umzuschmelzen. Die Tendenz
des Islam, just die Probleme zu erzeugen, als deren Losung er dann auftritt,
gehort zu den Grundzugen der Dschihadgeschichte.
Bei den Angriffszielen des Dschihad habe ich oben unterschieden zwi-
schen fremden Religionen, fremden Religionsgerneinschaften, deren An-
288 VI. Zusammenfassung: Wie der Dschihadfunktioniert
hdngern und den Volkern, die diese Anhanger stellen. Der Dschihad richtet
sich nicht einfach gegen andere Religionen, sondern auch gegen ihre An-
hanger: gegen ihr Eigentum, ihre Rechte, ihre Selbstachtung, ihr Leben.
Nicht nur gegen ihre Anhanger, sondern gegen die Strukturen, die zwischen
ihnen Solidaritat stiften und sie zu kollektivem Handeln befahigen: gegen
ihre Mythen und Ideologien, gegen Staaten und Kirchen, gegen Nationen
und Glaubensgemeinschaften.
Europaische Gesellschaften, die sich ent-nationalisieren und ent-christli-
chen, ent-waffnen und ent-grenzen, die sich - mit einem Wort — ent-struktu-
rieren; in denen die Autoritat des Staates mehr und mehr hinter einer bloBen
Moderatoren- und vor allem Versorgerrolle zurucksteht, in denen das Wort
„Familie" immer haufiger mit dem Zusatz „Patchwork" (Flickwerk) ver-
wendet wird 5 die deshalb aufden demographischen Selbstmord zusteuern,
werden niemals beijenem Endzustand von harmonischer Gluckseligkeit an-
kommen 5 den man sich vielleicht auf griinen Parteitagen ausmalt. Sie wer-
den diesem Zustand nicht einmal ndher kommen.
Sie werden sich in dem MaBe von ihm entfernen, wie die Islamisierung
voranschreitet. Die europaischen Werte der Toleranz, des Ethos der Selbst-
•■
kritik, der Achtung von Gewalt, der Heiligung des menschlichen Lebens,
des intellektuellen Zweifels, des reflexiven Rechts, der Gleichheit aller
Menschen - und nicht zuletzt die Fahigkeit zum selbstironischen Humor -
werden mitsamt den Volkern, die das alles hervorgebracht haben, zuerst an
den Rand gedrangt und dann erstickt werden.
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